Efeu - Die Kulturrundschau

Im Leben geht es nun mal um nichts

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08.08.2014. Seit den Gezi-Protesten blüht die Lyrik in der Türkei, berichtet Dradio Kultur. In der taz erklärt Gerhard Seyfried, wie deutsche Soldaten durch den Ersten Weltkrieg kamen: Alle auf Speed, ja. Die NZZ begutachtet die der Glasgow School of Art übergestülpte nordische Kiste von Steven Holl. In Revolver erklärt Harun Farocki, warum die Filmwelt heute eine Feudalgesellschaft ist. Bis ins Letzte durchdachte Irrelevanz sieht die nachtkritik im Musiktheater "Der Schatten" von Chilly Gonzales und Adam Traynor. Die SZ lauscht Evgeny Kissin, der Schubert mit Beethovenscher Kraft in den Griff will.

Kunst


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Ulf Meyer besucht für die NZZ das Reid Building in Glasgow, ein Werkstattbau, den der New Yorker Architekt Steven Holl kühn über Charles Rennie Mackintoshs Glasgow School of Art gesetzt hat. Britische Journalisten konnten sich nicht damit anfreunden, Meyer widerspricht: Innen gibt es überall riesige Fenster mit Nordlicht und miteinander verwobene Werkstätten, außen dominiert der Kontrast: "Während Mackintosh die Fassaden der Kunstschule mit rotem Sandstein umhüllte und mit den für ihn typischen pechschwarzen Metalldetails überhöhte, hat Holl eine im äußeren Erscheinungsbild nordisch unterkühlt wirkende, aalglatte Kiste entworfen, deren Doppelfassade aus 800 transluzenten Glaspaneelen mit leichtem Grünstich, offenen Fugen und Edelstahl-Halterungen besteht. Die matte Außenhülle sollte den prominenten Mackintosh-Bau auf keinen Fall spiegeln."

Weitere Artikel: Im Art Magazin stellt Sophie Jung den Künstler Koki Tanaka vor, der mit seinen Performances und Videos soziale Beziehungen untersucht. Peter Richter trifft für die SZ die gerade 99 Jahre alt gewordene Künstlerin Carmen Herrera. In der FAZ stellt Hansgeorg Hermann das neue Museum für zeitgenössische Kunst in Athen vor, das sich nun im Gebäude der ehemaligen Fix-Brauerei befindet.

Besprochen werden eine Ausstellung der Plakate Klaus Staecks auf rund 300 Litfaßsäulen in Berlin (Berliner Zeitung, Tagesspiegel), die Ausstellung "Georg Spalatin - Steuermann der Reformation" im Residenzschloss Altenburg (SZ), die Richard-Avedon-Ausstellung im Museum Brandhorst in München (FAZ).
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Literatur

(via Lyrikzeitung) Die Gezi-Proteste in der Türkei haben der Lyrikszene einen richtigen Aufschwung verpasst, berichtet Ceyda Nurtsch im Deutschlandradio Kultur. So besteht für den Dichter Mehmet Altun die größte gesellschaftliche Auswirkung darin, dass Dichter und Schriftsteller wie Turgut Uyar oder Oğuz Atay wiederentdeckt wurden: "Das Verlangen nach Literatur, die den realen Umständen Rechnung trägt, wächst, sagt er. So werden Verszeilen als destillierter Ausdruck eines bestimmten Gefühls, das seine Entsprechung in der Realität hat, seit letztem Sommer über Twitter, aber auch als Graffiti verbreitet. "Ich erinnere mich an ein Graffiti: Bei Gezi bin ich der Selbstmord des Jessenin. Würde man alle Graffiti zusammennehmen, hätte man eine lückenlose Anthologie. Hinter jedem Vers verbarg sich eine tiefe Bedeutung und gleichzeitig eine konkrete Praxis, die auch durch Kameraaufnahmen archiviert wurde.""

