Efeu - Die Kulturrundschau

Ehre, wem Leere gebührt

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25.06.2018. Die SZ stellt das französische Architektenduo Lacaton & Vassal vor, das tolle Architektur für alle entfwirft. Im Zürcher Rietberg Museum lernt sie zudem, wer unsere Dämonen sind. Tagesspiegel und Standard lernen auf der Manifesta in Palermo, dass es in der Stadt gar keine Flüchtlinge gibt. In der NZZ überlegt die syrische Schriftstellerin Rosa Yassin Hassan, ob es überhaupt ein Exil gibt. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2018 finden Sie hier

Architektur

Lacaton & Vassal: Sozialbau in Mulhouse


Laura Weißmüller feiert in der SZ das Architektenduo Lacaton & Vassal, dem das Innsbrucker Zentrum Architektur und Tirol die Ausstellung "Inhabiting: pleasure and luxury for everyone" widmet. Frankreich verdankt Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal nicht nur Museen wie das Palais de Tokyo in Paris und das Frac in Dunkerque oder die irrwitzige Architekturfakultät in Nantes, sondern auch den Beweis, dass gute Architektur nicht teuer sein muss, betont Weißmüller: "Nicht der Einsatz von teuren Materialien oder aufwendigen Technologien macht sie dazu, sondern die intensive Auseinandersetzung mit einem Ort, die Gedanken, was er und seine zukünftigen Benutzer brauchen. Demzufolge muss gute Architektur nicht einer kleinen Elite vorbehalten sein, sondern ist für alle möglich."
Archiv: Architektur

Kunst

Der Dämon Hiranyaksha und sein Vater Kasyapa. Indien 1740. Bild: Rietberg Museum Zürich.

In der fantastischen Ausstellung "Monster, Teufel und Dämonen" im Zürcher Rietberg Museum staunt SZ-Autorin Charlotte Theile nicht schlecht: Wie ähnlich sich die Dämonen aus Persien, Japan, Indien und der Schweiz sehen. "Ein erster kleiner Raum stellt die Dämonen vor, Indien im 15. Jahrhundert, Japan um 1813, ein unbekannter iranischer Künstler im späten 16. Jahrhundert. Chaos? Überhaupt nicht. Der Dämon Hiranyaksha ist in ein lebhaftes Gespräch mit seinem Vater Kasyapa verwickelt, beide kombinieren prächtige bunte Unterhosen mit schwerem Goldschmuck. Man bekommt langsam ein Gefühl für diese bunten, unordentlichen Wesen, stolz, ungezähmt, furchterregend. Außenseiter ohne Stilbewusstsein und Manieren, die Antithese zum kultivierten Menschen. Wie wohl ein heutiger Dämon aussehen würde? Fett, faul, träge auf der Couch fläzend? Hyperaktiv? Hasserfüllt?"

Patricia Kaersenhout erinnert mit "Soul of Salt" im Palazzo Forcella de Seta an die Geschichte afrikanischer Sklaven in der Karibik.Foto: Manifesta

Im Tagesspiegel berichtet Nicola Kuhn von der Manifesta in Palermo, die sich ganz der Migration und der Stadt selbst verschrieben hat: "Anders als die Documenta in Athen, die gezielt die gebeutelten Institutionen als Standort wählte, um sie zu unterstützen und dadurch wie ein Ufo wirkte, geht die Manifesta gezielt in Palermos ruinöse Kirchen, sonst unzugängliche Palazzi, verwucherte Gärten und auf desolate Plätze, ja sogar ins städtische Archiv, wo der Staub von Jahrhunderten auf den modernden Akten liegt."

Ziemlich überzeugend findet auch Maik Novotny im Standard dieses Plädoyer für die offene Stadt und die kulturelle Mischung. Und er erinnert an die Tradition Palermos: "Schon 2015 hatte Bürgermeister Leoluca Orlando in seiner 'Charta von Palermo' das Recht auf unbegrenzte Mobilität für alle gefordert. 'Wenn man mich fragt, wie viele Migranten wir in Palermo haben, sage ich: Keinen einzigen. Ich unterscheide nicht zwischen denen, die hier leben, und denen, die hier geboren sind."

