Efeu - Die Kulturrundschau

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17.02.2015. Der Tagesspiegel fordert vom Theater: Mehr konkreten politischen Aktivismus. In der Welt erklärt T.C. Boyle, was ein amerikanischer Waffennarr mit einem arabischen Islamisten gemein hat. Die taz bewundert die goldene Dekade des schwulen Sex in den Fotografien Leonhard Finks. Bei Buzzfeed rümpft man die Nase: Die weibliche Hauptfigur in "Fifty Shades of Grey" ist ja gar keine echte Masochistin.

Bühne

An wohlfeil aktivistischen Theaterabenden, die über ihre Aufführung jedoch nicht hinauswirken, herrscht wahrlich kein Mangel, schreibt Christine Wahl in einem Tagesspiegel-Essay. Spannender als solche Selbstbestätigungsgesten findet sie die konkrete Verquickung von Kunst und politischem Aktivismus wie bei der Aktion "Erster europäischer Mauerfall", für die Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit im November 2014 vierzehn Gedenkkreuze für Berliner Mauertote aus dem Regierungsviertel ausgrub, um mit ihnen an die Außengrenzen der EU zu fahren und auf "die neuen Mauertoten Europas" aufmerksam zu machen: "Ruchs Zuspitzung ist künstlerisches Mittel zum höheren Rezeptions-Zweck: Es geht um die Schaffung einer Situation, die uns Konsensgesellschafter zur Veröffentlichung unserer Widersprüche zwingt. Wer, wie in der Reaktion auf den "Ersten Europäischen Mauerfall" vielfach geschehen, beklagt, dass die "Würde der Mauertoten" "mit Füßen getreten" werde, provoziert automatisch die Frage, wie es um die Menschenwürde an Europas Grenzen steht."


Szene aus Hofesh Shechters Choreografie "Political Mother". Foto: Gabriele Zucca

Noch ziemlich durchgerüttelt schreibt Sylvia Staude in der FR über Hofesh Shechters Tanzstück "Political Mother", das es über die ganze Spieldauer in Frankfurt hinweg kein bisschen an Intensität mangeln lässt. "Welle um Welle rollt in die Zuschauerreihen, Welle um Welle an massivem Klang - vier E-Gitarristen, drei Drummer spielen live, ein Sänger röhrt ab und zu - und an rastloser Gruppenbewegung. In gewisser Weise nutzt Shechter faschistische Überwältigungsästhetik, um faschistische Überwältigungsästhetik zu kritisieren. Er bricht sie, indem er sie auf die beängstigende Spitze treibt."

Weiteres: Im Standard erklärt Dirigent René Jacobs, warum es sehr ungerecht ist, dass heute niemand mehr den Komponisten Giovanni Paisiello kennt.

Besprochen werden Becketts "Glückliche Tage" und Osbornes "Entertainer" in Hamburg (NZZ), Peter Steins Inszenierung der "Aida" an der Mailänder Scala (Presse), eine Darmstädter Inszenierung von "Romeo und Julia" (FR), Rebekka Kricheldorfs in Kassel aufgeführtes Tanzstück "Die Kunst der Selbstabschaffung" (FR) sowie Niccolò Jommellis in Stuttgart von Jossi Wieler inszenierte, lange nicht gespielte Barockoper "Vologeso": "Diese faszinierende Psychozerfleischung schmeckt nach Ibsen", schreibt ein erstaunter Reinhard J. Brembeck in der SZ, "aber sie kommt befremdlicherweise als später höfischer Barock daher. In der FAZ versichert Gerhard R. Koch: "Schrecken türmt sich auf Horror."
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Kunst


Eine versunkene Welt: Selbstporträt, 1979. Bild: Leonhard Fink.

Das Schwule Museum in Berlin stellt Leonhard Finks in New Yorks schwuler Szenekultur der 70er Jahre entstandenen Fotografien aus, die den taz-Rezensenten Kito Nedo enorm in den Bann ziehen: "Hedonismus war angesagt. Mit seinen vielen Bars, Diskotheken, Badehäusern und Sexclubs war die Nachbarschaft ein schwules Eldorado: "Post-Stonewall, pre-Aids" heißt es heute oft, wenn die Rede von dieser goldenen Dekade des schwulen Sex ist. Die heruntergekommenen Hafenanlagen waren ein beliebter Cruising-Treffpunkt, ein Ort für anonymen, mehr oder minder öffentlichen Sex. Es ist eine versunkene Welt."

Weiteres: Das Fotoblog Kwerfeldein, eines der engagiertesten und größten in Deutschland, hat Probleme - und bittet um Spenden. "Gestiegen sind nicht nur die Betriebskosten, sondern auch der Managementaufwand, der von den festen Redakteuren bewältigt wird... Der überwiegende Teil der weiteren Redakteure arbeitet derzeit ehrenamtlich ein bis zwei Tage pro Woche für kwerfeldein. Viele unserer AutorInnen treffen Fotografen und Künstler vor Ort und verwenden viel Zeit darauf, Artikel zu verfassen, die Euch beim Lesen Freude bereiten."

Besprochen werden weitere eine Kentridge-Ausstellung in Berlin (Berliner Zeitung), die Ausstellung "Archiv der Träume" in der Albertina in Wien (Tagesspiegel), eine Ausstellung von Elaine Sturtevant in der Albertina in Wien (Presse, Standard), die Ausstellung "Common Grounds" in der Villa Stuck in München (Standard), die Rembrandt-Ausstellung im Rijksmuseum in Amsterdam (Standard) und eine Ausstellung der Werke von Gerrit van Honthorst in den Florentiner Uffizien (FAZ).
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Literatur

T.C. Boyle, der mit "Hart auf hart" gerade einen Roman über einen rechtsextremen, psychisch labilen Waffennarren veröffentlicht hat, sieht im Gespräch mit der Welt einige Gemeinsamkeiten seinem Helden mit islamischen Fundamentalisten: "Ja, da gibt es definitiv eine Gemeinsamkeit, eine ganz ähnliche Begründung, auch wenn wir sie nicht verstehen. Beide sehnen sich nach einer, ihrer Meinung nach, unversehrten, idealisierten Gesellschaft. Der IS will ein Kalifat errichten, in dem die Rechte aus der Zeit des Propheten Mohammed gelten. Und Adam will zurück zur Natur, zu einer Zeit, als die Siedler den amerikanischen Westen entdeckten und in einer unregulierten Freiheit lebten."

