9punkt - Die Debattenrundschau
Interessanter als Fußball
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Politik
Es gibt sehr wohl Linke in Lateinamerika, die Maduro kritisieren, schreibt dagegen Gerhard Dileger in der taz und nennt Chiles jungen Präsidenten Gabriel Boric, der allerdings nicht aus den Betonfraktionen der üblichen lateinamerikanischen Linken kommt, deren Versagen auch Dileger nicht verschweigt: "Selten hört man in diesen Kreisen ein böses Wort über selbstherrliche Caudillos wie Daniel Ortega in Nicaragua oder auch den Bolivianer Evo Morales, in deren Weltbild demokratische Regierungswechsel nicht vorgesehen sind. Das wohlbegründete Misstrauen gegen die USA und deren Interventionen seit 200 Jahren schlägt allzu oft in ein krudes Schwarz-Weiß-Denken um, das die Politik Beijings oder Moskaus noch heute in einem erstaunlich milden Licht erscheinen lässt."
Maduro zeigt inzwischen, dass er weiß, wie man die Linken in Lateinamerika für sich mobilisieren kann. Er verteidigt seinen geraubten Wahlsieg als Sieg im Kampf gegen den "Zionismus":
Zionism can barely secure one country the size of New Jersey but somehow has the power to control the world and impact elections in nearly every country.
- Yashar Ali 🐘 (@yashar) August 4, 2024
Maduro channeling his buddies in the Islamic Republic here. pic.twitter.com/ftu3GRWtSm
Der Friedensforscher Gershon Baskin hat schon mehrfach zwischen Israel und Palästinensern vermittelt. Er skizziert im Gespräch mit taz-Korrespondentin Julia Neumann, wie ein Waffenstillstand aussehen könnte: "Nach sechs Wochen sollte der Krieg enden und Israel sich aus dem Gazastreifen zurückziehen. Die USA sollten die Kontrolle über den Philadelphia-Korridor und, zusammen mit Ägypten, über die Grenze nach Gaza übernehmen, um sicherzustellen, dass dort kein Schmuggel mehr erfolgt. Die Hamas würde innerhalb von sechs Wochen alle 115 +Geiseln freilassen, ob tot oder lebendig - im Austausch für über 4.000 Palästinenser, die Israel gefangen hält. Für jede Geisel wären das 35 palästinensische Gefangene - die Hälfte davon mit lebenslangen Haftstrafen."
Monika Borgmann ist Deutsch-Libanesin und lebt seit langem in Beirut, wo sie das Kulturzentrum "Umam" leitet. Im Gespräch mit Lena Bopp beschreibt sie die Stimmung im Libanon im Zeichen des drohenden Krieges: "Wir sind hier in einer seltsamen Situation: Bisher gehen die Dinge in Beirut mehr oder weniger ihren normalen Gang. Aber im Süden herrscht Krieg. Davon bekommt man in Beirut wenig mit. Es gibt immer diese Wellen - Zeiten, in denen die Angst größer wird, und Phasen, in denen wir in eine Normalität zurückfinden. Viele meiden den Süden. Viele trauen sich nicht mehr in die Bekaa-Ebene. Man weiß ja nie, wer vor oder hinter einem fährt."
Außerdem: Nordkorea setzt nun in der Auseinandersetzung mit Südkorea vermehrt auf mit Fäkalien beladenen Ballons, was Paul Jandl (NZZ) an das Mittelalter erinnert. "Die Aktionen des Diktators erinnern an strategische Methoden, wie sie in vormodernen Zeiten üblich waren." In Indien verschärft der hindu-nationalistische Premierminister Nanrendra Modi den Ton gegenüber der muslimischen Minderheit, schreibt der indische Schriftsteller und Unterhaus-Abgeordnete Shashi Tharoor in der NZZ.
Gesellschaft
Geschichte

Ebenfalls in der FAZ vergleicht der Historiker Hans Günter Hockerts die Sozialstaatsmodelle von DDR und Bundesrepublik.
Europa
Rechtsextreme Gruppen toben auf Britanniens Straßen. Anlass ist ein Messermord, ein junger Mann ruandischer Herkunft hatte drei Mädchen, die an einem Taylor-Swift-Tanzkurs teilgenommen hatten, umgebracht. Der Extremismusforscher Matthew Feldman scheint die Ausschreitungen im Gespräch Daniel Zylbersztajn-Lewandowski von der taz noch nicht ganz ernstnehmen zu können: "Was wir in den vergangenen Tagen gesehen haben, ähnelt eher einem Karneval: Man geht einfach hin und guckt zu, und vielleicht vermummt man sein Gesicht und macht ein bisschen mit, nicht weil man gegen Schwarze oder Muslime ist, sondern weil es Samstag ist und man Bier trinken kann und es interessanter ist als Fußball."
Gut 100.000 Tote hat die russische Gesellschaft durch den Ukraine-Krieg zu beklagen, der Staat sagt den Hinterbliebenen bis zu 14 Millionen Rubel Unterstützung zu, erklären die Russlandexperten Thomas Lattanzio und Harry Stevens in der NZZ. Das würde den russischen Haushalt langfristig sprengen. "Insgesamt zeigen die verfügbaren Zahlen die enorme Belastung, die der Krieg in der Ukraine für Russland bedeuten wird, wenn die Waffen ruhen. Die Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen, die Versorgung körperlich verwundeter Soldaten und die Unterstützung ihrer Familien werden in den kommenden Jahrzehnten einen wichtigen Haushaltsposten darstellen und könnten zu einer politischen Schwachstelle für den Kreml werden, wenn er die Erwartungen der Veteranen und ihrer Familien nicht zu befriedigen vermag. Langfristig werden die gestiegenen Ausgaben in Verbindung mit instabilen Einnahmen den russischen Staat zu schwierigen Entscheidungen zwingen."
Die Proteste gegen die georgische Regierung, die mit ihrer Kreml-Nähe die Aussicht auf einen EU-Beitritt verspielt, gehen weiter. Im Standard-Interview mit Tigran Petrosyan spricht die georgische Schriftstellerin Nino Haratischwili über den Boykott gegen staatliche Wettbewerbe. "Jeder muss sich im Rahmen seiner Mittel aktiv gegen den russischen Einfluss stellen, und ein klares 'Nein' signalisieren - ob auf der Straße, in der Kunst oder in den Medien. Es muss nun alles boykottiert werden, was mit dem georgischen Staat im Zusammenhang steht. Das machen Kulturschaffende bereits, zum Beispiel das Schriftstellerhaus und das National Film Center in Tbilisi. Fast alle professionellen Kulturschaffenden, Regisseure sowie bekannte Autor:innen nehmen nicht mehr an staatlichen Literaturwettbewerben oder Kulturfestivals teil. Schriftsteller:innen weigern sich, das Land auf der Frankfurter Buchmesse zu repräsentieren. Ich schließe mich diesem Boykott an: Er demaskiert die Regierung, die dadurch an Autorität verliert."