9punkt - Die Debattenrundschau

Nach allen Regeln der Kunst einseifen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.02.2018. Seit einem Jahr sitzt Deniz Yücel ohne Aklage in der Türkei in Haft, die taz bringt seine Texte aus dem Gefängnis. Wo sind die lockenden Kühe?, fragt die Berliner Zeitung die traurigen Matadore in der SPD-Arena. Der Tagesspiegel blickt nach Frankreich, von wo ihm eine ausgemergelte Vogelscheuche winkt. Die FAZ beobachtet beschämt die Kotaus des Dieter Zetsche vor Pekings Machthabern. Und der Guardian steht ratlos vor dem nordirischen Trilemma.

Medien

Seit einem Jahr sitzt der Journalist Deniz Yücel nun ohne Anklage in der Türkei im Gefängnis. Die taz bringt einen Auszug aus seinem Buch "Wir sind ja nicht zum Spaß hier". Darin schildert er auch, wie er das Schreibverbot umging, indem er Aufzeichnungen zunächst mit einer Gabelspitze in Bücher ritzte: "Ein paar Tage später ergab sich bei einem Arztbesuch ein unbeobachteter Moment: ein Stift direkt vor meiner Nase! Ich griff sofort zu und schmuggelte den Kugelschreiber an der Leibesvisitation vorbei in meine Zelle. Nur Papier hatte ich immer noch nicht. Aber ich hatte ein zweites Buch: 'Der kleine Prinz', türkische Ausgabe. Meine Dilek hatte sie den Anwälten mitgegeben. Ohne jeden Hintergedanken, außer vielleicht dem, uns beide an den großen Satz: 'Du bist für deine Rose verantwortlich' zu erinnern."

Weiteres: In der NZZ schildert Marc Neumann, wie Amerikas hervorragender öffentlicher Radiosender, das National Public Radio, immer wieder seine Hörer "nach allen Regeln der Kunst einseifen" muss, um Spendengelder zu akquirieren.

Verleger Dieter von Holtzbrinck hat den Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart rausgeworfen. In der FAZ kann sich Michael Hanfeld etliche Gründe dafür vorstellen, zum Beispiel auch publizistische Bruchlandungen, über die Steingart immer recht nonchalant hinwegging: "Wo er war, war oben". Und weiter: "Dass allein Steingarts Text Dieter von Holtzbrinck zum Einschreiten veranlasste, ist freilich schwer vorstellbar. Steingart schreibt stets mit dem Vorschlaghammer, er übertreibt maßlos, überzieht gezielt und ohne Gnade, macht keine Gefangenen und kein Hehl daraus, dass er sich für wichtig hält." In der SZ ziehen sich Caspar Busse und Claudia Tieschky mit einem ausgewogenen Report aus der Affäre.
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Stichwörter: Deniz Yücel, #FreeDeniz

Europa

Falls einige Sozialdemokraten noch auf eine Revitalisierung wie bei Labour mit Jeremy Corbyn hoffen, empfiehlt ihnen Pascale Hugue im Tagesspiegel den Blick nach Frankreich: "Auf der französischen Seite winkt eine ausgemergelte Vogelscheuche: Von der PS, der stolzen Sozialistischen Partei Frankreichs von Jean Jaurès, Léon Blum, Pierre Mendès France und François Mitterrand ist kaum mehr als eine armselige, in Lumpen gekleidete Kreatur geblieben. Eine Partei, die seit ihrer historischen Niederlage bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen nicht mehr aus dem Schwanken herauskommt."

In der Berliner Zeitung findet Arno Widmann nur noch traurige Bilder für das Schauspiel, das die SPD abgibt: "Beim spanischen Stierkampf wurden die Stiere getötet. Beim portugiesischen blieben sie am Leben und torkelten am Ende ein paar Kühen hinterher. Der Machtkampf in der SPD folgt dem portugiesischen Vorbild. Nur suche ich vergeblich nach den Kühen, die die Recken aus der Arena locken."

