Efeu - Die Kulturrundschau

Was die Köpfe unbedingt brauchen

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10.09.2016. Die Welt will in diesem Jahr keinen goldenen Löwen in Venedig verleihen. Olga Martynova denkt in der NZZ über Literatur und Religion nach. Die Jungle World analysiert ideologiekritisch den Makabrismus des Roald Dahl. Die Welt bewundert in Wien den leichthändig zwischen Kunst und Kommerz changierenden Franz von Stuck. Die Musikkritiker hören Nick Cave.

Film



Kein Goldener Löwe in diesem Jahr! Dafür plädiert in der Welt Hanns-Georg Rodek. Sein Argument: Kein Film setzt sich auseinander mit der auch die Filmkunst umwälzenden digitalen Revolution. "Schließlich "lautet der offizielle Titel des Events 'Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica', 'Internationale Ausstellung der filmischen Kunst'; nur davon, wie die Filmkunst auf die Dekonstruktion der sie umgebenden Welt reagiert, war bei Barbera fast nichts zu sehen. In seiner Eröffnungsrede erwähnte er, wie die virtuelle Realität 'um sich greift', und tatsächlich, in einem Nebenflügel des Kasinos standen 50 Drehstühle mit Virtual-Reality-Brillen, um das Leben Jesu in 360 Grad zu betrachten, in 'Jesus VR: The Story of Christ', dem ersten abendfüllenden Spielfilm in virtueller Realität. Er befindet sich, in seiner Erzählweise, circa auf dem Stand eines Stummfilms von 1916 (obwohl man Jesus predigen hört), die Bildqualität ist zum Erbarmen ... Das ist VR, das soll die Zukunft sein, aber in Venedig präsentierte sie sich so, dass man sie nicht erleben möchte."

Mit Emir Kusturicas "On the Milky Way", seinem ersten Film seit 12 Jahren, kommt das Filmfest Venedig zu seinem Abschluss. Dass der serbische Regisseur immer wieder denselben Film dreht, nimmt ihm FAZ-Kritiker Andreas Kilb richtig krumm. Einmal mehr jugoslawischer Bürgerkrieg, die frühen 90er, burleskes Treiben: "Kusturicas Phantasie ist in einer Zeitschleife gefangen, aus der es keinen Ausweg gibt, sie arbeitet sich rastlos an der Katastrophe des Landes ab, in dem er aufgewachsen ist."

Thomas Steinfeld hat bei der Balkan-Polka unterdessen lustig mitgewippt im Kinosessel: Weite Strecken lang sei der Film nämlich "mitreißend anzusehen", schreibt er in der SZ. Dennoch dient ihm auch "On The Milky Way" als Kronzeuge seines Festivalfazits: Die Filme dieses Jahrgangs zeichnen sich durch ein "Übermaß der ideologischen Ansprüche" aus - mit Ausnahme von Giuseppe Piccionis "Questi giorni" allerdings, "einem Glücksfall von Ehrlichkeit." Tazler Tim Caspar Boehme berichtet unterdessen von einem schwachen Wettbewerb, der allerdings zum Ende hin mit Andrei Kontschalowskis "Paradise" immerhin ein Schwergewicht vorweisen konnte. Auch Christiane Peitz kann im Tagesspiegel mit Pablo Larraíns "Jackie", in dem Natalie Portman Jackie Kennedy spielt, von einem späten Highlight berichten. In der Zeit berichtet Katja Nicodemus von ihren Filmsichtungen.

Zurück zum hiesigen Kinobetrieb: Für was öffnen die Filmförderer eigentlich ihre Portemonnaies? Zum Beispiel für Holger Haases Versuch, mit "Männertag" im Fichtelgebirge eine Art deutsche Version von "Hangover" zu drehen, wie uns Matthias Dell im Freitag informiert. So recht amused war er allerdings nicht: "'Männertag' erscheint als Beispiel dafür, wie sich die kontrollierte Verwüstung, die ein Film wie 'Hangover' anrichtet, als Gruppentherapie selbst domestiziert. Wo in den Vorbildern auf den Schlamm gehauen wird (Las Vegas), regiert hier inszenatorische und erzählerische Flickschusterei: Die im Prolog aufgesagten Kindheitsträume sind von ebenso trostloser Billigkeit wie die langweilige bayrische Landschaft, durch die das Bierbike rollt."

