9punkt - Die Debattenrundschau

Ein ungerichteter Zustand

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.03.2015. Wie konnte der Mord an Boris Nemzow in der direkten Nachbarschaft des Kreml geschehen, fragt die SZ. Bernard-Henri Lévy sieht Nemzow als den "hellsichtigsten Opponenten der rotbraunen Tyrannei, die über Russland kam".  Es waren verstörte und verängstigte Menschen, die gestern in Moskau demonstrierten, schreibt Zeit online.. Medium.com beschreibt, wie man per Anfrage beim Department of Homeland Security eine veritable Selfie-Sammlung erhält. Die NZZ zitiert einen wenig poetischen Ausspruch Ho Chi Minhs über China. Im Standard denkt Marlene Streeruwitz. Über Angst. Nach.

Europa



Dieses Foto von "Jay" wurde am Tag nach der Ermordung mit der Basilius-Kathdrale im Hintergrund aufgenommen. Es findet sich bei Flickr unter CC-Lizenz.

Niemand weiß, wer Boris Nemzow umgebracht hat, schreibt Bernard-Henri Lévy in La Règle du Jeu, "aber was man weiß, ist, dass ein derartiger Horror nur in einem Land geschehen kann, das seit zwanzig Jahren einer straflosen Staatsgewalt ausgesetzt ist." BHL hatte Nemzow nach dem zweiten Tschetschenienkrieg getroffen: "Ich erinnere mich an den ruhigen, fast logischen Zorn, mit dem er einige der grausamsten Episoden des Falls von Grosny in Erinnerung rief: Eine solche Radikalität war im demokratischen Lager, das bis hin zu Chodorkowski von großrussischem Nationalismus kontaminiert war, nicht sehr häufig. Und sie machte aus diesem jungen und leidenschaftlichen Mann den hellsichtigsten und vollständigsten Opponenten der rotbraunen Tyrannei, die über Russland kam."

Julian Hans macht in seiner Reportage in der SZ sehr deutlich, wie sicher sich die Mörder von Boris Nemzow gefühlt haben müssen: "Ein politischer Mord unter den Augen des Kreml. Von seinen roten Mauern sind zahlreiche Überwachungskameras auf den Tatort gerichtet. Keine fünf Gehminuten entfernt stehen die farbigen Türme der Basilius-Kathedrale, täglich vieltausendfach von Touristen fotografiert. Der Sitz des russischen Präsidenten und der Rote Platz gehören zu einer besonderen Sicherheitszone, wer hier mit einem politischen Plakat auftaucht, steht keine zwei Minuten, bis die Polizei ihn abführt. Bis Freitagnacht der erste Streifenwagen am Ort ist, dauert es zwölf Minuten."

Frank Nienhuysen bemerkt ebenfalls in der SZ, dass Putins absurde Beliebtheit (86 Prozent Zustimmung!) nicht über die tatsächliche Stimmungslage in Moskau hinwegtäuschen kann: "Es ist eine Zeit des Misstrauens, des Hasses, der Angst - auch der Angst Moskaus, dass aus einem Protestkeim eine Protestbewegung erwachsen könnte."

Für Zeit online schreibt Johannes Voswinkel über die gestrigen Demonstrationen in Moskau: "Es war nicht die Opposition, die sich gestern in Moskau zu einem machtvollen Trauermarsch versammelte. Es waren verstörte und verängstigte Menschen, die ernsthaft ihre letzte Würde zu verteidigen suchten."

Masha Gessen schreibt in der New York Times: "Aller Wahrscheinlichkeit hat niemand im Kreml diesen Mord direkt angeordnet - und genau darum markiert der Mord an Nemzow den Beginn einer neuen und beängstigenden Periode in der russischen Geschichte. Der Kreml hat in jüngster Zeit eine Armee von Rächern hervorgebracht, die glauben im besten Interesse des Landes zu handeln und die ohne direkte Anweisung agieren."

In einem Interview in der taz, das Klaus-Helge Donath allerdings schon vor der Ermordung Boris Nemzows führte, sieht die russische Aktivistin Olga Romanowa wenig Hoffnung für Russland: "Alles hängt von der Entwicklung in der Ukraine ab. Verliert die Ukraine, haben auch wir keine Chance. Kann die Ukraine den Krieg anhalten, der EU näher rücken oder den Bankrott abwenden, haben auch wir den Hauch einer Chance. Ich rufe den Westen auf, der Ukraine zu helfen."

