Efeu - Die Kulturrundschau

Traktiert mit einem rauen Rosshaarlappen

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25.01.2020. Fasziniert streifen die Kunstkritiker durch Edward Hoppers Seelenlandschaften in der Fondation Beyeler: Die FAZ erkennt Hoppers magischen Realismus, die NZZ trifft auf lethargische Trump-Wähler. Taika Waititis Hitler-Farce "Jojo Rabbit" teilt die Filmkritik: Fragwürdig, meint der Filmbulletin, die Jungle World lernt das wenig beachtete Pop-Deutschland der Nazis kennen. Die taz lernt von Hildur Guðnadóttir, wie aus einem kleinen Düdüdü Musik wird. Und die Feuilletons verabschieden mit Gudrun Pausewang eine der letzten mahnenden Stimmen in der Literatur der alten Bundesrepublik.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2020 finden Sie hier

Kunst

Edward Hopper: Cape Cod Morning. 86.7 x 102.3 cm. Smithsonian American Art Museum, Gift of the Sara Roby Foundation. © Edward Hopper. Quelle: Wikiart.

Dem eigentümlichen Reiz von Edward Hoppers Seelenlandschaften kommt Stefan Trinks in der FAZ in der großen Hopper-Ausstellung in der Basler Fondation Beyeler auf die Schliche: "Magischen Realismus", der sich erst in der Fantasie des Betrachters offenbart, erkennt Trinks in den Bildern, etwa in "Cape God Morning" von 1950, das eine Frau in einem Erker in die Einsamkeit des Waldes blickend zeigt: "Perfide aber ist Hoppers Gestaltung des Erkers: Er läuft derart schmal zu, dass auf der Frontseite, aus der die einsame Frau nachgerade gierig die Landschaft mit ihren Blicken abgrast, nur noch ein schießschartenschmaler Sehschlitz übrig bleibt. Allein mit diesem optischen Kniff, der abermals eher unterbewusst wahrgenommen wird, macht Hopper Einsamkeit und Eingesperrtsein der Frau deutlich. Nicht im geräumigen Haus porträtiert er die Spähende, vielmehr in der klaustrophobischen Enge eines stark durchfensterten Erkers, wie ein Falter unter einem Glassturz. Hierin gleichen seine Bildgefängnisse denen Carl Spitzwegs (…)."

In der NZZ erkennt Phillip Meier hinter Hoppers "scheinbar  harmlosen" Bildern das Amerika von Trumps "desillusionierter Wählerschaft": "Denn in Hoppers Bildern lauert im Stillen die Hoffnungslosigkeit. Seine Malerei ist die Malerei der Sehnsucht, ja. Aber wenn man genau hinschaut, ist es auch die Malerei einer Todessehnsucht. Denn sie ist Ausdruck eines sehr ambivalenten Verhältnisses zum Leben. Hoppers Bilder sind von Melancholie, Einsamkeit und Lethargie geprägt - Stimmungslagen, die zu den abgründigeren Spielarten der Sehnsucht gehören. Gewiss, Amerika war seit je auch das Land des Optimismus. Grenzenlose Möglichkeiten stimmen optimistisch. Das war aber nie Edward Hoppers Amerika. Sehnsucht hat immer auch etwas Rückwärtsgewandtes. Die Schwester der Sehnsucht ist die Nostalgie. Und bei Hopper gibt es dieses nostalgische Moment."

Kurz vor der im März in Hongkong stattfindenden Art Basel macht sich Nervosität bei den Ausstellern aufgrund der Proteste breit, beobachtet Minh An Szabo de Bucs in der SZ: Der Berliner Galerist Johann König ist von vornherein nach Tokio ausgewichen: "Warum Tokio? 'Weil es in einer stabilen, regulierten Wirtschaftszone liegt. Hier gibt es keine Zensur, und ich habe keine Probleme mit Devisen wie etwa in China.' Zwar sei Tokio kein Steuerparadies wie Hongkong, aber politisch wie wirtschaftlich stabil."

Weitere Artikel:Als wichtigen Beitrag gegen die republikanische Abtreibungspolitik würdigt Marisa Crawford auf Hyperallergic die Ausstellung "Abortion is normal" im New Yorker Arsenal Contemporary: "Dominique Duroseaus Arbeit "Mammy was here: she equally acceptable" (2019), die sich majestätisch über den Raum erhebt, macht auf rassistische Ungleichheiten in Bezug auf Reproduktion und Kinderbetreuung aufmerksam, die in der Geschichte der Versklavung verwurzelt sind." Im Aufmacher des SZ-Feuilletons resümiert Lothar Müller die Ereignisse um die fünf 1979 geraubten und jetzt nach Gotha zurückgekehrten Gemälde, die derzeit im Herzoglichen Museum zu Gotha ausgestellt werden. Im Standard kann sich Olga Kronsteiner das Lachen beim Anblick von Jan van Eycks frisch restauriertem Opferlamm im Genter Altar nicht verkneifen.

