Efeu - Die Kulturrundschau

Wie weh und gut das alles zugleich tut

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08.11.2019. Die FAZ staunt in Paris über die Modernität El Grecos, seinen Umgang mit Farben und Stoffen. Die Berliner Zeitung fragt, wie man künftig von der Neuen Nationalgalerie auf die Philharmonie gucken soll: Durch das Museum der Moderne hindurch? Zeit online feiert FKA Twigs' neues Album "Magdalene" als Monument der Schmerz-Poesie. Die SZ begeistert sich für afrikanisches Modedesign. Die Kärnter Behörden rätseln, ob Peter Handke überhaupt noch österreichischer Staatsbürger ist, berichtet der Standard.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2019 finden Sie hier

Kunst

El Greco, Heilige Familie mit Maria Magdalena, 1595. Museum of Art, Cleveland


Stefan Trinks hat für die FAZ die "exquisite" Greco-Ausstellung im Pariser Grand Palais besucht. Der griechische Maler gab seinen Figuren nicht nur eine Seele, sein Umgang mit Farben und Stoffen wirkt auch heute noch unglaublich modern, findet Trinks. Schon bei den ganz frühen Arbeiten "zeigt sich, dass er die Bildkompositionen allein durch Farbe zusammenbindet ... Farbe ist bei ihm jedoch stets auch Stimmungsindikator, für die Gesamtwirkung des Bildes wie für die Mikrozonen eines Gesichtes. Auf der 'Heiligen Familie mit Maria Magdalena' aus Cleveland, entstanden um das Jahr 1600, wird dies besonders deutlich: Auf der Stirn der Magdalena, die über die Schulter Mariens sorgenvoll aufs Kind blickt und deren fahlgraue Haut wie mit Metallspänen überdeckt wirkt, steht kalter Schweiß. Greco lässt diesen durch Lichtreflexe noch ungesünder hervorstechen."

Petra Ahne und Ingeborg Ruthe besuchen für die Berliner Zeitung die Ausstellung "Out of Order. Werke aus der Sammlung Haubrok, Teil 1", die im Nürnberger Neuen Museum zu sehen ist, weil Berlin-Lichtenberg kein Museum auf dem Gewerbehof wollte, den die Haubroks erworben hatten: "Den Bau der Kunsthalle hat Birgit Monteiro, die Baustadträtin von Lichtenberg, untersagt sowie im April 2018 überhaupt Ausstellungen auf dem Areal, unter Androhung einer Strafe von einer halben Million Euro. Sie berief sich auf die Gewerbeordnung. Kunstausstellungen wären der erste Schritt zur Verdrängung des ansässigen Gewerbes, das war ihre Haltung, an der weder runde Tische noch Vermittlungsversuche der Senatsverwaltung etwas änderten. Am Ende war es, als kämpfe Birgit Monteiro allein gegen alle: Axel Haubrok, den Lichtenberger Bürgermeister, den Berliner Bürgermeister, die Kunstwelt. Nicht Berlin, sondern Nürnberg schmückt sich jetzt mit einer 'der wichtigsten Sammlungen der Gegenwartskunst', wie es im Ausstellungsheft des Museums heißt."

Weiteres: Ingeborg Ruthe geht für die Berliner Zeitung mit Norbert Bisky durch dessen Ausstellungen in St. Matthäi und an der Glienicker Brücke und unterhält sich dabei mit dem Maler über den Mauerfall. Heike Geißler stellt für Monopol Gästeeinträge zu Leipziger Ausstellung "German Angst" zu einem Angst-Essay zusammen. Und Elke Buhr lässt sich für Monopol von Achim Hochdörfer und Patrizia Dander vom Münchner Museum Brandhorst erklären, wie man als Kunstmuseum relevant bleibt.
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Architektur

Keine Philharmonie mehr zu sehen von der Neuen Nationalgalerie: Das geplante Museum der Moderne verstellt den Blick. Bild: Braunfels Architekten 


