Efeu - Die Kulturrundschau

Man kommt, wenn es brennt

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.01.2020. Nach nicht einmal einem Jahr werfen Sasha Waltz und Johannes Öhmann die Intendanz des Berliner Staatsballetts hin. Ist es überhaupt eine Art, nach so kurzer Zeit das Handtuch zu schmeißen, fragt empört der Tagesspiegel. Die schaudernden Filmkritiker lassen sich von Ladj Ly die "Wütenden" in den Pariser Banlieues erklären. Die NZZ hörte melodische Milde in Reinkultur mit Wolfgang Rihm und Sol Gambetta. Und: die Feuilletons würdigen den großen Architekten Gottfried Böhm an seinem Hundertsten.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2020 finden Sie hier

Film

Der kurze Moment des Glücks: Ladj Lys "Les Misérables"

Mit seinem oscarnominierten "Les Misérables" (in Deutschland unter dem eher fehlgehenden Titel "Die Wütenden" im Kino zu sehen) wollte Ladj Ly, der selbst aus dem Pariser Vorort Montfermeil stammt, ein paar gängige Banlieue-Klischees geraderücken, erzählt der Regisseur im ZeitOnline-Gespräch. In den meisten Medienberichten aus den Banlieues gebe es "einen Hang zum Sensationellen. Die Redaktionen geben ihren Reportern einen halben Tag, alles muss schnell gehen. Es bleibt keine Zeit für echtes Interesse oder ein echtes Kennenlernen und Verständnis. Man kommt, wenn es brennt, und dann filmt man das und zeigt Typen mit Kapuzenpullis." Im Filmdienst-Gespräch kommt Ly auf den kurzen Moment des Glücks bei der WM 2018 zu sprechen, mit dem er seinen Film beginnen lässt: "Franzose ist nicht gleich Franzose. Zwischen einem 'echten' Franzosen von Geburt oder einem Franzosen in der zweiten Generation gibt es einen großen Unterschied, auch wenn der in Frankreich geboren ist. Bei der Szene, in der sich alle in den Armen liegen und den WM-Sieg Frankreichs feiern, waren wir alle Franzosen, über alle Regionen, Klassen und Hautfarben hinweg - ob weiß, schwarz oder 'beurs'. Gemeinsam schmetterten wir die Marseillaise, das werde ich nie vergessen. Fußball als verbindendes Glied, einfach toll. Zwei Tage später war das Schnee von gestern." In der FR bespricht Daniel Kothenschulte den Film, der ihn an den jungen Truffaut denken lässt.

Weitere Artikel: In der taz empfiehlt Fabian Tietke die Werkschau Pavel Juráček im Berliner Zeughauskino. Für epdFilm schreibt Anke Sterneborg über Nina Hoss, die aktuell in Ina Weisses Thriller "Das Vorspiel" (Besprechungen auf Artechock und in der SZ) zu sehen ist. Für die FR plaudert Karim Mahmoud mit der Schauspielerin Liv Lisa Fries über die Serie "Berlin Babylon". Kurze Nachrufe auf den Regisseur und das frühere Monty-Python-Mitglied Terry Jones schreiben Katrin Nussmayr (Presse), Alexander Menden (SZ) und Thomas Spickhofen (Dlf Kultur).

Besprochen werden Taika Waititis Hitler-Komödie "Jojo Rabbit" (FR, Tagesspiegel, taz, SZ, NZZ, mehr dazu bereits gestern), Til Schweigers "Die Hochzeit" (Filmanzeiger), Mikhaël Hers' auf DVD veröffentlichter Film "Amanda" (taz), die zweite Staffel der Netflix-Serie "Sex Education" (Welt), Micha Lewinskys "Moskau einfach", der die Solothurner Filmtage eröffnete (NZZ) und Jörg Adolphs Verfilmung von Peter Wohllebens Sachbuch-Bestseller "Das geheime Leben der Bäume" (ZeitOnline).
Archiv: Film

