9punkt - Die Debattenrundschau

Mit Trauerflor

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.02.2014. In Télérama erklärt Timothy Snyder, warum es in der Ukraine weniger Stalin-Nostalgie gibt als in Russland. Den Deutschen erzählt er im Spiegel, welche Rolle die Ukraine in ihrer Geschichte spielt. Die Gewalt in der Ukraine war schon immer präsent, schreibt Tanja Maljartschuk in der FAZ, und sie wuchs durch das ängstliche Schweigen der Bevölkerung. Die SZ mag der Opposition in der Ukraine nicht trauen. Und sonst: Warum Whatsapp? Und die Angst der Kultur vorm Freihandel.

Europa

Viel zu lange, so schreibt die Autorin Tanja Maljartschuk in der FAZ, haben die Ukrainer in ihrem Land die Gewalt geduldet, hinter der sich sowjetische Machtmuster verbergen: "Ein solches System braucht gehorsame Untertanen, die schweigen können. Wir haben geschwiegen. Aus dieser Stille erwuchsen die sadistischen Polizisten, die korrupten Beamten, die bestechlichen Gerichte - sie alle sind Teil der ukrainischen Gesellschaft, obwohl sie das Wort 'Ukraine' und die gelb-blaue Fahne hassen."

Die Ukrainer pflegten im Gegensatz zu gewissen russischen Kreisen kein nostalgisches Verhältnis zum Stalinismus, erklärt der amerikanische Historiker Timothy Snyder in einem Gespräch mit Télérama auf die Frage, ob die schmerzvolle Geschichte des Landes - Hungersnöte in den dreißiger Jahren, massive Deportationen zwischen 1945 und 1946 - eine Rolle für die aktuellen Ereignissen spielten. "Und zwar aus dem einfachen Grund, dass diese Periode für die Ukraine viel grausamer war als für Russland. Die Ukraine hat unter dem Stalinismus und dem Naziregime zwischen 1933 und 1945 mehr gelitten als jede andere Region, und die Verluste an Menschenleben waren ungeheuerlich. Das hat Spuren hinterlassen und erklärt den tief verwurzelten Wunsch nach einem normalen Leben."

Auch im aktuellen Print-Spiegel schreibt Timothy Snyder und eröffnet seinen Essay mit dem denkwürdigen Satz: "Die Ukraine spielt in der deutschen Geschichte eine weitaus größere Rolle als in der deutschen Erinnerung."

In Sotschi geht die Show unterdessen weiter, schreibt Holger Gertz auf Seite 2 der SZ: "Sportler aus dem ukrainischen Team wollten mit Trauerflor antreten, ein Trauerflor ist ein winziger Fetzen Stoff, aber im Fernsehen schauen gerade viele die Übertragungen aus Sotschi. Ein Trauerflor wäre ein Statement gewesen, ein Bekenntnis zur eigenen Traurigkeit, ein schweigender Kommentar." Also hat das IOC den Trauerflor verhindert.

Hier ein kleiner Auszug aus dem Bilderstrom bei Twitter, der sich unter diesem Link verfolgen lässt.



Tim Neshitov nutzt in der SZ die Gelegenheit, die in ihrem Blute liegenden ukrainischen Demokraten an den düsteren Nationalhelden Stepan Bandera zu erinnern, der (wie zuvor Stalin) mit Hitler kooperierte und Juden jagte und der für ihn die Opposition diskreditiert: "Stepan Bandera ist aber nicht nur für vermummte Stadtguerilleros eine Lichtgestalt. Nach ihm sind Straßen benannt, in der Westukraine stehen Dutzende Denkmäler, die ihn würdigen, welche mit geballter Faust und welche ohne. Wiktor Juschtschenko, der westlich gesinnte Vorgänger des heutigen Präsidenten, verlieh Stepan Bandera 2010 posthum den Ehrentitel 'Held der Ukraine'."

Anne Applebaum erzählt in der Washington Post einige Hintergründe: "Natürlich gibt es eine extreme Rechte in der Ukraine, sie ist allerdings weit kleiner als die extreme Rechte in Frankreich, Österreich oder Holland, ihre Anhänger sind in der Tat unter dem Kugelhagel der Polizei gewalttätiger geworden." Bei Slate gibt es ebenfalls Hintergründe zum Rechtsextremismus in der Ukraine. Hier wird auch ein Artikel Snyders aus der NYRB zitiert, der klarstellt, dass gerade die ukrainische Regierung antisemitisch agiert: Sie "sagt zu den eigenen Leuten, dass die Oppositionellen jüdisch und zu Ausländern, dass sie Nazis seien."