In der Welt erzählt Marcus Woeller die traurige Geschichte des Berliner Kulturforums, das jetzt mit dem Museum der Moderne wieder für Streit sorgt. In der Berliner Zeitung fragt Nikolaus Bernau noch einmal, warum das geplante Museum der Architekten Herzog und de Meuron ausgerechnet so am Kulturforum stehen muss, dass es die Neue Nationalgalerie zum Anhängsel degradiert und die Sichtachse zwischen Nationalgalerie und Philharmonie zerstört. Darauf hat jetzt vor allem der Architekt Stephan Braunfels mit einem Buch hingewiesen: "Auch die Berliner Zeitung hat immer wieder bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz darauf gedrängt, dass endlich Perspektiven hergestellt werden, die eine Gesamtansicht der Neuen Nationalgalerie mit dem Museum der Moderne und den Blick aus dem längst zur Legende gewordenen Bau von Mies van der Rohe hin zum Projekt zeigen. Öffentlich wurden solche Zeichnungen nie gezeigt, weder im Wettbewerbsprojekt noch in dessen Überarbeitungen. Stephan Braunfels hat sie jetzt für sein Buchprojekt herstellen lassen, um mit diesen Blättern die kritische Debatte um das Kulturforum erneut zu befeuern. Außerdem musste er mit den publizierten Plänen des aktuellen Entwurfsstands arbeiten. Die Behauptung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, man habe den Entwurfsprozess immer 'transparent' gehalten, ist in zumindest diesem Punkt unzutreffend."
Archiv: Architektur

Film

Das Moviemento am Kottbusser Damm 22 in Berlin-Kreuzberg.
Foto: Fridolin Freudenfett / Wikipedia 


Thomas Klein berichtet in der Berliner Zeitung von den Plänen des Berliner Kinos Moviemento, "dem ältesten Kino Deutschlands", per Crowdfunding dem Verkauf seiner Räumlichkeiten und damit mutmaßlich seiner Schließung entgegen zu wirken: "Kinoschließungen gab es eigentlich schon immer, aber inzwischen geht es grundsätzlich um das Kino. Senat und Bezirke haben sich nie zuständig gefühlt, als Traditionshäuser und Bezirkskinos verschwanden. Heute sind die abendliche Ödnis in der City-West und die Kultur-Lücken in den Außenbezirken ebenso ein Problem, wie die kaum noch profitablen Multiplexe. "

Weiteres: Daniél Kretschmar spricht in der taz mit dem Filmemacher Peter Kahane über dessen Dreharbeiten zu seinem letzten DDR-Film "Die Architekten", der als Austestung der Kunstfreiheit konzipiert war, dann aber bei den Drehtagen am Brandenburger Tor vom Mauerfall überrollt wurde. In der Welt spricht Regisseur Jan-Ole Gerster über sein Filmdrama "Lara", in dem Corinna Harfouch aus Tom Schilling einen Meisterpianisten machen will. Dass er sein eigenes Klavier weggeben musste, stimmt den Filmemacher etwas betrüblich: "Ich bin der Meinung, dass ein Klavier in jeden Haushalt gehört." In einem Pro und Contra in der taz streiten sich Ambros Waibel und Peter Weissenburger darüber, ob es eine gute Idee ist, dass James Dean als digitaler Klon Auferstehung feiern soll (der Hollywood Reporter weiß dazu mehr). In der Welt porträtiert Hanns-Georg Rodek den japanischen Gamesdesigner Hideo Kojima, der mit seinem (unter anderem von Mads Mikkelsen und Nicolas Windig Refn unterstützten) Spiel "Death Stranding" Film und Gaming zusammenführen will (was in den 90ern, als einige namhafte Hollywoodschauspieler in CD-ROM-Games mitgespielt haben, allerdings auch schon kaum Früchte getragen hat).

Besprochen werden Adam Bolts Dokumentarfilm "Human Nature" über das Crispr-Verfahren zur Genmanipulation (ZeitOnline), der Enthüllungsthriller "The Report" mit Adam Driver (Tagesspiegel, SpOn), Roland Emmerichs Kriegsfilm "Midway" (FAZ, Presse, unsere Kritik hier), Thomas Heises Essayfilm "Heimat ist ein Raum aus Zeit" (Standard, unsere Kritik hier) und die dritte Staffel von "4 Blocks" (FAZ).
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Design

José Hendo, Signs of the Now, 2019, © Terimelda Hendo / Kunstgewerbe-museum Berlin

