9punkt - Die Debattenrundschau

Das sagt er freilich nicht laut

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.03.2025. In der NZZ will der Völkerrechtler Thomas Cottier die Hoffnung auf die regelbasierte Ordnung nicht aufgeben. Erdogan hat nun endgültig eine Diktatur errichtet, konstatiert die Welt. Aber spätestens ab jetzt könnte es für Erdogan gefährlich werden, glaubt die SZ. In der FR rät die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr zu "klugem Pazifismus".
Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2025 finden Sie hier

Politik

Islamisten bleiben Islamisten, egal welche Versprechungen sie machen, konstatiert Alfred Hackensberger in der Welt. So sei Syrien jetzt auf dem besten Weg in eine Autokratie mit dem Islamisten und Übergangspräsidenten Ahmed al-Sharaa an der Spitze. "Denn Sharaa, besser bekannt unter seinem Kriegsnamen Abu Mohammed Dscholani, hat eine autokratische Herrschaft errichtet. Dscholani hatte Inklusion versprochen, lässt aber keine der diversen Minoritäten Syriens und politisch-ideologischen Gruppierungen außerhalb des HTS-Spektrums an der Regierungsverantwortung teilhaben. Nun ist Sharaa, einst mit dem IS und al-Qaida liiert, der neue König Syriens. Er hat sich fünf Jahre Zeit gegeben, um seine Vision in Eigenregie umzusetzen. Europa sollte ihn nicht mit Milliardensummen auch noch ermuntern, das Land autokratisch zu regieren."

Die regelbasierte Ordnung der Welt ist trotz Donald Trump noch nicht tot, ist der Völkerrechtler Thomas Cottier in der NZZ überzeugt. Die meisten Staaten hielten sich nämlich an das "alltägliche Völkerrecht" und an die regelbasierte Ordnung. "Dies aus eigenem Interesse, weil der Wohlstand und das Glück von Millionen von Menschen von geordneten rechtlichen Beziehungen abhängen. Ohne eine regelbasierte Weltordnung gibt es keine funktionsfähige transnationale Kommunikation, von den Seewegen bis zur Telekommunikation. Die Weltwirtschaft hängt davon ab. Von diesem Alltag des Völkerrechts ist selten die Rede, berichtet wird vielmehr über Rechtsverletzungen und Gewaltanwendungen. Damit prägen auch Medien eine falsche Vorstellung der Machtlosigkeit in der Öffentlichkeit." Die Amerikaner werden schon noch erkennen, dass ihr jetziger Präsident sie in den Ruin treibt, glaubt Cottier.

Auch wenn der Wirtschaftsjurist Sönke Ahrens und der Theologe Constantin Plaul in der FAZ Trumps Vorstoß, Russland und die Ukraine zu Verhandlungen zu drängen, durchaus gutheißen, verstehen sie doch, dass nachhaltiger Frieden nur "unter Berücksichtigung grundlegender ethischer und völkerrechtlicher Grundsätze" bewirkt werden kann. Sie fordern, "dass die EU als einer der letzten verbliebenen Verfechter von Grundrechten, Menschenwürde und Gleichberechtigung aller Nationen möglichst mit einer Stimme spricht und ein Gegengewicht zu den drei Supermächten bildet, die sich diesen Werten nicht beziehungsweise nicht mehr verpflichtet fühlen. Eine kleine Ironie der Geschichte ist, dass es gerade das aus der EU ausgetretene Großbritannien ist, das hier eine Führungsrolle übernimmt. Es teilt eben doch immer noch die Werte und Ziele des europäischen Kontinents."

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Medien

Ali Çelikkan berichtet in der taz, wie massiv der türkische Staat gegen die freie Presse vorgeht. Durch Sendeverbote und Lizenzentzug versucht die türkische Medienaufsichtsbehörde RTÜK die wenigen verbliebenen kritischen Medien seit der Festnahme von İmamoğlu zum Schweigen zu bringen: "Hinzu kommen Verhaftungen: In den frühen Morgenstunden des Montags wurden neun Journalisten, die über die Proteste in verschiedenen Städten berichtet hatten, festgenommen. Zudem wurden mehr als 700 Social-Media-Accounts auf X blockiert. … Wie schon während der Gezi-Park-Proteste vor zwölf Jahren versucht das Erdoğan-Regime, die Demonstranten zu isolieren und zu kriminalisieren, indem es den Zugang zu unabhängigen Informationen blockiert. Die zahlreichen von der Regierung kontrollierten Medien verbreiten systematisch Falschinformationen und verleumden Menschen, die für ihre demokratischen Grundrechte auf die Straße gehen."
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Europa

Recep Tayyip Erdogan hat einen "Staatsstreich in Zivil" durchgeführt und mit der Verhaftung seines ärgsten Rivalen Ekrem Imamoglu eine faktische Diktatur errichtet, analysiert Deniz Yücel in der Welt. "Erdogan mag Genugtuung empfinden, seine schier grenzenlose Macht gezeigt zu haben. Aber der Putsch vom 23. März 2025 markiert auch für ihn eine Zäsur. Er legitimierte seine Macht stets aus Wahlen, geflissentlich unterschlagend, dass diese schon lange keine fairen und gleichen mehr waren. Aber bislang konnte er behaupten, sich gegen jeden Kontrahenten durchgesetzt zu haben. Indem er seinen Herausforderer kaltstellt, entzieht er sich selbst der Legitimation. Ohne Legitimation aber kann sich auf Dauer keine Herrschaft halten. Nicht mal eine diktatorische."

