Efeu - Die Kulturrundschau

Gespenster zum Leben

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10.10.2014. Das war eine Überraschung, auch für die Literaturkritiker, aber dann sind doch alle zufrieden mit dem Literaturnobelpreis für den französischen Autor Patrick Modiano. Nur die taz fragt: Warum nicht Hoellebecq? Warum machen deutsche Verlage Amazon keine Konkurrenz, fragt auf NDR Kultur Julia Franck. Die FAZ ärgert sich über mediokres Touristentheater an der Wiener Staatsoper. Die NZZ begutachtet Einfamilienhäuser in Tokio. Die taz schwingt das Tanzbein mit Caribou, SZ und NZZ wippen zum Calypso Craze.

Literatur

Stockholm hat entschieden: Der Literaturnobelpreis geht in diesem Jahr an Patrick Modiano (hier unsere gesammelten Buchnotizen zu seinen in Deutschland erschienenen Werken und hier eine Leseprobe bei "Vorgeblättert" aus seinem zuletzt auf Deutsch erschienenen Roman). Eine Überraschung. Nachdem unsere Laudatoren sich gefangen haben, steht eines für sie fest: Modianos bestimmendes Thema ist die Erinnerung - vor allem an die deutsche Besatzung Frankreichs. Modiano ist kein Nostalgiker, erklärt Fokke Joel von ZeitOnline, ihm geht es um das "Geheimnis vergangenen Lebens", dem er "mit kreisenden Bewegungen" auf die Spur zum kommen versuche. "Seiner Prosa genügen einfache Sätze, manchmal sogar die bloße Aufzählung von Fakten. Eine Schreibweise, die trotzdem zu einem eleganten Stil führt und eine eigentümlich melancholische Atmosphäre erzeugt. Eine Melancholie, die Ausdruck des Aufbäumens gegen den Tod, gegen das Verschwinden ist."

Gerrit Bartels vom Tagesspiegel freut sich ganz besonders über diese Entscheidung, denn diese sei ganz der Literatur und keiner politischen Instrumentalisierung verpflichtet: "Nicht immer sollte die Literatur instrumentalisiert werden, sie hat ihre eigene Wahrheit, ihr eigenes Wesen. Die diesjährige Vergabe zielt auf eine ihrer Hauptsubstanzen, geht sie doch an einen Meister der Erinnerungsliteratur, an einen Erinnerungsfetischisten." Denn "Modiano liest die Spuren menschlicher Existenz aus den unscheinbaren Objekten einer Straßenkreuzung, einer Hinterhoftreppe oder eines Bartresens", schwärmt Joseph Hanimann in der SZ.

Auf Rue89 macht Xavier de La Porte deutlich, dass Patrick Modiano ein sehr eigenwilliges Verhältnis zur Gegenwart hat, das La Porte jedoch schön und wahr zugleich nennt: "Auf die Frage, ob das Internet dazu beitragen kann, die Vergangenheit zu vergegenwärtigen, antwortete Modiano in einem Gespräch mit seinem Verlag Gallimard: "Das Internet ist wahrscheinlich ein kostbares Werkzeug, um unbewusste Verbindungen aufzudecken oder auch um Gespenster zum Leben zu Erwecken. Doch oft ist das Internet ohne jeden Nutzen, denn so leicht lassen sich die Gespenster nicht aufstöbern." Die beiden Sätze sind wunderbar in ihrer Widersprüchlichkeit."

In der NZZ würdigt ihn Thomas David als "Autor einer melancholischen Melodie, die wie Herbstlaub durch seine Romane weht", und Ingeborg Waldinger beschreibt Modianos Romane als "Versuch, eine Bresche in die Zeit zu schlagen, denn: "C"est l"oubli le fond du problème, pas la mémoire."" Auch in der taz weiß Hans-Jost Weyandt die melancholische Flüchtigkeit der von Modiano evozierten Bilder zu schätzen, Rudolf Balmer berichtet über die überraschten Reaktionen in Frankreich. In der FR bekennt Modiano-Übersetzer Jörg Aufenanger, absolut süchtig nach den Romanen des Autors zu sein. In der Welt schreibt Andreas Rosenfelder. In der FAZ schreiben Jörg Altwegg und Nils Minkmar. Außerdem bringt die SZ einen kleinen Vorabauszug aus Modianos im November bei Hanser erscheinendem Roman "Gräser der Nacht". In der taz fragt Dirk Knipphals: Warum nicht Houellebecq?

