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10.10.2024. Die Schriftstellerin Nino Haratischwili fordert im taz-Interview die Unterstützung der georgischen Opposition durch Europa. Der Historiker Jörg Baberowski erklärt im Zeit-Interview, warum er seine Geschichte Russlands von "oben" und nicht aus Sicht des Volkes geschrieben hat. Die FAZ liest die Autobiografie Boris Johnsons und erinnert sich, wie dieser die Ära des Absurden in der Politik einläutete. Saudi-Arabien könnte einen größeren Konflikt im Nahen Osten verhindern, hält der Tagesspiegel fest.
Am 26. Oktober soll in Georgien ein neues Parlament gewählt werden. Die SchriftstellerinNinoHaratischwilifordert im taz-Interview die Unterstützung der georgischen Opposition durch Europa: "Sanktionen. Reiseverbot für Politiker, die diese Gesetze verabschiedet haben. Sperrung von Konten. Mittlerweile bin ich da rigoros. Es gibt zum Glück schon einige Sanktionen, vor allem seitens der USA. In Deutschland ist es da mit Sanktionen nicht so einfach, die müssen mit der EU abgestimmt werden, um sie zu verhängen." Zu lange wurden Länder der ehemaligen Sowjetunion zu wenig wahrgenommen, hält sie fest: "der Westen hat den Osten nie richtig ernst genommen. In Brüssel oder in Berlin hat man lange Zeit nicht auf die Stimmen aus Ländern gehört, die bittere Erfahrungen mit Russland gemacht haben. Das Narrativ und die Perspektive des Ostens waren immer weniger wert als das Narrativ und die Perspektive des Westens. Durch Russlands Krieg in der Ukraine hat sich das geändert. Der Westen hat endlich seine Scheuklappen in Richtung Osteuropa abgelegt.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Historiker Jörg Baberowski hat eine über tausendseitige Geschichte von Macht und Herrschaft in Russland herausgegeben. Warum eigentlich keine Geschichte "von unten", also aus der Sicht des Volkes, fragt ihn Alexander Cammann im Zeit-Interview: "Für Russland erscheint mir die Frage nach dem Staat, nach der Herrschaft entscheidend - bis heute. Wer Macht ausübt, zwingt andere, sich dazu zu verhalten. Herrschaft wiederum ist ein System von Machtbeziehungen, das ohne den Anspruch derer, die herrschen, gar nicht verständlich wird. Es gibt ja immer gute Gründe, zu gehorchen: aus Furcht, weil man sich Vorteile verspricht oder weil Gehorsam von Entscheidungszwängen entlastet. Wie unzufrieden man auch immer sein mag - die Revolte lebt von der Entscheidung, Macht herauszufordern, die Herrschaft lebt davon, sie zu verteidigen. Das interessiert mich. In Russland war Herrschaft stets bedroht, und genau deshalb inszenierte sie sich als allmächtig." Der Ukraine widmet Barberowski drei Seiten: "Das Buch handelt von Krisen, in denen Ordnungen erschüttert werden. Der brutale, jahrzehntelange Unterwerfungskrieg im Kaukasus, der polnische Aufstand des Jahres 1863, die Eroberungsfeldzüge in Zentralasien forderten die Konsistenz des Vielvölkerreiches fundamental heraus, so wie die Judenpogrome, die sich auf dem Territorium der heutigen Ukraine ereigneten. Die ukrainische Nationalidee hingegen hatte keine systemsprengende Kraft." Baberowski hatte noch 2014 in der Zeit die Existenzberechtigung der Ukraine als eigener Staat in Zweifel gezogen (mehr hier).