Weiteres: Fasziniert folgt Arno Widmann in der FR einer Ausstellung über den katalanischen Ramon Llull im Karlsruher ZKM, der erst in den Kreuzzügen kämpfte und später eine Maschine entwar, die beim Denken helfen sollte, den "Papiercomputer Für die FR besucht Ingeborg Ruthe das Malerpaar Neo Rauch und Rosa Loy in ihrer Grafikstiftung Aschersleben.

Besprochen werden die etwas ernüchternde Ausstellung "Couple Modernes" über moderne Paare in der Kunst im Centre Pompidou Metz (FAZ) und die Schau "Joggeli, Pitschi, Globi..." über beliebte Schweizer Bilderbücher im Landesmuseum in Zürich (NZZ).
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Bühne

Im Welt-Interview mit Alena Struzh sprechen Sibylle Berg und Ersan Mondtag über ihr Stück "Wonderland Ave." und unsere bevorstehende Unterwerfung unter die Künstliche Intelligenz. Auch der zunehmende Optimierungswahn scheint bei Berg eine Seite anzurühren.

Besprochen werden Sebastian Hartmanns etwas skandalträchtige Inszenierung des Stücks  "In Stanniolpapier" bei den Autorentagen in der Berlin, von der sich Autor und Theater prompt distanzierten (Berliner Zeitung, Tagesspiegel, Nachtkritik), Lola Arias Stück "What They Want to Hear", mit dem es das Bamf an die Münchner Kammerspiele geschafft hat (SZ), Ayman Abu Shaqras Stück "Nora oder ihr anderer Name" im freien Theater Göttingen (Nachtkritik) und die Bühneninstallation "Dekameron" im Berliner Ensemble in Koproduktion mit dem Ramba Zamba Theater (taz).
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Archiv: Bühne
Stichwörter: Unterwerfung

Literatur

Online nachgereicht hat die NZZ den Essay der syrischen, seit 2012 in Deutschland lebenden Schriftstellerin Rosa Yassin Hassan, in dem diese auf ihre Exilerfahrungen und ihren dadurch neu eingefärbten Blick auf ihre Heimat reflektiert: "Immer wieder denke ich ans Wesen meiner Heimat, als handelte es sich um einen imaginären Ort, ein fast schon metaphysisches Utopia. Denn das Verlassen der Heimat gibt unserer Seele Nahrung; indem wir auf einen Schlag alles verlieren, was wir kennen, erkennen wir die Heimat neu. ... Mit der Zeit aber beruhigt sich der Strudel ein wenig, und man kommt zu der Überzeugung, dass es diese Sache namens Exil gar nicht gibt, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn des Wortes. Vielmehr sind wir es, die unser Exil erschaffen und die entscheiden, ob unser Ort im Leben ein Exil ist oder nicht."

Schriftsteller Jan Böttcher resümiert im Logbuch Suhrkamp die Autorenkonferenz "Ängst is now a Weltanschauung", bei der sich Literaten trafen, um die "Erosion des Demokratischen" und die rechtspopulistischen Infizierungen des Diskurses zu diskutieren: "Zwei Pfade (...) konnten wir uns durchs gute alte Sprachdickicht schlagen. Entweder man nahm das rechte Sprechen als Ausgangspunkt (Ehre, wem Leere gebührt), um es reaktiv zu kontern, gerade zu biegen oder ein weiteres Mal zu verdrehen. Ein befreundeter Lyriker merkte an, dass dabei die Gefahr bestehe, sich an der miesgemachten Sprache zu vergiften." Oder aber man richtet das "Augenmerk auf neue Begriffe. Die es natürlich nicht gibt. Aber die Lupe kann man schon halten - auf Sprachteile und Kombinationen, die bislang keinen Diskurs eröffneten."

Für die Jungle World hat sich Steffen Greiner mit Aka Morchiladze zum Gespräch über dessen ursprünglich bereits 1992 veröffentlichten, jetzt auch ins Deutsche übersetzten Roman "Reise nach Karabach" getroffen, in dem der georgische Schriftsteller die postsowjetischen Konflikte in seinem Heimatland literarisch verarbeitete: Es sei ihm darum gegangen, "eine Geschichte zu schreiben, die möglichst nah am Leben war und an den Erfahrungen, die ich bis dahin gemacht hatte. Darum sollte alles realistisch klingen, darum schrieb ich im Slang meiner Generation, darum auch die Radikalität. Ich hatte damals das Gefühl, mir eine neue Welt erschließen zu können."