Taz-Literaturkritiker Dirk Knipphals gerät bei seiner Besprechung von Fatih Akins "Tschick" unterdessen sichtlich ins Lavieren: War schon okay, der Film, aber nicht ganz sicher ist er sich, "ob diese Verfilmung den Roman 'Tschick' nicht allzu eindeutig auf seine Feel-good-Momente hin gelesen hat."
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Bühne

An der Berliner Schaubühne hat Milo Rau mit dem Theaterabend "Empire" seine "Europa"-Trilogie abgeschlossen. Unter Einsatz von dokumentarischem Filmmaterial und unter Beteiligung prominenter Akteure wie Maia Morgenstern, die das Jüdische Theater in Bukarest leitet, und der geflohenen syrischen Schauspieler Ramo Ali und Rami Khalaf verbindert Rau darin die europäische mit der syrischen Geschichte. FAZ-Kritikerin Irene Bazinger konnte er nicht überzeugen: "Als Autor wie als sein eigener Regisseur verlässt sich Milo Rau auf ein selbstverständliches Einverständnis zwischen Stück, Akteuren und Zuschauern. So wirkt der Abend bei aller Brisanz in seiner rechtschaffenen Betulichkeit durchaus vorhersehbar. Er animiert bloß zum Nicken, nicht zum Denken, nicht einmal zum Mitfühlen."

"Ob man die Bilder zu Tode gefolterter Assad-Gegner auf die Bühnenleinwand projizieren darf", fragt sich währenddessen Andreas Fanizadeh in der taz und gibt sich die Antwort selbst: "Vielleicht muss man sogar. Denn es ist keine ferne griechische Tragödie, die sich in Syrien zuträgt und die ohne Bilder kaum wahrgenommen würde." Max Glauners Fazit im Freitag: "Die Botschaft lautet: Wir müssen zuhören und zusehen, bevor wir uns ans große Theater oder an die Politik machen."

Besprochen wird außerdem ein Frankfurter Auftritt der Dresden Frankfurt Dance Company (FR).
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Kunst

Die Filmkunst mag dem digitalen Zeitalter hinterher hinken, die Kunst sucht unterdessen unerschrocken den Geist in den Maschinen, schreibt Thomas Kramars in der Presse über die Linzer Ars Electronica: "'Radical Atoms' lautet das Motto, das Hiroshi Ishii vom MIT Media Lab, Organisator der gleichnamigen Ausstellung im Ars Electronica Center, beim Symposion mit großem Pathos erklärte: Hier seien die 'frozen atoms', dort die unberührbaren, aber flexiblen Pixel. Dazwischen sieht Ishii ein drittes Material: Die 'radical atoms' sollen zwischen Information und Materie vermitteln. Mit Atomen, wie heutige Physiker und Chemiker sie beschreiben, haben diese Entitäten offenbar nur indirekt zu tun: Ishii scheint sich eher Bauklötzchen oder Billardkugeln vorzustellen. Höchst robuste, haptische Gebilde, nicht angekränkelt durch Unschärfe oder ähnliche Quantenphänomene."


Franz von Stuck, Luzifer, 1890/1891 © The National Gallery, Sofia

Manuel Brug hat sich für die Welt die große, dem Maler Franz von Stuck (1863-1928)  gewidmete Ausstellung  im Unteren Wiener Belvedere angesehen und ist fasziniert, wie gut Stuck Kunst und Kommerz gleichermaßen bedienen konnte: "Die Nachfrage nach Griechisch-Römischem war damals wieder groß. Und Franz von Stuck lieferte. Hinreißend zu sehen, wie aus einer Vignettenvorlage eines Amors auf einer Schildkröte Zeichnungen und Gemälde von sehr individueller Kraft wurden, aber auch heute albern neorenaissancehaft anmutende Tischaufsätze und Kredenzstatuen der WMF aus Metall, Perlmutt und Marmor. Edles und Halbseidenes liegen bei Franz von Stuck immer eng beisammen. Er war ein Nonkonformist, wusste aber auch als geschmeidiger Karikaturist zu unterhalten und entwarf sogar Bildchen für eine Schokoladenfabrik."

