Efeu - Die Kulturrundschau

So lacht der Sowjetmensch

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21.01.2020. Die SZ blickt mit Martin Schoeller Überlebenden des Holocausts ins Gesicht. Die taz erinnert an die tragische Lebensgeschichte des Komponisten Philip Herschkowitz. Die NZZ diskutiert mit Nicolas Stemann die Sprengkraft der Kapitalismusverehrerin Ayn Rand. Süße Todessehnsucht genießt die FR mit "Tristan und Isolde" in Frankfurt, die NMZ erschauert dagegen unter knallhartem Stimmstahl. Tagesspiegel und Standard erkunden mit Ladj Lys Banlieue-Film "Die Wütenden" die Stimmung in Montfermeil.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2020 finden Sie hier

Kunst


Felix Sorin und Berthe Badehi aus Martin Schoellers Serie von Holocaust-Überlebenden "Survivors". Steidl Verlag

Heute eröffnet Martin Schoellers Ausstellung "Survivors" in der Essener Zeche Zollverein. Sie zeigt 75 Porträts von Holocaustüberlebenden, die der Fotograf in Yad Vashem in Jerusalem machte. SZ-Kritiker Alexander Menden spürte ihre Bedeutung geradezu körperlich, erzählt aber auch vom "Making-of": "Einige erzählen ihre Geschichten: Yona Benson, 1928 im litauischen Wilna geboren, hielt seinen Vater in den Armen, als dieser starb. Die deutschen Besatzer hatten Vater und Sohn in ein Arbeitslager in Estland deportiert. 'Mein Vater starb an Hunger und der harten Arbeit', erzählt Benson. Eva Lavi, 1937 in Krakau geboren, war, wie sie sagt 'das jüngste Mädchen auf Schindlers Liste'. Nach dem Krieg habe Oskar Schindler jedem seiner Fabrikarbeiter ein Bündel mit Nahrung, Wodka, einer Decke und Kleidung gegeben. 'Damit wir nicht wie Gefangene herumlaufen mussten', sagt sie. 'Das ist nicht im Kinofilm, aber es ist wahr.'"

Weiteres: Adeline Westmark porträtiert in der SZ den chinesischen Street-Art-Künstler und Aktivisten Badiucao, der von Austalien bis Berlin gegen Pekings Politik protestiert. Besprochen wird die Ausstellung "Kaiser und Sultan" im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe (FAZ).
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Bühne

Vincent Wolfsteiner und Rachel Nicholls in "Tristan und Isolde". Foto: Barbara Aumüller / Frankfurter Oper

Liebe und Magie hat FR-Kritikerin Judith von Sternburg in Katharina Thomas Inszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" an der Frankfurter Oper erlebt. Groß fand sie die Produktion vor allem musikalisch: "Die Bläsersoli sind so makellos, wie es nur selten zu hören ist, die Süße der Streichersoli ist zuweilen merkwürdig, aber auch bezaubernd: Die Musik ist von Anbeginn an todessüchtig, aber Orchester und Dirigent verlieren nicht aus dem Blick, dass das ein zutiefst romantisches Gefühl ist. Und dass ein romantisches Gefühl kein lahmes oder fahles sein muss. Es braucht hier zudem keine faktische Langsamkeit, um die Zeit stillstehen zu lassen." In der FAZ ist Jan Brachmann nicht ganz überzeugt, aber interessant findet er ihre Deutung: "Während Tristan von Anfang an die Frau zum Sterben sucht, wäre Isolde vielleicht auch mit dem Mann zum Leben glücklich. Wagners Text lässt diese Lesart durchaus zu. Und Thoma distanziert sich kühl und klug mit ihrer Inszenierung von der Alternativlosigkeit des Doppelselbstmords, die Wagner mit seiner verheißungsvollen Musik nahezulegen scheint." Und während Wolf Dieter Peter in der NMZ Klangschönheit und Timbre bei Vincent Wolfsteiner und Andreas Bauer lobt, fröstelt er bei Rachel Nicholls Sopran: "In der obersten Terz nur noch kalter, knallharter Stimm-Stahl."

In der NZZ versucht René Scheu auf zwei Seiten damit klarzukommen, dass Nicolas Stemann als dezidiert linker Regisseur ein schräges Musical aus Ayn Rands Hymne auf den Kapitalismus "Atlas shrugged" gemacht hat - und Scheu es mochte. Er sieht in Rand nämlich eine großartige Apologetin des Kapitalismus. Aber Stemann ist das zu einfach: "Ich wusste von der Autorin, ich hatte in den letzten Jahren viel über sie, aber noch nichts von ihr gelesen. Natürlich gibt es dann gleich die, die sagen: Das ist B-Philosophie für amerikanische Nichtintellektuelle. Auch wenn es stimmen sollte: Man erfasst die Kraft, ja die Sprengkraft des Buches nicht, wenn man sich gleich darüber mokiert. Ich las und fand: Das ist so abgedreht, dass es interessant werden könnte."

