9punkt - Die Debattenrundschau
Das harte Nein des Ostens
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.08.2024. Ines Geipel guckt sich für die FAZ die Wahlplakate von BSW und AfD in Sachsen und Thüringen an und findet überall den Begriff "Heimat" - eine "giftige Erzählung". Die SZ besucht die Kulturhauptstadt des nächsten Jahres, Chemnitz, und findet Tristesse und Ratlosigkeit. Der Fluch Afrikas ist der Tribalismus, schreibt Asfa-Wossen Asserate in der FAZ und denkt mit Nostalgie an die Kaiserdynastie von Äthiopien zurück.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
12.08.2024
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Politik
Der Fluch Afrikas war der Tribalismus, schreibt Asfa-Wossen Asserate in der FAZ unter Bezug auf einen Ausspruch des ersten sambischen Präsidenten Kenneth Kaunda. Leider muss er das auch für sein eigenes Land Äthiopien konstatieren, das immer schärfer in einzelne Volksgruppen zerfalle. Das böse Wort "Apartheid" fällt ihm dafür ein. Ein bisschen Nostalgie für das einstige äthiopische Kaisertum, aus dem Asserates Familie stammt, schwingt in dem Artikel mit: "Was immer man der äthiopischen Kaiserdynastie vorwerfen mag, ihr Ziel war nie die Dominanz einer Ethnie, sondern die Einheit und Unabhängigkeit der Nation. Darum war auch die Heiratspolitik des Herrscherhauses darauf ausgelegt, die Völker zu verbinden. Es gab in der langen Geschichte der Salomonischen Dynastie nie einen Herrscher, der nur einer bestimmten Ethnie angehört hätte. Der alte Name Äthiopiens lautet Abessinien. Er leitet sich vom arabischen Wort 'habesch' ab - gemischte Rasse."
Kulturpolitik
Es klingt schon trist, was Jörg Häntzschel in der SZ über die europäische Kulturhauptstadt 2025 Chemnitz schreibt: "Sich als failed city den Titel zu sichern, war leicht. Ein Programm auf die Beine zu stellen, ist schwerer. (…) 360.000 Menschen wohnten mal hier, jetzt sind es noch 250.000. (…) Es dürfte das erste Mal sein, dass eine Stadt sich als weißer Fleck auf der Landkarte vermarktet, als Paria-Kommune." Häntzschel hat mit Stefan Schmidtke, gesprochen, der 2021 zum Leiter des Projekts wurde und seinen Humor bewahrt, aber die Rechtsextremen in der Stadt nicht angreifen will. Auch Benjamin Gruner, mit einem Verein in das Projekt involviert, "hält die neutrale Linie der Kulturhauptstadt für unvermeidbar: 'Sie will auf keinen Fall als links-grünes Intellektuellenprojekt wahrgenommen werden. Gesellschaftlich war hier schon alles so aufgeladen, da wollte man nicht noch einen draufsetzen.' Er glaubt, die kontroversen Themen der Gegenwart, Gaza, Ukraine, Klimawandel könne man nur noch in größeren Städten verhandeln."
Die georgische Regierung hat ein "ausländische-Agenten-Gesetz" beschlossen, wie man es aus Putins Russland kennt. Seitdem wird die georgische Kulturpolitik gleichgeschaltet, berichtet Cornelius Wüllenkemper in der FAZ, und zugleich kommt der georgischen Kulturszene eine entscheidende Rolle im Widerstand zu - sie boykottiert ihre eigene Regierung: "So musste der angesehene Litera-Preis des Schriftstellerhauses in Tiflis bis auf Weiteres abgesagt werden, weil nach der Ernennung eines regierungstreuen, aber fachfremden Jurymitglieds 93 der 110 Bewerber ihre Texte zurückgezogen hatten. Georgien wird auf der Frankfurter Buchmesse von dem renommierten Verlag 'Intelekti Publishing' vertreten, der seit dem vergangenen Jahr gänzlich auf staatliche Unterstützung verzichtet. Den Boykott versteht die Managerin des Verlags, Gvantsa Jobava, als Protest gegen die 'Re-Sowjetisierung' der Gesellschaft."
Die vom Bundestag geplante Antisemitismus-Resolution (unser Resümee) würde jede Kritik am Staat Israel als antisemitisch werten, ruft uns Michael Barenboim in der SZ zu. "Insgesamt lässt der Verweis auf Israel, dessen Politik bekanntermaßen auch von vielen Jüdinnen und Juden kritisiert wird, vermuten, dass es hier eigentlich nicht um die Bekämpfung von Antisemitismus geht, sondern um die Unterdrückung propalästinensischer Stimmen. Nicht alle Jüdinnen und Juden werden hier geschützt, sondern nur diejenigen, die die Politik der Regierung Israels unterstützen. Das ist einer Demokratie unwürdig."