Im Standard-Interview mit Ronald Pohl geht die russische Kuratorin Anna Narinskaya nicht von einem baldigen Ende des Putin-Regimes aus, vor allem weil mittlerweile auch junge Menschen "hineingezogen" werden. Die Möglichkeiten der russischen Diaspora beschränken sich gerade auf die Entlarvung von Putins Propaganda. "Man muss die Menschen in Russland ganz einfach mit Informationen versorgen: mit Alternativen zu den Narrativen, wie sie vom Putin-Regime verbreitet werden. Die russische Gesellschaft wird einer richtiggehenden Gehirnwäsche unterzogen. In Moskau oder St. Petersburg mag sich das zum Teil anders verhalten, aber in den entlegeneren Winkeln des riesigen Landes entkommst du der Propagandamaschine nicht. Für die meisten gibt es zu den Fehlinformationen, die verbreitet werden, keine Alternative. Die Lüge durchdringt alles, sie korrumpiert Russlands gesamte Unterhaltungsindustrie und macht vor der Bildung schon gar keinen Halt. Der gesamte Diskurs ist propagandistisch verseucht."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Eva Ladipo hat für die FAZ in die Autobiografie von Boris Johnson reingeschaut, die sich vielmehr als eine "Parodie des Genres" lese. Das ist trotzdem interessant, so Lapido, denn es führt erneut vor Augen, welche Position Johnson in der Zeitgeschichte einnimmt: "Er war nie ernsthaft bei der Sache, sondern wollte eigentlich immer nur spielen, nur unterhalten, nur so tun, als befürworte er den Brexit/regiere das Land/bekämpfe die Pandemie/schreibe eine Autobiografie." Ihn "deshalb als politisches Leichtgewicht abzutun wäre falsch. Denn seiner frivolen Autobiografie zum Trotz ist Johnson einer der wichtigsten und einflussreichsten Politiker der jüngeren Zeitgeschichte. Er war es, der das Virus des Absurden in der Politik der westlichen Welt freisetzte. Als Johnson die Briten wider besseres Wissen aus der EU in den Brexit lockte, führte er dem Rest der Welt eine neue Art von Politik vor. Er hebelte die Regeln des Anstands und der Wahrhaftigkeit aus und wurde dafür nicht wie sonst üblich an der Wahlurne abgestraft, sondern im Gegenteil belohnt."
Olaf Berg, Gaston Kirsche und Christian Reichert waren Mitglieder der autonomen Gruppe "Demontage", deren Buch "Postfordistische Guerrilla - Vom Mythos nationaler Befreiung" 1999 einen unreflektierten Antiimperialismus in der Linken anprangerte: Sie kritisierten, dass sich Linke mit Guerilla-Gruppen und militanten Bewegungen aus dem Globalen Süden solidarisierten, ohne deren Handeln kritisch einzuordnen. Ganz so, wie es heute mit der Hamas passiert. Gaston Kirsch erklärt im taz-Interview das herrschende Denkmuster: "Der Norden ist reich und alles, was aus dem Süden kommt, ist automatisch gut. Dann wird nicht begriffen, dass sowohl der Norden als auch der Süden von Klassenstrukturen, Ausbeutungsverhältnissen und Gewaltverhältnissen durchzogen sind. ... Ich kann mich zum Beispiel nicht positiv darauf beziehen, wenn Putin die USA kritisiert, weil die den Jemen bombardieren. Ich muss zur Kenntnis nehmen, dass es heutzutage mehrere imperialistische Zentren in der Welt gibt, dass Russland sich imperialistisch verhält und China auch. Ich kann nicht mit einer moralischen Sicht Nordamerika und Westeuropa als Zentren des Kolonialismus immer für alles die Schuld geben und alles, was sie bekämpft, ist gut. Das führt zu keinem fortschrittlichen Gedanken, sondern dazu, reaktionären Bewegungen wie der Hamas oder dem iranischen Regime etwas Positives abzugewinnen."
In der Welt erzählt der Islamwissenschaftler Alfred Schlicht von seiner Zeit am Orient-Institut in Beirut, in dem er ab April 1983 arbeitete. Der Libanon erlebte damals eine Vielzahl an islamistischen Terroranschlägen der Hisbollah. "Auch Bars, Restaurants und öffentliche Einrichtungen waren Ziel von Anschlägen. Nicht immer war klar, wer hinter den Terrorakten stand. Nach konkreten Absichten der Täter fragte ohnehin längst niemand mehr. Es gab kaum ein Restaurant, das ich besuchte, das nicht irgendwann - vor oder nach meinem Besuch - gesprengt worden wäre. Oft wurden die sehr sichtbaren Schäden gar nicht erst behoben." Nach dem Abzug der US-Truppen im Februar 1984 aus dem Libanon flammte der libanesische Bürgerkrieg wieder auf und Hisbollah und von Syrien unterstützte Truppen lieferten sich heftige Gefechte. "Bald waren die Straßen vollkommen menschenleer. An jeder Kreuzung musste ich akustisch abschätzen, woher die Schüsse, die immer intensiver wurden, kamen. Doch der Rückweg zum Institut gelang, wo Schlicht schließlich von den Briten evakuiert wurde. "Ich möchte mir nicht vorstellen, wie es gelaufen wäre, hätten die Deutschen das organisiert."
