Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.03.2025. Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf kommt in der NZZ auf das Schweigen des Papstes Pius XII. zum Holocaust zurück: Eins ist durch die seit 2020 freigegebenen Archive klar, so Wolf: Der Papst war seit 1942 durch zahlreiche Quellen über den Holocaust informiert - und schwieg aus politischen Gründen. In der taz erklärt die Soziologin Karen Bell, warum Arbeiter mit den Ökodiskursen der Grünen nichts anfangen können. Die FAZ fordert eine digitale Souveränität Europas. Die NZZ fragt, warum die Linkspartei die Muslimbrüder so gern hat.
Hubert Wolf ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Münster. Durchaus vorsichtig kommt er in der NZZ auf das Schweigen des Papstes Pius XII. zum Holocaust zurück. Seit der Öffnung der Archive durch Papst Franziskus lassen sich hier klare Antworten geben, so Wolf, auch wenn die Fülle der Dokumente so groß ist, dass mit abschließenden Studien erst in einigen Jahren zu rechnen sei. Klar ist schon jetzt: "Alle Versuche, das Schweigen Pius' XII. mit seinem mangelnden Wissen über den Holocaust zu entschuldigen, werden durch die vatikanischen Akten eindeutig widerlegt. Der Papst war auf dreifache Weise über die Entwicklung der Judenverfolgung in Europa genau informiert. Erstens durch Hunderte von Berichten seiner diplomatischen Vertreter aus den einzelnen Ländern, den Nuntien und Delegaten. Zweitens durch rund 10.000 bisher unbekannte Bittschreiben jüdischer Menschen aus ganz Europa von 1939 bis 1945, die Pius XII. um Hilfe baten und ihre Not und Verfolgung minuziös schilderten - und denen Papst und Kirche tatsächlich nicht selten zu helfen versuchten. Und schließlich durch ein geheimes jesuitisches Informationsnetzwerk, dessen Fäden beim Geheimsekretär des Papstes, dem Jesuiten Pater Robert Leiber, zusammenliefen. Er legte die entsprechenden Schriftstücke im Privatarchiv von Pius XII. ab." Der Papst sei sich seines Schweigens bewusst gewesen, so Wolf, er habe nicht aus Antisemitismus geschwiegen, sondern um seine Neutralität zu wahren. Eine fatale Einstellung: "Mit dem Schweigen zum Massenmord untergrub er seine eigene moralische Autorität, die Grundvoraussetzung für jede erfolgreiche Mediation sein musste."
Der Postkolonialist Andreas Eckert kommt in der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ auf den Hang vieler vom Kolonialismus befreiter afrikanischer Länder zu Militärregimen zurück: "Der Militarismus bot den Afrikanern ein heldenhaftes Selbstbild: eine Zivilisation aufrechter Menschen, die nur ihren eigenen Befehlen folgen." Damit ließen sich vielleicht auch Differenzen zwischen verschiedenen Teilen der Bevökerung zudecken. Manche Militärherrscher waren bizarre Finsterlinge mit europäischer Protektion wie etwa Jean-Bédel Bokassa, aber keineswegs alle, so Eckert. Ideologisch waren sie dennoch nicht selten etwas trübe: "Militärische 'Revolutionen' teilten eine Reihe von Forderungen: ein Ende der schädlichen europäischen Einflüsse - wie etwa Miniröcke, eine Obsession afrikanischer autoritärer Herrscher jedweder politischer Couleur -, eine vage ausgearbeitete Reorganisation des Staates, einschließlich seines Rechtssystems, die Rückkehr von 'Disziplin' und 'Ehre' sowie der angemessene Umgang mit öffentlichen Geldern." Eckert empfiehlt die Studie "Soldier's Paradise - Militarism in Africa after Empire" von Samuel Fury Childs Daly zum Thema.
An Darstellungen Caesars erinnert der wie ein böser Marvel-Clown designte Donald Trump eher nicht. Dennoch wird er häufig mit Caesar verglichen, beobachtet Jannis Koltermann in der FAZ. Ein möglicher Grund für die Parallelisierung: "Das Zeitalter Caesars ist das berühmteste historische Beispiel für den Übergang von einer Republik zu einer republikanisch verbrämten Autokratie. Und gerade das ist, was viele in der westlichen Welt für ihr eigenes Land wie für Amerika derzeit fürchten - und manche wünschen."