Bühne

Nach nicht einmal einem Jahr ziehen sich Sasha Waltz und Johannes Öhmann aus der Intendanz des Berliner Staatsballetts zurück, dabei waren sie mit großen Plänen angetreten: Sie wollten das Staatsballett zu einem das Zeitgenössische und Klassische verbindenden Ensemble umbauen. Nun übernimmt Öhmann in Stockholm das Dansens Hus und Waltz will ohne ihn nicht weitermachen, berichtet die Berliner Zeitung. Die Nachricht ist ein Schock, denn nach anfänglichen Querelen schien alles ganz gut zu laufen. Oder nicht? "Die letzten Staatsballettpremieren wurden vom Publikum begeistert und von der Kritik wohlwollend aufgenommen. Über interne Problemlagen, die möglicherweise komplex und individuell sein können, drang nichts in die Öffentlichkeit", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. "Die steht bedröppelt da: Jetzt haben wir euer Projekt gerade nicht nur geschluckt, sondern sogar gefeiert. Und ihr lasst uns allein? Besonders die durchgeschüttelte Kompanie wird nun neuem Veränderungsstress ausgesetzt."

Im Tagesspiegel wirft Sandra Luzina vor allem Sasha Waltz vor, dass sie vorschnell den Hut geschmissen hat: "Ist das Staatsballett Berlin noch zu retten?, fragen sich jetzt viele. Waltz und Öhman wollten es zu neuen Ufern führen. Werden sie nun zu Totengräbern der Compagnie? Ist es überhaupt eine Art, nach so kurzer Zeit das Handtuch zu schmeißen? Das Aus beschädigt nicht nur die Compagnie. Es beschädigt vor allem Sasha Waltz. Sie wollte diese Leitungsposition unbedingt - und hatte Öhman selbst vorgeschlagen."

In der Welt bezweifelt Manuel Brug, dass Waltz überhaupt je die Richtige war für das Staatsballett: "Die in Berlin auf kaum glaubliche Weise gepäppelte Künstlerin ist einfach zu ballettfern, um hier am richtigen Platz zu sein. Anderseits suchte man für sie offenbar einen Versorgungsposten, weil die Kulturpolitik es nie geschafft hatte, für die in den neunziger und nuller Jahren für die Stadt mit ihrer Truppe Sasha Waltz & Friends weltweit Ruhm einfahrende Künstlerin eine stabile Arbeitssituation zu schaffen." Und wie geht's jetzt für das Ballett weiter? "Wahrscheinlich muss jetzt wieder die graue, unkündbare  Eminenz  Christiane  Theobald ran, die schon den ukrainischen Starballerino  Vladimir  Malakhov  als Co-Direktorin schlecht coachte und für das Duato-Debakel verantwortlich war", ätzt Brug.

Aber auch Öhmann hat sich nicht gerade vorbildlich verhalten, meint Elena Philipp in der nachtkritik: "Von Johannes Öhmans persönlicher Entscheidung für den Posten als Geschäftsführer und künstlerischer Leiter des Dansens Hus in Stockholm wussten vor der heutigen Bekanntgabe laut Presseabteilung des Staatsballetts wohl nur Kultursenator Klaus Lederer und Co-Intendantin Sasha Waltz. Wie die Öffentlichkeit wurde auch das Ballettensemble erst vormittags informiert. Nachhaltigkeit und Transparenz? So schnell sind große Vorhaben nurmehr Makulatur."

Weiteres: In der Presse unterhält sich Isabella Wallnöfer mit Doris Uhlich über deren neue Choreografie "Stuck". Besprochen werden die Uraufführung der Choreografie "Can touch this" der Offensive Tanz beim Tanzfestival Purple in Berlin (Berliner Zeitung), Mozarts "Le Nozze di Figaro" am Theater Basel (nmz) und Calixto Bieitos Inszenierung von Verdis "Falstaff" in Hamburg (nmz).
Archiv: Bühne

Kunst

Besprochen wird eine Ausstellung der Malerin Karin Kneffel im Museum Frieder Burda in Baden-Baden (SZ), die Ausstellung "Survivors. Faces of Life after the Holocaust" in der Zeche Zollverein in Essen (taz) und eine Peter-Weibel-Retrospektive im ZKM Karlsruhe (FAZ).
Anzeige
Archiv: Kunst

