9punkt - Die Debattenrundschau

Bestimmte Details

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.12.2017. Die #MeToo-Debatte reißt nicht ab. Salma Hayek erhebt in der New York Times Vorwürfe gegen Harvey Weinstein, auch der HipHop-Unternehmer Russell Simmons wird der Vergewaltigung beschuldigt. In der Zeit beschreibt Zeruya Shalev, wie sie bei einer Diskussion mit jungen Palästinenserinnen über die Möglichkeit des Friedens zur Verzweiflung getrieben wurde. Die SZ feiert die Wiederentdeckung des Landes durch den jungen Urbanismus.  Die Debatte über Antisemitismus in Deutschland geht in verschiedenen Medien weiter.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.12.2017 finden Sie hier

Gesellschaft

Auch Selma Hayek legt jetzt in der New York Times einen Essay über die sexuelle Gewalt vor, die Harvey Weinstein ihr angetan hat. Zu Beginn des Textes fragt sie selbst, warum sie sich nicht früher aussprach: "In Wirklichkeit versuchte ich mich davor zu bewahren, meinen Angehörigen einige Dinge zu erklären: Warum hatte ich, wenn ich schon erwähnte, dass ich wie viele andere von Harvey Weinstein belästigt worden war, bestimmte Details ausgespart. Und warum waren wir so lange Jahre so herzlich zu einem Mann, der mich so tief verletzt hat. Ich war stolz auf meine Fähigkeit zu verzeihen, aber die bloße Tatsache, dass ich  mich schämte, die Details dessen zu beschreiben, was ich verzieh, ließ mich fragen, ob ich dieses Kapitel wirklich bewältigt hatte." Die New York Times berichtet auch, dass nun auch der Hip Hop-Unternehmer Russell Simmons der Vergewaltigung und sexueller Belästigung beschuldigt wird.

In seiner Spiegel online-Kolumne analysiert Sascha Lobo den Antisemitismus in den sozialen Netzen: "Rechter wie linker Antisemitismus setzt auch im Netz auf das bewährte Rezept, Juden seien (inzwischen) die eigentlichen Unterdrücker, und zwar nicht nur militärisch in Israel, sondern auch finanzwirtschaftlich durch angebliche jüdische Kontrolle der Banken. Begriffe wie 'Finanzelite', 'Versklavung' oder 'Zinsknechtschaft' vermengen das Unbehagen mit dem Kapitalismus mit diffusen Verschwörungstheorien, die dann antisemitisch aufgelöst werden. " Sehr richtig, bloß warum bezieht Lobo das nur auf die sozialen und nicht auf die Mainstreammedien? Und etwa Spiegel online, wo sein Kollege Jakob Augstein gerade die Welt "auf dem Weg der Israelisierung" sah (unser Resümee)? 

Die Bloggerin Juna Grossmann wundert sich wegen eines wenig wahrgenommenen Details über die antisemitischen Ausschreitungen nach Trumps Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt: In der FAZ sagt sie, befragt von Fridtjof Küchemann: "Es wirkte für mich persönlich als gern genutzte Ausrede, endlich mal wieder loslegen zu können. Die Anerkennung West-Jerusalems als Hauptstadt Israels durch Moskau im Sommer hatte seltsamerweise keine Ausschreitungen zur Folge, sie wurde generell kaum wahrgenommen. Eigentlich ist alles ein schlechter Witz, wäre es nicht so dramatisch für die Welt."

Seit auf Kuba peu a peu das System der Libretta, der Heftchen, die die Güter des täglichen Bedarfs kontingentierten, abgeschafft wird, sind die Kubaner weniger glücklich, glaubt Klaus Leciejewski in der NZZ. Erstens werden sie von den Verkäufern fast immer betrogen und zweitens schaffen die Konsummöglichkeiten plötzlich Neid: "Mit dem Beginn des Zeitalters des Kaufens beginnt für die Kubaner auch das Zeitalter der individuellen Differenzierung. Das Glück, ein Paar neue, modische Schuhe zu besitzen, ist unabdingbar mit dem Neid des Nachbarn darauf verbunden. Kaufen produziert Unterschiede, Kaufen ist auf Abgrenzung ausgelegt. ... Bisher war den Kubanern das Leben als Selbstverständlichkeit gegeben, jetzt müssen sie es sich erkaufen."