Für seinen Roman "Verdammte Deutsche" hat sich Gerhard Seyfried ganz besonders auch den Drogenkonsum der Soldaten im Ersten Weltkrieg recherchiert, wie er gegenüber Ambros Waibel im taz-Gespräch erklärt: "Alle auf Speed, ja. Im Ersten Weltkrieg war das Opium aber die Ausnahme für die U-Boot-Fahrer und für die Luftschiffer. Sonst natürlich als Schmerzmittel. Kokain konnte man in der Apotheke kaufen. Das war ein bisschen verbreitet im Offizierskorps, aber nicht sehr. Was auffällt, ist der ungeheure Kaffeeverbrauch."

Weitere Artikel: Jetzt online beantworten fünf Kritiker und Kritikerinnen der Zeit Fragen zu Dave Eggers" neuem Roman "Der Circle", der sich kritisch mit der Transparenz- und Informationsgesellschaft befasst. Für die FAZ besucht Verena Lueken den Autor Richard Ford, der einen Kurzgeschichtenband über die Verhehrungen des Hurrikans "Sandy" geschrieben hat.

Besprochen werden Johannes von Müllers "Einen Spiegel hast gefunden, der in allem Dich reflectirt" (SZ), Hermann Kinders "Der Weg allen Fleisches" (Berliner Zeitung), Brittani Sonnenbergs "Heimflug" (Berliner Zeitung) und Franzobels Kriminalroman "Wiener Wunder" (FR).
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Film

Harun Farockis Tod (mehr) lässt die Feuilletons auch weiterhin nicht los. In der Jungle World schreibt Ulrich Kriest einen ausführlichen Nachruf auf den Filmessayisten: "Die Auseinandersetzung mit den Arbeiten Farockis bietet die Gelegenheit, eine undogmatische linke intellektuelle Biographie nach 1968 nachzuvollziehen, die vielleicht exemplarisch, wenngleich nicht unbedingt verallgemeinerbar sein dürfte: Von der Ideologie zur Weltanschauung, vom Materialismus zum Strukturalismus, vom Hinarbeiten auf die Revolution zu deren Abwicklung (»Videogramme einer Revolution«, 1990), von der Disziplinar­gesellschaft (Foucault) zur Kontrollgesellschaft (Deleuze)."

Außerdem veröffentlichen die Feuilletons bislang unveröffentlichte Interviews mit dem verstorbenen Filmemacher. In Revolver spricht Farocki darüber, was sich für die Künste seit den siebziger Jahren verändert hat: "Im Kunstbereich ist es so, dass der Code nicht festliegt. In Kino und Fernsehen liegt er gänzlich fest zur Zeit, auch beim Dokumentarfilm. Auch ein offener Dokumentarfilmbetrachter erwartet, dass ein Film so und so aussieht und ist entsetzt, wenn er ein bisschen abweicht davon. Das ist eine etablierte fiktive Feudalgesellschaft, in der alle über einen Film urteilen und sagen: "So muss es sein" - fast wie im höfischen Leben früher oder in der Oper, wo jeder über die Darbietung mit so einer Scheinkompetenz urteilen konnte."

Außerdem: Gemeinsam mit Antje Ehmann erklärt Farocki Stefan Reinecke in der taz das gemeinsame Online-Projekt "Eine Einstellung zur Arbeit", für das die beiden kurze Videos über die Arbeit aus aller Welt sammelten. Und Philipp Goll plaudert in der Jungle World mit dem Filmemacher ausgiebig über die Rolle von Mao-Bibeln in den WGs der späten 60er Jahre.

