9punkt - Die Debattenrundschau

Abwertung der Rationalität

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.09.2016. Es ist an der Zeit, "der Idee Europas eine Erhabenheit zurückzugeben", ruft der polnische Dichter Tadeusz Dabrowski in der NZZ. Nick Cohen schildert im Spectator, wie die Brexit-Scharlatane sie verrieten - und weiter verraten werden. Bei Zeit online beschreibt Barbara Nowacka die Entrechtung polnischer Frauen - Abtreibung ist verboten, Verhütungsmittel sind kaum zu bekommen.  Stefan Niggemeier zeigt in seinem Blog, wie Günther Oettinger Zeitungsverleger auffordert, in Sachen Leistungsschutzrecht Druck auf Journalisten auszuüben. Bei Spiegel online spricht Timothy Snyder über das Massaker von Babi Jar.

Ideen

"Es ist an der Zeit, der Idee Europas und seinen nationalen Kulturen eine Würde, eine Erhabenheit zurückzugeben, die keine Überheblichkeit oder Arroganz sein soll", schreibt der polnische Dichter Tadeusz Dabrowski in einem sehr dichten Essay in der NZZ. Überall in Europa kehrt der Nationalismus zurück, er "wächst auf der Welle der kulturellen Ununterscheidbarkeit - eines Marasmus, der seinen Ursprung in der Abwertung der Rationalität im Namen eines Kultes der Äquidistanz in den Geisteswissenschaften einerseits und einer Technokratisierung in der Naturwissenschaft andererseits hat. Selten zuvor hat es eine solche Kluft zwischen der Sphäre der Idee, der Moral, der Ethik und der Wissenschaft gegeben. In diesem Vakuum bleiben fundamentale Fragen unbeantwortet - sein oder haben, geben oder nehmen, leben oder funktionieren? Die Nationalismen versuchen, gestützt auf die Autorität der Religion, diese Fragen miteinander zu verknüpfen. Doch wie können sie erreichen, dass Pragmatiker wie Idealisten die Brücke nutzen und sich über dem Abgrund hin und wieder auf halbem Weg treffen?"

Auch Andreas Zielcke macht sich in der SZ Gedanken über den überall aufploppenden Neonationalismus in seiner grenzenlosen Austauschbarkeit und über Kultur als Kampfbegriff: "Werden aber kulturelle Merkmale zur Basis der nationalen Identität erklärt, mutiert Kultur zum Kampf- und Selbstverteidigungsinstrument. Zumindest in Europa vertrauen die nationalen Bewegungen nicht, was ja erstaunlich genug ist, auf die außerordentliche Verführungskraft der westlichen Kultur, die sie dank ihrer Modernität, ihres Reichtums und ihrer hegemonialen Bedeutung zweifellos besitzt. Vielmehr begreift man sie plötzlich ähnlich begrenzt und regional als 'abendländisch' und vergangenheitsorientiert wie ihr einwanderndes 'orientalisches' Gegenüber."

In der NZZ fordert der Historiker Heinrich August Winkler den Westen auf, seine Werte zu verteidigen und mit eigenen Verstößen streng ins Gericht  zu gehen.
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Europa

Nun greift doch mal ein größeres Medium das Thema Abtreibung in Polen auf. Bei Zeit online (nicht in der Zeit, die sozusagen zu den katholischen Medienhäusern gehört) schreibt die polnische Politikerin und Feministin Barbara Nowacka und macht klar, dass die Entrechtung der Polinnen nicht erst bei der Abtreibung anfängt:  "Es gibt keine Sexualerziehung in den Schulen. Verhütungsmittel sind sehr teuer, und Ärzte im öffentlichen Gesundheitswesen wollen sie nicht verschreiben. Das macht den Zugang gerade für bedürftige Frauen schwer. Und obwohl der Beischlaf selbst in Polen ab einem Alter von 15 Jahren erlaubt ist, ist es Mädchen unter 18 Jahren nicht erlaubt, ohne Zustimmung ihrer Eltern oder Erziehungsberechtigten ein Rezept zu bekommen."