Weiteres: In der NZZ berichtet Stefan Kobel von der Biennale des Antiquaires in Paris. Besprochen werden Gordon Parks' Fotoausstellung "I am You - Selected Works 1942 - 1978" im C/O Berlin (SZ) und die Ausstellung "Unter Waffen" im MAK Frankfurt (FR).
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Archiv: Kunst

Architektur

Die Renovierung der Villa Massimo ist geglückt, berichtet Peter von Becker kurz und bündig im Tagesspiegel. "Wesentlich sind die Erneuerungen in den seit einem Jahrhundert verblüffend modernen, im Kontrast zum historistischen Haupthaus als Vorrahmung schon des Bauhaus-Stils entworfenen Künstler-Ateliers. Bei ihnen wurden die Decken in den hohen, hallenden Räumen mit Schallschutz versehen - für Musiker und Komponisten, für die schreibenden oder malenden Nachbar-Stipendiaten (und ihre mitgereisten Familien) eine spürbare Verbesserung. "

Zum morgigen Tag des offenen Denkmals empfiehlt FAZler Andreas Rossmann einen Besuch der Maschinenhalle in der Zeche Zollern II/IV in Dortmund-Bövinghausen: Hier kann "zum ersten Mal seit zehn Jahren ein Bauwerk wieder besichtigt und bewundert werden, das wie wenige andere nicht nur ein Wahrzeichen der großen Industrie, sondern auch der Industriedenkmalpflege darstellt ... [Die Maschinenhalle] ist so etwas wie die Königin Mutter dieses kulturellen Erbes. Denn wenn es sie nicht mehr gäbe, gäbe es viele andere Industriedenkmale nicht mehr, und die Welt sähe - nicht nur im Ruhrgebiet - anders aus."

Weiteres: Der Mies van der Rohe Award geht an die Architekten der Philharmonie in Stettin, meldet Niklas Maak in der FAZ.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Mies van der Rohe, Bauhaus

Literatur

Olga Martynova spricht im Interview mit der Welt über ihren neuen Roman "Der Engelherd", die Euthanasiepolitik der Nazis und das Verhältnis von Literatur und Religion: "Paul Klee hat gemeint, die Kunst könnte an die Stelle der Religion treten. Es passiert etwas Vergleichbares in den Köpfen während der Rezeption der Kunst und während des Gebets oder der Meditation. Und das ist etwas, was die Köpfe unbedingt brauchen. Das ist vielleicht genauso notwendig wie der Schlaf. Eine Erholung und Neuordnung des Gehirns."

Zum hundertsten Geburtstag von Roald Dahl nimmt sich Magnus Klaue in der Jungle World den berüchtigten Makabrismus des Kinderbuchautors ideologiekritisch zur Brust: "Die makabren Kindergeschichten, die Edward Lear, Lewis Carroll, Robert Eustace und andere im 19. Jahrhundert schrieben, setzten schwarzen Humor als Form literarischer Imagination ein, als böse Korrektur an der Biederkeit der viktorianischen Kindheitsidolatrie, die deren Brutalität durch Übertreibung ins Bewusstsein rief. Bei Dahl werden Grausamkeit und Sadismus nicht als Formen literarischer Erkenntnis, sondern als päd­agogische Verstärker eingesetzt."

Für die taz hat Alem Grabovac ein langes Gespräch mit Sibylle Lewitscharoff geführt. Es geht um ihren Werdegang, ihren neuen (heute in der FAZ besprochenen) Roman "Das Pfingstwunder" und noch einmal um ihre umstrittenen Äußerungen zur Reproduktionsmedizin. Für die "Halbwesen" hat sie sich schon entschuldigt und entschuldigt sie sich noch einmal. Zur Anspielung auf die Kopulationsheime der Nazis steht sie aber: "Wenn Sie sich mal diese Kataloge durchblättern von diesen Samenbänken und was da favorisiert wird, da kommen Sie aber schnell auf komische Idealformen. Die Medizin ist auf gutem Wege, das Unschöne, die Behinderung, alles Nichtperfekte abzuschaffen, und darin sehe ich eine große inhumane Gefahr."

