9punkt - Die Debattenrundschau

Dieser Fortschrittsgeist

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.12.2021. Wir sollten den "Aufstand der Anstehenden" zur Kenntnis nehmen, mahnt die taz: Jeden Tag demonstrieren 900.000 Menschen für die Booster-Impfung. Bei den Riffreportern spricht Christian Drosten auch über die Öffentlichkeit, in der er sich äußert und bekennt seine Skepsis bei Interventionen von Geisteswissenschaftlern. Türkische Politik hatte immer ein taktisches Verhältnis zu Frauenrechten, erzählt die Historikerin Elife Biçer-Deveci bei geschichtedergegenwart.ch. In der NZZ fordert die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin, dass bei der Triage auch Eigenverantwortung und Selbstbestimmung der Patienten eine Rolle spielen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.12.2021 finden Sie hier

Europa

Wladimir Putin hat sich selbst zu Memorial geäußert und der Organisation vorgeworfen, in ihrer Datenbank der Stalin-Opfer Kollaborateure der Judenvernichtung aufzuführen, berichtet Friedrich Schmidt in der FAZ: "Memorial teilte bald darauf mit, man habe die drei Einträge in der Datenbank schon vor drei Monaten blockiert. Die Organisation war durch einen Hetzbeitrag in Putins Staatsfernsehen, der Memorial vorwarf, Mörder und Faschisten zu ehren, auf die Fälle aufmerksam gemacht worden. In der Datenbank seien mehr als drei Millionen Namen, so Memorial weiter: Fehler kämen vor, man bemühe sich, sie zu finden und zu verbessern - und könne 'nur bedauern', dass Putin nicht direkt bei Memorial nachgefragt und einer 'Sekundärquelle' vertraut habe." Für Schmidt haben solche Angriffe System: "Es geht darum, die Organisation vor einer breiten Öffentlichkeit zu diskreditieren."

Der belarussische Oppositionelle und ehemalige Kandidat für die Präsidentschaftswahlen Sergej Tichanowski ist zu 18 Jahren Lagerhaft verurteilt worden. Andere Oppositionelle sollen für 14 bis 16 Jahre in Haft. Deniz Yücel fordert in der Welt eine Verschärfung der Sanktionen, aber nicht nur gegen Belarus, in Anbetracht der Tatsache, "dass in Russland der international renommierten Menschenrechtsorganisation Memorial, die sich der Aufarbeitung der Sowjetzeit widmet, ein Verbot droht, während ein Vasallenregime des heutigen Russlands Strafen verhängt, die an die Verbrechen des Stalinismus erinnern. Daher muss der Westen wegen Belarus den Druck auf Russland erhöhen."

In der Türkei herrschte eine rasende Inflation, der viele Türken nur noch begegnen können, indem sie Schulden aufnehmen, schreibt Bülent Mümay in seiner FAZ-Kolumne. Die Rate der privat Insolventen sei in einem Jahr um 127 gestiegen: "Es wäre auch ein Wunder, wenn die Leute ohne Schulden über die Runden kommen würden. 70 Prozent der in der Privatwirtschaft Beschäftigten verdienen lediglich Mindestlohn oder beziehen ein vergleichbares Salär. Wie aber soll man mit dem Mindestlohn auskommen, der umgerechnet rund 180 Euro beträgt?"

Türkische Politik hatte immer ein taktisches Verhältnis zu Frauenrechten. Der Austritt aus der Istanbul-Konvention ist dafür nur das jüngste Beispiel, schreibt die Historikerin Elife Biçer-Deveci bei geschichtedergegenwart.ch. Sie erzählt die faszinierende Geschichte der türkischen Frauenbewegung, deren Pionierinnen schon im 19. Jahrhundert Wahlrecht forderten. 1935 tagte der Internationale Frauenbund in der Türkei, auch um die Modernität des Landes zu unterstreichen: "Doch bloß zwei Wochen später löste die Regierung den Türkischen Frauenbund auf. Die türkischen Frauen, so lautete die Begründung, hätten nun die gleichen Rechte wie Männer, deshalb sei eine unabhängige Organisation nicht mehr nötig. Zudem hätte der Türkische Frauenbund seine Funktion, die Fortschrittlichkeit der Türkei zu veranschaulichen, erfüllt und sei daher überflüssig geworden."
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Ideen

Dass sich die Ampelkoalition den Begriff "Fortschritt" auf die Fahne schreibt, findet Claudius Seidl in der FAZ gut, den für ihn leben wir in einer Epoche eines umfassenden Konservatismus, in dem es immer nur um Erhaltung geht: "Dieses Bewusstsein, dieser Fortschrittsgeist wäre schon deshalb so notwendig, weil ohne ihn das ökologisch Notwendige nur wie die Schwundstufe der Gegenwart aussähe, eine Verzichtsgesellschaft, eine Nachhaltigkeitshölle, ein Leben ohne Luxus, Verschwendung, Mode, in der alles Alte so lange geflickt und gewaschen und wiederverwendet wird, bis alle Formen und Farben verschwunden sind."