Auch Raphael Geiger glaubt in der SZ nicht, dass Erdogan sich mit seinem Schachzug einen Gefallen getan hat. "Denn viele Millionen sehen Erdoğan nicht mehr als legitimen Staatschef, sondern als Machthaber, letztlich als Putschisten - wie die CHP es sagt. In der Türkei, die so viele Putsche erlebt hat, ist dies der ultimative Vorwurf. Die CHP-Spitze glaubt nicht mehr an Opposition im Parlament, nur noch an Widerstand auf der Straße. (...) Halten die Proteste an und zweifeln auch Erdogan-Anhänger daran, ob dessen Macht noch auf Recht und Gesetz basiert, spüren sie, dass Erdogan nicht mehr der Staat ist, der er vorgibt zu sein. Dann wird es für ihn gefährlich. Wenn nicht in den nächsten Tagen, dann in der Zeit, die jetzt beginnt. Der Glaube daran ist das Erste, was die Proteste erreicht haben."

Die Tugend eines Philosophen ist es scheinbar, eigene Fehler zu erkennen, schreibt Thomas Ribi (NZZ) in Bezug auf Jürgen Habermas' kürzlich publizierten Artikel in der SZ, in welchem Habermas die Aufrüstung Europas forderte (unser Resümee). "Immerhin scheint für Jürgen Habermas nun klar zu sein, dass die Aufrüstung Europas unumgänglich ist und der 'zwanglose Zwang des besseren Arguments' nicht genügt, wenn man es mit Staaten wie Russland und China zu tun hat - das sagt er freilich nicht laut. Aber er stellt die berechtigte Frage, wie die EU auf globaler Ebene als selbständiger militärischer Machtfaktor wahrgenommen werden könne, 'solange jeder ihrer Mitgliedstaaten über Aufbau und Einsatz seiner Streitkräfte letztlich souverän entscheiden' könne."
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Gesellschaft

Es braucht jetzt einen "klugen Pazifismus" und nicht einen blinden, der letztlich nur den Autokratien in die Hände spielt, ruft die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr in der FR. Dabei gehe es bei der Frage der Aufrüstung nicht um "das 'Ob', wohl aber das 'Wie' zu diskutieren", zum Beispiel eine Wehrpflicht. "Ergänzend muss es um Diplomatie gehen. Europa täte gut daran, unabhängig von den USA Kontakte mit Russland aufzunehmen, um ein stummes Wettrüsten zu vermeiden. Zugleich müsste es neue Allianzen schmieden, um sich bei den USA und Russland Gehör zu verschaffen. Jenseits eines überkommenen Eurozentrismus wäre der globale Süden zu gewinnen, statt ihn dem russischen Einfluss zu überlassen, wie kürzlich in der Sahel-Zone geschehen."

Die jüdische Aktivistin Hanna Veiler hat sich entschlossen, Deutschland wegen des zunehmenden Antisemitismus' zu verlassen. Im FR-Interview mit Theresa Stoll erklärt sie ihre Beweggründe. Einerseits sei da der Fakt, dass in Deutschland Antisemitismus immer wieder "unter den Teppich gekehrt" wurde und wird. "Ich kenne viele junge Jüdinnen und Juden, die bereits vor dem 7. Oktober darüber nachgedacht haben. Doch seit dem Hamas-Angriff sind viele entschlossen, Deutschland zu verlassen. Das liegt einerseits am zunehmenden Rechtsruck. Aber vor allem auch daran, dass wir in den vergangenen Monaten an vielen Stellen von linken, progressiven Parteien und Strukturen im Stich gelassen wurden bzw. extremen Antisemitismus aus allen Gesellschaftsschichten erlebt haben."
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Ideen

"In der Zeit eines zunehmenden Dirigismus und einer neu entflammten Liebe zum allzuständigen Staat kann der Liberalismus in der Mitte keine Punkte machen", diagnostiziert auf den Wirtschaftsseiten der FAZ der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio, der dort für eine Erneuerung des Liberalismus eintritt - denn sonst drohe "ein dunkles Zeitalter der sich zerstörenden Aufklärung". Eine wieder überzeugende FDP wird ihre "Idee von Freiheit sozial und ökologisch neu entwerfen müssen", und zu "Sozial-Liberalen mit Herz" werden müssen, schreibt er etwa mit Blick auf den Sozialstaat. So würde sich Arbeiten in Deutschland weniger lohnen als die Grundsicherung. Auch bei der Rente sollte die starke Subvention durch den Staat überdacht werden. "Wenn am Ende des Tages die Renten mit Staatsschulden finanziert würden, käme das dem Offenbarungseid einer Gesellschaft der Sorglosen gleich."
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Stichwörter: Fabio, Udo Di, Liberalismus, Rente

Kulturpolitik

In der einzigen von der Regierung getragenen Kultureinrichtung der USA, dem Kennedy Center in Washington, weht jetzt ein neuer Wind: Donald Trump hat alle Demokraten aus dem Board geworfen und mit seinen Gefolgsleuten besetzt, schreibt Manuel Berg in der Welt. Nicht genehme Veranstaltungen, zum Beispiel ein Auftritt des Gay Men's Chorus, wurden abgesagt, stattdessen möchte Trump seine Auffassung von Kultur öfter sehen: "Und die lässt tief in Trumps Kulturverständnis blicken. Sein Liebstes sind die fetten, opernhaften Musicals aus der Zeit, als er in New York jung war, 'Phantom of the Opera' etwa, das er 'Les Miserables' noch vorzieht (vielleicht sind da zu viele arme Leute auf der Bühne). An 'Cats' liebte er besonders die leicht bekleideten Damen, die Herren eher weniger. Und im Kennedy Center fehlte es ihm entschieden an Marmor. Dafür wurden jetzt immerhin Porträts von ihm und der First Lady sowie dem Vizepräsidentenpaar aufgehängt."
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