(Via Achgut) Auch Jan Koum, einer der Gründer von Whatsapp, kommt aus der Ukraine, schreibt Parmy Olson in Forbes. Er "wurde in einem kleinen Dorf unweit Kiews geboren, wo er auch aufwuchs, das einzige Kind einer Hausfrau und eines Bauingenieurs, der Krankenhäuser und Schulen baute. Ihr Haus hatte kein Warmwasser, und seine Eltern telefonierten selten, denn sie hatten Angst, vom Staat abgehört zu werden... Als er 16 war, ist Koum mit seiner Mutter nach Mountain View emigriert, um den politischen Wirren und dem Antisemitismus zu entkommen."
Archiv: Europa

Internet

"Gibt es kein Entkommen vor der Datenkrake?", fragen Thomas Schmid und Raphael Zelter in der taz. Für sie belegt die Übernahme von WhatsApp durch Facebook, wie aussichtslos es ist, den Internet-Oligarchen aus dem Weg zu gehen: "Die ersten Nutzer, die Videos bei Youtube veröffentlichten, wurden 2006 nach nur einem Jahr automatisch zu Google-Nutzern. Wer vor fünf Jahren das kleine Computerprogramm Skype nutzte, um kostenlos über das Internet zu telefonieren, ist heute Microsoft-Kunde. Und wer auf seinem Smartphone seine Aufnahmen mit dem Programm Instagram verschönerte, dessen Fotos gehören heute Facebook."

"In gewisser Weise ein Reifezeugnis, aber auch ein Zeichen für eine nahende Midlife-Crisis" sieht Roland Lindner in der FAZ in Mark Zuckerbergs Entscheidung: "Facebook demonstriert, willens und in der Lage zu sein, sich an richtig große Transaktionen heranzuwagen. Aber in erster Linie ist der Zukauf von WhatsApp ein Defensivmanöver. Denn zehn Jahre nach seiner Gründung kämpft das Unternehmen mit gewaltigen Umwälzungen im Nutzerverhalten."

Für Sonja Álvarez und Simon Frost (Tagesspiegel) ist der Deal "Ausdruck eines zunehmenden Konkurrenzkampfes in einem sich verdichtenden Markt", dessen Akteure "sich auf der Suche nach neuen Einnahmequellen immer häufiger in die Quere" kommen. Und im New Yorker deutet Matt Buchanan das Geschäft als Teil von Facebooks Diversifizierungsstrategie, die den weiteren Zuwachs von Nutzern garantieren soll: "When the company reached a billion users, in the fall of 2012, it explicitly compared itself to a chair - a ubiquitous but stunningly boring part of our lives. Now it seems that Facebook wants to be an entire house, filled with lots of different kinds of furniture."

Derweil werden Stimmen laut, die zum Boykott der App aufrufen. Im Handelsblatt bezeichnet der Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein (ULD), Thilo Weichert, WhatsApp als eine "Datenschleuder, die technisch nicht ausgereift ist... Wem die Vertraulichkeit der eigenen Kommunikation etwas wert ist, der sollte auf vertrauenswürdige Dienste zurückgreifen." Ebenfalls im Handelsblatt meldet der Grünen-Europaabgeordnete Jan Philipp Albrecht kartellrechtliche Bedenken an und fordert die EU-Kommission auf zu prüfen, ob sie ein wettbewerbsrechtliches Verfahren einleitet.
Archiv: Internet

Kulturpolitik

Joachim Güntner schildert in der NZZ die Angst der deutschen und französischen Film- und Buchbranchen vor dem Freihandelsabkommen mit den USA und ihr Ringen um eine "exception culturelle", die den Bereich der Kultur aus dem Abkommen ausnimmt: "Aus Sicht der europäischen Schutzbedürftigen wäre ein konsequent liberalisierter Markt der große Gleichmacher, der alle Kultur in nichts als Ware verwandelt und damit letztlich zerstört. Von amerikanischen Banausen spricht zwar niemand, ebendies aber klingt an, wenn es heißt: 'Die Amerikaner glauben, dass der Markt es richtet - die Kultur jedoch könnte der Markt auch schnell hinrichten.'"
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Stichwörter: Freihandelsabkommen

Geschichte

Der Gräzist Silvio Bär berichtet in der NZZ begeistert von der Entdeckung zweier Gedichtfragmente, die mit großer Wahrscheinlichkeit Sappho zugeschrieben werden können: "Die Ästhetik nicht nur des ephemeren (und gleichzeitig doch seltsam resistenten) Trägermediums Papyrus, sondern auch des durch Zufall Fragmentarisierten entfaltet eine eigentümliche Aura des Bittersüßen: Die Freude über das Neuentdeckte wird mit einer Mischung aus Wehmut (angesichts des Fehlenden) und Berauschung (an der Möglichkeit eigenen Weiterspinnens) zugleich getrübt und gesteigert." Im Literary Supplement der Times schildert der Oxforder Papyrologe Dirk Obbink den Fund ausführlich und gibt die Gedichte im altgriechischen Original und in englischer Übersetzung wider.
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Silvio Bär, Sappho