9punkt - Die Debattenrundschau

Das Internet in Teilen ersetzen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.08.2014. So gut wie alle Medien befassen sich irgendwie mit Israel, Hamas und dem Antisemitismus, den der Guardian vor allem auf dem Kontinent verortet, ohne Großbritannien zu vergessen, wo ein Abgeordneter seinen Wahkreis zur "Israel-freien Zone" erklärt. In Frankreich fordern linke Intellektuelle um Régis Debray Sanktionen gegen Israel.Die NZZ macht sich Sorgen um junge Tunesier, die lieber in Syrien als auf dem Weg nach Europa sterben. Die Zeit hofft auf die App Firechat, mit der man ein Netzwerk jenseits des Internets - und der Gotteskrieger des Islamischen Staats - formen kann.

Gesellschaft

Jon Henley berichtet im Guardian über steigenden Antisemitismus in Europa und zitiert vor allem Vorfälle in Frankreich, wo innerhalb einer Woche acht Synagogen angegriffen wurden, und in Deutschland: "Französische Juden verlassen Frankreich in größerer Anzahl, sie führen Antisemitismus und die Wahlerfolge des rechtsextremen Front national an." In diesem Jahr werden wohl 5.000 französische Juden nach Israel auswandern, meldet die Jüdische Allgmeine.

Die Polizei untersucht Äußerungen des Abgeordneten George Galloway von der linkspopulistischen Respect-Partei, schreibt der Guardian in anderem Kontext. Es geht um eine Rede, "in der Galloway seinen Wahlkreis Bradford zur "Israel-freien Zone" erklärt hatte. Der Abgeordnete hatte Parteimitgliedern am Samstag gesagt, dass israelische Touristen in Bradford nicht willkommen seien. Die Polizei von West Yorkshire sagte, dass sie zwei Klagen erhalten habe und nun die Äußerungen Galloways untersuche."

In Le Monde fordern linke Intellektuelle um Régis Debray, den Médecin sans frontières Rony Brauman und den Soziologen Edgar Morin Sanktionen gegen Israel: "Wir wissen nicht, ob der russische Präsident Wladimir Putin oder einer seiner Untergebenen die Boeing 777 der Malaysian Airlines abgeschossen haben. Aber es gibt bereits fünf mal so viele unschuldige Zivilisten, die in Gaza getötet wurden, und auf sie wurde sorgfältig und auf Anordnung einer Regierung gezielt... Kann man zugleich Putin verurteilen und Netanjahu freisprechen?" Auch in Deutschland gibt es einen Auruf einiger "Kulturschaffender", die die Öffnung der Grenzen von Gaza fordern.
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Überwachung

Constanze Kurz macht in ihrer Maschinenraum-Kolumne in der FAZ auf wirtschaftliche Konsequnzen der Geheimdienstaffären aufmerksam, nachdem Microsoft und andere Internetanbieter verpflichtet wurden, auch europäische Daten an die amerikanische Regierung auszuliefern: "Vertraut man als Unternehmen etwa die eigenen Daten einem Cloud-Anbieter an, weiß man zwar nicht genau, wo sie nun eigentlich in den vernetzten Wolken des Internets sind, aber kann immerhin darauf hoffen, dass die Vertragspartner schon gut darauf aufpassen. Dieses Versprechen ist nun ganz offiziell nicht mehr einhaltbar."
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Internet

Im Kampf gegen die Social-Media-Propaganda der IS-Miliz blockierte die irakische Regierung im Juni 2014 das Internet im eigenen Land, viele Iraker fanden allerdings schnell eine Kommunikations-Alternative, schreibt Johannes Wendt in der Zeit. Die App Firechat, bisher noch nur über Bluetooth und Wifi-Direct nutzbar, könnte die nächste digitale Revolution bedeuten: "Niemand würde hinter dieser Funktion ein mächtiges Tool vermuten, das Zensur verhindern und freien Meinungsaustausch ermöglichen kann. Aber genau das ist sie. Sie ist sogar so mächtig, dass sie das Internet in Teilen ersetzen könnte. Denn sie erlaubt unabhängig von der Infrastruktur des Internets den Aufbau eines alternativen Netzwerks. Solche alternativen Netze werden Mesh-Netzwerke (mesh networks, übersetzt etwa: vermaschtes Netz) genannt."
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Politik

Uri Avnery kann in der FR die den Feind dämonisierende, "ohrenbetäubende Kakophonie" der israelischen Medien nicht mehr hören. Er fordert: "Geben wir doch zu, dass unser gegenwärtiger Feind mit großem Mut und Erfindungsgeist kämpft. Fast auf wunderbare Weise funktioniert ihre zivile und militärische Kommandostruktur noch gut. Die zivile Bevölkerung unterstützt sie trotz ihres immensen Leids."

Im Gespräch mit Martina Doering in der Berliner Zeitung berichtet Abbu Sitta Fawaz von den Zuständen in Gaza, vor allem bei jungen Leuten herrscht "geistige Stagnation, auch Angst, Depression, Traumata und Hoffnungslosigkeit. Die Menschen verrohen. Es gibt keine Kulturveranstaltungen, keine Feste, auch die familiären Kontakte leiden. Fälle häuslicher Gewalt nehmen zu."

Auch Jakob Rieken warnt in der taz vor dem Rechtsruck der israelischen Regierung: "Eine Parlamentarierin der Regierungspartei HaBajit haJehudi fordert, palästinensische Mütter zu töten, damit sie keine weiteren "Schlangen gebären". Man sei schließlich im "Krieg gegen das palästinensische Volk". Der Industrieminister meint: "Ich habe in meinem Leben schon viele Araber getötet - und das ist kein Problem.""

Viele junge Männer aus den Maghrebstaaten, vor allem aus Tunesien, flüchten aus Perspektivlosigkeit nach Europa oder in den Jihad, schreibt Beat Stauffer in der NZZ. So absurd wie auf den ersten Blick erscheint die Alternative gar nicht, denn neben "komfortableren" Aufnahmebedingungen im Jihad, gilt: "Auch die Art des möglichen Todes dürfte in den Augen vieler junger Maghrebiner klar für den Jihad sprechen. Zwar sind beide Optionen riskant; doch während der Tod im bewaffneten Jihad als ehrenvoll und bedeutsam erfahren wird, ist er bei der gefährlichen Überfahrt übers Meer bloß banal - gewissermaßen ein letztes Scheitern eines Lebensprojekts."

Die taz bringt ein großes Dossier zu den Präsidentschaftswahlen in der Türkei. Jürgen Gottschlich erklärt Tayyip Erdogans Strategie: "Ganz offen setzte er nun ausschließlich auf die religiösen, konservativen Sunniten. Die säkulare Bevölkerung und die Aleviten wurden unterdrückt. Eine Ausnahme bildeten die Kurden. Mit dem Argument: "Wir sind alle sunnitische Muslime", leitete Erdogan einen Friedensprozess mit der PKK ein und versucht seitdem, diese Minderheit auf seine Seite zu ziehen."

Weiteres: Die Welt druckt einen Essay der Chruschtschow-Enkelin Nina, in dem sie Parallelen zwischen Putin und Breschnew nach dem Einmarsch in Afghanistan findet: "Indem er sich selbst faktisch zum Staat macht, wird Putin - ebenso wie die Gerontokratie, die mit Gorbatschows Aufstieg stürzte - im Laufe der Zeit für alle Staatsversagen verantwortlich gemacht werden." In der taz fordert Deniz Yücel europäische Unterstützung der Kurden im Kampf gegen den islamischen Staat.
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