Im Guardian findet Naomi Long ganz richtig, dass die EU Druck auf London ausübt, das in der Nordirland-Frage ziemlich herumeiert: "Wir sehen hier ein echtes Trilemma: Die britische Regierung kann nicht behaupten, sie wolle eine harte Grenze vermeiden, die Zollunion und den Binnenmarkt verlassen und außerdem noch besondere Regelungen für Nordirland ausschließen."
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Gesellschaft

In der taz findet Heide Oestreich die MeToo-Debatte kein bisschen übertrieben, sondern im Gegenteil: Eher gehen ihr Erkunden und Überwinden sexistischer Strukturen nicht schnell und nicht weit genug: "Wenn sie etwa Menschen fragen, was sie mit Männlichkeit und Weiblichkeit assoziieren. Immer wieder kommt heraus: Stärke und Schwäche. Intelligenz und Gefühl. Härte und Weichheit, Macht und Ohnmacht, Kontrolle und Kontrollverlust. Konkret heißt das, dass Frauen auch heute abgewertet werden. Natürlich auch und ganz besonders von Frauen, die die Selbstentwertung ja tief verinnerlicht haben. 'Kein gutes Standing' nennt man das auch gern in professionellen Kreisen. Weibliche Intelligenz wird weniger anerkannt, Frauen wird weniger zugetraut, und ihnen wird weniger Macht zugeschrieben. Ja, trotz Merkel."
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Stichwörter: #MeToo

Internet

Mit Grauen blickt Bernd Graff in der SZ auf die Software, die unter dem Namen "Deepfake" in die Welt gesetzt wurde und Gesichter in Filme kopieren kann: "Face Swap nannte man das Verfahren, als es noch nur lustig war. Im Frühjahr des letzten Jahres tauschte eine künstliche Intelligenz auf Smartphones Doppelporträts mehr schlecht als recht gegeneinander aus: Hund gegen Herrchen, Luftballon gegen Mopsgesicht, so was. Nun aber sieht man ganze Filme mit Emma Watson, Scarlett Johansson und Natalie Portman, die sehr überzeugend in Hardcore-Kontexte eingebettet sind: 'Excellent and very convincing' seien sie, wie das Magazin Forbes es vornehm formulierte." Höchste Zeit, meint Graff, dass die Hersteller von Filmkameras unmanipulierbare Wasserzeichen erfinden.
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Politik

In der New York Times berichtet Matthew Rosenberg von einer weiteren Kapriole in der Russland-Affäre. Demnach haben amerikanischen Agenten einem russischen Spion Geld für Material über Trump und gestohlene Cyberweapons der NSA gezahlt - Cash in einem Berliner Hotel.

"Betrachte eine Situation von allen Seiten, und du wirst offener werden." Mit dieser Binsenwahrheit bewarb die PR-Abteilung von Daimler in China einen neuen Mercedes. Das Dumme: Der Spruch ist vom Dalai Lama.  Hendrik Ankenbrand berichtete gestern im Wirtschaftsteil der FAZ von den zahllosen Kotaus, die der Konzern seitdem vollführt hat, nachdem die Pekinger Volkszeitung Daimler als "Volksfeind" beschimpft hatte: "Am Mittwoch entschuldigte sich Vorstandschef Dieter Zetsche persönlich. In einem Brief an Chinas Botschafter in Berlin, Shi Mingde, den auch Daimlers China-Vorstand Hubert Troska unterzeichnete, bat Zetsche zum zweiten Mal 'aufrichtig' bei China um Verzeihung. Dabei blieb es nicht. Daimler habe 'keine Absicht, in irgendeiner Weise Chinas Souveränität und territoriale Integrität in Frage zu stellen oder anzuzweifeln', legte Zetsche nach." Und damit ist der Entschldigungsbrief keineswegs zuende. China scheint die Abhängigkeit Daimlers von seinem Markt auszukosten. Eine Parteizelle gibt's in der chinesischen Filiale sowieso längst.
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