9punkt - Die Debattenrundschau

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Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.01.2015. Der Bürgerrechtler Wolfgang Templin warnt in der taz vor einer humanitären Katastrophe in der Ostukraine. In Frankreich wird diskutiert, ob der Faschismus eine französische Erfindung war, berichtet die NZZ. Kai Diekmann erklärt im Tagesspiegel, weshalb die Bild auf mobilen Geräten gegenüber anderen Zeitungen im Vorteil ist. Und Spiegel Online meldet: Das Internet macht gar nicht dumm, sondern schafft Raum für neuen Stoff im Oberstübchen.

Politik

Der Bürgerrechtler Wolfgang Templin erstattet in der taz Bericht von seinen Beobachtermissionen in die umkämpften ostukrainischen Gebiete um Luhansk und Donezk. In den Separatistenhochburgen konnte er einen von Moskau gesteuerten Strategiewechsel beobachten: "Ein Teil der aus Russland stammenden Führung der Separatisten ist in den Hintergrund gerückt, darunter Leute mit langjähriger FSB-Erfahrung wie Igor Girkin alias Strelkow (Schütze). An ihre Stelle sind nun möglichst präsentable Personen aus den Reihen der einheimischen Separatisten getreten. Damit wie mit den Scheinwahlen Anfang November wird ein Zustand von Pseudostaatlichkeit zementiert, der in der Konsequenz nur den Krieg am Leben erhalten kann. Doch in der "Volksrepublik Luhansk" konkurrieren verschiedene Clanchefs untereinander, es herrschen weiter blankes Chaos und offener Terror. Dort bahnt sich eine humanitäre Katastrophe an."
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Medien

Nachdem er sich 2013 bereits fast ein Jahr im Silicon Valley nach digitalen Geschäftsideen umgesehen hat, absolvierte Bild-Chefredakteur Kai Diekmann nun eine Asien-Reise. Im Tagesspiegel erzählt er Sonja Álvarez, wie die zunehmende Nutzung mobiler Geräte den Journalismus verändert - und welchen Standortvorteil die Bild dabei hat: "Dabei profitieren wir von einer Stärke, die wir schon hatten, bevor es Twitter und 140 Zeichen gab: Wir können uns kurz fassen und Geschichten in wenigen emotionalen Worten und mit starken Bildern erzählen."
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Internet

Als "eine Art Ebay des Whistleblowing" beschreibt Tamara Marszalkowski in der FAZ das geplante Onlineportal Slur, auf dem Geheimnisse anonym versteigert werden sollen: "Dass diese Plattform mit dem Streben nach Transparenz, das sich die Macher auf die Fahnen schreiben, nichts zu tun hat, ist ziemlich offensichtlich. Den Käufern ist es schließlich selbst überlassen, was sie mit den erworbenen Informationen tun. Dazu können die geleakten Daten auch von den Personen ersteigert werden, die vielleicht das meiste Interesse an ihrem Besitz haben: den Betroffenen. Am Ende steht nicht die Transparenz, sondern die Monopolisierung der Information im Dienst des Profits und der Kriminalität. Denn wie lassen sich die geheimen Informationen ein zweites Mal zu Geld machen? Durch Erpressung."

Anders als es Frank Schirrmacher einst vermutete, zermantscht uns das Internet das Gehirn nicht, schreibt Nora Schultz bei Spiegel Online unter Bezug auf eine neue Studie: ""Das (digitale) Abspeichern von Daten, die man sich sonst merken müsste, erleichtert das Lernen neuer Informationen", schreiben die Forscher im Fachblatt Psychological Science. Wie ein digitaler Besen schafft der digitale Speichervorgang Raum für neuen Stoff im Oberstübchen."
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Europa

Weil die Aufgabe der Staatsführung nicht darin bestehe, zu entscheiden, wer "ehrenvoll" sei und wer nicht, sondern darin, die "Ankurbelung des Wachstums in Frankreich" voranzutreiben, hat der französische Starökonom Thomas Piketty die Ernennung zum Chevalier der Légion d"honneur abgelehnt, berichtet Rudolf Balmer in der taz. Finanzielle Einbußen sind mit der Absage nicht verbunden: "Nur die für ihre soldatischen Verdienste aufgenommenen "Ritter" erhalten eine jährliche Rente in der Höhe von derzeit … 6,10 Euro, und einen Teuerungsausgleich gibt es auch. Mit der Ungleichheit vergrößert sich der Undank der Nation - das kann die Ehrenlegion bei Piketty im Detail nachlesen."
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Gesellschaft

Als ein "starkes Zeichen" würdigt Andreas Rossmann in der FAZ die Entscheidung des Domprobstes Norbert Feldhoff, die Beleuchtung des Kölner Doms während der für Montag angesetzten Pegida-Demonstration abzuschalten: "Die Dunkelmänner von der Pegida lässt der Dom am Montag im Dunkeln stehen."

Als der wie der amerikanische Autor und Journalist Daniel Genis nach zehn Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde, fühlte er sich wie der aus zwanzigjährigem Schlaf erwachte Rip Van Winkle aus Washington Irvings Märchen, schreibt er in der SZ: "Jeder außer mir kannte die Gesten, mit denen man einen Touch Screen bedient, als ich entlassen wurde. Aber das Allererste, was ich auf dem Highway wahrnahm, der mich aus den Wäldern heimführte, in denen Irvings Holländer schlief und der Staat New York seine Gefängnisse baut, war, dass die Autos auf europäische Größe geschrumpft sind."
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Geschichte

Seit der israelische Politologe Zeev Sternhell seine bereits 1983 viel diskutierte These, der Faschismus sei eine französische Erfindung, kürzlich noch einmal in einem Gesprächsband wiederholte, tobt in Frankreich eine Faschismus-Debatte, berichtet Marc Zitzmann in der NZZ. Der Sammelband "Fascisme français?" setzt sich nun kritisch mit Sternhells These auseinander: "Das Fazit des Bands ist hart: Sternhell argumentiere tendenziös, indem er von gezielt ausgewählten Details unzulässige Rückschlüsse aufs große Ganze ziehe; er stelle vermeintliche historische Zusammenhänge als zwingend hin; er beschränke sich auf das Reich der Ideen und abstrahiere von allen realen Geschehnissen. Solcherart habe er einen "imaginären Faschismus" konstruiert."
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Stichwörter: Faschismus, Zeev Sternhell