Weitere Artikel: In der Welt schreibt Hannes Stein zum Tod des amerikanischen Dichters Philip Levine. In der FAZ stellt die Schriftstellerin Ingrid Noll ihre Lieblingsbuchhandlung in Weinheim vor.

Besprochen werden Thomas Brussigs "Das gibts doch nur im Russenfilm" (Tagesspiegel), Deon Meyers "Cobra" (taz), Ursula Ackrills "Zeiden, im Januar" (taz), Olaf Schwarzbachs Autobiografie "Forelle Grau - Die Geschichte von OL" (Tagesspiegel) und Richard M. Meyers Essaysammlung "Moral und Methode" (FAZ).
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Musik

Ganz dringend rät Gregor Dotzauer im Tagesspiegel zur Lektüre des britischen Magazins Music & Literature, das mit erfreulich umfangreichen Dossiers und viel Neugier "nach einem gattungs- und kulturübergreifenden Kanon sucht". Zwar sei nach bislang fünf Ausgaben noch gar nicht abzusehen, "welches Pantheon hier entsteht, ja mit welcher stillen Autorität es einmal künftigen Lesern und Gelehrten, wie es die gar nicht so stille Hoffnung der Herausgeber ist, entgegentritt. Die Resonanzräume sind schon zwischen Deutschland, Frankreich und England so unterschiedlich, dass das, was hier Gehör findet, dort womöglich verschmäht wird."

Punk ohne Gitarren, ohne Sex-Pistols-Sound: Rundum richtig super findet Ulf Lippitz auf ZeitOnline das Album der Produzentin und Musikerin Charli XCX, die durchaus als Erbin von Pharrell Williams reüssieren könnte, wie er meint: "Diese Songs sind herausgeschriene Statements, Texte mit Ausrufezeichen im Kopf: Ich will nicht zur Schule gehen! Ich will die Regeln brechen! (Break The Rules) Blödmann! (Sucker) Knall Bumm Bang! (Boom Clap). Energie! Energie! Energie! Schnelle Verausgabung ... Elf Statements im Kurznachrichtenstil, aufschäumend, mitreißend, schlicht: der Soundtrack des Winters." Hier eine Kostprobe?



Weitere Artikel: Für Pitchfork plaudert Ryan Dombal mit Sufjan Stevens über dessen neues Album "Carrie & Lowell". Auf The Quietus führt Jude Rogers ein episches Gespräch mit einem wie stets griesgrämigen Noel Gallagher. Für die Spex porträtiert Fatma Aydemir die Rap-Combo Zugezogen Maskulin.

Besprochen werden ein Album mit bisher unveröffentlichten Stücken des Soulsängers Sam Dees, einem der "Giganten des Soul" (Standard), neue Alben von The Notwist und Cummi Flu (taz), das neue Album von Ghostface Killah und BADBADNOTGOOD (Pitchfork), Ben Chasnys neues Album "Hexadic" (die "volle Crazy-Horse-Dröhnung", jubelt Olaf Karnik in der Spex), das neue Album "Rapture" von Tropics (Spex), das neue Album von Bushido (Welt) und das neue Album der Mark Lanegan Band (FR).
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Film

Als BDSM-Film sollte man "Fifty Shades of Grey" nun wirklich nicht begreifen, erfahren wir in einem ausführlichen Gespräch mit einer praktizierenden Masochistin, das Nina Scholz für Buzzfeed geführt hat: "Das Fatale an dem Film ist doch, dass sie gezwungen wird, eine Sexualität und eine Beziehung zu leben, die in ihr gar nicht angelegt ist. Es wird nur über seine Wünsche gesprochen. ... Für mich wäre es ein lohnenderes Projekt, eine Frau zu zeigen, die selbstbewusst ist und trotzdem Masochistin."

Ein Eröffnungsfilm von einer Frau, einige Filme über Frauen, zahlreiche Debatten am Rande des Festivalgeschehens über die Forderungen nach einer Frauenquote im Film: Kein zweites Thema sorgte in diesem Berlinale-Jahrgang für soviel Buzz. Für Heike-Melba Fendel Anlass zu einem galligen Kommentar auf ZeitOnline: "Das Recht jeder Frau, die etwas kann und will, nicht be- und verhindert zu werden, bestreitet seit Langem niemand mehr. Aber erst wenn alle Iglus abgebaut, alle Pressemitteilungen veröffentlicht und alle politischen Sonntagsreden gehalten sind, werden wir merken, dass das Kino bessere Geschichten, bessere Formen und überhaupt mal wieder Diskurse braucht, keine Quoten."

Weitere Artikel: Isabella Reicher stellt im Standard die Filmreihe "Asphalt. Stadtmenschen im Weimarer Kino, 1923-1933" des Österreichischen Filmmuseums vor. Roland Huschke spricht in der SZ mit Paul Thomas Anderson über dessen Verfilmung von Thomas Pynchons Roman "Inherent Vice". Und Marco Koch vom Filmforum Bremen verlinkt wieder aktuelle Wortmeldungen aus der deutschen Filmblogosphäre.
Archiv: Film