Efeu - Die Kulturrundschau

Rarer Traumtänzer aus Prinzip

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30.11.2015. FAZ und FR bewundern Prägnanz und Nüchternheit des Architekten Ferdinand Kramer. Die taz freut sich über "My Fair Lady", in Berlin inszeniert als Meisterwerk der Nostalgie. In der NZZ erinnert sich Paul Nizon, wie er mit 47 Jahren die Schweiz Richtung Paris verließ. Der NZZ gefällt gerade das Ratlose in Volker Löschs Inszenierung des "Grafen Öderland" gegen die Dresdner Weggucker. Und: alle trauern um Luc Bondy.

Architektur


Frankfurter Siedlung Westhausen mit Ferdinand Kramer (1929-31), Foto: 1929 \\ © Institut für Stadtgeschichte, Foto: Paul Wolff

Ein "Glücksfall" ist die Ferdinand-Kramer-Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt, meint Eckhart Nickel in der FAZ: "Weil sie in vielem dem Mann ähnelt, dessen Werk sie zeigt: in der Konzentration auf das Wesentliche, der Liebe zum Detail und der stringenten geistigen Ordnung der Dinge." Und er würdigt Kramer, dessen unterkühlt-funktionaler Stil oft gerügt worden sei, als "lebensfrohen Menschenfreund. In seiner Universitätsbibliothek gab es Schlafgelegenheiten, es sollte nicht nur gelesen, sondern auch geliebt und gelebt werden." Auch Christian Thomas von der FR hat die Ausstellung gern besucht: "Für Kramer lag auf der Hand, dass Pathos untauglich war. Vielmehr sollten Klarheit, Prägnanz und Nüchternheit Hand in Hand gehen. Rein sachlich gesehen, ist das eine menschliche Geste."
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Kunst

Online nachgeliefert von der Zeit: Hanno Rauterbergs Meditation über das Verhältnis zwischen Kunst und digitaler Technik. Die Demokratisierung der Bildproduktion durch die Smartphones und künstlerischen Aneignung von Welt auch im Banalen habe weitreichende Folgen, die man mit den einstigen Zielen der Avantgarde engführen könne: "Die Kunst, wie man sie bislang kannte, wird von den neuen Bildkulturen im Tiefsten erschüttert werden. ... Bis heute lassen sich viele Künstlerwerke nicht zweifelsfrei als Kunst erkennen. Bei jedem Pinkelbecken kann es sich um eine künstlerische Tat handeln, das lehrte Marcel Duchamp schon vor hundert Jahren. Nur war es bislang so, dass Kunstwerke mit Alltagsdingen verwechselt wurden. Jetzt, im Zeitalter des digitalen Bildes, dreht sich das um: Plötzlich nimmt das Alltägliche kunsthafte Züge an."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel liefert Nicola Kuhn Hintergründe zu Jackson Pollocks "Mural", das derzeit in der Deutschen Bank-Kunsthalle gezeigt wird. In der SZ schreibt Georg Imdahl über das 25-jährige Bestehen der Texte zur Kunst.

Besprochen werden die Terry-Fox-Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste (Jungle World) und die Max-Beckmann-Ausstellung in der Berlinischen Galerie (Tagesspiegel).
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Film

Besprochen werden der auf DVD erschienene Film "Listen to Me Marlon" über Marlon Brando (SZ) und Ben Hopkins' Dokumentarfilm "Hasret" über Istanbul (FAZ).
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Archiv: Film

Literatur

In der NZZ bedankt sich Paul Nizon mit einer Rede für eine ihm gewidmete Hommage im Paul Klee Zentrum. Und er erinnert sich, wie er mit 47 Jahren die Schweiz verließ, wo er erste Anerkennungen als Schriftsteller erfahren hatte, um sich in Paris und im Französischen niederzulassen: "Nun, in Paris fand ich die Schönheit der Stadt, eine unausschöpfbare Schönheit; und die imaginäre Allgegenwart der Künstler, die die Stadt zum Grössten angestachelt hatte; und erst einmal die Einsamkeit. Ich war ja in einem anderssprachigen Kulturraum und, solange ich nicht übersetzt war, vorerst so gut wie nichtexistent. Und ich hatte kein Arbeitsprojekt mitgebracht, ich hatte einfach nichts zu tun außer spazieren gehen und warten. Worauf wartete ich? Auf Inspiration? Die Erleuchtung?"

Besprochen werden Atticus Lishs "Vorbereitung auf das nächste Leben" (Berliner Zeitung), Joachim Meyerhoffs "Ach diesJe Lücke, diese entsetzliche Lücke" (Tagesspiegel), Ulrich Raulffs "Das letzte Jahrhundert der Pferde" (Zeit), Vladimir Kecmanovićs Thriller "Sibirien" (ZeitOnline), Friedrich Kittlers Aphorismen- und Miniaturensammlung "Baggersee" (online nachgereicht von der FAZ), Javier Sebastiáns "Thallium" (SZ) und Steffen Martus' kulturhistorische Studie "Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Gerhard Stadelmaier über Joseph von Eichendorffs "Auf einer Burg":

"Eingeschlafen auf der Lauer
Oben ist der alte Ritter:
Drüber gehen Regenschauer,
..."
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Bühne