Literatur

Die neue Ausgabe der Literaturzeitschrift Sprache im technischen Zeitalter dokumentiert unter dem Titel "Europa und seine Grenzen" eine Tagung im Literarische Colloquium Berlin, schreibt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel, dem bei der Lektüre mancher "postkolonialer Erdbeben" mitunter "borderlinehafte Schauer" über den Rücken gehen. Spannend findet er die Abschrift einer Podiumsdiskussion, in der es unter anderem darum geht, "wie physisch Kulturwechsler Sprache erleben. Senthuran Varatharajah zitiert die Deutsch-Japanerin Yoko Tawada mit den Worten: 'Die erste Generation von Migranten, die im Ausland aufwächst, sieht anders aus, weil die Sprache anders durch den Körper gegangen ist - weil das Wort anders Fleisch geworden ist.' Er, der mit dem Altgriechischen auf besserem Fuß steht als mit dem Tamilischen und sich Hegel näher fühlt als der Rigveda, erfuhr es, als er in Jaffna, seiner angeblichen Geburtsstadt, von vielen Einheimischen für einen Amerikaner gehalten wurde.'"

Besprochen werden Danilo Kišs "Psalm 44" (Standard), Rüdiger Safranskis Gesprächsband "Klassiker!" (NZZ), Szilárd Borbélys Gedichtband "Berlin Hamlet" (SZ) und eine Wiederveröffentlichung von Ronald M. Schernikaus "Legende" (FAZ).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Postkolonialismus, Sprache

Architektur

Heute wird Gottfried Böhm, Architekt und erster Pritzker-Preisträger, hundert Jahre alt. Die Zeitungen würdigen das mit großen Artikeln und das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt widmet ihm eine Ausstellung. In der taz porträtiert Klaus Englert den Architekten: "Gottfried Böhm gehörte in der Nachkriegszeit zur jungen Architektengeneration der Bundesrepublik, die nach den Erfahrungen des megalomanen Bauens der NS-Zeit und den Bombenorgien der Alliierten nach einer Architektur suchte, die für einen Prozess der Heilung einsteht. Das zeigte sich unmittelbar nach dem Krieg, als er die 'Madonna in den Trümmern' in der durch Bomben zerstörten Kölner Kolumba-Kirche barg und um sie herum eine kleine Kapelle errichtete. Mit seinen zeltartigen Konstruktionsformen setzte er sich auch in Gegensatz zu seinem Vater Dominikus, der erdenschwere, steinerne Gebäude bevorzugte." In der FR schreibt Christian Thomas zu Böhm, in der SZ schreibt Gottfried Knapp, in der FAZ Patrick Bahners.

Die Zentrale Landesbibliothek am Halleschen Ufer in Berlin soll umgebaut werden, um modernen Ansprüchen zu genügen. Aber was genau bedeutet das, fragt sich Nikolaus Bernau und beugt sich für die Berliner Zeitung über die drei Vorschläge der Büros von Urban Catalyst, David Chipperfield und LK Argus. "Immerhin zeigen die Modelle genau, wohin nach dem Willen von ZLB, Bezirksamt und Senatskultur- und Senatsbauverwaltungen die Reise gehen soll: Zu einem auch baulich gewaltigen Kulturzentrum, das sich in seinen Proportionen eher an den hohen Wohnhäusern nördlich des Landwehrkanals als an die Mietskasernenstadt im westlichen Kreuzberg anschließt. Dabei ist das Raumprogramm für die ZLB unter ihrem Direktor Volker Heller bereits massiv zusammengestrichen worden - beim Wettbewerb für das dann am Tempelhof-Referendum gescheiterten Projekt waren 2013 noch 51 000 Quadratmeter gefordert worden."

