9punkt - Die Debattenrundschau
Sich verändernde Umstände
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.04.2025. Die SZ druckt die Rede, die Omri Boehm in Buchenwald gehalten hätte, wenn er nicht ausgeladen worden wäre. Es geht um Frieden. In der NZZ beschreibt Sergej Lebedew, wie Putin Krieg macht: Sein Sieg besteht nicht unbedingt in militärischen Eroberungen. In der SZ malt Voker Weiß ein sehr düsteres Szenario der kommenden politischen Verwerfungen im Zeichen von Trumps Machtpolitik. Die FR erzählt, wie auch die Traditionsmedien von Künstlicher Intelligenz profitieren können.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
07.04.2025
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Gesellschaft
Die SZ druckt die Rede, die Omri Boehm zum achtzigsten Jahrestag der Befreiung von Buchenwald gehalten hätte. Mit Kant argumentiert er für ein kompromissloses "Ideal des Friedens" trotz einer barbarischen Realität, wie sie beispielsweise Buchenwald darstellt: "Der Weg einer Menschheit, so Kants Warnung, die dem Ideal des Friedens nicht treu bliebe, führe unweigerlich in die Vernichtung. ... Wenn wir uns heute an die Schrecken Buchenwalds erinnern, wenn wir uns die unerträglichen Bilder noch einmal vor Augen führen, die hier aufgenommen wurden bei der Befreiung des Lagers durch amerikanische Truppen, und wenn wir in die Augen der letzten Überlebenden blicken, die noch unter uns sind - einige von ihnen sind auf ebendiesen Bildern zu sehen -, dann muss ich an diese Warnung Kants denken und die Lehre der Propheten. Können wir das Vergessen jemals verhindern, wenn das Erinnern nicht von einem unbeirrbaren Engagement für den Frieden begleitet wird?" Ideal des Friedens klingt schön. Aber bedeutet das nicht auch zwangsläufig, dass die amerikanischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis gekämpft und Buchenwald befreit haben, diesem Ideal leider nicht genügt haben? An anderer Stelle erinnert er an den "brachialen Angriffskrieg" Putins gegen die Ukraine, der die EU "zwingt..., ihren Schutz selbst in die Hand nehmen können, sich zu einer Militärgroßmacht hochzurüsten". Dann fordert er die Linke auf, eine Alternative zu entwickeln, "die versteht, warum wir der Versuchung widerstehen müssen, die von den neorealistischen Doktrinen ausgeht, die Menschenwürde und Frieden als naive, edle Lügen abtun und fordern, die Macht Europas auf Kosten der Rechtsstaatlichkeit auszubauen. Doktrinen dieser Art werden uns ganz schnell von 'nie wieder' zu 'wieder' bringen." Was genau heißt das? Die EU ist zwar gezwungen, sich zu ihrem Schutz zu rüsten, aber wenn sie es tut, baut sie nur ihre Macht auf Kosten der Rechtsstaatlichkeit aus und befördert so ein "wieder"? Boehms gewollte Unschärfe zeigt keinen Weg auf, wie man den Frieden angesichts eines gewaltbereiten und verhandlungsunwilligen Feindes bewahren kann. Sie zeigt nur, wie man als linker Intellektueller seinen Kuchen behalten und gleichzeitig essen kann.
"Boehm sprach also nicht", resümiert Klaus Hillenbrand in der taz. "Der israelische Botschafter Ron Prosor mag ob seines Sieges triumphieren. In Wahrheit ist er der Verlierer, ebenso wie der Staat Israel. Denn seine Forderung, einem Kritiker der israelischen Regierung das Wort abzudrehen, wirft ein Licht auf den Zustand der Vorstellungen von Demokratie unter der Regierung von Benjamin Netanjahu." Im Spiegel berichtet Ulrike Knöfel über die Gedenkveranstaltung. Auf Zeit online skizziert Thomas Assheuer die wesentlichen Theorien Boehms. In der Jüdischen Allgemeinen ist Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, froh, dass Boehm nicht gesprochen hat. In der Welt fragt Alan Posener, was in aller Welt Gedenkstättenleiter Wagner dazu gebracht hat, Boehm überhaupt erst einzuladen.
Bahnt sich beim Prozess zum Anschlag auf ein von Migranten bewohntes Haus in Solingen ein NSU-ähnlicher Skandal an? Vier Menschen waren bei diesem Anschlag vor einem Jahr ums Leben gekommen. Die Polizei hatte behauptet, es gebe keinen rechtsextremen Hintergrund - die Anwältin der Nebenklage Seda Basay-Yildiz stellt jetzt Anzeige gegen die Polizei, da sich immer mehr Hinweise auf einen rechtsextremen Hintergrund des 40-jährigen Täters ergeben haben, berichtet Andreas Wyputta in der taz: "Schließlich geht es in dem Prozess nicht nur um die vier Toten der aus Bulgarien stammenden Familie - die Eltern wurden nicht einmal 30 Jahre alt, ihre Kinder wurden erst 2021 und 2023 geboren. Der Angeklagte muss sich auch wegen Mordversuchs an weiteren 21 Menschen verantworten. Darunter war auch ein Paar, das mit dem 18 Monate alten Sohn aus dem dritten Stock sprang, nachdem das hölzerne Treppenhaus des von ihnen mitbewohnten Altbaus nach Entzündung von mindestens einem Liter Benzin wie eine Fackel gebrannt hatte." Beim WDR gibt es ein Dossier mit mehreren Artikeln zum Thema.