Weitere Artikel: In der Welt unterhält sich Jan Küveler anlässlich des Filmstarts von "Planet der Affen" mit Andy Serkis, einem Experten für Motion-Capturing, der den Gollum und KingKong spielte: "Diese neue Technik bedeutet: Casting nach Typen ist tot. Man kann alles spielen. Es ist ein befreiendes Instrument, das spannendste, was das 21. Jahrhundert bislang für Schauspieler hervorgebracht hat." 25 Jahre "Seinfeld" - für Thomas Ewald in der Jungle World ein großer Anlass zur Freude. Denn: "Wenn man sich die Sendung im Jahr 2014 wieder anschaut, fühlt man sich sofort wohl, da die Themen, und die Art, wie sie aufgegriffen werden, jedem Großstädter die Augen öffnen: Im Leben geht es nun mal um nichts." Und über dieses Nichts wird Jerry Seinfelds Kult-Sitcom ausgiebig geplaudert. Karin Steinberger hat sich für die SZ mit dem Affenforscher Tobias Deschner den neuen "Planet der Affen"-Film (mehr) im Kino angesehen - und der hat sich ganz prächtig dabei amüsiert.

Besprochen werden Moritz Laubes "Freiland" (FR) und der amerikanische Serienhit "The Last Ship" (Welt).
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Bühne


"Der Schatten". Foto: Thomas Aurin

Freundlich, aber dann doch sehr entschieden verreißt in der nachtkritk Falk Schreiber das stark erwartete Musiktheater "Der Schatten" von Chilly Gonzales und Adam Traynor in Hamburg: "Man kann die stille, verrätselte Ästhetik von "The Shadow" schätzen. Man kann die Uneindeutigkeit des Schlusses interessant finden. Man kann auch anerkennen, dass Traynor ein Theater entwickelt, das sich vor allem als Verzauberung versteht. Und schließlich kann man nicht genug loben, dass sich dieses künstlerische Leitungsteam aus Quereinsteigern den Erwartungen verweigert, indem es nicht etwa frischen Wind ins Theater bringt, sondern den alten Theatermuff noch einmal so intelligent bebildert, als ob er neu wäre. Am Ende aber steht trotzdem eine handwerklich unglaublich anspruchsvolle Petitesse, die es sich wohlig eingerichtet hat in ihrer bis ins Letzte durchdachten Irrelevanz."

Weitere Kritiken dazu in taz und SZ.

Außerdem: Susanne Schirdewahn von der Berliner Zeitung legt eine Bastelstunde mit Leander Haußmann ein. In der Welt annonciert Manuel Brug für Samstag einen von Alvis Hermanis inszenierten "Troubadour" mit Anna Netrebko in Salzburg. Jan Brachmann (FAZ) sieht beim Opernfestival Kopenhagen unter anderem Vivaldis "Ottone in Villa" und Massenets "Manon".
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Musik

Sehr schön erzählt Helmut Mauro in der SZ, wie Evgeny Kissin Schuberts D-Dur-Sonate in den Griff zu bekommen versuchte, die keinen tonalen Halt findet: "Ganz wohl scheint ihm dabei nicht zu sein, denn immer wieder versucht er, das Ganze mit Beethovenscher Kraft und Strenge in den Griff zu kriegen. Aber es ist klar, dass die Irritationen nicht so einfach wegzufegen sind, dass sie vielmehr zum Wesen dieses Stücks gehören, dass sie eine multiple Künstlerpersönlichkeit widerspiegeln, ein Hin- und Hergeworfensein, eine hoch riskante Existenz."

Weiteres: Jakob Buhre und Hannah Steinhoff unterhalten sich für den Tagesspiegel mit dem Jazzsänger José James.

Besprochen werden das neue Album von Tom Petty (Berliner Zeitung), ein Dokumentarfilm über die Band Kofelgschroa (Zeit, Tagesspiegel), das von Walter Werbeck herausgegebene "Richard Strauss Handbuch" (FR), Xeno & Oak-landers Album "Par Avion" (taz), ein Auftritt von Neneh Cherry (FR), das Debütalbum (hier im Stream) von FKA Twigs (Zeit) und ein Auftritt des Pianisten Evgeny Kissin, in dessen Spiel Helmut Mauró von der SZ eine derzeitige "Umbruchphase" zu erkennen meint.

Archiv: Musik