Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.11.2024. Die Lage ist nicht gut, aber einen Weltkrieg wird es nicht geben, tröstet Timothy Garton Ash in der FR. Der Donnerhall von Trumps triumphaler Wiederwahl hatbisher vor allem eine eher komische Verzweiflung ausgelöst, findet Susanne Klingenstein in der FAZ. Im Tagesspiegel erklärt Marko Martin, warum er Männern, die sagen "Wir Männer in den Hinterzimmern regeln das", nicht über den Weg traut.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Es sieht nicht gut aus! Der Historiker Timothy Garton Ashzeichnet im FR-Interview ein wenig optimistisches Zukunfts-Tableau für den liberalen Westen. Die "Freie Welt", so lautet der Titel seines neuen Buches, ist in Gefahr. Es gilt höchste Alarmstufe für die amerikanische Demokratie, Europa ist in der Krise - Wird es einen Weltkrieg geben? Immerhin hier kann der Historiker beruhigen: "Erstens: Um die Gefahr eines Weltkriegs abzuwenden, müssen wir in Europa der Ukraine zu einem guten und dauerhaften Frieden verhelfen. Zweitens ist Trump natürlich unberechenbar. Dass es einen großen Krieg durch ihn geben wird, glaube ich aber nicht, weil es bei ihm einige Dinge gibt, wo er über viele Jahre relativ konsequent war. Das eine ist der Protektionismus, seine Vorliebe dafür reicht bis in die 1980er Jahre zurück. Er mag aber auch keine Kriege im Ausland, an denen die USA beteiligt sind: Ukraine, Naher Osten, Afghanistan, Irak. Er würde die USA eher zurückziehen, als sich dort zu engagieren, die Gefahren unter ihm sind nicht zu unterschätzen, aber diese Gefahr scheint mir bei ihm eher nicht gegeben zu sein."
Der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan wurde als junger Mann selbst vom Mullah-Regime verfolgt, seine Romane dürfen seit Jahren im Iran nicht publiziert werden. Im NZZ-Interview mit Carlo Mariani erklärt er, warum er trotzdem nicht auf eine Revolte gegen das Regime hofft: "Revolutionen sind sehr kostspielig. Unserem Land wurde schon einmal eine vom Schah-Regime aufgezwungen, weil wir es loswerden mussten. Doch der Schah hatte mit seiner Politik der Unterdrückung der Repression der Mullahs den Weg geebnet. Ich bin für Reformen. Denn eine Revolution zerstört alles, um etwas Neues aufzubauen, von dem man nicht weiß, was es sein wird. Für eine Revolution müsste die Zivilgesellschaft zuerst reifer werden."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der ehemalige britische Geheimagent Christopher Steele wurde 2016 mit einem Dossier beauftragt, das Donald Trumps Verbindungen nach Russland aufdeckte. Über diese Zeit hat er auch ein Buch geschrieben. Im SZ-Interview spricht er über den Prozess, den Trump seither gegen ihn anstrengt, und erklärt, wie sich die Propaganda-Techniken der Russen modernisiert haben. Putins Angriff auf die Ukraine sieht er als den Beginn von dessen Ende an: "Der Ukrainekrieg war eine Katastrophe für Russland im Besonderen und im Speziellen auch für Putin. Er hat durchgehalten, weil er im Kreml ein Terrorregime führt. Eine halbe Million Männer sind auf dem Schlachtfeld getötet oder verletzt worden, eine weitere Million hat wohl das Land verlassen, weil sie nicht eingezogen werden wollten - das hat enorme Auswirkungen auf die Wirtschaft. ... Die Nato ist in der Ukraine beliebt wie nie, die Nachbarn Schweden und Finnland sind ihr beigetreten, Russland ist auf nordkoreanische Hilfe angewiesen und dabei, ein Vasallenstaat von China zu werden. Ist das die Bilanz eines Genies? Ich bleibe dabei - die Ukraine wird in zehn oder zwanzig Jahren als der große Fehler angesehen werden, den Putin gemacht hat, der Fehler, der seine Macht und sein Erbe zerstört hat."