Besprochen wird die Ausstellung "Der sachliche Blick in der DDR" im Brandenburgischen Landesmuseum für Moderne Kunst in Frankfurt an der Oder (taz).
Archiv: Kunst

Literatur

Die Feuilletons trauern um die Jugendbuch-Autorin Gudrun Pausewang, deren Buch "Die Wolke" über einen Reaktorunfall in der Bundesrepublik der 80er Generationen von Schulabgängern geprägt haben dürfte. "Das Buch war ein literarisches Ereignis, auch weil es die hohe Politik in einen heute kaum vorstellbaren Erregungszustand versetzte", erinnert sich Hilmar Klute in der SZ und würdigt die Autorin als eine der mahnenden Stimmen in der Literatur der alten Bundesrepublik: Sie "zählte zu jenen äußerst redlichen deutschen Schriftstellern, denen die Bequemlichkeit des Verdrängens und die moralische Selbstgenügsamkeit nicht zur Verfügung standen." Als sie zu schreiben begann, galt noch, dass Jugendbücher eine beschauliche Welt zeigen müssen, erklärt Judith von Sternburg in der FR. Bei Pausewang "dagegen fühlten sich junge Leserinnen und Leser für voll genommen, einbezogen. ...  Für ihre Romane sah sie sich am liebsten in der eigenen Umgebung um, auch darum wirken die Geschichten so real."

Auch Waltraud Schwab hält in der taz fest, dass "sie versuchte, Kinder stark zu machen, indem sie ihnen nichts vormachte." Allerdings hält Johannes Schneider dem auf ZeitOnline entgegen, ob es nicht "auch emotional bedenklich ist, Heranwachsende schonungslos - Stichwort Trauma - mit den Möglichkeiten des Unmenschlichen zu konfrontieren."  Pausewangs Werk sollte man auf "Die Wolke" allerdings auch nicht reduzieren, schreibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel: "Die Erfahrungen, die Pausewang unter anderem in Chile gemacht hatte, gingen in mehrere Südamerika-Romane ein, darunter ihr Debüt von 1959, 'Rio Amargo' und 'Plaza Fortuna' aus dem Jahr 1966. Nach ihrer Rückkehr in die Bundesrepublik" schrieb sie unter anderem die "Rotwengel-Saga", die die "die Geschichte einer deutschen Familie in Böhmen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieg erzählt."

Der Schriftsteller Ivan Farron erinnert in der NZZ an die Schweizer Schriftstellerin Catherine Colomb, von der gerade eine dritte Gesamtaugabe in französischer Sprache erschienen ist: "Die verblüffende Modernität dieser Romane offenbarte Schriftstellern wie Gustave Roud und Jean Paulhan - der "Le Temps des anges" an Gallimard vermittelte - auf den ersten Blick das Genie der Autorin. In 'Châteaux en enfance' wird das Kausalitätsprinzip, dem die ersten Romane folgten, aufgegeben; an seine Stelle treten die Assoziationen des Gedächtnisses, das den Lauf der Zeit suspendiert und alle Orte in einer ewigen Gegenwart vereinigt, die durch ein komplexes polyfones Dispositiv getragen wird. Hier ist man näher bei den Überblendungen des Kinos oder den obsessiv minuziösen Schilderungen Raymond Roussels als bei einer Erzählung im strengen Sinn des Wortes."

Weiteres: In der taz spricht Judith Poppe mit der Auschwitzüberlebenden Batsheva Dagan, die ihre Erfahrungen in Kinderbüchern verarbeitete. Für die Literarische Welt ist Sarah Pines für einen Besuch bei Sigrid Nunez nach New York gereist, über dessen literarische Szene die Autorin gerade ein Buch geschrieben hat. In ihrem "Literarischen Leben" bringt die FAZ Werner Völkers Erzählung "Adorno fast allein zu Haus".

