9punkt - Die Debattenrundschau
Wie rasant ihre Radikalisierung verlief
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Politik

Donald Trump hat der Uni Harvard bekanntlich verboten, ausländische Studenten zu immatrikulieren. Die Uni wehrt sich und hat bereits eine einstweilige Verfügung erhalten. Der Angriff Trumps ist existenziell, schreibt Sofia Dreisbach in der FAZ: "Damit fällt auch eine der entscheidenden Finanzierungsquellen für die Hochschule weg, der die Regierung jüngst schon mehr als zwei Milliarden Dollar Zuschüsse entzogen hat. Laut Harvard kommen in diesem Jahr mehr als 6.000 Studenten aus dem Ausland; sie machen demnach gut ein Viertel aller Studierenden aus. Die Universität ist auf ihre Studienbeiträge angewiesen, die pro Jahr je nach Unterbringung und Verpflegung zwischen 59.000 und 87.000 Dollar pro Person liegen." Im Feuilleton der FAZ schreibt Frauke Steffens zum selben Thema, Trump mache "Antisemitismus im Einzelfall" zum Vorwand für eine "strategische Delegitimierung ganzer Institutionen".
Ähnlich sieht es auch Boris Herrmann, der eine ganze Seite 3 der SZ über Harvard schreibt und der mit dem deutschen Professor Harvard-Professor Mathias Risse gesprochen hat: "Niemand bestreitet, dass es auch in Harvard antisemitische Vorfälle gab, sagt Risse. Aber erstens habe die Uni lang vor Trumps Amtsübernahme begonnen, sie systematisch aufzuarbeiten, was die Regierung komplett ignoriere. Und zweitens zeigten Studien, dass das Epizentrum des Antisemitismus in den USA eindeutig im extrem rechten Milieu liege und nicht an den Universitäten."
Auf Twitter wehrt sich Harvard so:
Without its international students, Harvard is not Harvard. https://t.co/V8uvTNaL64
- Harvard University (@Harvard) May 23, 2025
Auch wenn laut Professor Risse (siehe oben) Antisemitismus vor allem rechts zu verorten sei, ist noch der letzte antisemitische Mord an Sarah Milgrim, 26, and Yaron Lischinsky, 30 in Washington aufzuarbeiten, dessen Täter Elias Rodriguez aus dem linksradikalen, "propalästinensischen" Spektrum kam. Andy Newman und Andrea Kannapell schildern in der New York Times den Tathergang, der auf einem Überwachungsvideo nachzuvollziehen ist und der in einem Bericht des FBI geschildert wird. Hier ist zu sehen, wie Rodriguez "an seinen beiden Opfern vorbeiging, sich dann hinter sie stellte, mehrfach in den Rücken der Opfer schoss und weiter schoss, nachdem sie zu Boden gefallen waren... Nach den Schüssen versuchte Sarah Milgrim, 26, laut dem Bericht wegzukriechen, aber Rodriguez 'folgte ihr und schoss erneut'. Während einer Pause, in der es so aussah, als würde er seine Waffe nachladen, setzte sich Frau Milgrim laut der eidesstattlichen Erklärung auf, woraufhin Herr Rodriguez mehrere weitere Schüsse abgab." Danach rief er noch "Free Palestine".
In der Nähe der Humboldt-Uni wurde unterdessen dieses unglaublich abstoßende Plakat aufgehängt - laut Tagesspiegel ermittelt die Berliner Polizei.
Wie schnell der "radical chic" und das Kokettieren mit dem Hamas-Terror des antiisraelischen Mileus in das Glorifizieren von Mord übergeht, zeigt dieses Poster an der Humboldt-Universität Berlin.
- Ruben Gerczikow (@RubenGerczi) May 23, 2025
Bildquelle: Unbekannt pic.twitter.com/Ge6cUH002k
Und so spricht der sich sicher als links lesende Influencer Guy Christensen (3,4 Millionen Follower auf Tiktok) über die Morde in Washington.
Guy Christensen releases a 9 minute rant about how every single Israeli embassy staffer should be hunted down and mrdered.
- Max 📟 (@MaxNordau) May 23, 2025
Watch it with the sound off. Mannerisms look familiar.
3.4 million followers on TikTok pic.twitter.com/YfAS6AfSHV
"Israel hat viel an Sympathie und an Unterstützung eingebüßt", schreibt Daniel Brössler im Leitartikel der SZ. "Eine Mehrheit der europäischen Länder übt mittlerweile scharfe Kritik und stellt die engen Beziehungen zu Israel infrage. Bundeskanzler Friedrich Merz ließ sich noch nach seinem Wahlsieg eine Einladung des mit einem Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs belegten Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu entlocken. Nun steht er unter starkem Druck, sich hier einzureihen." Zur Frage, ob Israel zu sanktionieren sei, schreibt Brössler aber, es sei unmöglich, "auf die Regierung in Jerusalem zu zielen, ohne die Menschen in Israel zu treffen".
Stefan Reinecke plädiert dagegen in der taz für Sanktionen gegen Israel: "Berlin hat die Wahl: Wenn Israel den Krieg mit Hunger und Bomben fortsetzt, dann kann, dann muss auch die Bundesregierung eindeutig reagieren. Also keine Waffenlieferungen mehr, kein privilegierter Handel mit der EU, Anerkennung Palästinas."
Europa

