9punkt - Die Debattenrundschau

Von radioaktiver Gruseligkeit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.09.2016. Der Schock über Facebook als Plattform der Öffentlichkeit und ihr hauptsächlicher Zensor sitzt tief. Inzwischen dürfen selbst Nutzer des Netzwerks das Foto des nackten kleinen Mädchens aus Vietnam sehen. Bei Facebook konzediert man, dass man diesmal nicht so sein will. Im Guardian empört sich die norwegische Ministerpräsidentin Erna Solberg über die Anmaßung der Plattform. Ebefalls im Guardian betont Marina Hyde, dass Facebook aktiv zensierte - nicht die Algorithmen waren schuld. Bei Libération spricht der große Alain Mabanckou über Frankreich und seine ehemaligen Kolonien.

Internet

Schwerpunkt Facebook

Selbst wer bei Facebook ist, darf künftig das berühmte Kriegsfoto mit dem nackten kleinen Mädchen Kim Phuc sehen, meldet Zeit online mit Agenturmaterial. Der Brief des Aftenposten-Chefredakteurs Espen Egil Hansen (unser Resümee) an Mark Zuckerberg hatte sich gestern weltweit in Windeseile verbreitet: Hansen hatte Mark Zuckerberg direkt auf seine Verantwortung in der Öffentlichkeit angesprochen. "Nun räumte Facebook Fehler ein: Obwohl auf dem Bild ein unbekleidetes Kind zu sehen sei, erkenne das Online-Netzwerk die historische Bedeutung des Fotos an." Ist ja sehr nett!

Facebook braucht Redakteure, um seine Algorithmen vom Redigieren abzuhalten, meint Jeff Jarvis, und Facebook, das Jarvis selbst nicht als Medium, sondern als Plattform ansieht, sollte privilegierte Beziehungen zu Medien aufbauen, schreibt Jarvis bei Medium.com: "Wenn es abweichende Meinungen gibt, und die wird es geben, dann sollte Facebook eine Methode - eine Person, einen Redakteur - haben, der im Namen der Firma verhandeln kann. Das externe Medium muss nicht immer gewinnen, schließlich handelt es sich hier um einen Service von Facebook, aber es muss angehört und respektiert werden."

Aber wie gesagt: Facebook hatte ja aktiv gehandelt und nicht nur einen Algorithmus handeln lassen, bringt Marina Hyde, die spitzeste Zunge des Guardian, in Erinnerung: "Wenn Facebook das Bild einmal zensiert hätte, wäre es unglücklich, aber Facebook hat es unendlich oft zensiert, und das ist von radioaktiver Gruseligkeit. Aber genau das hatte Facebook getan - viele Norweger hatten das Foto gepostet, um gegen die Zensur des Bildes zu protestieren, und es wurde jedes Mal entfernt. Darüberhinaus hatte das Netzwerk an den Chefredakteur der größten norwegischen Zeitung geschrieben und aufgefordert, das Bild von seiner Facebook-Seite zu entfernen - und dann doch lieber nicht auf eine Antwort gewartet und das Bild selbst entfernt." Hyde erinnert auch daran, dass wenige Wochen vor dieser Geschichte der Facebook-Investor Peter Thiel das Boulevard-Blog Gawker zu Tode geklagt hatte.

Sehr streng kommentiert auch die norwegische Ministerpräsidentin Erna Solberg, die das Foto ursprünglich gepostet hatte, diesen Fall im Guardian, die darauf aufmerksam macht, dass Facebook heute ein entscheidender Ort der Öffentlichkeit ist: "Wenn Facebook solche symbolischen Bilder löscht, die eine entscheidende Rolle bei der Veränderung des Blicks der Welt auf Krieg und Grausamkeit gespielt haben, dann verändert es Geschichte. Ich möchte, dass meine Kinder und andere Kinder in der Welt in einer Gesellschaft aufwachsen, in der Geschichte erzählt wird, wie sie war."

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Außerdem: In der SZ erklärt Kulturkritikerin Virginia Heffernan, warum sie das Internet magisch findet: "Es verwandelt Erfahrungen aus der physischen Welt, die hochgradig stofflich waren - wie etwa Briefmarken abzulecken, Wecker aufzuziehen oder mit dem Auto zum Einkaufen zu fahren - in reibungslose, schwerelose und fantastische Abstraktionen. Lawrence Lessig formuliert es so: 'Die digitale Welt hat mehr mit der Ideenwelt als mit der Welt der Dinge gemeinsam.'"
Archiv: Internet