Richard Herzinger analysiert in der Welt mit Blick auf Deutschland einerseits und die osteuropäischen Länder andererseits die sehr unterschiedlichen Stimmungslagen gegenüber Russland: Während die osteuropäischen Nationen "das Nachgeben der Sowjetunion als Resultat ihres langen, beharrlichen Freiheitskampfes betrachten, dominiert in Deutschland die Vorstellung, der friedliche Umsturz sei in erster Linie der Einsicht und Großmut Gorbatschows zu verdanken."
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Überwachung



(Via David Pachali) Eine regelrechte Selfie-Sammlung erhielt Runa A. Sandvik, nachdem sie gemäß dem Freedom of Information Act alle Daten über sich einforderte, die bei ihren Einreisen in die USA erhoben werden. Die Auskunft wurde ihr vom Department of Homeland Security erstattet. Bei Medium.com schreibt sie: "Mit den Fotografien kam ein 21-seitiges Dokument über alle Begegnungen, die ich mit dieser Behörde hatte. Meistens fanden diese Begegnungen an Flughäfen statt, aber es gibt Daten über Begegnungen in Amtsbüros im Rahmen des Global Entry Program. In diesem Zusammenhang hat die Behörde kürzlich ein Programm aufgelegt, das es erlaubt, ähnliche Daten über US-Bürger zu sammeln."
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Stichwörter: Homeland, Medium.com, Selfies

Politik

Im Tagesspiegel vermutet Rolf Brockschmidt, dass der Islamische Staat mit der Zerstörung antiker Statuen in Mossul vor allem deren Preis in die Höhe treiben wolle: "Denn die Ausgrabungsstücke, die der Islamische Staat nicht zerstört, die verkauft er. "

Erstaunlich und seltsam liest sich, was Kamel Daoud in seiner Kolumne im Quotidien d"Oran über Proteste gegen Fracking in Algerien, in der Stadt In Salah, mitten in der Sahara, schreibt: "Wie man hört, haben Demonstranten ein Camp umzingelt, in dem die Amerikaner wohnen, die das Gas fördern wollen. Ohne ausreichende Informationen um zu verstehen, bleibt der Norden Algeriens ratlos: Man weiß nicht, wer recht hat oder nicht, also schluckt man und zappt weiter... Die Bilder von den Konfrontationen in In Salah sind entwürdigend, traurig, erregen Unmut und Zorn: Diese Leute sind schon nackt, nun behandelt man sie wie besiegte Indianer."

In der NZZ beschreibt Matthias Messmer, mit welchem Unbehagen die südostasiatischen Länder Chinas machtpolitische Avancen beobachten. In Vietnam zum Beispiel kann man die Chinesen gar nicht leiden: "Landschaft und traditionelle Lebensweise in Chinas südwestlichster Provinz Guangxi unterscheiden sich kaum von Vietnams Grenzregionen im Norden, was wohl auch Ho Chi Minh gelegen kam, als dieser in den dreißiger Jahren im damaligen, von Chiang Kai-schek kontrollierten China Asyl fand. Doch damit sind die Gemeinsamkeiten schon fast erschöpft: "Besser fünf Jahre lang französische Kacke riechen als ein ganzes Leben lang chinesische Scheiße essen", soll Ho Chi Minh einmal und nicht gerade staatsmännisch über das Nachbarvolk gesagt haben."
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Ideen

Gewohnt feurig attackiert Marlene Streeruwitz im Standard eine Politik, die erst die Angst kreiert, gegen die sie uns dann helfen will: "Die Angst braucht eine kurze Formel. Es muss ja ein Schrei werden. Die Angst erlaubt keine Differenzierungen. Und Angst. Das verstehen dann auch gleich alle mit allem Verständnis. Eine Person behauptet Angst und die Politik, die horcht hin. Die nimmt ernst... "Angst vor dem Terror", "Angst vor sinkenden Preisen", "Keine Angst vor Barça." Angst ist ein ungerichtetes Gefühl. Ein ungerichteter Zustand. Es müsste heißen "Furcht vor dem Terror", "Furcht vor sinkenden Preisen", "Keine Furcht vor Barça". Während Angst eine allgemeine Gefühlslage bedeutet, die den Impuls zur Flucht auslösen soll, ist die Furcht das Unbehagen, das auf bestimmte Erscheinungen bezogen auftritt. Aber. Wie würde das aussehen. "Ich fürchte mich vor dem Terror." Das klänge ehrlich."
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Stichwörter: Marlene Streeruwitz