Die Brexit-Scharlatane bleiben im Amt. Und nach dem Brexit werden rechtspopulistische Parolen weiter Konjunktur haben, glaubt Nick Cohen im Spectator: "Wenn wir Freizügigkeit akzeptieren, um im Gemeinsamen Markt zu bleiben, werden rechte Tories, Ukip oder die von Aaron Banks geplante britische Trump-Version die alten Melodien wieder anstimmen. Sie werden sagen, dass 'die Elite' den Leuten einen 'Dolchstoß in den Rücken' versetzt hätte. Selbst wenn wir tun,, was viele Mainstream-Politikler jetzt verfechten und den Gemeinsamen Markt zugunsten der Grenzkontrollen aufgeben, blieben die drei Millionen EU-Migranten, die viele so verstören, in Britannien."
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Geschichte

Vor 75 Jahren richteten deutsche SS-Leute und Polizisten dass Massaker von Babi Jar bei Kiew an und erschossen über 30.000 jüdische Zivilisten, ein entscheidendes Ereignis, sagt Timothy Snyder im Gespräch mit Florian Harms und Marc von Lüpke von Spiegel online: "Als Deutschland Wehrmacht, SS und Polizei in den Osten schickte, wusste die deutsche Führung noch nicht, dass ein Massenmord in diesem Ausmaß möglich war. Aber Babi Jar demonstrierte zusammen mit dem Massaker von Kamenez-Podolsk einige Wochen zuvor, dass die 'Endlösung' das Ausmaß annehmen konnte, das wir heute den Holocaust nennen."
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Medien

Eine ziemlich ungeheuerliche Passage hat Stefan Niggemeier in einer Rede des EU-Digitalkommissars Günther Oettinger vor Zeitungsverlegern aufgespürt. Er bedankt sich darin für die publizistische Unsterstützung seiner Pläne für ein EU-Leistungsschutzrecht in den Papierzeitungen, ist aber verärgert über Online-Journalisten und fordert die Verleger auf, Druck auf sie auszuüben: "In vielen Ihrer Häuser haben Sie Offline- und Online-Redaktionen. Und bei den Onlinern war die Reaktion relativ negativ. Nicht Zensur ist gefragt, aber Überzeugung, Argumente. Wenn Sie nicht als Geschäftsführer und Geschäftsführerinnen, als Verlegerinnen und Verleger in den nächsten Wochen kämpfen vor Ort, regional und lokal, dann haben Sie ein Zeitfenster für Ihre ökonomische und damit kulturell-demokratische Zukunft versäumt."

Niggemeier dazu: "Wow. Man kann Oettingers Sätze kaum anders verstehen, als dass er die Verlage dazu auffordert, ihre publizistische Macht dafür zu missbrauchen, öffentlich Stimmung für ein Gesetz in eigener Sache zu machen."

Der ehemalige CDU-Abgeordnete und jetzige Talkshowexperte Jürgen Todenhöfer hält sich gerade in Syrien auf und hat  auf Facebook ein Videointerview mit einem angeblichen Al-Nusra-Kämpfer namens Abu Al Ezz geführt, der behauptet, dass seine Bewegung Waffen aus Israel und den USA bekommen habe. Es spricht eine Menge dafür, dass dieses Video ein Fake ist, schreibt Lars Hauch  auf Carta: "Die Kämpfer, die Todenhöfer zu Beginn des Videos zu Abu Al Ezz geleiten, tragen nicht nur Uniformen der syrischen Armee, sondern sind glatt rasiert. Abu Al Ezz trägt einen goldenen Ring am Finger. Jihadisten würden niemals goldenen Schmuck tragen: Ihre strenge Auslegung der Scharia verbietet es ihnen. Abu Al Ezz' Rhetorik ist mehr als unüblich. Es fehlen die obligatorischen Floskeln und Redewendungen. Geotracker haben das Video analysiert und den Ort des Interviews glaubhaft lokalisiert: Gelegen im Süden von Aleppo und unter Kontrolle des Regimes von Präsident Bashar al-Assad." Todenhöfer war bereits früher durch pro-Assad-Äußerungen aufgefallen (unser Resümee).
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