Noch bis zum 1. Dezember ist im Berliner Kunstgewerbemuseum "Connecting Afro Futures" zu sehen, eine für SZ-Kritiker Jonathan Fischer vielleicht ein wenig zu großspurig betitelte, in ihrer Vielstimmigkeit und mit ihrer Aufbruchsstimmung aber sehr reizvolle kleine Ausstellung über Gegenwartspositionen im afrikanischen Modedesign. Der Fokus liegt dabei auf den Hotspots in Dakar und Kampala. Die exil-ugandische Designerin José Hendo "nimmt Insignien europäischer Haute-Couture auf. Nur verändert sie das Material radikal: Sie fertigt ihre Kleider aus traditionellem Baumrindenstoff. Er ist nicht nur einer der ältesten Stoffe der Menschheit. Lange war es ein Vorrecht des ugandischen Königshauses, dieses Material zu tragen, bis es - zugunsten billiger Second-Hand-Importe aus Europa - in Vergessenheit geriet. Hendos Kollektion veranschaulicht ein häufig beschworenes Credo: dass die Zukunft Afrikas aus der Vergangenheit lebt."
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Bühne

Im Interview mit der SZ erzählt der Regisseur und Intendant Roberto Ciulli, der am Samstag den "Faust"-Theaterpreis für sein Lebenswerk erhält, warum er unbedingt sein eigenes Theater gründen wollte, was er von Work-Life-Balance hält und warum ihm Clowns so wichtig sind: "Die rote Nase steht für eine Verletzung. Das ist eine Metapher auch für den Ursprung der Kunst. Der Clown fängt an, Widerstand zu leisten. Die Dialektik weißer/roter Clown gibt es in jedem von uns. Der weiße Clown kann der böse Kapitalist sein, aber auch der Künstler, der Schöpfer. Der rote Clown der Loser, vielleicht auch der Zerstörer. Aber jeder von uns verfügt über beides. In der Literatur: Faust und Mephisto."

Weitere Artikel: Die Presse (hier) und der Standard (hier) stellen Caroline Peters als neue Buhlschaft im Salzburger "Jedermann" vor. Im Tagesspiegel erinnert Christiane Wahl an die Premiere von Heiner Müllers "Hamlet/Maschine" 1990 am Deutschen Theater in Berlin. Cornelia Geißler unterhält sich für die Berliner Zeitung mit dem jungen Schauspieler Emil Kollmann, der gerade für ein Theaterprojekt deutsche, russische und polnische Biografien erkundet hat.

Besprochen werden Stephen Sondheims Oper "Follies" an der Staatsoperette Dresden (nmz), Àlex Ollés Inszenierung von Puccinis "Manon Lescaut" in Frankfurt (nmz), Romeo Castelluccis Inszenierung von Arthur Honeggers Oper "Jeanne d'Arc au bûcher" an der Brüsseler Oper (FAZ) und das Hip-Hop-Musical "Freestyle Love Supreme" am Broadway (SZ).
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Literatur

Unter den Behörden Kärntens herrscht Ratlosigkeit, ob Peter Handke nach dem Publikwerden seines 1999 ausgestellten jugoslawischen Passes überhaupt noch Österreicher ist, berichten Laurin Lorenz und Maria Sterkl im Standard. "Es könnte auch sein, dass Handke zwar einen Pass bekam, dass jedoch die dazugehörige Staatsbürgerschaft nie formell verliehen wurde. Die Landesamtsdirektion wurde nun von Landeshauptmann Kaiser damit beauftragt, den Sachverhalt zu prüfen."



Wie das Foto des Passes in die Österreichische Nationalbibliothek geraten ist, erklärt Rosa Schmidt-Vierthaler in der Presse: Das Original sei ein Souvenir von Hans Widrich, dem langjährigen Pressechef der Salzburger Festspiele: "'Handke und ich treffen einander einmal im Jahr. ... Von seinem Haus nehme ich immer Souvenirs mit, die er mir geben muss.' Dazu gehörte vor mehr als zehn Jahren auch der Pass, der mit dem Zerfall Jugoslawiens nicht mehr gültig war. Widrich hatte sich zwar zunächst gewundert, als er ihn gesehen hatte. Aber Handke hatte erklärt, dass er, etwa für Hotels, immer mehr hatte zahlen müssen als sein serbischer Begleiter. Deshalb hatte er den Pass angefordert und bekommen."

