9punkt - Die Debattenrundschau

Wenn man keine Angst hat, stimmt etwas nicht

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.04.2014. Die Werte der freien Wirtschaft sind mit jenen der freien Gesellschaft nicht automatisch identisch, stellt die Welt mit Blick auf deutsche Stimmen zur Krimkrise fest. Ab sofort sind die Snowden-Files in einer Online-Datenbank zugänglich. Der Antiterrorkrieg ist in Wirklichkeit ein Terrorzuchtprogramm, meint Jürgen Todenhöfer in der Berliner Zeitung. Der Mord an der Kriegsfotografin Anja Niedringhaus löst weltweit Betroffenheit aus. Und die taz erinnert an den Genozid in Ruanda 1994.

Medien

Große Betroffenheit löst der Tod der Kriegsfotografin Anja Niedringhaus aus, die gestern in Afghanistan erschossen wurde. Der New Yorker (hier), The Atlantic (hier) und die SZ (hier) bringen eine Auswahl ihrer Bilder. Die SZ druckt außerdem eines der letzten Interviews von Niedringhaus, in dem sie Hanna Gieffers am 11. März via Skype von der Gratwanderung berichtet, die sie in ihrer Arbeit tagtäglich bewältigen muss: "Für mich bleibt Gewalt unnormal - wenn ich den Krieg sehe, wenn Bomben hochgehen. Das ist gut so. Würde ich dieses Gefühl verlieren, dürfte ich nicht mehr arbeiten. Wenn man keine Angst hat, stimmt etwas nicht. Aber ich versuche, eine Balance zu finden, damit die Angst mich nicht lähmt. Denn der Mut, den ich bis dahin hatte, wäre dann umsonst gewesen. Ich hätte das Gefühl zu versagen, wenn ich keine Fotos machen würde."

Auf Spiegel Online erinnert sich Hasnain Kazim an eine warmherzige und lebenslustige Kollegin: "Anja wusste um das Berufsrisiko. 1993, damals erst 28 Jahre alt, sagte sie in einem Interview mit der Zeitschrift ColorFoto: 'Ich will nicht umgebracht werden, wenn ich tot bin, ist das schade. Ich hänge an meinem Leben.' ... Ob sie je darüber nachdachte, den Beruf zu wechseln? 'Nö', sagte sie kürzlich. 'Ist doch schön zu sehen, wie Dinge sich zum Guten wandeln.'"
Archiv: Medien

Europa

Marko Martin mokiert sich in der Welt über die Warnungen aus der deutschen Wirtschaft vor Provokationen gegenüber Russland. Die Interessen und Werte der freien Wirtschaft sind mit denen der freien Gesellschaft nun einmal nicht automatisch identisch, meint Martin: "Ob beim sowjetischen Einmarsch in Afghanistan oder nach der Verhängung des Kriegsrechts in Polen - auf die salbadernden Gschaftlhuber war stets genauso Verlass wie auf deren Lautsprecher in der FDP oder bei jenen Sozialdemokraten, die gestern wie heute ihre geliebte 'Stabilität' missverstehen als Anerkennung eines von Diktatoren geschaffenen Status quo. Hätte man auf sie anstatt auf die Strategen im Weißen Haus gehört - der kommunistische Ostblock hätte sich wohl noch ein weiteres Jahrzehnt dahingeschleppt."
Archiv: Europa

Politik

"Wir leben nicht im Zeitalter des Terrorismus, sondern im Zeitalter einer gigantischen Irreführung der Öffentlichkeit", behauptet der Autor und ehemalige CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer in der Berliner Zeitung. Die statistisch marginale Bedrohung durch islamistischen Terrorismus rechtfertige in keiner Weise die massiven Antiterrorkriege, zumal durch sie kein einziger nennenswerter Anschlag verhindert wurde - im Gegenteil: "In Afghanistan, Pakistan, Irak, Somalia und Jemen stärkten sie Al-Kaida massiv. Sie bauten sie zu einer Macht auf, die sich seuchenartig auf Nachbarländer wie Syrien ausbreitet." Der war on terror sei faktisch ein "Terrorzuchtprogramm": "Wo Muslime nicht mit massivem Militäreinsatz konfrontiert werden, gibt es kein spezifisch islamisches Terrorismusproblem."
Anzeige
Archiv: Politik

Überwachung

Die amerikanische Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU) hat eine Online-Datenbank mit allen bisher veröffentlichten Dokumenten von Edward Snowden eingerichtet, meldet Jörg Breithut auf Spiegel Online. In einem begleitenden Statement erklärt ACLU-Sprecherin Emily Weinrebe: "Fakt ist, dass die meisten der Dokumente in dieser Datenbank niemals hätten geheim sein dürfen. Mit diesem neugeschaffenen Zugang zu den Akten können wir uns jetzt über das wahre Wesen und Ausmaß der Regiserungsüberwachung in ihren vielfältigen Formen informieren. Diese Datenbank wird als kritisches Werkzeug dienen, mit dem wir unsere Regierung zur Verantwortung ziehen können."
Archiv: Überwachung

Geschichte

Die taz erinnert in mehreren Artikeln an den Völkermord in Ruanda vor zwanzig Jahren. Marie-Claude Bianco, die damals gerade Urlaub in Ruanda machte, berichtet von ihren dramatischen Erlebnissen. In der Aufarbeitung des Genozids beklagt Dominic Johnson ein "allgemeines Verdrängen, und es ist vorschnell und leichtfertig. Der Nazi-Holocaust liegt 70 Jahre zurück, und die Erinnerung daran bleibt lebendig. Der Völkermord an den Tutsi in Ruanda ist erst 20 Jahre her. Bis heute trauen viele Menschen in Ruanda sich gegenseitig nicht; keiner weiß, wer den Genozid bereut und wer ihm heimlich nachtrauert."

In der Welt unterhält sich Thomas Kielinger mit der kanadischen Historikerin Margaret MacMillan über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die verheerende Eskalation hätte durchaus vermieden werden können, argumentiert MacMillan mit Blick auf die weitreichenden Gemeinsamkeiten der Kriegsparteien: "Eine der großen Tragödien der europäischen Geschichte ist ja, dass es durchaus so etwas wie eine 'europäische Zivilisation' gab, mit Epochen, die uns alle betrafen, denken Sie an die Renaissance, die Reformation. Aber wir haben es nie zu jener politischen Einheit gebracht, wie sie in China herrscht, trotz seiner großen ethnischen und sprachlichen Differenzen. Die Europäische Union von heute sieht auch nicht annähernd so aus, als ob sie dieses Ziel der Einheit erreichen könnte."

Und Sascha Lehnartz lässt sich in der Welt von dem französischen Historiker Pierre Nora erklären, warum die Öffentlichkeit sich mehr für 1914 interessiert als für 1944.
Archiv: Geschichte