Saudi-Arabien und der regierende Kronprinz Mohammed bin Salman könnten einen größeren Konflikt im Nahen Osten verhindern, konstatiert Christian Böhme im Tagesspiegel. Das Land ist nämlich eines der wenigen, das zu Teheran und westlichen Staaten gleichermaßen gute Beziehungen pflegt. Dem Machthaber in Saudi-Arabien geht es aber vor allem um wirtschaftliche Prosperität, nicht um einen palästinensischen Staat. "Laut der Zeitschrift The Atlantic soll bin Salman in einem Gespräch mit US-Außenminister Antony Blinken gesagt haben, das sei ein riesiges Problem. 'Ist mir die Palästina-Frage persönlich wichtig? Nein, aber meinem Volk ist sie wichtig', wird der Thronfolger zitiert. Und noch etwas habe er betont. Mit seinen Bemühungen um ein Normalisierungs-Abkommen mit Israel gehe er ein großes persönliches Risiko ein. Seine Berater würden ihn warnen: 'Ich könnte wegen einer derartigen Übereinkunft getötet werden.'"
Der SchriftstellerYassin Musharbash und Holger Stark porträtieren den Hamas-Führer Jahia Sinwar in der Zeit. Sein Kalkül beim 7. Oktober soll gewesen sein, dass der Iran und die Hisbollah der Hamas zur Hilfe eilen, was nicht geschah. "Der Gazastreifen gleicht heute einer dystopischen Trümmerwüste, die Hamas ist weitgehend zerschlagen, die Hisbollah so geschwächt wie seit Jahren nicht. Die selbst ernannte 'Achse des Widerstands' der Feinde Israels ist stark dezimiert. Auf der anderen Seite ist das weltweite Ansehen Israels nach einem Jahr Krieg auf einem Tiefpunkt angekommen, die Palästinenser erfahren in der Welt hingegen so viel Unterstützung wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Sinwar glaubt, seine zynische Rechnung sei aufgegangen."
Mia Mottley, Premierministerin des Inselstaates Barbados, spricht im Zeit-Interview mit Christiane Grefe und Petra Pinzler über die Folgen der globalen Erwärmung, von der Barbados jetzt schon stark betroffen ist. Außerdem schlägt sie eine höhere Besteuerung von Vermögenden an, um die finanziellen Aufgaben in den nächsten Jahren zu bewältigen. "Wissen Sie, reiche Bürger haben noch nie gerne Steuern bezahlt. Aber heute ist ihr Einfluss auf die Regierungen in vielen Ländern schon extrem hoch und damit ihre Macht, Steuererhöhungen zu verhindern. Auch deswegen fehlt es in vielen Ländern an öffentlichen Finanzmitteln. Aber das bedeutet nicht, dass kein Geld da wäre. Es ist nur am falschen Ort."
In der Zeit rekonstruiert Ijoma Mangold das Drama des Suhrkamp-Verlags, das in Teilen auch ein Familiendrama ist, und blickt in die Zukunft unter der neuen Leitung von Dirk Möhrle (unser Resümee): "Die Milliardäre dieser Welt kaufen Kunst im großen Stil. Mit viel kleinerer Münze könnten sie Verlage retten. Aber das tun sie in der Regel nicht, weil anders als die Kunst Verlage zehn Jahre später nicht plötzlich das Dreifache wert sind. Möhrle, dem alles Großsprecherische fernliegt, wird genau wissen, welche langfristige Verantwortung er übernimmt. Ein moderner Verlag braucht Kapital, um mitbieten zu können, wenn es um die Vorschüsse für die großen Weltautoren geht. Gleichzeitig macht es keinen Sinn, sich bei Suhrkamp einzubringen mit dem Ziel, dass der Verlag am Ende aussieht wie jeder andere. Denn das wird die Benchmark sein, an der sich Möhrles Tun wird messen lassen müssen: Geht es dem Verlag besser, wenn er sich im Besitz eines engagierten Kulturbürgers befindet, oder steht es um seine Überlebensfähigkeit besser, wenn die Verlagsprofis eines Konzerns ihn in ihre Strukturen integrieren?"
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