Die georgische Regierung hat ein "ausländische-Agenten-Gesetz" beschlossen, wie man es aus Putins Russland kennt. Seitdem wird die georgische Kulturpolitik gleichgeschaltet, berichtet Cornelius Wüllenkemper in der FAZ, und zugleich kommt der georgischen Kulturszene eine entscheidende Rolle im Widerstand zu - sie boykottiert ihre eigene Regierung: "So musste der angesehene Litera-Preis des Schriftstellerhauses in Tiflis bis auf Weiteres abgesagt werden, weil nach der Ernennung eines regierungstreuen, aber fachfremden Jurymitglieds 93 der 110 Bewerber ihre Texte zurückgezogen hatten. Georgien wird auf der Frankfurter Buchmesse von dem renommierten Verlag 'Intelekti Publishing' vertreten, der seit dem vergangenen Jahr gänzlich auf staatliche Unterstützung verzichtet. Den Boykott versteht die Managerin des Verlags, Gvantsa Jobava, als Protest gegen die 'Re-Sowjetisierung' der Gesellschaft."
Die vom Bundestag geplante Antisemitismus-Resolution (unser Resümee) würde jede Kritik am Staat Israel als antisemitisch werten, ruft uns Michael Barenboim in der SZ zu. "Insgesamt lässt der Verweis auf Israel, dessen Politik bekanntermaßen auch von vielen Jüdinnen und Juden kritisiert wird, vermuten, dass es hier eigentlich nicht um die Bekämpfung von Antisemitismus geht, sondern um die Unterdrückung propalästinensischer Stimmen. Nicht alle Jüdinnen und Juden werden hier geschützt, sondern nur diejenigen, die die Politik der Regierung Israels unterstützen. Das ist einer Demokratie unwürdig."
Europa
Die Essayistin Ines Geipel guckt sich für die FAZ die Wahlplakate von BSW und AfD in Sachsen und Thüringen an und findet überall den Begriff "Heimat". Was für eine Heimat? Für Geipel versteckt sich hinter dem Begriff "das harte Nein des Ostens". Und das ist nicht neu, vor allem nicht in den ehemaligen DDR-Eliten: "Bereits im Glückstaumel von 1989 wusste der Dramatiker Heiner Müller über die Ostdeutschen, dass sie jetzt den 'Schritt von einer Knechtschaft in die nächste gehen' würden. 1991 schrieb der ostdeutsche Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz über die deutsche Einheit 'von einem Akt der Unterwerfung und Kolonisierung'. Ende der Neunzigerjahre entdeckte der Soziologe Wolfgang Engler die Ostdeutschen als Avantgarde, die nur zu sich selber käme, indem sie die Taxierung 'als Mensch 2. Klasse' zurückweisen würde. Die giftige Erzählung von den Ostdeutschen als Abgehängten, Übernommenen, Verlierern, Dauerentrechteten, als den ewigen Underdogs war ein Skript von Ostdeutschen über Ostdeutsche."
Der linke Antisemitismus hierzulande sei nichts im Vergleich mit der polnischen Linken, meint der Student der Universität Krakau Kacper Konar in Jungle World. Solidarische Linke aus Deutschland fungieren dabei auch als Feindbild. "Seit dem 7. Oktober gelten israelsolidarische deutsche Linke den polnischen Linken als Gegner. Das Hausbesetzerprojekt Rozbrat aus Poznań, dessen Stellungnahmen in der linken Szene viel rezipiert werden, verurteilte die Hamas für das Massaker am 7. Oktober ausdrücklich nicht als Terrororganisation. Im Rozbrat wurde hingegen ein Konzert mit der in Deutschland wegen ihrer Unterstützung für die BDS-Kampagne kritisierten schottischen Band Oi Polloi organisiert. Konzerte der Gruppe wurden in Deutschland mancherorts auch schon wegen Antisemitismusvorwürfen abgesagt. Im Rozbrat fühlte sich die Band mit ihrer politischen Einstellung offenbar willkommen. Anders als bei den 'Genozid-Leugner-Clowns vom deutschen Veranstaltungsort', wie es in ihrer Danksagung auf Facebook heißt."
Der linke Antisemitismus hierzulande sei nichts im Vergleich mit der polnischen Linken, meint der Student der Universität Krakau Kacper Konar in Jungle World. Solidarische Linke aus Deutschland fungieren dabei auch als Feindbild. "Seit dem 7. Oktober gelten israelsolidarische deutsche Linke den polnischen Linken als Gegner. Das Hausbesetzerprojekt Rozbrat aus Poznań, dessen Stellungnahmen in der linken Szene viel rezipiert werden, verurteilte die Hamas für das Massaker am 7. Oktober ausdrücklich nicht als Terrororganisation. Im Rozbrat wurde hingegen ein Konzert mit der in Deutschland wegen ihrer Unterstützung für die BDS-Kampagne kritisierten schottischen Band Oi Polloi organisiert. Konzerte der Gruppe wurden in Deutschland mancherorts auch schon wegen Antisemitismusvorwürfen abgesagt. Im Rozbrat fühlte sich die Band mit ihrer politischen Einstellung offenbar willkommen. Anders als bei den 'Genozid-Leugner-Clowns vom deutschen Veranstaltungsort', wie es in ihrer Danksagung auf Facebook heißt."