Außerdem: Die Zeit druckt die Trauerrede Navid Kermanis auf seinen eigenen Vater.

Politik

In einem eindrücklichen Text beschreibt Zeruya Shalev in der Zeit, wie sie im Flugzeug einer Gruppe palästinensischer Mädchen aus Jerusalem bürgerlichen Ursprungs begegnete, die bestens erzogen waren, auch als sie ihre Ansprüche nicht nur auf ganz Jerusalem, sogar Haifa oder Tel Aviv anmeldeten - aber natürlich werde Shalev auch in einem solchen Palästina weiter in Frieden leben dürfen: "Offenbar kam ihnen überhaupt nicht der Gedanke, was für ein düsteres Regime dieses Land beherrschen könnte und welches Blutbad hier entstehen würde, nicht nur zwischen Juden und Palästinensern, sondern auch zwischen den verschiedenen palästinensischen Gruppierungen, und wie sehr die Menschenrechte verletzt werden könnten, ganz zu schweigen von den Rechten der Frauen, und wie viel besser ihre Situation war als die Situation gleichaltriger Mädchen in Syrien, im Irak und in anderen arabischen Staaten..."
Stichwörter: Shalev, Zeruya, Irak

Ideen

Durch immer neue Opfergruppen, die die Mehrheitsgesellschaft mit dem Vorwurf der Diskriminierung anklagen, höhlt sich dieser Begriff aus, schreibt der Soziologe Rainer Paris in der NZZ: "Heute .. wird der Begriff systematisch trivialisiert und ausgeweitet, so dass jede - tatsächliche oder auch nur gefühlte oder unterstellte - Benachteiligung, Abwertung oder Geringschätzung als Diskriminierung gebrandmarkt wird. Diskriminiert ist jetzt, wer etwas als Diskriminierung empfindet und andere der Diskriminierung bezichtigt."
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Kulturpolitik

"Herford, die Perle des Ravensberger Hügellandes, ist die Lösung", ruft Gerhard Matzig in der SZ. Jedenfalls was den Wohnungsbau angeht. Gelernt hat er das beim studentische Ideenwettbewerb "Wachstum in Kooperation: Neue Wohnraumangebote in der Region", was einen nicht wundert, denn Studenten können sich die Großstadtmieten heute noch weniger leisten als alle anderen: "Wer den Studenten, denen die Aufgabe gestellt war, über urbane Lebensräume abseits der eigentlichen Urbanitätsmaschinen, also jenseits der Großstädte, in der nordrhein-westfälischen Region nachzudenken, in die Entwürfe und Köpfe blickt, der entdeckt etwas Faszinierendes: das Land, nicht als abgehängten, nur zum Idyll taugenden Gammelraum der Gestrigkeiten, sondern als neues urban-vitales Lebensgefühl. In diesem Sinn ließe sich die 'Urbanität' von der 'urbs', der Stadt, entkoppeln. Urbanität ist mehr als nur Stadtraum. Urbanität ist eine Möglichkeitsform."

Außerdem: Andreas Kilb berichtet über gewaltigen Ärger beim beim Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden, dessen Direktoren versetzt wurden, wohl auch wegen allzu teuer Programmplanung - unter anderm plante das Museum eine Ausstellung über "Gewalt und Geschlecht", deren Budget allzu groß ausfiel.

Internet

Heute schaffen die USA die Netzneutralität ab. Svenja Berg berichtet in der taz und kommentiert: "Ohne Netzneutralität wird die Tendenz zur Marktdominanz weiter zunehmen - denn Google und Facebook können es sich leisten, mit den Telekommunikationskonzernen zu kooperieren. Für kleine Anbieter werden Aufwand und Kosten in der Regel zu hoch sein." The Verge publiziert einen offenen Brief der Direktoren New Yorker Bibliotheken gegen die Abschaffung der Netzneutralität.