Weiteres: Annegret Erhard berichtet in der taz von der Veranstaltungsreihe "Friendly Confrontations", bei der am Wochenende an den Münchner Kammerspielen "globale Kunst und Institutionenkritik" geübt wurden. Sandra Luzina hat in Havanna das Ballett Revolución besucht, das auf Kuba selbst gar nicht auftritt, wie sie im Tagesspiegel erzählt, sondern allein als Tourneeensemble geründet wurde, um Devisen zu verdienen: "Die Tänzer haben eine fabelhafte Technik, auch ihr Rhythmusgefühl ist umwerfend."

Besprochen werden Ulrich Rasches Inszenierung von Sarah Kanes "4.48 Psychose" am Deutschen Theater Berlin (bei der es Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung zu viel wurde: "Hier wird Leiden geübt an der Kippe zum wirklichen Leiden", SZ, FAZ), David Ndjaveras und Gernot Grünewalds "Hereroland" am Hamburger Thalia Theater (Nachtkritik), Susanne Kennedys "Ultraworld" an der Berliner Volksbühne (die SZ-Kritikerin Anna Fastabend an die Bilder "geschmackssicherer Neo-Hippies" auf Instagram erinnert), Massenets "Manon" am Staatstheater Nürnberg (NMZ) und Lukas Bärfuss' Fassung von Stendhals "Rot und Schwarz" (die Martin Halter in der FAZ etwas böse als "hübsche Spieldose" lobt).
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Film

Alltagsbeobachtungen in den Banlieues: Ladj Lys "Les Misérables"

Wie Victor Hugos gleichnamiger Roman spielt auch Ladj Lys in Cannes dekoriertes, zudem für einen Oscar nominiertes Langfilmdebüt "Les Misérables", der in Deutschland unter dem Titel "Die Wütenden" in die Kinos kommt, im Pariser Vorort Montfermeil. Für Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche ist dieser Banlieue-Film "eine wichtige Ergänzung des französischen Cinéma Beur - 35 Jahre nach Mehdi Charefs autobiografischem 'Tee im Harem des Archimedes'. Ly orientiert sich stilistisch eher am amerikanischen Actionkino, besonders am Polizeifilm 'Training Day', dessen prozedurale Erzählstruktur über gut 24 Stunden 'Die Wütenden' übernimmt. Die äußere Handlung dient in erster Linie aber dazu, das soziale Gewebe Montfermeils freizulegen. 'Allein in meinem Wohnblock leben Menschen aus 25 Nationen. Die wurden dort alle geparkt', erzählt Ly. ... Dass Ly, der sich eher als Aktivisten denn als Regisseur bezeichnet, vom Dokumentarfilm kommt, merkt man den 'Wütenden' in den beiläufigen Alltagsbeobachtungen noch an." Standard-Kritiker David Auer sah einen unversöhnlichen Film: "In Betroffenheitskitsch driftet er ebenso wenig ab wie in die trüben Gefilde des handelsüblichen Problemfilms." Im Dlf Kultur spricht Ly über seinen Film.

Auf Critic.de gibt Cristina Nord, die neue Leiterin des Forums, im Gespräch mit Frederic Jaeger Einblick in ihre Pläne für die Berlinale-Sektion: "Vielleicht ist das etwas viel erwartet vom ersten Jahrgang, aber ich denke schon, dass sich nach und nach etwas abzeichnen wird. Vielleicht keine 'Nord-Handschrift', da es, wie gesagt, ein kollaborativer Prozess ist, aber doch gewissermaßen eine neue Handschrift. Ich denke, das ist auch nötig, da sich das ganze Gefüge ja ändert. Das heißt auch, dass die Rolle, die das Forum zu Zeiten der Kosslick-Berlinale innehatte, heute nicht mehr ohne weiteres gegeben ist. Dinge ändern sich ja, wenn sich der Kontext ändert. Das ist auf jeden Fall etwas, über das wir uns Gedanken machen. Wir schauen, dass das Profil klar erkennbar ist. Dass wir die Sektion sind, die viele Essayfilme zeigt, die zwischen Dokumentar- und Spielfilm umherspringen, die experimentierfreudig sind, die klassischeren Narrationen nicht entsprechen."