Weitere Artikel: Im Standard spricht Ruth Renée Reif mit David Szalay über dessen Roman "Was ein Mann ist". Gerrit Bartels stöhnt im Tagesspiegel über die momentane Flut an Knausgård-Büchern. Die FAZ dokumentiert Christoph Ransmayrs Dankesrede zum Erhalt des Würth-Preises für Europäische Literatur. In der FAZ erinnert Dietmar Dath an den Mathematiker, Philosoph und Dichter Felix Hausdorff, dessen Werkausgabe jetzt durch eine Biografie abgerundet wird.

Besprochen werden Elif Batumans "Die Idiotin" (Standard), Inaam Katschatschis "Die amerikanische Enkelin. Rückkehr nach Bagdad" (NZZ), Simone Schönetts "Andere Akkorde" (Freitag), der von Mahmoud Hassanein und Hans Thill herausgegebene Band "Deine Angst - Dein Paradies" mit Gedichten aus Syrien (NZZ), Bettina Wilperts Debüt "nichts, was uns passiert" (Zeit), Christopher Brookmyres "Wer andern eine Bombe baut" (FR), Denis Johnsons "Die Großzügigkeit der Meerjungfrau" (Freitag), Philippe Sands' "Rückkehr nach Lemberg" (Standard), Marina Perezaguas "Hiroshima" (SZ), neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Ulrike Steinkes "Franz & Mary" (FAZ), und Susanne Fritz' "Wie kommt der Krieg ins Kind?", das laut SZ-Kritiker "tiefer ins Herz der Gegenwartsdebatte vordringt" als andere Neueerscheinungen.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Tilman Spreckelsen über Doris Runges Gedicht "plötzlich":

"mit einer flasche
rotwein
..."
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Film

Rory Carroll hat sich für den Guardian auf einen ausführlichen Plausch mit David Lynch getroffen. Markus Söder will das Filmfestival München mit einer kräftigen Finanzspritze zur Berlinale-Konkurrenz ausbauen, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel.

Besprochen werden Michael Glawoggers vom ZDF online gestellter TV-Krimi "Die Frau mit einem Schuh" (FR), Dominik Cookes Verfilmung von Ian McEwans Novelle "Am Strand" mit Saoirse Ronan (taz) und eine Ausstellung von Stanley Kubricks Fotografien in New York (online nachgereicht von der FAZ).
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Stichwörter: Mcewan, Ian

Musik

Die Veröffentlichung des bislang verschollen gewesenen John-Coltrane-Albums "Both Directions at Once" wird die Jazzgeschichte zwar nicht umkrempeln, schreibt Ljubiša Tošić im Standard, doch mache die hier geöffnete Kammer bereits den Eindruck eines "brennenden Vorzimmers zu jenem Raum der Ekstase, der am Ende des Coltrane-Weges steht."

Weitere Artikel: Der Kantatenzyklus des diesjährigen Bachfests Leipzig stellte ein "denkwürdiges Erlebnis" dar, resümiert Marcus Stäbler in der NZZ. Im Tagesspiegel mutmaßt Frederik Hanssen darüber, wann Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern endgültig ergraut ist (Rattles gestern in der Berliner Waldbühne gegebenes, endgültiges Abschiedskonzert hält der RBB online vor). In der Austropop-Textreihe des Standard erinnert Karl Fluch an Drahdiwaberl: "Drahdiwaberl kümmerten sich nicht um bürgerliche Akzeptanz, Weber und Co waren an Schmutz und Schund interessiert." Die Sängerin Namika träumt im ZeitMagazin. Uwe Killing gratuliert in der Berliner Zeitung De-Phazz zum 20-jährigen Bestehen. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt der Lyriker Dirk von Petersdorff  über Ideals "Berlin": Für die FAZ hat sich Jan Wiele mit dem Jazzpianisten Michael Wollny getroffen und unter anderem über David Lynchs dritte "Twin Peaks"-Staffel gefachsimpelt. Hier ein Auszug aus Wollnys neuem, mit seinem Trio und dem Norwegian Wind Ensemble eingespielten Album "Oslo":



Besprochen werden das neue Album von Gang Gang Dance (Pitchfork), ein Auftritt von Les Trucs (Tagesspiegel), der Berliner Auftritt der Rolling Stones (taz, Tagesspiegel), ein Abend mit dem Berliner Konzerthausorchester unter Christoph Eschenbach (Tagesspiegel) und ein Konzert von Helene Fischer (taz).
Archiv: Musik