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Joschka Fischer hat ein neues Buch geschrieben, wo er am ganz großen Rad dreht, "Die Kriege der Gegenwart und der Beginn einer neuen Weltordnung". Er gehörte sicher zu den Politikern, die auch schon vor Jahren die aktuellen Herausforderungen heraufdämmern sahen. Nun liest er überall. Paul Ingendaay war für die FAZ in der überfüllten Berliner Urania und notiert, wie Fischer das Publikum "geradezu flehend direkt anspricht: Ja, Deutschland habe seine Soft Power und seine Kultur, aber: 'Es bedarf auch militärischer Macht. Vergesst das nicht.' Und kurz vor Schluss: 'Sie müssen Verantwortung übernehmen. Sie alle.' Wer? Wir? Es sitzen viele im Saal, die so weißhaarig sind wie er."
Auch Geostratege Herfried Münkler stellt in der FAS bange Fragen zur Potenz von uns Silberrücken: "Die neue Rolle ist den Deutschen buchstäblich zugefallen, und nun muss sich zeigen, ob die hiesige politische Klasse diesen Aufgaben gewachsen ist oder nicht. Und ob die Bürger des Landes bereit sind, die mit ihr verbundenen Kosten und Lasten auf lange Sicht zu tragen. Sicher ist weder das eine noch das andere."
Dass Wilhelm Reissmüller, der im Ingolstadt der Nachkriegszeit allmächtige Verleger des Donaukuriers, in seiner frühen Zeit ein glühender Nazi war, erstaunt ja eigentlich nicht. Dass er es schaffte, sich als Widerständler aufzuplustern, schon eher. Thomas Schuler kommt in der SZ auf diese sehr charakteristische Geschichte (unsere Resümees) zurück. Bis in die jüngste Zeit, haben die Honoratioren der Stadt das Thema äußerst verklemmt angefasst, so Schuler: "Es waren die Lokalpolitiker der CSU, die Reissmüller 1976 zum Ehrenbürger wählten und ihn jahrelang allen Belegen und Widersprüchen zum Trotz unterstützt haben. In der Verdrängung der NS-Vergangenheit kooperierten Wilhelm Reissmüller und der CSU-Oberbürgermeister Josef Listl, der vor 1945 die Stadt für die NSDAP regiert hatte. Der später viele Jahre amtierende CSU-Oberbürgermeister Peter Schnell unternahm in seiner Amtszeit (1972 bis 2002) nichts, um die NS-Vergangenheit von Listl oder Reissmüller aufzuarbeiten. Ebenso war es unter seinen beiden Nachfolgern. Ausstellungen und Publikationen des Stadtarchivs zur NS-Zeit mieden das Thema." Nun wurde eine Studie in Auftrag gegeben, die 2028 vorliegen soll...
Weiteres: RBB-Programmdirektorin Katrin Günther und Chefredakteur David Biesinger treten zurück, meldet unter anderem die FR. Grund ist die fahrlässige Berichterstattung des Senders zu gefälschten Missbrauchsvorwürfen gegen den Berliner Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar (unsere Resümees) - vernichtend klingt das jüngste Anwaltsschreiben von Gelbhaars Kanzlei Schertz + Bergmann zu der Sache, das die Anwälte auf Twitter veröffentlichten.
Europa kann nicht gerade behauppten, digital souverän zu sein, schreibt Carsten Knop im Leitartikel der FAZ. Von der Bürosoftware über Cloudspeicher bis hin zu Fahndungssoftware und sozialen Medien - alles ist amerikanisch: "Es ist ein Problem, dass Europa und Deutschland digital Süchtige, aber auch von ihren Daten-Dealern aus Übersee Abhängige geworden sind", so Knop. "Was Europa braucht, ist technologische Eigenständigkeit in der Entwicklung von Schlüsseltechnologien wie KI, Quantencomputing und 5G/6G-Mobilfunknetzen sowie infrastrukturelle Resilienz, also den Aufbau redundanter Systeme, die bei Lieferkettenunterbrechungen funktionsfähig bleiben. Nur in der Regulierung ist Europa vorne, allerdings ineffizient."