Graf Öderland: Der Dresdner Bürgerchor. Foto: Matthias Horn

Was in Max Frischs Stück "Graf Öderland" über einen Fünfziger-Jahre-Terroristen in der Schweiz gärte, " ist verwandt mit dem, was in Dresden gärt", meint in der NZZ Peter Michalzik. Hundertprozentig gelungen findet er Volker Löschs Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden zwar nicht, aber sehr beeindruckende Momente gibt es doch. Vor allem die "halb improvisierten Zwischenspiele der Schauspieler. Sie leben vom Widerspruch gegen Pegida, gegen Dresdner 'Weggucker', gegen die Unentschiedenheit der CDU-Politik. Sie leben im Selbstwiderspruch, politisch wirken zu wollen, aber Theater zu machen, zwischen Distanz und Engagement zu sich zu kommen. Am stärksten ist die Aufführung, wenn sich die Ratlosigkeit des Theaters und das Brodeln in der Stadt mischen."

An der Komischen Oper in Berlin hatte Andreas Homokis Inszenierung von "My Fair Lady" Premiere. Der Ex-Intendant des Hauses kehrt damit für einen Gastauftritt an seine alte Wirkungsstätte zurück, was Niklaus Hablützel von der taz sehr begrüßt: "Neu" sei an dieser vor betont altmodischem Setting spielenden Inszenierung zwar "nichts. Typisch Homoki: Seine eigenen Inszenierungen haben nie nach Aktualität gegiert. Sie waren am besten, wenn sie die Größe und Eigenart eines Werkes einfach nur in Erinnerung gerufen haben. Diese 'My Fair Lady' ist die gute alte, die auch jetzt wieder bezaubert. Wir verstehen danach die Gegenwart nicht besser, sie ist nur schöner geworden, so schön wie das Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann. Das ist nun wirklich ein Meisterwerk der Nostalgie." Frederik Hanssen vom Tagesspiegel freut sich über "eine pointensichere, von perfekt getimten Dialogen getragene Show." Lediglich Clemens Haustein zeigt sich in der Berliner Zeitung deutlich weniger bestrickt: Das Tempo sei gelungen, doch der "Eindruck des Brav-Gediegenen bleibt, das gerne cool sein möchte."

Weiteres: Für die Berliner Zeitung spricht Arno Widmann mit der Schauspielerin Ruth Reinecke. Jan Küveler war für die Welt im Burgtheater, den Abschluss der Thomas-Bernhard-Werkausgabe feiernd. Besprochen werden Ferdinand Schmalz' "herzerlfresser" am Deutschen Theater Berlin (taz), Erna Ómarsdóttirs und Damien Jalets Choreografie "Black Marrow" beim Nordwind-Festival in Bern (NZZ), die Arbeit "Fundamentalisten" der Gruppe Schauplatz International in der Zürcher Gessneralle (NZZ), Jette Steckels Collagierung zweier Stücke von Ödön von Horváth am Hamburger Thalia (SZ) und Hans Werner Henzes "The Bassarids" am Teatro dell'Opera di Roma (SZ).

Große Trauer um Luc Bondy, der im Alter von 67 Jahren an einem Krebsleiden gestorben ist. "Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit" ist das, klagt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Bondy, schreibt Gerhard Stadelmaier in der FAZ, "schaute nach drinnen, ins Zwischenreich, das die Seelen und Hirne von den Leibern, vor allem den Unterleibern trennte, und auf die Wege und Umwege, auf denen die einen zu den anderen sich verirrten oder hintollten in Sehnsüchten und Begierden, Traurigkeiten und Gefühlsverirrungen". Ohne Bondy "wäre [das Theater] ein ganz anderes gewesen, um vieles ärmer", meint Peter Iden in einem sehr persönlichen Nachruf in der FR.

In der Welt erinnert Kai Luehrs-Kaiser an das "Schmetterlingsimage" Bondys, das seine Grenzen an Castorf erfuhr: "Unterm Diktat der Dekonstruktion, wie sie vom Theater Frank Castorfs ausgegangen war, wirkte zumal ein 'sanfter Revoluzzer' (wie die grässliche Spielmarke heißt) leicht altbacken. Und démodé. Soweit überhaupt eine Erinnerung an Theaterkünstler möglich ist, scheint die Zeit reif für Loblieder auf einen raren Traumtänzer aus Prinzip, einen letzten Hochseil-Zitterer und Zauberkönig des europäischen Schauspielertheaters." Weitere Nachrufe in taz, NZZ und Tagesspiegel. Außerdem bringt die FAZ kurze Erinnerungen an Bondy von Michael Krüger und Hermann Beil.
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Musik

Slayer-Gitarrist Kerry King erklärt im Interview mit der Welt, er sei fest entschlossen weiteraufzutreten, islamistischer Terror hin oder her. Ueli Bernays resümiert in der NZZ das Jazz- und Improvisations-Festival "unerhört!" in Zürich.

Besprochen werden eine Aufführung von Edward Elgars Oratorium "The Dream of Gerontius" in der Tonhalle Zürich unter Leitung von Joachim Krause (NZZ), das neue Album von Bushido, in dem Daniel Haas von der Zeit das "streckenweise brillant getextete Tableau einer ausgrenzungsgewohnten und gerade deshalb aufwärtsmobilen Männlichkeit" erblickt, Marker Starlings "Rosy Maze" (taz), Michael Monroes "Blackout States" (FAZ) und das Frankfurter Konzert von Juliette Gréco (FAZ).
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