Besprochen werden unter anderem Clarice Lispectors Erzählband "Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau" (taz), Salmen Gradowskis "Die Zertrennung. Aufzeichnungen eines Mitglieds des Sonderkommandos" (NZZ), Ginette Kolinkas "Rückkehr nach Birkenau. Wie ich überlebt habe" (NZZ), Josef Haslingers "Mein Fall" (Standard), George Orwells erstmals auf Deutsch veröffentlichter Aufsatz "Über Nationalismus" (taz), Ilsa Barea-Kulcsars "Telefónica" (SZ), Patrik Svenssons "Evangelium der Aale" (Literarische Welt) und Ottessa Moshfeghs Storyband "Heimweh nach einer anderen Welt" (FAZ).
Archiv: Literatur

Architektur

Die von dem Architekten Hans Kollhoff am Berliner Walter-Benjamin-Platz eingelassene Inschrift mit einem Zitat des "antisemitischen Dichters" Ezra Pound soll voraussichtlich entfernt werden (Unsere Resümees) - der Antrag wurde von der Bezirksverordnetenversammlung mit der Mehrheit von Grünen, SPD und Linke eingebracht, meldet Marcus Woeller in der Welt und fragt: "Warum aber kommt ein Architekt überhaupt auf die Idee, ein solches Zitat in Stein zu meißeln? Als Kunst am Bau kann man es nicht sehen, dafür ist die Platte zu marginalisiert. Als intellektuelle Fußnote hält sie nicht einmal wissenschaftlichen Standards stand. Und als Erklärung dafür, dass Architektur wieder dem traditionellen Bauen folgen solle, ist Pounds Vers viel zu aufgeladen."
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Archiv: Architektur

Film

Zuckerbunte Naziwelt: Taika Waititis "Jojo Rabbit"

Taika Waititis Hitler-Farce "Jojo Rabbit" lässt das Feuilleton nicht los. Nach ersten sehr begeisterten Kritiken (hier unser erstes Resümee), häufen sich jetzt eher negative Stimmen. Nach Vorbild von Wes Anderson aus dem "Dritten Reich" eine Art pastellfarbenen Abenteuerspielplatz für die Fantasien eines Nazikindes zu machen, das sich Hitler als imaginären Freund hält, ist nach Lukas Foersters Ansicht im Filmbulletin zumindest keine grundsätzlich falsche Idee. Aber an der Umsetzung hapert es gewaltig: "Das falsche Reale, der Nationalsozialismus, ist selbst nichts als ein Ornament, ein skurriler Oberflächeneffekt, der einerseits als solcher genossen werden will, andererseits aber - und erst da wird aus einem ästhetisch misslungenen Film ein politisch fragwürdiger - eine 'tiefere Wahrheit' verbirgt. ... Den Massenmörder Hitler in ein ahistorisches Hirngespinst zu verwandeln und gleichzeitig eine rettungslos überdeterminierte Drehbuch-Pappfigur und ihre überzuckerte Errettungsgeschichte zur Trägerin der historischen Wahrheit zu machen - das ist schon eine Perfidie höherer Ordnung."

Im Perlentaucher ist auch Patrick Holzapfel ziemlich unterwältigt: In der filmhistorischen Reihe von Hitler-Komödien finden sich zahlreiche Meisterwerke und "immer hat man dabei gespürt, dass die Filmemacher vor einem Problem standen. Bei Waititi hingegen wirkt Hitler wie eine Lösung." Zumindest interessant findet es Christian Bomm in der Jungle World, wie der Film sich mit seiner zuckerbunten Welt aus der überdeterminierten Ästhetik des Weltkriegsfilms herauswindet: Der Film zeigt, "dass ein Teil der Deutschen trotz des Kriegs angenehm lebte, scherzte und modisch bunt gekleidet in der Sonne Rad fuhr, gerade in den entlegenen Provinzen, die der NSDAP zum Sieg verholfen hatten. ... Unbekümmerte konnten auf einen 'Kraft duch Freude'-VW sparen und am kulturellen Leben Nazideutschlands teilhaben. Im wenig beachteten Pop-Deutschland der Nazis schimmerten in unbekümmerten Haushalten zwischen Hitlers und Goebbels 'Gottbegnadetenliste', der 'Feuerzangenbowle' und Zarah Leander auch - je nach urbaner Anbindung - verbotene deutsche Künstler oder Duke Ellington, Dizzy Gillesby oder Billie Holiday hervor."

Weitere Artikel: Beim Schweizer Filmpreis geht gerade einiges drunter und drüber, berichtet Lory Roebuck in der NZZ. Michael Braun schreibt in der taz, wie in Italien Federico Fellinis 100. Geburtstag gefeiert wird. Besprochen werden Ina Weisses "Das Vorspiel" mit Nina Hoss als Geigenlehrerin (Tagesspiegel), die dritte Staffel von "Berlin Babylon" (Zeit), der Netflix-Film "Die zwei Päpste" (NZZ) und Gwyneth Paltrows Netflix-Dokuserie "The Goop Lab" (ZeitOnline).
Archiv: Film

