9punkt - Die Debattenrundschau

Na, so zwischen sieben und vielleicht zwölf

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.12.2017. In der Welt analysieren Anne Appplebaum und Peter Pomeranzew russische Einflussnahme auf deutsche Politik. Die Sopranistin Edda Moser erinnert sich in der Welt, wie James Levine stets mit einem Tross von Jungen umgeben war. Die New York Times nimmt "Weinstein's Complicity Machine" auseinander. Das Metropolitan Museum hängt laut hyperallergic.com seinen Balthus nicht ab. Und endlich finden sittsam gekleidete Frauen auch ein passendes Emoji by Apple und Android, freut sich Netzpolitik.

Gesellschaft

Dieser Artikel kam zu spät für unsere gestrige Magazinrundschau. Ein ganzes Team hat für ein Riesendossier in der New York Times über "Weinstein's Complicity Machine" recherchiert. Die Anfangssätze in ihrer erhabenen Einfachheit: "Harvey Weinstein baute sich sein Komplizennetzwerk aus wissenden und unwissenden Helfern und denen dazwischen. Er bezahlte Ermöglicher, Schalldämpfer und Spione, die andere, die auf der Spur von Weinsteins Geheimnisse waren, warnten. Er umwarb jene, die Geld und Prestige mitbrachten, um seinen Ruf und seine einschüchternde Macht zu erhöhen."

Auch die Sopranistin Edda Moser hat sich nicht viel dabei gedacht, wenn James Levine mit einem Tross kleiner Jungen - "Na, so zwischen sieben und vielleicht zwölf Jahre alt" - rumzog, erklärt sie im Interview mit der Welt: "Wissen Sie, es war ja paradox, ich gehörte zu seinem allerengsten Künstlerkreis, dort redete man und fragte man nicht. Andererseits wurde ich gerade deshalb auch vom allgemeinen Tratsch des Opernhauses, den es sicher gab, ferngehalten. Denn man wollte es sich ja weder mit mir noch mit Levine verderben."

Katholische Kirche, BBC, Harvey Weinstein, James Levine - "die Fälle sind unterschiedlich, die Muster aber deprimierend ähnlich", meint Matthias Drobinski in der SZ: "Sexuelle Gewalt in solchen halböffentlichen Räumen braucht eine Struktur. Sie braucht Milieus, in denen sakrosankte Menschen in unangreifbaren Institutionen herrschen, fast immer Männer, die ihre eigenen Regeln schaffen oder Regeln brechen können - und in denen es ein Umfeld gibt, das dieses Sakrosankte fördert, akzeptiert oder zumindest schulterzuckend hinnimmt."

Einen wichtigen gesellschaftlichen Fortschritt notiert Markus Reuter in Netzpolitik: "Bislang konnten Millionen von Frauen, die einen Hijab tragen, kein passendes Emoji von sich benutzen. Denn ein Emoji einer Frau mit Hijab gab es nicht, es klaffte eine Repräsentationslücke. Das hat sich mit dem Schriftsatz Unicode 10 geändert. Das Kopftuch-Emoji ist auf dem iPhone seit dem Update auf iOS 11.1 verfügbar, unter Android ist das Emoji ab Version 8.0 integriert." Erfunden hat das Emoji ein Teenager aus Wien, die daraufhin vom Time Magazine "als eine der dreißig einflussreichsten Teenager der Welt" ausgezeichnet wurde.

Mit diesem Emoji können "sittsam gekleidete" Feministinnen ja auch vor einem Besuch im Metropolitan Museum New York warnen, das trotz einer Petition, die von 8.000 besorgten Bürgern unterzeichnet wurde, an dem Gemälde 'Thérèse Dreaming' von Balthus in seinen Hallen festhält, berichtet Laila Pedro im Blog hyperallergic.com: Die Petition kritisiert, dass das Museum, "indem es dieses Bild vor den Besuchermassen zeigt, Voyeurismus und die Verdinglichung von Kindern romantisiert, und das in einem aktuellen Klima sexueller Belästigung und immer neuer Beschuldigungen, die jeden Tag bekennt werden".