"Boehm sprach also nicht", resümiert Klaus Hillenbrand in der taz. "Der israelische Botschafter Ron Prosor mag ob seines Sieges triumphieren. In Wahrheit ist er der Verlierer, ebenso wie der Staat Israel. Denn seine Forderung, einem Kritiker der israelischen Regierung das Wort abzudrehen, wirft ein Licht auf den Zustand der Vorstellungen von Demokratie unter der Regierung von Benjamin Netanjahu." Im Spiegel berichtet Ulrike Knöfel über die Gedenkveranstaltung. Auf Zeit online skizziert Thomas Assheuer die wesentlichen Theorien Boehms. In der Jüdischen Allgemeinen ist Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, froh, dass Boehm nicht gesprochen hat. In der Welt fragt Alan Posener, was in aller Welt Gedenkstättenleiter Wagner dazu gebracht hat, Boehm überhaupt erst einzuladen.
Bahnt sich beim Prozess zum Anschlag auf ein von Migranten bewohntes Haus in Solingen ein NSU-ähnlicher Skandal an? Vier Menschen waren bei diesem Anschlag vor einem Jahr ums Leben gekommen. Die Polizei hatte behauptet, es gebe keinen rechtsextremen Hintergrund - die Anwältin der Nebenklage Seda Basay-Yildiz stellt jetzt Anzeige gegen die Polizei, da sich immer mehr Hinweise auf einen rechtsextremen Hintergrund des 40-jährigen Täters ergeben haben, berichtet Andreas Wyputta in der taz: "Schließlich geht es in dem Prozess nicht nur um die vier Toten der aus Bulgarien stammenden Familie - die Eltern wurden nicht einmal 30 Jahre alt, ihre Kinder wurden erst 2021 und 2023 geboren. Der Angeklagte muss sich auch wegen Mordversuchs an weiteren 21 Menschen verantworten. Darunter war auch ein Paar, das mit dem 18 Monate alten Sohn aus dem dritten Stock sprang, nachdem das hölzerne Treppenhaus des von ihnen mitbewohnten Altbaus nach Entzündung von mindestens einem Liter Benzin wie eine Fackel gebrannt hatte." Beim WDR gibt es ein Dossier mit mehreren Artikeln zum Thema.
Politik

Trumps Antiabtreibungspolitik führt in den USA zu drastischen Folgen, konstatiert die Politikwissenschaftlerin Anne Britt Arps in der taz: "In den betreffenden Bundesstaaten haben die Verbote zu einer beispiellosen Gesundheitskrise geführt. Schon kurz nach der historischen Entscheidung des Supreme Court tauchten im ganzen Land wahre Horrorgeschichten von Frauen auf, denen eine Abtreibung verweigert wurde, obwohl sich ihr Gesundheitszustand drastisch verschlechterte. Im bevölkerungsreichen Texas, wo eines der striktesten Abtreibungsgesetze der USA gilt, ist seit dessen Inkrafttreten die Rate an Frauen, die aufgrund einer Fehlgeburt im Krankenhaus eine lebensbedrohliche Sepsis entwickelten, um 50 Prozent gestiegen."
Weiteres: Shi Ming erzählt in der NZZ die Geschichte des chinesischen Antiamerikanismus.
Medien
Kaum ensteht eine neue digitale Technologie wie jetzt die Künstliche Intelligenz, wollen die traditionellen Medien "Leistungsschutzrechte". Tatsächlich beziehen viele Medien bereits jetzt substanzielle Einnahmen von den großen KI-Playern, berichtet Quirin Hacker in der FR: "Das in Glasgow ansässige 'Centre for Regulation of the Creative Economy' hat Ende Februar eine Übersicht erstellt, welche Lizenzierungen KI-Betreiber mit Datengebern wie Pressehäusern, Bilddatenbanken oder sozialen Medien bereits abgeschlossen haben. 83 dieser Verträge haben die Forschenden ausfindig gemacht. In einigen Fällen ist die Summe öffentlich, die geflossen ist. So hat OpenAI 25 Millionen US-Dollar an Axel Springer gezahlt, um auf die Inhalte von Politico, Business Insider, Bild und Welt zugreifen zu dürfen - auch auf jene Artikel, die sonst hinter der Bezahlschranke versteckt sind."
Europa

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