Außerdem: In der FAZ gratuliert Bert Rebhandl dem Schauspieler Günter Lamprecht zum 90. Geburtstag. Besprochen werden Hermine Huntgeburths Biopic "Lindenberg! Mach dein Ding" (Presse), die Wiederaufführung der deutschen Komödie "Go, Trabi, Go" (online nachgereicht von der FAZ, unsere Kritik hier) und der von Arte online gestellte Dokumentarfilm "1944: Bomben auf Auschwitz?" (FAZ).
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Literatur

Angeregt von der Debatte um #vorschauenzählen, bei der die Vorschauen der Verlage nach Titel von Frauen durchkämmt werden, hat sich Michael Wurmitzer für den Standard im österreichischen Verlagswesen umgehört, wie man es dort mit der Geschlechterparität hält. Antwort: Es ist kompliziert - auch, weil österreichische Verlage im Gegensatz zu den großen deutschen Häusern eine nur sehr überschaubare Zahl von Titeln veröffentlichen. "Neben Qualität als oberstem Kriterium betonen alle Verlage die Wichtigkeit der Durchmischung. Es gilt dabei allerdings mehr zu beachten als nur das Geschlechterverhältnis. Verlegerin Annette Knoch von Droschl nennt auch die Parität von Debütanten und anerkannten Stimmen, leichterer und avancierter Lektüre, von Heimischem und Übersetzungen und verschiedener Gattungen. So hat man bereits eine Vielzahl von Kriterien beisammen, ohne die Frau-Mann-Frage gestellt zu haben."

Weiteres: In seiner "Lahme Literaten"-Kolumne der Jungle World nimmt sich Magnus Klaue diesmal Patrick Süskind vor. Rainer Moritz erinnert in den "Actionszenen der Weltliteratur" daran, wie Dürrenmatt einst zum realen Brand des Kurhauses in Vulpera eilte, das er zuvor in einem Roman abgefackelt hatte.

Besprochen werden Dorota Masłowskas "Andere Leute" (taz), Stefanie de Velascos "Kein Teil der Welt" (Tagesspiegel), R.O. Kwons Campusroman "Die Brandstifter" (online nachgereicht von der FAZ), Nicolás Giacobones Debütroman "Das geschwärzte Notizbuch" (Tagesspiegel) und Maria Stefanopoulous "Athos, der Förster" (FAZ).
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Stichwörter: Literaturbetrieb

Musik

Benno Schirrmeister erinnert in der taz an die tragische Lebensgeschichte des vom Geschichtsverlauf weitgehend verschütteten Komponisten Philip Herschkowitz, an den die Sängerin Sara Hershkowitz mit einem Konzert in Wien erinnert. Im September 1939 floh er vor den Nazis aus Wien, in der sowjetischen Bukowina kommt er zunächst als Dirigent eines Schulorchesters unter. Doch "am 22. Juni 1941 überfallen die Deutschen die Sowjetunion. Herschkowitz packt ein Paar Schuhe ein und zieht sich, es ist herrlichstes Sommerwetter, den Wintermantel an und geht los. In Taschkent, 4.500 Kilometer weiter östlich, wird er erst anhalten. Dort überlebt er den Krieg. Danach will er nach Wien. Er landet in Moskau. Will weg. Darf aber nicht. Will veröffentlichen. Darf aber nicht. Komponieren - darf er erst recht nicht. Leben? Wird ihm schwer gemacht: Als Antwort auf einen Ausreiseantrag wird Herschkowitz 1979 die Mitgliedschaft im Sozialfonds für Musiker gekündigt. Begründung: das 'Nichtvorhandensein schöpferischer Tätigkeit'. So lacht der Sowjetmensch."

Sehr rührend findet Zeit-Kritiker Jens Balzer das neue Album "Countless Branches" des Folk-Altmeisters Bill Fay, der früher noch mit düsteren Strichen ein musikalisches Bild vom Ende der Welt zeichnete. Diese Stimmung ist nun jedoch "einer altersweisen Zuversicht gewichen, er singt nun Lieder über das Glück, noch am Leben zu sein, und über das Wunder der Schöpfung und des unaufhörlichen Werdens. ...  Vieles wirkt tastend und auf der Suche, als wären dem Sänger die Melodien und Akkorde eben erst eingefallen; doch klingt gerade daraus eine Sicherheit und Intimität, die beim Hören direkt an das Herz greift." Ein Hörprobe:



Weitere Artikel: Tim Caspar Boehme resümiert in der taz das Berliner Ultraschall-Festival: "Die spartanischen Ansätze waren in diesem Jahr die überzeugendsten." Einige Konzertmitschnitte davon finden sich beim Dlf Kultur. Bernhard Jarosch stellt in der Jungle World den ambitionierten britischen Online-Radiosender NTS vor, der angibt, dass sein Musikprogramm zu 60 Prozent aus Titeln besteht, die bei den großen Streamingdiensten nicht zu finden sind.

Besprochen werden ein Beethoven-Konzert des Artemis-Quartetts (NZZ), das neue Album von Eminem (ZeitOnline), das neue Album von Kinderzimmer Productions (taz) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine Bach-Aufnahme von Thomas Zehetmair, dessen "Expeditionen in die Fugendickichte" SZ-Kritiker Harald Eggebrecht gebannt folgt. Wir hören rein:

Archiv: Musik