Julian Staib und Matthias Wyssuwa schreiben in der FAZ über Gerüchte, in Deutschland denke man über eine "Finnlandisierung" der Ukraine nach. Alle Regierungsstellen leugnen das, aber in Finnland, so die Autoren, mache man sich trotzdem große Sorgen: "Finnland war während des Kalten Kriegs neutral, der Zustand war geprägt von großen Kompromissen gegenüber Moskau und von der Sorge vor einer Einverleibung des Landes durch den Nachbarn. In der Folge wurde in Helsinki sowohl nach außen bei politischen wie wirtschaftlichen Entscheidungen wie auch nach innen etwa in Form von Selbstzensur viel Rücksicht auf Moskau genommen. Dieser mit der Neutralität verbundene vorauseilende Gehorsam war der Kern der Finnlandisierung."
Uwe Ebbinghaus hat sich für die FAZ die Tiktok-Videos von AfD-Politikern angetan, mit denen diese bei (vor allem männlichen) Jugendlichen punkten wollen. "In ihrer absurden Vertraulichkeit kaum zu überbieten sind die Tiktok-Videos Maximilian Krahs." Selbst in seiner eigenen Partei und im Europa-Parlament sei Krah zwar inzwischen wegen seiner SS-Verharmlosungen isoliert, und Tiktok habe seine Reichweite begrenzt, aber er macht unverdrossen weiter: "In seinen Videos ist alles auf argumentationsfreie Überrumpelung ausgelegt. Die Botschaft an seine jugendlichen Zuschauer lautet, verkürzt gesagt: Werde rechts, dann klappt es auch mit den Frauen und dem Erbe. Seine simple Antwort auf die Frage, warum Mütter in Deutschland zu wenig Rente bekämen, lautet: Das Geld gehe 'raus für Flüchtlinge, Klima-Schwachsinn und 53 Geschlechter. Es liegt an dir, das zu ändern.' Wie Russland begegnen? Krahs knappe Antwort: 'Der Krieg in der Ukraine ist nicht dein Krieg.'"
Eher ein bisschen fromm und vor allem ratlos klingt, wie der linke österreichische Autor Robert Misik in der taz auf den zweiten Wahlsieg Trumps reagiert. "Die Gegenwart lehrt uns, dass die Abwehr der Barbarei nicht gelingen wird, wenn sie rein defensiv bleibt. Gegenwart und Geschichte lehren, dass man einerseits das Verstunkene, das Verstockte, das Autoritäre und Repressive angreifen, dabei aber auch ein Bild künftiger besserer Lebensweisen entstehen lassen muss. Diese Visionen bilden sich im Brodelnden, Elektrisierenden des Neuen, in der Kunst, der Literatur, der Poesie, den Wissenschaften, der Architektur, mit Rationalismus, mit Stilrevolutionen; in der Verbesserung von Stadtteilen, in den kleinen Utopien hier und da, der Freude an der Freiheit..."
Die Literaturwissenschaftlerin Susanne Klingenstein lebt und lehrt in Boston. In der FAZ schildert sie die verzweifelten Reaktionen ihrer Kollegenschaft und der Studenten (inklusive ihrer Tochter) auf die Wiederwahl Trumps, ein "Heulen und Zähneklappern", für das sie nur Spott übrig hat. Die Trump-Wähler dagegen hätten zumindest aus ihrer subjektiven Sicht rational agiert: "Das Wahlverhalten der Latinos kommentierte der Militär- und Althistoriker Victor Davis Hanson, der im kalifornischen Fresno eine Farm bewirtschaftet. Latinos, sagte er in einem Gespräch mit GB News, hätten Unternehmergeist und wählten in seiner Gegend jedenfalls bevorzugt körperlich anstrengende Berufszweige ('muscular professions') wie Bau, Klempnerei oder Elektrotechnik. Während Trumps erster Amtszeit von 2016 bis 2020 waren sie erfolgreich. Danach gefährdeten die massive illegale Einwanderung und die Inflation ihre Unternehmen. Sie hielten sich die Nase zu und wählten Trump. Und so machten es viele. Den Wahlausgang, so Hanson, bestimmte 'die Botschaft, nicht der Botschafter'."