Alle beklagen sich über Amazon, aber niemand zeigt mal ein bisschen Initiative, wenn es um den Internetbuchhandel geht. Im Gegenteil: Warum verlinkt der Spiegel eigentlich alle Bücher auf seiner Bestsellerliste mit Amazon?, fragt die Autorin Julia Franck bei NDR Kultur: "Erstaunlich für ein Nachrichtenportal. Es generiert an dieser Stelle keine eigene Nachricht, verweist nicht zum Urheber, sondern macht einem einzelnen Händler und seinen Produkt- und Serviceinformationen Platz." Und warum, fragt Franck weiter, gründen die Verlage keine gemeinsame Handelsplattform in Konkurrenz zu Amazon? "Würden alle Verlage Amazon boykottieren, müssten sie sich nicht an deren Konditionen binden, sondern könnten sämtliche Gewinne aus dem Handel in ihre eigenen Unternehmen, in Inhalte, Leserschaft, Kundenfreundlichkeit und die Erzeuger der Literatur investieren."

Weitere Artikel: "Wirklich alles wie immer - jedenfalls fast", atmet Gerrit Bartels vom Tagesspiegel in seinem Bericht vom Kritikerempfang in der Frankfurter Suhrkamp-Villa zufrieden auf. Für die SZ war Christopher Schmidt vor Ort. Gabriel Haefs empfiehlt in der Jungle World finnische Romane. In der taz berichtet Tim Caspar Boehme von der Frankfurter Buchmesse, wo man über die wirtschaftlichen Veränderungen der letzten 25 Jahre, die DDR und Amazon diskutiert. Joachim Güntner besucht für die NZZ die Autoren-Lounge auf der Buchmesse. In der Welt fordert Ralf Schweikart eine Reform des Deutsche Jugendliteraturpreises.

Besprochen werden Rolf Hosfelds Biografie über Heinrich Heine (FR), Cameron Stewarts Comic "Sin Titulo" (Tagesspiegel), Hilary Mantels "Die Ermordung Margaret Thatchers (Berliner Zeitung), Astrid Dehes und Achim Engstlers Eichmann-Roman "Nagars Nacht" (FR), Tomas Espedals "Wider die Natur" (FAZ) und Barbara Yelins Comic "Irmina" (SZ).
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Bühne



Richtig ungehalten reagiert Reinhard Kager in der FAZ auf Kasper Holtens "Idomeneo"-Inszenierung an der Wiener Staatsoper, die er auf vielen verschiedenen Ebenen für gescheitert erklärt. Und er fordert den Kopf des Intendanten Dominique Meyer, unter dem sich das Haus seiner Ansicht nach ins Zweitklassige abgewirtschaftet habe. "Angesichts des zunehmend desaströser werdenden Zustands der Staatsoper muss sich Österreichs Kulturminister Josef Ostermayer, der in der Causa Burgtheater jüngst so entschlossen reagierte, allmählich die Frage gefallen lassen, wie er weiterhin solch ein sündteures, künstlerisch jedoch mediokres Touristentheater verantworten kann."

Besprochen wird Necati Öziris im Ballhaus Naunyn in Berlin aufgeführte Komödie "Die Vorhaut" (Berliner Zeitung).
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Kunst


Moya Moya von Fumihiko Sano. Bild: Dezeen, wo das Haus von allen Seiten betrachtet werden kann

Selbst im Zentrum von Tokio gibt es eine ganze Menge Einfamilienhäuser, berichtet Ulf Meyer in der NZZ. Um den knappen Raum zu nutzen - "die zulässige Mindestbreite der Wohnhäuser beträgt in Tokio zwei Meter! " - werden zum Teil raffinierte architektonische Lösungen entwickelt: "Das beste Beispiel für den neuen Umgang mit der eigenen Tradition ist das Haus "Moya Moya" im Tokioter Vorort Higashi-Kurume. Der Architekt Fumihiko Sano hat das Haus mit einem Schleier umgeben, der den weißen Kubus dahinter nur erahnen lässt. Das haushohe Netz aus Edelstahl verhüllt den Bau und schafft eine semitransparente Grenze zur Umgebung. Die beiden Edelstahlschichten erzeugen einen Moiré-Effekt. Innen geht es traditioneller zu: Die Bauherrin nutzt ihr Haus zum Wohnen und als Schneiderwerkstatt für Kimonos."