In der SZ unterhält sich Alex Rühle mit dem Tübinger Amerikanisten Michael Butter, Initiator eines Zentrums für "Comparative Analysis of Conspiracy Theories", über Verschwörungstheorien, die er wie üblich vorwiegend auf der politschen Rechten wittert: "Man findet Verschwörungstheoretiker in allen Ländern, quer durch alle Altersstufen und quer durch alle Bildungsschichten. Aber wenn man sich anschaut, wer solche Dinge momentan im Netz verbreitet und kommentiert, dann sind das meistens Männer über 40... Männer haben mehr zu verlieren als Frauen. Sie standen immer über den Frauen. Weiße standen automatisch über Schwarzen und Latinos, selbst wenn sie kein zu hohes Einkommen hatten. All das kommt ins Wanken, die Versorgerrolle, die Maskulinität an sich wird hinterfragt. Verschwörungstheorien sind eine Methode, auf die eigene Marginalisierung und Bedrohung zu reagieren."
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Geschichte

In der Welt gibt der Historiker Andreas Wirsching, Leiter des Instituts für Zeitgeschichte München, Götz Alys im Perlentaucher publizierter Kritik an der Aufarbeitungspraxis des Instituts zwar praktisch in allen wesentlichen Punkten Recht, aber so war der Zeitgeist eben damals, meint er. Das sei noch lange kein Grund für Alys von "Theaterdonner" und "martialischen Überschriften" begleitete "Skandalisierungsbemühungen": "In jedem Fall ist alles dies das Gegenteil eines seriösen Umgangs mit dem Holocaust in Wissenschaft und Öffentlichkeit. Kampagnen wie die von Aly inszenierte schaden am Ende allen Beteiligten und ermutigen auch die Trittbrettfahrer, die ganz andere Motive haben und nur darauf warten, den Holocaust zu relativieren." Nach diesem Argument mit dem Fallbeil fordert er "höchste Sensibilität" für den Umgang mit der Holocaust-Forschung, womit er wohl sein Institut meint.
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Europa

Die Osteuropa-Historikerin Anne Applebaum und der Journalist Peter Pomeranzev stellen in der Welt einen zusammen mit der London School of Economics und dem Institute for Strategic Dialogue verfassten Bericht vor über den Einfluss Russlands und der international agierenden alt-right-Bewegung auf die deutsche Bundestagswahl 2017: "Unser Befund: Die russischen Staatsmedien unterstützen Bewegungen auf der extremen Linken und der extremen Rechten gegen das deutsche 'Establishment'; im Gegenzug unterstützen diese Bewegungen die Agenda Moskaus. Diese sich wechselseitig verstärkende Dynamik ist ja auch in den USA und Frankreich beobachtet worden, auch wenn die Intervention in Deutschland weniger spektakulär war. Unsere Nachforschungen haben aber auch Versuche der 'Alt-Right' in den USA aufgedeckt, zusammen mit deutschen Akteuren koordinierte Kampagnen zur Unterstützung der AfD durchzuführen."

Die Ärztin Kristina Hänel ist zu 6.000 Euro Strafe verurteilt worden, weil sie darüber informierte, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Die Juristin Ulrike Lembke erklärt im Gespräch mit  Dinah Riese in der taz, warum das Informationsverbot gegen Grundrechte verstößt: "Der Schwangerschaftsabbruch ist unter bestimmten Umständen rechtmäßig oder zumindest straffrei - dann kann man nicht gleichzeitig die Information darüber verbieten. Schon 2006 hat das Bundesverfassungsgericht in einem anderen Fall erklärt: 'Wenn die Rechtsordnung Wege zur Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen durch Ärzte eröffnet, muss es dem Arzt auch ohne negative Folgen für ihn möglich sein, darauf hinzuweisen, dass Patientinnen seine Dienste in Anspruch nehmen können.' Internationale Studien zeigen, dass Verbote niemals die Zahl der Abbrüche verringern, sondern diese nur gefährlicher machen. Eine Informationssperre wird kein ungeborenes Leben schützen."
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Politik