Weiteres: Die FAS hat Annabelle Hirschs Bericht von ihrem Besuch bei der Schriftstellerin Rachel Cusk online gestellt. Besprochen werden Rétif de la Bretonnes "Die Nächte von Paris" (NZZ), Doris Dörries "Leben Schreiben Atmen" (taz), Eva Rossmanns Krimi "Heißzeit 51" (Freitag) und Louise Pennys Krimi "Auf einem einsamen Weg" (FR).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Handke, Peter

Musik



Ziemlich umgehauen wurde ZeitOnline-Rezensent Daniel Gerhardt von "Magdalene", dem neuen Album von FKA Twigs, das die Popkritik derzeit wie keine zweite Neuveröffentlichung beschäftigt (mehr dazu bereits hier und dort). "Magdalene" ist ein Monument der Schmerz-Poesie, beobachtet er: "'Aching is my laugther', lautet eine Zeile im Song 'Daybed': Schmerz ist ihr Vergnügen." Es gehe "darum, sich selbst zu zerfleischen für die Kunst oder für einen anderen Menschen, andere Menschen zu zerfleischen für das eigene oder das Allgemeinwohl - und immer wieder darum, wie weh und gut das alles zugleich tut". Zudem "ragen ihre Songs so eigen und selbstbewusst aus allem heraus, was Menschen gerade millionenfach streamen, dass auch die bisher obligatorische Nennung ihrer (in aller Regel männlichen) Gehilfen niemanden mehr weiterbringt. Wer die richtigen Vergleiche ziehen will, muss bei wandelnden, ewig wandelbaren Gesamtkunstwerkerinnen wie Björk, Kate Bush und Joanna Newsom ansetzen." Standard-Kritiker Christian Schachinger beobachtet "eine ebenso naheliegende wie gleichzeitig zwingende und verhuschte Form von Popkunst des 21. Jahrhunderts."

Julianne Escobedo Shepherd ist auf Pitchfork fast schon am oberen Ende der Bewertungsskala angekommen: "Mitunter überschattete Twigs' Gesamtkunstwerk-Appeal die Musik selbst, auch deswegen, weil ein beträchtlicher Teil ihrer Präsenz auf ihrem Weltklasse-Athletismus als Tänzerin beruht. Sie durchtränkt Voguing und lyrisches Ballett mit einer solchen Anmut und Sinnlichkeit, dass die Emotionalität ihrer Musik direkt ihrem Körper entspringt. In dieser Hinsicht ist 'Magdalene' eine gottverdammte Offenbarung. Ihr erstes Album in vier Jahren - und ihre beste Arbeit bislang - ist zwar so introspektiv wie alles, was sie bisher geschrieben hat, aber noch offensichtlicher denn je rückt es ihre Stimme als Ausdrucksmittel für reine Emotion in den Mittelpunkt."



In der taz freut sich Julian Weber darüber, dass Joy Press' und Simon Reynolds' bereits in den 90ern auf Englisch erschienener Musikbuch-Klassiker "The Sex Revolts", eine kritische Auseinandersetzung mit diversen Machismen im Rock, nun endlich auch ins Deutsche übertragen wurde: "Press und Reynolds kommt das Verdienst zu, feministische Fachdebatten aus der akademischen Welt in den Kontext von Pop überführt zu haben, Feminismus so darzustellen, dass Musikinteressierte weiterlesen und sich Experten nicht gelangweilt abwenden." Auf Deutsch kann man das Buch zwar erst ab Februar in Händen halten, dafür ist Reynolds in den nächsten Tagen auf Lesetour im Land.

Weiteres: In der NZZ schreibt Ueli Bernays über die Reunion der britischen Ska-Pioniere The Specials. Thomas Steinfeld schreibt in der SZ einen Nachruf auf den für ECM Records tätigen Toningenieur Jan Erik Kongshaug.

Besprochen werden eine Kino-Doku über Leonard Cohen und seine Liebe zur Marianne Ihlen (Tagesspiegel, SpOn), der 15. Teil aus Bob Dylans Bootleg-Serie (FAZ, mehr dazu bereits hier), das neue Album von Voodoo Jürgens (Standard), der Auftritt von Zerfall und den Fehlfarben beim Mauerfall-Konzert am Alexanderplatz (taz) und Prince' Autobiografie"The Beautiful Ones" (FAZ).
Archiv: Musik