Mit einem kraftvollen Akkord beginnt Simon Baur in der NZZ seine Besprechung der Sophie-Taeuber-Ausstellung in Aargau: "Die von Thomas Schmutz kuratierte Ausstellung zum Werk Sophie Taeubers im Aargauer Kunsthaus setzt neue Maßstäbe. Die Künstlerin wird darin nicht nur als aktive Lehrerin, Dadaistin und Lebensgefährtin von Hans Arp gezeigt, die Ausstellung macht vielmehr deutlich wie viel Energie Sophie Taeuber in ihre Gesamtkunstwerksideen investierte und wie sehr ihre Kunst das ästhetische Verständnis in der Schweiz bis heute prägt."

Weiteres: Die Documenta wird ab 2017 nicht mehr nur in Kassel, sondern dauerhaft auch in Athen stattfinden, meldet Nicola Kuhn im Tagesspiegel. Eine Entscheidung, die insbesondere in Nordhessen für "Unverständnis [und] Entrüstung" sorgt, wie Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung bemerkt.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Egon Schiele und Jenny Saville im Kunsthaus Zürich (NZZ) und eine Ausstellung über das Motiv der Kathedrale in der Kunst im Wallraf-Richartz-Museum in Köln (SZ).
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Film

"Peter Handke geht ins Kino" lautet der Titel einer vom Autor selbst kuratierten Reihe im Wiener Metrokino, die neben viel John Ford auch europäisches Autorenkino und Komödien umfasst. Für FAZ-Filmkritiker Bert Rebhandl "ein ästhetisches Manifest und zugleich ein praktischer Versuch, über die unterschiedlichen Möglichkeiten des Schreibens und des Erzählens in bewegten Tonbildern nachzudenken."

Annett Scheffel trifft sich für die SZ mit Chadwick Boseman, der im Biopic "Get on Up" James Brown spielt.

Besprochen werden Antoine Fuquas Thriller "The Equalizer" (FR, Perlentaucher), Lone Scherfigs "The Riot Club" (Tagesspiegel), Edward Bergers "Jack" (FR) und Zach Braffs "Wish I Was Here" (Tagesspiegel).
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Musik

Das neue Album von Caribou fällt zwar gewohnt kopflastig aus, was es dennoch nicht davon abhält, direkt ins Tanzbein zu gehen, meint Stephanie Grimm in der taz. "Dass Snaith offensiver auf den Dancefloor lockt und seine Verspieltheiten eine Ebene tiefer verbuddelt hat, ist etwas verschenkt, denn der in Kanada aufgewachsene, in London lebende Mathematiker versteht es, seine Frickeleien in den Dienst einer guten Idee zu stellen. Er ist kein Guck-mal-was-ich-wieder-Obskures-ausgegraben-habe-Streber."

Hier eine Hörprobe:



Weitere Artikel: In der Welt berichtet Kai Luehrs-Kaiser unter der tollen Überschrift "Mezzosopranistin knackt russischen Noten-Tresor", dass Cecilia Bartoli in St. Petersburg Werke italienischer Komponisten in Zarendiensten aufgespürt und eingespielt hat. In der Berliner Zeitung plaudert Anne Lena Mösken mit Erlend Øye über dessen Zeit in Berlin, als er dort noch unter dem Namen The Whitest Boy Alive reüssierte. Eric Pfeil übt für sein Poptagebuch beim Rolling Stone neue Tanzmoves ein. In der FAZ schreibt Eleonore Büning über die Verleihung des Birgit-Nilsson-Preis an die Wiener Philharmoniker.

Besprochen werden das neue Album von Iceage (Pitchfork), ein Livealbum von Ahmad Jamal und Yusef Lateef (taz), die Edition "The Beatles in Mono" (Welt) und die sechs CDs, eine DVD und ein dickes Begleitbuch umfassende Box zum "Calypso Craze" in den 50er und 60er Jahren (NZZ, SZ), dem sogar Robert Mitchum erlag:



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