Ideen
Ohne das "fremde Eigene" ist Russland nur ein Schatten seiner selbst, erläutert Sonja Margolina für die NZZ in einem interessanten Essay über das verzwickte und von Komplexen geprägte russische Selbstbild. So betrachteten die Russen die baltischen Länder etwa als ihren eigenen "Westen". Ähnlich verhielt es sich mit anderen Gebieten im Westen Russlands: "Vor dem endgültigen Sieg über das Osmanische Reich am Ende des 18. Jahrhunderts besaß Russland nur eine bescheidene historische Tiefe. Während sich angestammte europäische Völker auf die griechische oder die römische Antike berufen konnten, fing die russische Geschichte erst mit der Eroberung Kiews durch Fürst Wladimir an, der seinen älteren Bruder 978 ermordet haben soll und sich in Chersones christlich-orthodox taufen ließ. Erst an der Schwarzmeerküste, wo griechische Kolonien bereits im 6. bis 7. Jahrhundert vor Christus gegründet worden waren, fand das Kaiserreich seine eigene Antike und durfte sich als Nachfolger antiker Reiche inszenieren."
Rein neurologisch gesehen existiert das Hufeisen doch, sagt die Neurologin Leor Zmigrod im Gespräch mit Rico Bandle von der NZZ (sie verwendet den Begriff aber nicht). Sie ist Autorin des Buchs "Das ideologische Gehirn - Wie politische Überzeugungen wirklich entstehen". Bei ihren Tests hat sie Folgendes festgetellt: "Lange Zeit ging man davon aus, dass politisch sehr rechts stehende Menschen psychologisch am unflexibelsten sind, da es ihnen oft darum geht, die Vergangenheit wiederherzustellen und Traditionen hochzuhalten. Die Linke hingegen sei flexibel, schließlich strebt sie den gesellschaftlichen Wandel an. Dem ist aber nicht so. Unsere neuropsychologischen Tests zeigen klar eine U-förmige Kurve auf: Die moderaten Teilnehmer, also jene, die keiner festgelegten Ideologie folgen, schneiden bei der kognitiven Flexibilität am besten ab, die extremen Teilnehmer beider politischen Ränder am schlechtesten. Links- und Rechtsextreme sind sich in dieser Hinsicht sehr ähnlich."
Geschichte

Gesellschaft
Moritz Baumstieger und Ronen Steinke gehen in einer intensiven Recherche für die SZ glatt nochmal der Frage nach, ob die Eltern von Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, wirklich jüdisch waren - Deborah Feldman hatte die Herkunft Engels in einem Artikel für die Weltbühne des putinistischen Verlegers Holger Friedrich in Frage gestellt (unser Resümee). Für Baumstieger und Steinke Anlass genug zur Frage: "Hat Engel seine Familiengeschichte ein wenig geglättet, eine Komplexität unterschlagen, die er womöglich - warum auch immer - für störend hielt?"