Europa

Der faszinierende Autor Alain Mabanckou, der am Collège de France und der Universität von Los Angeles lehrt, spricht mit  Catherine Calvet und Philippe Douroux von Libération unter anderem über das Verhältnis zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien (er selbst kommt aus Kongo-Brazzaville, aus sehr einfachen Verhältnissen, wie er betont), und er erklärt, warum er François Hollande einen offenen Brief geschrieben hat: "Im Kongo sind die Schulen und Universitäten in einem katastrophalen Zustand. Es regnet in die Klassenräume.  Es war wichtig, an einen französischen Präsidenten zu schreiben. Frankreich sponsort nach wie vor aus Interessenpolitik und mehr oder weniger im Schatten afrikanische Diktatoren. Der Schlüssel der Integration von Afrikanern in der französischen Gesellschaft liegt auch in dieser Beziehung zu den Kolonien. Wenn Frankreich in diesen afrikanischen Staaten die politische Emanzipation förderte, gäbe es weniger Afrikaner, die im Mittelmeer ertrinken."

Till-Reimer Stoldt verteidigt in der Welt Aiman Mazyek und seinen Zentralrat der Muslime, der als einzige relevante Kraft unter den Muslimen in Deutschland nicht von der türkischen (oder einer anderen) Regierung ferngesteuert sei: "Zur Wahrheit gehört auch, dass Mazyek in der Vergangenheit schon vernehmlicher dafür geworben hat, dass Moscheegemeinden sich allein aus inländischen Quellen finanzieren und ausländischen Einfluss ablehnen müssten. Daraufhin prasselte die Kritik der anderen Verbände auf ihn nieder, während er auf Unterstützung der Politik weitgehend vergebens wartete."

Die Schweizer Islamforscherin Géraldine Casutt, die sich auf die Rolle der Frauen im Dschihadismus spezialisiert, spricht mit  Pierre Alonso von Libération über das gestern in Paris vereitelte Attentat, das von drei Frauen vorbereitet worden war. An sich sehe der "Islamische Staat" die Frauen nicht in der Kämpferinnen-Rolle, sagt sie, aber in Europa mache er schon mal eine Ausnahme. Ihre Motivitation sei die gleiche wie bei den Männern: "Man versteht nicht, wie sich westliche Frauen dem Dschihadismus zuwenden können: Diese Ideologie tötet die Freiheit der Frauen, was suchen sie dort? Aber sie schließen sich eben den gleichen Grundthesen und Überzeugungen an wie die Männer. Wenn es tatsächlich Ziel des Attentats war, den Tod des IS-Kämpfers  Al-Adnani zu rächen, dann hätte diese Begründung auch von den Männern des IS vorgebracht werden können."

"Was sagt es, wenn der Satz 'Die Sorgen der Leute ernst nehmen' bloß noch bedeutet, die Sorgen von Rechten ernst zu nehmen", fragt Peter Praschl in der Welt. "Es gibt ja Erfahrungen, wohin das Entgegenkommen führt. Bis vor dreißig Jahren war in Österreich die FPÖ eine Partei, die bei zehn Prozent herumkrebste. Dann kam Jörg Haider und startete seinen 'Feschismus', wie der Publizist Armin Thurnher die Kombination von rechtsrabiaten Positionen, halbwegs modernem Lifestyle und Selbstinszenierung als Popstar nannte. Mittlerweile sind die Volksparteien, die die FPÖ vor sich hergejagt hat, alle selbst ein wenig FPÖ geworden, doch die FPÖ ist stärker denn je."
Archiv: Europa

Ideen

Hans Ulrich Gumbrecht darf an seiner Uni keine jungen Kollegen und Doktoranden mehr betreuen, weil er einmal im öffentlichen Rahmen seine Tochter und ihre Freundin als besonders hübsch bezeichnet hatte. Seitdem gilt er als frauenfeindlich. Er möchte jetzt nicht jammern, erklärt Gumbrecht in der NZZ, die Studenten heute seien wirklich außerordentlich wissbegierig, "von intellektueller Atemnot kann überhaupt nicht die Rede sein".  Aber über die politischen Folgen dieser Art Nulltoleranz werde zu wenig nachgedacht, wenn immer mehr Menschen aus den verschiedensten Kulturen und Sprachen zusammenleben: "Ereignisse von Gewalt und ein Alltag permanenter Frustrationen werden dann, ungleich drängender als heute, zu Hauptbedrohungen unserer Existenz. Entweder die Individuen entwickeln eine hohe Frustrationstoleranz. Oder aber sie einigen sich auf eine Nulltoleranz gegenüber jeder Form von Gewalt und auf einen Stil des Verhaltens, der das Anderssein der anderen als Normalfall voraussetzt."
Archiv: Ideen
Stichwörter: Hans Ulrich Gumbrecht