Seit publik wurde, dass zahlreiche Architekten, Planer, Bauhistoriker und Museumsdirektoren in einem Offenen Brief die Berufung des SPD-Politikers Florian Pronold zum Gründungsdirektor der Berliner Bauakademie kritisierten (mit der Folge, dass ein Gericht die Überprüfung der Ausschreibung anordnete), überzieht Pronold Journalisten mit Klagen, berichtet im Tagesspiegel Falk Jaeger. Aber: "Die Fragen bleiben: Wie kann er sich pro domo bewerben, als einer, der das Projekt mit auf die Schiene gesetzt hat? Als einziger Politiker unter Fachleuten, wo ihn doch jedes einzelne der Mitglieder der Findungskommission nicht nur beiläufig, sondern sehr gut persönlich kennt?"
Archiv: Architektur

Musik

In Zürich wurde Wolfgang Rihms neue, der Cellistin Sol Gabetta gewidmete Komposition "Concerto en Sol" uraufgeführt. Vollumfänglich zufrieden war NZZ-Kritiker Thomas Schacher trotz "viel Schönem, Kantablen und Lichtvollem" allerdings nicht: "Eine Charakterzeichnung der Cellistin sollte sich vielleicht nicht nur auf ihr Sonnenscheingesicht und ihr sympathisches Wesen beschränken, sondern auch ein bisschen im Untergrund wühlen." Zwar gibt es auch "einige schräge Klänge" zu hören, doch "bei der Kadenz in der Mitte herrscht melodische Milde in Reinkultur, und im Schlussabschnitt finden sich Gabetta und das Orchester in einem Reich entrückter Schönheit."

Berlin soll in der Alten Münze nun nach langen Gesprächen tatsächlich ein mit Bundesmitteln unterstütztes Jazz-Zentrum erhalten, meldet Gregor Dotzauer im Tagesspiegel, für den die lokale Jazzszene damit "einen Sieg davongetragen" hat. Auf die Proteste aus der Freien Szene kommt er nur am Rande zu sprechen. Mehr dazu erfährt man in der taz von Susanne Messmer: "'Dass es nun etwas mit Jazz und Till Brönner werden soll, lag vorher schon nahe, man will ja das Bundesgeld nicht in den Wind schießen', so Christophe Knoch, ehemals Sprecher der Freien Szene. 'Das ganze Beteiligungsverfahren wirkt nun wie eine Farce', so auch Claudia van Hasselt von der INM", für die die Entscheidung ein "kulturpolitisches Desaster" darstellt. Auch Messmer selbst meint, dass hier "die Chance verschenkt sein könnte, mitten in der Stadt einen aussagekräftigen und bezahlbaren Ort für Kreative dieser Stadt zu schaffen."

Weiteres: Playlist-basiertes Streaming hat den künstlerischen Musikpreisen wie dem Grammy, der am 27. Januar verliehen wird, in Sachen Orientierung für den Hörer im Grunde genommen den Rang abgelaufen, meint Ueli Bernays in der NZZ: Eigentlich "müsste man einen Award für die beste Playlist vergeben." Dass die Grammys derzeit von einem Skandal überschattet werden, erfährt man von Bernays allerdings nicht: Deborah Dugan, die vor knapp einer Woche vom Dienst freigestellte Chefin der Recording Academy, die die Grammys organisiert, behauptet nun, sie sei geschasst worden, weil sie sich wegen sexueller Belästigung und Unregelmäßigkeiten bei Nominierungen beschwert habe, melden die Agenturen. Marco Frei freut sich in der NZZ über Tabea Zimmermanns Auszeichnung mit dem Ernst-von-Siemens-Musikpreis. In der FAZ resümiert Clemens Haustein das Ultraschall-Festival in Berlin, von dem es bei Dlf Kultur ein paar Mitschnitte zu hören gibt.

Besprochen werden eine Ausstellung antiker Musikinstrumente im Martin von Wagner Museum in Würzburg (FAZ) und das neue Album von Wire, auf dem manche Stücke tatsächlich aus den Glanzzeiten der Band stammen könnten, "ohne dabei altersverbockt zu klingen", meint Christian Schachinger im Standard und meint dabei vor allem auch diese Auskopplung:


Archiv: Musik