Mirco Keilberth konnte für die taz nach Garabuli reisen, einem ehemaligen Ferienort unweit von Tripolis, wo Flüchtlinge aus dem subsaharischen Afrika in einem Ghetto gehalten werden und bei Bedarf an Arbeitgeber "verkauft" werden. "Als Sklavenhandel verstehen die Besucher den Handel keineswegs. 'Schließlich werden die meisten ja bezahlt, obwohl sie illegal hier sind', merkt ein Polizist aus Khoms an, der für die Renovierung des Gefängnisses einen Elektriker sucht. 200 libysche Dinar bietet er für einen stämmigen Mann aus Ghana, genauer gesagt für die Übergabe des Reisepasses. James sagt, der Ghanaer sei ein Kreditflüchtling, er sei einem Kollegen in der Wüstenoase Gatrun noch 500 Dinar schuldig und müsse die Summe nun abarbeiten."
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Ideen

In der NZZ fragt Norbert Bolz zum neunzigsten Geburtstag des Gesellschaftstheoretikers Niklas Luhmann: Was bleibt? Die Systemtheorie natürlich, auch wenn die mit dem Menschen ihre Schwierigkeiten hatte. Aber damit war Luhmann in der Soziologie keine Ausnahme: "'Der Mensch' erwies sich für die Soziologie schon früh als zu unscharfer Begriff - er wurde deshalb von Max Weber durch 'Handlung' ersetzt. Aber auch der Begriff 'Handlung' erwies sich dann als zu unscharf und wurde von Luhmann durch 'Kommunikation' ersetzt. Die Humanität seiner Systemtheorie bewährt sich nun aber gerade in diesem methodischen Antihumanismus. Denn nur eine radikal antihumanistische Theorie kann konkrete Individuen ernst nehmen. Die Austreibung des Menschen aus der Soziologie schafft Platz für die vielen konkreten Individuen."

Ebenfalls in der NZZ ermuntert der Philosoph Otfried Höffe dazu, sich wieder mit der philosophische Anthropologie zu beschäftigen: "Vielleicht waren ihre beiden Grundaussagen, die politische Natur des Menschen und die Sprach- und Vernunftbegabung, zu selbstverständlich geworden. ... Neuere Entwicklungen in der Forschungslandschaft legen nun jedoch dringend nahe, sich wieder mit ihr zu beschäftigen. Einerseits erwacht nämlich im Zeitalter der Biotechnik der Gedanke einer Selbsterzeugung des Menschen, der den stolzen Anspruch, die Krone der Schöpfung zu sein, gar noch übertrumpft. Andererseits läuft die von prominenten Hirnforschern vorgetragene Fundamentalkritik am Prinzip Freiheit auf das Gegenteil heraus, auf eine Selbstzerstörung des traditionellen Selbstbewusstseins."
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Überwachung

Gerade erklärte China auf der Welt-Internet-Konferenz in der Stadt Wuzhen, es wolle "der Zensur von Internetinhalten einen globalen Rahmen geben", berichtet Finn Mayer-Kuckuk in der FR. Wie weit die Chinesen damit in ihrem eigenen Land schon sind und welche Folgen das hat, berichtet Tiara Haktin auf Zeit online. "'Wenn jemand beispielsweise von der Polizei misshandelt wurde, gibt es in China faktisch keine offizielle Möglichkeit, dagegen vorzugehen', sagt Wang, 'aber über soziale Medien und Retweets von Onlinestars konnten Opfer Aufmerksamkeit für ihre Situation generieren.'" Das traut sich jetzt niemand mehr. Und: "Die Gesetze gehen mit neuen, undurchsichtigen Regeln dazu einher, was überhaupt noch gesagt werden darf. 'Wir sind es gewohnt, zu sehen, dass Kritik an der Partei zensiert wird', berichtet Lotus Ruan, Forscherin beim Citizen Lab an der Universität Toronto, 'doch während des Parteikongresses im Oktober verschwanden auf WeChat auch viele neutrale Äußerungen über Regierungspolitik.' Niemand weiß, welche Teile dieser Zensur WeChat von der Regierung vorgegeben wurden und für welche sich der Betreiber Tencent selber entschieden hat. An den Folgen ändert das nichts: Die strikte Kontrolle lässt keinerlei Raum für öffentliche Debatte, sagt Ruan."
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