In der NZZ macht Brigitta Hauser-Schäublin auf einen kleinen Widerspruch bei den Impfgegnern aufmerksam: Beim Widerstand gegen das Impfen pochen sie auf Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Wenn sie sterbenskrank auf der Intensivstation landen, ist ihnen das nicht mehr wichtig, notiert die Ethnologin, die eine Überarbeitung der Triage-Regeln fordert, die die Eigenverantwortung der Patienten mitberücksichtigt. Denn wenn die Impfgegner "ernsthaft erkranken, erwarten sie intensivmedizinische Behandlung und akzeptieren Fremdbestimmung, indem sie bei der Triage Gleichbehandlung mit jenen Menschen verlangen, deren Anstrengungen um den Erhalt des Gemeinwohls sie torpediert haben. Die Triage-Kriterien tragen diesem Widerspruch nicht Rechnung, da sie die Person als Staatsbürger ausklammern. Von einer sich auf Eigenverantwortung und Selbstbestimmung im Namen der 'Freiheit' berufenden Person wäre zu erwarten, dass sie bereit ist, die Konsequenzen des eigenen Handelns zu tragen."
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Internet

Das Böse findet statt, weil es zuerst im Netz stattfindet, meint Helene Bubrowski in der FAZ. Sie zählt auch den halb öffentlichen Messengerdienst Telegram dazu: "Es war ein erster richtiger Schritt, dass die Bundesregierung klargestellt hat, dass Telegram sich wie Facebook behandeln lassen muss und nach dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz etwa zur Löschung strafbarer Inhalte verpflichtet ist. Plattformen, die wie Signal oder Threema nur individuelle Kommunikation anbieten, fallen unter dieses Gesetz nicht. Bei Telegram gibt es hingegen Kanäle mit Zehntausenden Abonnenten, und der Dienst ist längst eine Ausweichplattform für Nutzer, die anderswo wegen Hassrede gesperrt sind."
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Gesellschaft

Wir sollten den "Aufstand der Anstehenden" zur Kenntnis nehmen, mahnt Gereon Asmuth in der taz: "Sie haben sich längst zur Massenbewegung gemausert. Im Durchschnitt 900.000 Menschen lassen sich derzeit bereitwillig impfen. Tag für Tag. Es ist die größte Coronademo des Landes und wird doch leider zu oft übersehen, zu selten thematisiert."

Im Gespräch mit Kai Kupferschmidt von den Riffreportern denkt der Virologe Christian Drosten auch über den Zustand der Öffentlichkeit nach, in der er sich äußert. Über die Nachbarn von den geisteswissenschaftlichen Instituten hat er, ohne Namen zu nennen, nicht so Nettes zu sagen: "Ich sehe gar nicht, dass so viele Geistes- und Sozialwissenschaftler sehr informierend und engagiert in der Wissenschaftskommunikation sind. Da gibt es schon hier und da Kommentare, es gibt sicherlich auch Leute, die immer wieder auftreten. Es gibt aber - vielleicht auch, weil man sich da noch schwieriger an Fachgrenzen halten kann und an wirkliche Kompetenzfelder - schon sehr gemischte Botschaften, auch aus diesem Feld. Auch Botschaften, da muss man schon sagen: 'Moment. Wenn man sich jetzt ein bisschen mit der Infektionsbiologie befasst hätte, dann würde man das so nicht sagen.'"

Die Hochschulen werden derzeit in rasantem Tempo digitalisiert. Das wird geradezu ein neues Geschäftsmodell, meint Josef Joffe in der NZZ. Aber es wird auf Dauer nicht funktionieren: "Im Sommer meldete die Universität Manchester, dass alle Vorlesungen fürderhin Online stattfinden würden, Corona oder nicht. Wer braucht noch Hausmeister und Putzkolonnen, wenn man den Hörsaal an ein Startup vermieten kann? Was Manchester angeschoben hat, wird garantiert anderswo Schule machen, zumal die Studentenzahlen in Amerika absacken. Die berüchtigte 'Massenuniversität' zerfällt in Millionen von kleinen Nestern, wo der junge Mensch sagen kann: 'Mein Lehrer ist mein Mac.' ... Quem ad finem - wo soll das hinführen? Der Hype mit den Moocs (Massive Open Online Courses) ist vorbei, weil die Absolventenzahlen gen null tendierten. Es geht eben nicht ohne Betreuung und Ersatzfamilie - nicht bei Zwanzigjährigen, die die reale Welt noch entdecken müssen."
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