Efeu - Die Kulturrundschau

Eine haarsträubende Begegnung

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.12.2021. FAZ und Filmdienst erkunden in Jean Paul Gaultiers Ausstellung "CinéMode" in der Pariser Cinemathèque den schmalen Grat zwischen Kleidung und Verkleidung. Der Guardian blättert im British Museum Hokusais "Großes Bilderbuch von allem" auf. Die SZ berührt, wie nüchtern und ratlos Hakan Savas Micans in "Berlin Kleistpark" von Erfahrungen der Fremdheit erzählt. Der Standard entschwebt verträumt mit Alicia Keys' neuem Album "Keys"
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2021 finden Sie hier

Film

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Die gemeinsam mit Jean Paul Gaultier konzipierte Ausstellung "CinéMode" der Cinémathèque française über Film und Mode bringt einige Perlen aus den Archiven ans Tageslicht, freut sich (online nachgereicht) Marc Zitzmann in der FAZ, so etwa "Greta Garbos dreißig Kilo schwere Hofrobe aus 'Queen Christina', Marlene Dietrichs Soldatenhelm aus 'A Foreign Affair', Grace Kellys Cocktaildress aus 'Rear Window', Martine Carols Hochzeitskleid aus 'Lola Montès'. ... In ihren besten Momenten schafft die Schau Vexierbilder, zaubert Trompe-l'Oeil-Tableaus und schwindelerregende Spiegellabyrinth-Perspektiven herbei. Wer ist verkleidet, wer bloß gekleidet? Was ist Fiktion, was Realität? Womöglich gebären die beiden Dimensionen, wenn auf der Filmleinwand glücklich vermählt, ja dies: Kinokunst!"

Auch Filmdienst-Kritiker Jörg Marsilius schlenderte gerne durch diese Mode- und Filmwelten, verstand dabei aber auch rasch, "dass hier ein Modeschöpfer mit einer unverwechselbaren Handschrift als Kurator am Werk war. Einer, der dafür bekannt ist, dass er Innerstes (vulgo Unterwäsche) nach außen wendet, Geschlechterrollen neu definiert und feminine und maskuline Attribute der Körper-Inszenierung spielerisch verwischt. Und das alles mit einem naiv anmutenden Eklektizismus, bei dem man nie sicher sein kann, ob das noch ein quasi-idealistisches, genialisch-eruptives Gestaltungsbedürfnis ist, ein Ausdruck der inneren Notwendigkeit eines sensiblen Beobachters gesellschaftlicher Prozesse. Oder ob dieser Zugriff auf Mode nicht doch eine starke Prise schlitzohriges, postmodern geschultes Selbstmarketing enthält."

Szene aus "Amira"


Mohamed Diabs Film "Amira" sorgt in Jordanien und den palästinensischen Gebieten für viel Aufruhr, berichtet Peter Münch für die SZ aus Tel Aviv: "'Dieser Film ist eine Beleidigung', schimpft der palästinensische Kulturminister Atef Abu Saif. Er beschmutze die Ehre der palästinensischen Häftlinge in den israelischen Gefängnissen, urteilen diverse Aktivistengruppen im Westjordanland. Und aus dem Gazastreifen poltert die Hamas, dass dieser Streifen allein den 'zionistischen Besatzern' diene." Grund für all die Wallungen: In der Tragikomödie entpuppt sich eine aus einem israelischen Gefängnis herausgeschmuggelte Spermaprobe eines angeblichen "Freiheitskämpfers" - "in den Palästinensergebieten tatsächlich ein hochheiliges und obendrein höchst politisiertes Thema" - als in Wahrheit von einem israelischem Gefängniswärter beigesteuert.

Besprochen werden Paolo Sorrentinos "Die Hand Gottes" (taz), die Sky-Serie "Succession" (ZeitOnline), der neue Spider-Man-Film (Tsp, Welt) und der vom ZDF online gestellte Bismarck-Film "Kaiserspiel" (FAZ).
Archiv: Film

Kunst

Hokusai: Katzen und Hibiskus. Bild: British Museum

Zwischen 1820 und 1840 hat der japanische Meisterkünstler Hokusai eine fantastische Enzyklopädie erstellt, "Das große Bilderbuch von allem". Von der Kunstwelt war sie fast schon vergessen, erst 2019 hat das British Museum sie angekauft. Jetzt sind die 103 Zeichnungen zum ersten Mal überhaupt öffentlich zu sehen, und Laura Cumming ist im Observer einfach hingerissen: "Das erste, was man sieht, ist die Schachtel, in der die zarten Zeichnungen aufbewahrt wurden: ein winziges Haus für so viel Größe. Aber die Proportionen stimmen genau, denn die Zeichnungen sind nicht größer als Postkarten. Schwarzweiß, mit Feder und Tinte, ist jede Zeichnung so detailreich, dass sie selbst enzyklopädisch ist. Hokusai kann nicht mal eine Katze zeichnen, ohne einen exquisit detaillierten Hibiskuszweig hinzuzufügen, und dann noch eine weitere Katze, um eine haarsträubende Begegnung darzustellen. Seine Zeichnung eines Kamels enthält einen Orang-Utan, der aufmerksam auf seinem Rücken liegt, einen schlauen schwarzen Fuchs und einen Waschbären, der in den weißen Raum fliegt. Die Welt ist sowohl real als auch mythisch."

Besprochen werden eine Botticelli-Ausstellung im Pariser Musée Jacquemart-André (NZZ) und eine Schau zum dreihundersten Geburtstag der Berliner Hofmalerin Anna Dorothea Therbusch in der Berliner Gemäldegalerie (FAZ).
Archiv: Kunst