Der Perlentaucher wird heute 25 Jahre alt. Fünf Jahre vorher schon ging als erste deutsche Zeitung die taz online (wo die Perlentaucher Anja Seeliger und Thierry Chervel damals arbeiteten), erinnert Ann-Kathrin Liedtke ebendort: "Bereits am 20. März 1995 wurde die digiTaz auf einer WWW-Tagung im hessischen Darmstadt vorgestellt. Damit hatte die taz tatsächlich die Nase vor der Schweriner Volkszeitung, die am 9. Mai 1995 online ging. In den darauf folgenden Jahren wurden die Artikel aus der gedruckten Ausgabe automatisch und ohne weitere redaktionelle Bearbeitung online gestellt. 2007 gründete die taz dann schließlich eine eigene Online-Redaktion."
Arbeiter fühlen sich von grüner Umweltpolitik meist nicht angesprochen. Verständlich, denn sie können sich das von Grünen empfohlene Biosteak meist nicht leisten. Das heißt aber nicht, dass sie sich nicht für Umwelt und Klima interessieren, meintKaren Bell, Professorin für Soziale und Umweltgerechtigkeit in Glasgow, die zum Thema forscht, im Gespräch mit Mitsuo Iwamoto von der taz: "Der erste Schritt ist, anzuerkennen, was die Arbeiter:innen für den Umweltschutz geleistet haben. Denn auch wenn grüne NGOs und grüne Parteien heute vor allem von Mittelschichtlern angeführt werden, waren es die Gewerkschaften und Arbeiter:innen, die sich über das ganze 20. Jahrhundert hinweg gegen den Einsatz von gefährlichen Chemikalien am Arbeitsplatz und die Verschmutzung der Umwelt durch sie eingesetzt haben. Nur weil sie ihre eigenen Studien durchführten, um die schädlichen Auswirkungen von Giftstoffen wie Arsen, Radium und Asbest nachzuweisen, konnten sie Politik und Unternehmen dazu zwingen, endlich zu handeln."
Die 36-jährige Politikerin Heidi Reichinnek gilt als die Ikone der wiedergeborenen - von der Sauermeisterin Sahra Wagenknecht befreiten - Linkspartei. Der Putinismus dieser Partei ist seit dem Weggang Wagenknechts gedämpft, so Lucien Scherrer in der NZZ. Eher problematische Äußerungen der blitzhaft aufgestiegenen Politikerin findet er in anderen Bereichen: Sie pries vor einigen Jahren ein Bündnis der Linken mit dem Islamismus. Scherrer verweist auf einen von Reichinnek mitverfassten Beitrag in einer Schrift der Rosa-Luxemburg-Stiftung (hier als pdf-Dokument) mit dem Titel "Mit Islamisten reden": "Besonders angetan sind Reichinnek und ihre Kollegen von der 1928 gegründeten Muslimbruderschaft. Deren Anhänger, so versichern sie, bemühten sich nicht nur um das Wohl der Bevölkerung. Sie würden sich in Ägypten, Syrien und Jordanien auch zu demokratischen Prinzipien wie der Rede- und Glaubensfreiheit bekennen. Reichinnek und ihre Mitautoren sind überzeugt, dass die Islamisten sich im 'Dialog' mit westlichen Antikapitalisten mäßigen lassen würden. Gemeinsame Werte gebe es einige, etwa die Abneigung gegen den 'Raubtierkapitalismus'. Islamisten würden nämlich für eine gerechte Verteilung des Reichtums eintreten. Auch die 'Zerschlagung korrupter Netzwerke' stehe auf ihrer Agenda."
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Natascha Strobl: Kulturkampfkunst Ein "Zuschauer*innen" in den Nachrichten, und das Internet kocht. Ein Verlag zieht zwei Winnetou-Bücher zurück, und die Angelegenheit weitet sich fast zu einer Staatsaffäre…
Mirna Funk: Balagan Eine Frau kämpft um ihr Erbe - und um das ihrer jüdischen Familie. Altes Zeug, im besten Fall ein Erinnerungsstück - mehr erwartet Amira nicht, als sie die Tür zum Lagerraum…
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