Gesellschaft
In Bautzen fand eine vielbeachtete CSD-Parade statt. Die rechtsextreme Gegendemo war fast genauso groß. Die Polizei trennte die beiden Gruppen und schützte damit den CSD. So sieht Demokratie aus, findet Jan Feddersen in der taz: "Forderungen von liberaler und linker Seite, dass die CSD-Gegendemo nicht hätte stattfinden dürfen, diese sei doch schließlich undemokratisch, gehen an der Realität vorbei: Es gibt Haltungen, die den CSD ablehnen - und auch diese haben das Recht auf Artikulation, also auch auf einen Anti-CSD. So widersprüchlich das klingen mag: Auf das Politische in der Debatte kommt es an, Gegendemo-Verbote machen nur die rechten Undergrounds noch stärker."
Olympische Spiele schaffen immer eine gewisse Euphorie, bilanziert Anno Hecker im Leitartikel der FAZ. "In Paris ließ sich etwas Neues beobachten: die Urbanisierung der Spiele, ihre Einbettung in das Leben einer pulsierenden Weltstadt." Bewerber für künftige Spiele, auch Deutschland stehen nun unter Kreativitätsdruck: "Mit Nachhaltigkeit ist nichts mehr zu gewinnen. Das gehört zum Standard, wenn er auch Spielraum lässt für Verbesserungen. Die Franzosen, Seine-Klärung hin oder her, bauten nur eine neue Sportstätte. Ein Schwimmbad. Sie nutzten ihre vorhandene, polierte Infrastruktur, das, was eine Weltstadt einer Sportnation im Überfluss zu bieten hat: kleinere und große Arenen auf engem Raum."
Olympische Spiele schaffen immer eine gewisse Euphorie, bilanziert Anno Hecker im Leitartikel der FAZ. "In Paris ließ sich etwas Neues beobachten: die Urbanisierung der Spiele, ihre Einbettung in das Leben einer pulsierenden Weltstadt." Bewerber für künftige Spiele, auch Deutschland stehen nun unter Kreativitätsdruck: "Mit Nachhaltigkeit ist nichts mehr zu gewinnen. Das gehört zum Standard, wenn er auch Spielraum lässt für Verbesserungen. Die Franzosen, Seine-Klärung hin oder her, bauten nur eine neue Sportstätte. Ein Schwimmbad. Sie nutzten ihre vorhandene, polierte Infrastruktur, das, was eine Weltstadt einer Sportnation im Überfluss zu bieten hat: kleinere und große Arenen auf engem Raum."
Medien
Die "Tagesschau" machte das Thema am Samstag zu ihrem Aufmacher: "Offenbar viele Tote nach israelischem Luftangriff... Israel hat ein Schulgebäude in Gaza-Stadt angegriffen. Dabei wurden nach palästinensischen Angaben mindestens 93 Menschen getötet. In der Schule hielten sich laut der Hamas Flüchtlinge auf. Israel vermutet hingegen ein Versteck der Terrororganisation." Auf Twitter zirkulieren längst Meldungen, dass die Totenzahlen der Hamas drastisch übertrieben waren - aber bei der "Tagessschau" gibt es weder eine Korrektur, noch eine Mitteilung, dass die Zahlen zumindest umstritten sind. Nach korrigierten Hamas-Zahlen soll es nur vierzig Tote gegeben haben, 19 davon waren Hamas-Terroristen. Hen Mazzig protokolliert auf Twitter: "17:00 - CNN veröffentlicht einen Artikel mit der Schlagzeile 'Mehr als 90 Palästinenser bei israelischem Angriff auf eine Schule und Moschee getötet'. Man muss bis zur letzten Zeile lesen, neun Absätze, um festzustellen, dass diese Zahlen nicht überprüft werden können. Das war die Absicht der Hamas, die sich auf einem Schulgelände versteckt hatte, um eine Schlagzeile wie diese zu verbreiten. 18:00 - Israel veröffentlicht die Liste der 19 Terroristen, die bei dem Angriff getötet wurden, und beweist, dass ein Raum in dem Komplex als Hamas-Zentrale genutzt wurde. 19:00 - Die Hamas revidiert die Zahl von 100 auf 40. 20:00 - Israel veröffentlicht Bilder des Angriffs, die beweisen, dass der Angriff äußerst präzise war, mit Munition, die eine Schule und eine Moschee nicht in die Luft hätte sprengen können. Nur der Raum, in dem sich die Terroristen versteckten, wurde getroffen. Die Schule war nicht in Betrieb." Was stimmt denn nun, "Tagesschau"?
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