Für die SZ haben sich unterdessen Verena Mayer und Alex Rühle mit Karl Ove Knausgård zum Wochenendgespräch verabredet. Herausgekommen ist dabei in erster Linie ein Gespräch über den Werdegang des norwegischen Schriftstellers, das gegen Ende auch einen Ausblick auf die Zukunft gestattet: "Ich würde gerne dort neu anfangen, wo die klassische Erzählung endet. Aufgabe der Literatur ist es, dorthin zu gehen, wo die Geschichten nicht hinkommen. ... Es geht um Texte wie Handkes 'Jahr in der Niemandsbucht', ein Buch ohne Narrativ oder Drama, sondern über das Dazwischen, die Orte und Momente, die wir nicht schätzen, weil wir sie übersehen. Ich habe gerade vier Bücher mit kurzen Texten geschrieben, über einzelne Objekte, Reflexionen über eine Toilette, wie sie aussieht, über Kotze, den Himmel, die materielle Welt um uns herum, Liebe, Babys, Autos."

Weitere Artikel: Intellectures spricht mit Thomas Wohlfahrt von der literaturWERKstatt Berlin. Die taz bringt einen Vorabdruck aus Jörg Sundermeiers neuem Buch "Die Sonnenallee". Beim Deutschlandfunk kann man ein Radiofeature von Markus Metz und Georg Seeßlen über den Schriftsteller Eckhard Henscheid nachhören. Im Standard spricht Martin Prinz über sein Buch über die Enkelin von Kaiser Franz Joseph, Elisabeth Petznek. In der FAZ erinnert Tilman Spreckelsen an die Entstehung der von Hans Baluschek illustrierten Kinderbuchfassung von Gerdt von Bassewitz' "Peterchens Mondfahrt" vor rund 100 Jahren.

Besprochen werden unter anderem Peter Sloterdijks "Schelling-Projekt" (NZZ), Aris Fioretos' Roman "Mary" (NZZ), Han Kangs Roman "Die Vegetarierin" (NZZ), Aleksandar Hemons Roman "Zombie Wars" (NZZ), Alfred Hayes' "Alles für ein bisschen Ruhm" (NZZ), Andreas Webers Versuch einer Poetik für das Anthropozän "Enlivenment" (NZZ), Christian Krachts "Die Toten" (Standard, Welt, ZeitOnline), Tomer Gardis "Broken German" (taz) und Gerhard Jägers "Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod" (taz). Mehr auf Lit21, unserem literarischen Metablog.
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Musik

Mit seinem neuen Album "Skeleton Tree" arbeitet Nick Cave die Trauer um seinen im vergangenen Jahr tödlich verunglückten Sohn auf, erklären die Popkritiker. "Selbst ohne Kenntnis der Vorgeschichte gäbe es keinen Zweifel, dass hier Schlimmes passiert sein muss, so ermattet, wie erschlagen von einem bösen Schicksal, klingen die Songs", schreibt dazu Jörg Wunder im Tagesspiegel unter Verweis auf den Kontrast zum vorangegangenen, geradezu lebensbejahenden Album. Einen künstlerischen Höhepunkt in Caves Schaffen stelle "Skeleton Tree" trotz der "interessanten neuen Ansätze" allerdings nicht dar: Das Album ist "nicht das beste, eventuell aber das wichtigste in Caves Karriere." Frank Junghänel von der FR hat unterdessen Andrew Dominiks Dokumentarfilm "One More Time With Feeling" gesehen, der den Schaffensprozess des Albums begleitet. Weitere Besprechungen von Album und Film in der Welt, dem Standard und der Presse.

Weiteres: In der NZZ singt Corina Kolbe ein Loblied auf zwei europäische Jugendorchester, das European Youth Orchestra und das Gustav-Mahler-Jugendorchester. Im ZeitOnline-Gespräch mit Rabea Weihser erklärt Stephan Velten das Prozedere für den heute zum ersten Mal verliehenen, als Gegenpol zum kommrziellen Echo konzipierten Preis für Popkultur. Für die taz plaudert Gunnar Leue mit dem Sänger Gero Ivers alias Stumpen von Knorkator. Besprochen wird das neue Album der israelischen Northern-Soul-Band Men Of North Country (taz).
Archiv: Musik