Yannick Lebert stellt bei Netzpolitik ein Thesenpapier (hier als pdf-Dokument) des Verbraucherzentrale Bundesverbands vor, das eine Algorithmen-Kontrolle fordert: "Hintergrund der aktuellen Debatte ist, dass Algorithmen zunehmend über individuelle Lebenschancen entscheiden und von Staat und Verwaltung zur Steuerung von gesellschaftlichen Prozessen eingesetzt werden. Problematisch ist, dass die Mechanismen solcher Entscheidungen kaum nachvollziehbar sind."

Außerdem:(Via turi2) Sahil Patel berichtet bei Digiday, dass Facebook die Zeitungsverlage und große Internetmedien nicht mehr für Videos bezahlen will - bisher gab es eine Kooperation, bei der Zeitungen wie die New York Times immerhin 3 Millionen Dollar jährlich von Facebook bekamen. In Deutschland kooperiert etwa der Springer Verlag mit Facebook.

Europa

Silvio Berlusconi feiert in Italien ein Comeback. Wie das sein kann? Er hat die größte Wählergruppe angesprochen, erklärt Roberto Saviano in der Zeit: "Bei den jüngsten Kommunalwahlen ist Berlusconi der einzige Politiker gewesen, der sich an die Alten gewandt hat: Er ist auf die Bühne zurückgekehrt, hat von Heimtieren und Renten gesprochen und aus drücklich klargemacht, dass er mit den Jungen nicht reden will. Alle glauben immer, wer mit den Jungen redet, blickt nach vorn, wer mit den Alten redet, ist von gestern, doch das ist ein Irrtum. Berlusconi hat das begriffen ... Damit hat er sich einen entscheidenden Aspekt der italienischen Wirklichkeit zunutze gemacht, nämlich den, dass Italien ein Land alter Leute ist".

Medien

In einem eher vorsichtigen Artikel gehen Matthias Daum und Caspar Shaller in der Zeit der Frage nach, ob die NZZ nach rechts gerückt sei. Die Zeitung ist wegen neuer Akzentsetzungen und vieler Entlassungen ins Gerede geraten. Die Autoren sprechen auch mit dem Feuilletonchef René Scheu, der sich gegen das Links-Rechts-Schema wehrt: "Nur weil die AfD applaudiert, bedeute das noch lange nicht, dass man es auf die AfD-Sympathisanten abgesehen habe. Er kann nicht viel mit der Theorie anfangen, die NZZ habe eine publizistische Lücke rechts von der FAZ ausgemacht und versuche nun, diese zu besetzen. 'Das ist ein Hirngespinst. Es geht nicht um links oder rechts, es geht um Qualitätsjournalismus mit Neugierde und freiheitlicher Grundhaltung.'"

Diese Nachricht ist noch gar nicht richtig durchgedrungen: Die öffentlich-rechtlichen Sender haben einen Überschuss, hat die "Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten", kurz KEF, errechnet, die den Finanzbedarf der Sender überwacht. Peter Steinkirchner berichtet in der Wirtschaftswoche: "Stolze 549,7 Millionen Euro Überschuss haben die Experten für die Jahre 2017 bis 2020 bei den öffentlich-rechtlichen errechnet, bei Einnahmen in Höhe von 31 Milliarden Euro. Das ist nicht alles: Weil der Beitrag nicht wie von der Kommission vorgeschlagen, um 30 Cent auf monatlich 17,20 Euro gekürzt, sondern nach dem Willen der Bundesländer zuletzt bei 17,50 Euro eingefroren worden war, haben die Sender zusätzlich weitere 530 Millionen Euro auf der hohen Kante, die sie derzeit nicht ausgeben dürfen."

Außerdem: Stefan Niggemeier kritisiert in seinen Uebermedien die Entscheidung des WDR-Intendanten Tom Buhrow, Texte seines Sender im Netz zu reduzieren