Die beiden Suchmaschinen Ecosia aus Deutschland und Qwant aus Frankreich gründen gemeinsam das Unternehmen "European Search Perspective" (EUSP), um einen eigenen Suchindex aufzubauen - bisher basieren nämlich alle "alternativen" Suchmaschinen auf Indizes von Google oder Microsoft (unser Resümee), berichtet Nina Müller in der FAZ: "'Wir werden nicht das europäische Google sein, wie manche Leute es sich wünschen', sagte Olivier Abecassis, CEO von Qwant, gegenüber Euronews Next. Das sei schlichtweg nicht möglich. Die EUSP werde allerdings vom Digital Markets Act der Europäischen Union profitieren, der den Zugang zu Daten von Unternehmen wie Google und Microsoft ermöglicht. Veröffentlicht etwa ein Restaurant seine Öffnungszeiten auf Google, hat aktuell auch nur Google Zugriff darauf. Solche Informationen könnten anderen Suchindizes einen großen Sprung nach vorn verschaffen."
Erica Zingher erzählt in der taz die Geschichte des Berliner Kurators Edwin Nasr, der gestern zu einer Geldstrafe von 1.000 Euro verurteilt wurde, weil er direkt nach dem 7. Oktober einige Instagram-Posts veröffentlicht hatte, die das Pogrom feierten: "Zur Hölle mit allen, die an dieser Stelle nicht in der Lage sind, die Schönheit revolutionärer Gewalt zu erkennen oder sich ihr hinzugeben, auch (oder gerade) wenn es zu Szenen von 'unerträglicher' Brutalität kommt", hieß es in einem Post. Nasr ist libanesischen Ursprungs und hat in Berlin mit allen Kulturinstitutionen gearbeitet, die hip sind. Vor Gericht habe er sich entschuldigt, "wenn ich Menschen durch die Posts verletzt habe". Diese Formel benutzt man, wenn man seine Meinung nicht verändern will: "Erst am 25. September 2024 postete Nasr ein Propagandaplakat aus dem Jahr 1985, das von der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) benutzt wurde. Titel des Plakats: 'Unity in Blood'. Im September schrieb Nasr mit Blick auf die Verhandlung, er werde bald wegen Scheinvorwürfen vor einem deutschen Gericht erscheinen müssen, die das Potenzial hätten, seine Zukunft gewaltsam zu verändern. 'Der Tod des Imperiums ist nahe und ich kann es kaum erwarten, dass wir alle auf sein Grab pissen.'"
Vor seiner Rede (unser Resümee) wurde er vom im Schloss Bellevue anwesenden Mitarbeitern des Präsidialamts freudig begrüßt, erzählt Marko Martin im Tagesspiegel-Interview. Später schaute man ihn beleidigt an, wie man in "einem Hofstaat auf den renitenten Eindringling im Schloss blickt." Über Steinmeier sagt Martin: "Er hätte schon 2013 wissen können, von welcher Art Putins Regime ist - als Außenminister hätte er es wissen müssen. Stattdessen hat Deutschland unter seiner Ägide noch große Geschäfte mit dem Kreml gemacht. Als ich Steinmeier dies nach meiner Rede in ruhigen Ton sagte, empörte ihn das noch mehr. Es zeigte für mich genau dieses Denken: Wir Männer in den Hinterzimmern regeln das; das Volk und die Intellektuellen haben doch gar keine Ahnung von Politik. Er hat mir rhetorisch die Instrumente der Macht gezeigt und dozierte völlig aufgebracht. Das immerhin hat mich auch ein wenig positiv gestimmt. Ich hatte ihn bislang für einen Sprechautomaten gehalten, aber offenbar ist durch meine Rede zumindest ein Rest Schamgefühl angesprochen worden."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Susanne Heim: Die Abschottung der Welt Mit 19 Abbildungen und 2 Karten. In Deutschland drangsaliert und verfolgt, versuchten viele Juden verzweifelt, sich ins Ausland zu retten. Doch potenzielle Zufluchtsstaaten…
Magdalena Schrefel: Das Blaue vom Himmel Was, wenn es die Möglichkeit gäbe, die Erde abzukühlen, der Himmel dadurch aber nie wieder blau wäre? Hannah arbeitet an einer Ausstellung mit, die dieses Blau bewahren soll,…
Maximilian Oehl: Brand New Bundestag Die politischen Systeme in unserem Land wirken festgefahren und verstaubt. Sie scheinen kaum in der Lage, auf die aktuellen Herausforderungen zu reagieren. Es ist höchste…
Antje Damm: Da ist besetzt! "Guten Morgen! Ist da noch frei?", fragt Drache Flux den miesepetrigen Herrn Schröder. Und so beginnt eine zaghafte Annäherung, bei der Herr Schröder lernt, dass es nie zu…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier