Efeu - Die Kulturrundschau

Klärende Wortgewitter

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.07.2015. Alle lieben Rainald Goetz: Ein Klassiker wäre er sowieso geworden, aber mit Büchner-Preis "fühlt es sich richtiger an". Niemand liebt den Terminator: Dass einzig Arnie sympathisch ist, sieht Daniel Kehlmann in der Zeit als größten Verrat an der Grundidee des Films. Für die Münchner Opernspiele hat Andreas Dresen die "Arabella" von Strauss gründlich entstaubt, freut sich die Welt. Die SZ beklagt die neue Unübersichtlichkeit in der Kunst. Die taz meint: Es gibt die von Wolfram Schütte geforderte Literaturzeitung Fahrenheit 451 schon. Und sie heißt Perlentaucher

Literatur

Irre: Der Berliner Schriftsteller Rainald Goetz erhält den Büchner-Preis. Längst überfällig war das nach Ansicht aller ringsum Freudenpurzelbäume schlagenden Kritiker. "Ein Klassiker wäre Rainald Goetz so oder so geworden, mit oder ohne Büchnerpreis, nicht nur der Popliteratur, sondern der Kunst der Gegenwartsbeschreibung", meint Dirk Knipphals in der taz: Aber "mit Büchnerpreis fühlt es sich richtiger an". Außerdem fällt ihm auf, welchen Weg die poplinke Avantgarde aus den Szenekneipen des Punk-Undergrounds, dem der 60-jährige Goetz einst entsprungen ist, zurückgelegt hat. "Goetz", meint dazu Christopher Schmidt in der SZ, "war immer da, wo die Gegenwart am hellsten glühte. Ob im Nachtleben oder im Bundestag." Und weiter: "Literatur ist für ihn Resonanzraum der Öffentlichkeit, die Verbindung von wütender Expressivität und scharfer Polemik mit kühler Vivisektion." Christian Bos (FR) genießt Goetz" "klärende Wortgewitter" und alles andere, was es in Goetz" Schaffen zu finden gibt, nämlich "Hass, heiße Verachtung, geile Intensität, grellwache Beobachtung, kalte Anamnese." Auch solcher überschäumenden Exzesse wegen kriegt Gerrit Bartels (Tagesspiegel) das mit dem Büchner-Preis und Goetz noch nicht zusammen: "Georg-Büchner-Preisträger Rainald Goetz, es klingt wirklich noch etwas befremdlich." Ulf Poschardt freut sich einfach in der Welt: "Was für ein wundervoller, verdienstvoller Preisträger für den Büchner-Preis. Yeah!!!" In der FAZ beschreibt Jürgen Kaube Goetz als "Meta-Naturalist der merkwürdigsten Art" und "ziemlich raffinierten Schriftsteller".

Und der Merkur hat zur Feier des Tages Goetz" dort 1985 veröffentlichten Text "Der Attentäter" zum kostenfreien Download freigeschaltet. Leider unerwähnt blieben in den Kommentaren die drei Folgen des ZDF Nachtstudios im Jahr 2001, die unter Mitwirkung von Rainald Goetz entstanden sind. Eine Glanzstunde des deutschen Fernsehens (mehr dazu hier), die es auf Youtube zu sehen gibt - hier in einer Playlist:



Ganz mitziehen mag taz-Autor Jan Feddersen nicht bei Wolfram Schüttes Aufruf, eine Literaturzeitung im Netz zu schaffen: "In der Debatte um den Vorschlag wurde der Vorschlag als faszinierend notwendig erachtet - vor allem der inzwischen als Merkur-Redakteur arbeitende Ekkehard Knörer analysierte, nicht viel spreche für das Projekt, aber insgesamt wäre es schön, würde es sich finanzieren können. Fragt sich nur: Durch wen? Und für welche Leserschaft? Übernimmt nicht schon Perlentaucher ein Gros dessen, was Fahrenheit 451 selbst erst möchte - Debatten um Literarisches in die Welt zu tragen?"

Thomas Brasch interveniert in seinem Blog ebenfalls in der Debatte, und er will nicht nur ein Literaturmagazin im Netz, sondern einen elitären Club: "Endlich offen zeigen, wo das Feuilleton positioniert ist, wo es hingehört: elitär, selbstreferenziell und für Leute, die neben ein wenig Geld auch über den größten heutigen Luxus verfügen: Zeit und Muße." Jan Drees resümiert die Debatte ausführlich im Blog lesen mit links.

Für die NZZ unterhält sich Sieglinde Geisel mit der Autorin Ursula Priess über die Beziehung zu Vater Max Frisch, ihr neues Buch "Hund & Hase" und ihre Motivation zu Schreiben: "In den 70er und 80er Jahren wusste ich Bescheid; ich wusste, was richtig und was falsch ist, gut oder schlecht. [. . .] Es war eine sichere Welt, in der ich einen festen Platz hatte. Seit mir diese Sicherheit mehr und mehr abhanden kam, schreibe ich."

Weitere Artikel: In der FR berichtet Judith von Sternburg vom Abschluss von Clemens Meyers Frankfurter, mit "Äkschn GmbH" überschriebener Poetikvorlesung. Thomas Wörtche empfiehlt in Kaliber38 neue Krimis.

Besprochen werden Valerie Fritschs "Winters Garten" (Tagesspiegel, unsere Leseprobe), Giorgio Chiesuras Roman "Hingabe" (NZZ), ein Band über Kunst, Kultur und Geschichte Siziliens (NZZ), Edan Lepuckis "California" (FAZ) und Fouad Larouis "Die alte Dame in Marrakesch" (SZ).
Archiv: Literatur

Film


Coming-of-Age-Medi­ta­tion in kristallklaren und doch sonderbar entrückenden Digitalbildern: "It Follows".

Die Welle an interessanten Horrorfilmen scheint kein Ende zu nehmen: In David Robert Mitchells "It Follows" führt ein Fluch dazu, dass Menschen von sich nicht auf den ersten Blick als solche erkennbaren, vom Umfeld allerdings nicht wahrnehmbaren Geistern in Menschengestalt verfolgt werden. Der Grusel, schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher, entstehe somit "direkt aus einer Wahrnehmungsverschiebung. Ganz normale, harmlose Filmeinstellungen verwandeln sich in paranoide Suchbilder: Bewegt sich da nicht ganz hinten etwas zwischen den Bäumen?" Thomas Groh (taz) sieht in dem Film eine schöne Meditation "über Jugend, Sex und Freundschaft".

Alle lieben zwar Arnold Schwarzenegger, doch das Wehgeschrei der Kritiker über den neuen Film der "Terminator"-Reihe nimmt auch heute kein Ende: Nikolaus Perneczky (Perlentaucher) hat das Problem des Films identifiziert: Er suche "so zwänglerisch nach Anschlüssen an den Terminator-Mythos und hat tonal so wenig Kontrolle über sein Material, als wäre er ein Stück Fanfiction." Till Kadritzke hält den Film auf critic.de für "merkwürdig anachronistisch", nämlich "neu und obsolet", Andreas Busche findet ihn im Freitag "hirnrissig" und "hochgradig dysfunktional". David Assmann bescheinigt dem Film im Tagesspiegel immerhin eine gewitzte Reflexion der eigenen Position zum Rest des Franchise. Doch "weil alles, was in diesem Film geschieht, jederzeit durch einen noch weiter in die Vergangenheit zurückgeschickten Terminator revidiert werden könnte, legt sich eine lähmende Gleichgültigkeit auf die übermäßig verzwickte Handlung."

Von allen Figuren ist Arnold Schwarzeneggers ergrauter Androide die einzige, die die Sympathien des Publikums verdient, schreibt in der Zeit kein geringerer als Daniel Kehlmann. Doch genau darin sieht er einen "Verrat an der großen, auch theologisch aufgeladenen Grundidee, die der Geschichte einst ihre Kraft verlieh. Im zweiten Teil wurde der Umstand, dass der kleine John Connor die Maschine als Vaterersatz annahm, ausdrücklich als Zeichen für das einsame Aufwachsen des Jungen genommen - der neue Film aber fordert das Publikum in einem Akt primitiver Empathie-Erschleichung ausdrücklich auf, es ihm gleichzutun."

Zu all dem Widerspruch gefällig? Die FAZ hat Dietmar Daths gestern von uns zitierte Jubelkritik online nachgereicht.

Weitere Artikel: Für die taz unterhält sich Cristina Nord mit Viggo Mortensen über dessen Arbeit in David Oelhoeffens Camus-Verfilmung "Den Menschen so fern" (Besprechungen in taz und Spex). Das Berliner Kino Arsenal richtet eine Don-Siegel-Retrospektive aus, berichtet Andreas Busche in der taz. Lukas Foerster berichtet in der taz vom filmhistorischen Festival Il Cinema Ritrovato im italienischen Bologna. In der SZ plaudert Tobias Kniebe mit Benicio Del Toro, der im Kino aktuell als Drogenlord Escobar zu sehen ist.

Besprochen werden Andrea Di Stefanos "Escobar: Paradise Lost" mit Benicio del Toro, der als Escobar "selbst in kurzen Adidas-Hosen Macht ausstrahlt", so Heide Rampetzreiter in der Presse, David Oelhoffens Neowestern "Loin des hommes" nach Camus (NZZ), Adam Wingards auf DVD erschienene Retro-Thriller "The Guest" (Freitag), Albert Serras als Import-DVD erhältlicher Casanova-Film "Story of My Death" (taz), Sung-Hyung Chos Dokumentarfilm "Verliebt, verlobt, verloren" (Freitag), Doug Ellins Kinofilm zur HBO-Serie "Entourage" (SZ) und Jochen Alexander Freydanks "Kafkas Der Bau" (SZ).
Archiv: Film

Kunst

Die Mega-Ausstellungen und Kunstevents werden immer größer und fetter, moniert Georg Imdahl in der SZ und fordert: Mehr Konzentration wagen. "Schon wird die Unübersichtlichkeit als Phänomen der Gegenwart selbst bemüht, die doch auch so unüberschaubar geworden sei. Dabeisein ist alles? Doch der Sinn einer Kunstschau kann nicht in einer Gemengelage bestehen, in der die Besucher sich selbst überlassen bleiben und die Künstler im Kampf um Aufmerksamkeit gegeneinander ausgespielt werden. ... Die aktuelle Kunst [muss sich] auf sich selbst besinnen und auf ihre eigene Zeit: Ihre Zukunft liegt im Hier und Jetzt."

Weitere Artikel: In der NZZ berichtet Ursual Seibold-Bultmann über die dreihundert Tage lange "Globale" im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe.

Besprochen werden eine Installation (Bild links) der britischen Künstlerin Cathy Wilkes im Linzer Museum Lentos (Standard), die Werkschau Viktoria Binschtok im C/O Berlin (taz), Deborah Schmidts queer-feministische Ausstellung "Material Matters" in der Berliner Galerie futura (taz), die Ausstellung "Splendid River" des chinesischen Künstlers Cao Fei in der Wiener Secession (Presse), die Ausstellung "Deutsche Kunst nach 1960" im Essl-Museum (Standard) und die Doug-Aitken-Schau in der Schirn (FAZ).
Anzeige
Archiv: Kunst

Architektur

Im Tagesspiegel berichtet Bernhard Schulz von einer Berliner Tagung über Architekturwettwerbe des 19. Jahrhunderts.
Archiv: Architektur

Bühne


Richard Strauss: "Arabella", Regie Andreas Dresen. Foto: W. Hösl

Richard Strauss" ""Arabella", die altbackene Story, wie sie nur noch in der Oper möglich scheint, bei der Uraufführung am 1. Juli 1933 das erste große Klassik-Event der Nazis, mutiert zur Geschichte des Erwachsenwerdens unter gleich starken Protagonisten", lobt ein sich prächtig amüsierender Manuel Brug in der Welt die Inszenierung von Andreas Dresen bei den Münchner Opernfestspielen. Dresen kommt "sehr klug heraus aus der Happy-End-Falle, die bei diesem Stück, wo der Richtige immer der mit dem Geld ist, sonst gern etwas fadenscheinig anmutet. Er schafft, gemeinsam mit der in jeder Spiel- und Singnuance subtilen Anja Harteros in der Titelrolle, diesen übergroßen Bogen einer Emanzipation. Erst "stolz und kokett und kalt dabei", dann sich dem Neuen, dem Richtigen öffnend, schließlich sich ihm hingebend - weil sie es will."

Weiteres: Joachim Lange berichtet im Standard vom Festival in Aix-en-Provence. Shirley Apthorp berichtet in der FAZ. Besprochen werden Georg Anton Bendas Melodram "Medea" beim Festival Teatro Barocco im Stift Altenburg (Presse), ein "Rigoletto" bei den Klosterneuburger Opernfestspielen (Standard) und Alfred Kirchners Inszenierung von Ibsens "Borkman" bei den Festspielen Reichenau (Standard).

Außerdem jetzt auf Youtube: Eine Aufnahme des (im Freitag vor kurzem in gekürzter Fassung veröffentlichten) Gesprächs zwischen Harald Falckenberg und Jonathan Meese über Bayreuth und den Grünen Hügel.

Archiv: Bühne

Musik

Mit ihrem neuen Album "Hurra die Welt geht unter" treten die zwar stets auch politisch motivierten Parodie- und Partyrapper K.I.Z. in ihre postironische Schaffensphase ein, schreibt Thomas Vorreyer in der taz. Dies bedeute, "dass sie plötzlich auch mal ganz ernsthaft und autobiografisch über ihre von Langeweile und Depressionen zerfressene Jugend rappen. Ein Abschied aus dem Poser-Business, dem man zuvor ja stets überaffirmativ zugearbeitet hatte."

Weiteres: In der Zeit unterhalten sich Volker Hagedorn und Christine Lemke-Matwey mit den vier jungen Komponisten Sarah Nemtsov, Moritz Eggert, Johannes Maria Staud und Isabel Mundry über die Möglichkeiten und Aufgaben Neuer Musik. In der FAZ berichtet Eleonore Büning von der im Rahmen des Kissinger Sommers stattfindenden Liederwerkstatt. Volker Hagedorn (ZeitOnline) und Udo Badelt (Tagesspiegel) schreiben zum Tod des Bratschers Friedemann Weigle.

Besprochen werden ein Konzert von Rufus Wainwright und Angelika Kirchschlager in Wien (Standard), ein Konzert von Liturgy (The Quietus), das neue Album von Refused, dem Nicklas Baschek im Freitag zu wenig Beherztheit attestiert, ein Konzert von Paul Weller beim Jazzfest Wien (Presse, Standard) und das experimentelle Ambientalbum "Blood Moon" von Ancient Ocean (The Quietus).
Archiv: Musik
Stichwörter: K.I.Z., Neue Musik, Parodie