Bühne

Bild: Armin Smailovic


Mit "Hamlet" hat Jette Steckel am Hamburger Thalia Theater ihre dritte Shakespeare-Inszenierung angepackt. Nachtkritkerin Katrin Ullmann ist trotz großer SchauspielerInnen und opulentem Bühnenbild von Florian Lösche nicht recht überzeugt: "Sie arbeitet dann allerdings ohne klaren Fokus und macht aus fast jeder Szene eine Schauspiel-Szene. Entsprechend bekommen recht alberne Situationen mit Rasierschaum und Federn letztlich mehr Raum als der Shakespeare-Text selbst, verschieben sich die Verschachtelungen in Richtung Beliebigkeit und Unkenntlichkeit. Dass das Schauspiel ein Spiegel sei, hat man bald verstanden, alle weiteren Ausflüge in diesen selbstreferentiellen Kontext machen das Stück vor allem langatmig und ermüdend." Irene Bazinger erlebt in der FAZ indes einen "bunten und beherzten" Abend: "Es ist ein wahres Kinderspielspektakel, das Jette Steckel hier mit Elektropop und schweren Bässen anrichtet, mit Neckereien und pubertären Faxen, mit Grimassen, die Hamlet und Ophelia, seine Geliebte, schneiden."

Besprochen wird Alexander Giesches Inszenierung von Max Frischs "Der Mensch erscheint im Holozän" am Zürcher Schauspielhaus (NZZ, nachtkritik), Julia Hölschers Inszenierung von Marieluise Fleißers "Der starke Stamm" am Münchner Residenztheater (nachtkritik), Thomas Bockelmanns Inszenierung von Martin Doerrys "Mein verwundetes Herz" am Staatstheater Kassel (nachtkritik), das Festival "Miniaturen" im Hamburger Theaterkontor (taz), Karin Beiers Inszenierung von Tschechows "Ivanov" am Hamburger Schauspielhaus (taz), und Luk Perzevals Genfer Inszenierung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" nach Dialogen von Asli Erdogan, die Kerstin Holm in der FAZ zwar "philosophisch ambitioniert, aber zutiefst antidramatisch" und insgesamt eher enttäuschend findet. In der NZZ kann Thomas Schacher zwar nachvollziehen, weshalb man Mozarts "sexistische, rassistische" Oper verkürzt, viel ist vom Original aber nicht mehr übrig geblieben, bedauert er.
Archiv: Bühne

Musik

Dass Hildur Guðnadóttir für ihre Musik zur Erfolgsserie "Chernobyl", die sie jetzt in Berlin beim CTM Festival aufführt, in ein litauisches Kraftwerk gefahren ist, um dort die nötige Klänge zu ernten, haben wir schon aus der Zeit erfahren (unser Resümee). Im taz-Interview beschreibt die isländische Komponistin und Cellistin den Arbeitsprozess nun etwas genauer: An die zehn Stunden akustisches Material hat sie vor Ort gesammelt. Sie "musste jede einzelne Minute durchgehen und musikalische Rohmasse herauspicken. Ich habe mir alles intensiv angehört und dann notiert: Ungefähr bei einer Stunde, 35 Minuten, 20 Sekunden ist ein kleines Düdüdü. Das habe ich dann herausgelöst und gesäubert. Manches musste ich strecken, dehnen oder multiplizieren. Oder ich musste die Frequenz drosseln, damit es überhaupt hörbar wurde. Im nächsten Schritt habe ich die Elemente auf die Bilder angepasst. Es war ein sehr aufwändiger Prozess, wie eine Schatzsuche."

Jan Röhrmann hat sich für die NZZ erkundigt, wie man Geigen künstlich auf alt trimmen kann, um Höchstpreise zu erzielen - nämlich mit "Geigenfolter. Meister und Geselle lassen das Instrument in einer Art Tischhockey über die Werkbank hin und her sausen, um der Unterseite im Schnellverfahren die Spuren langjährigen Gebrauchs zu verleihen. Andere Partien traktiert man mit einem rauen Rosshaarlappen; die Stelle, wo in früheren Zeiten der Kopf des Spielers direkt auf der Geige ruhte, wird vor der Abreibung noch angewärmt und befeuchtet, damit sie von 'Hitze und Schweiß schmutziger Kinne' zeugt. Und nicht zu vergessen: 'Trommeln Sie mit langen Fingernägeln auf eine kleine Stelle rechts vom Griffbrett. Das deutet auf ein paar hundert Jahre Pizzicato hin.'" - so zumindest ist das einem Text aus dem 19. Jahrhundert zu entnehmen.

Weitere Artikel: Michael Jäger resümiert im Freitag das Berliner Ultraschall-Festival. Besprochen werden das neue Album der Pet Shop Boys (Standard) und ein Auftritt der Antilopen Gang (SZ).
Archiv: Musik