Efeu - Die Kulturrundschau

Kino? Theater? Kinater!

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13.02.2015. Das Fischer-Blog Hundertvierzehn resümiert mit vielen Videos die von Jörg Sundermeier ausgelöste Debatte über Literaturkritik. Die SZ analysiert den Afrofuturismus. Die Welt leidet auf der Berlinale mit Oliver Hirschbiegels "Elser". Der Freitag porträtiert den Dortmunder Intendanten Kay Voges und seinen Pluralismus der Perspektiven. NZZ und Perlentaucher hüpfen zu Terry Rileys "In C", eingespielt vom Africa Express.

Literatur

Seit einigen Wochen tobt (bei relativem Schweigen des amtlichen Feuilletons) ein recht heftiger Streit um Literaturkritik, der von Verbrecher-Verlags-Verleger Jörg Sundermeier ausgelöst wurde (unsere Resümees hier und hier). Sundermeier bezieht sich übrigens auch auf Statistiken über sinkende Rezensionszahlen, die Perlentaucher Thierry Chervel in einem Radio-Interview genannt hatte. Im Fischer-Blog hundervierzehn.de resümiert Sandra Oster sehr nützlich und mit Videos die Diskussionen eines Mainzer Kolloquiums zur Debatte: "Das goldene Zeitalter der Literaturkritik ist vorüber - so sieht es auch die Kritik selbst, die auf Einladung von Prof. Dr. Stephan Füssel zum XX. Mainzer Kolloquium des Instituts für Buchwissenschaft drei namhafte Vertreter von einschlägigen Institutionen geschickt hatte: Unter der Regie von Literaturbetriebs-Tausendsassa Rainer Moritz diskutierten Sandra Kegel (FAZ), Uwe Wittstock (Focus) und Hubert Winkels (Deutschlandfunk) die leitende Frage nach dem Ende der Literaturkritik." Einige Beiträge zur Debatte finden sich auch bei literaturkritik.de.

In der SZ stellt Tim Neshitov die (nicht nur) in der afrikanischen Literatur an Auftrieb gewinnende Strömung des Afrofuturismus vor: "Afrofuturistische Werke zeigen eine Zukunft, in der es Afrika meistens besser geht als dem Rest der Welt. Oder es gibt da überhaupt nur noch Afrika, nach einem Dritten Weltkrieg. Oder Menschen aus Afrika landen auf dem Mars. ... Afrofuturismus hat einen starken politischen Zug. Man kontrolliert gerne die Zukunft, und sei es im eigenen Kopf, wenn man schon kaum Deutungshoheit über die Vergangenheit hat."

In der NZZ sorgt sich Roman Bucheli um die Auswirkungen der Schweizer Euro-Abwertung auf den Buchhandel und beschreibt das an einem Beispiel: "Michel Houellebecqs neuer Roman "Soumission" wird in der Romandie vielerorts für 36 Franken 60 verkauft. Payot gewährt immerhin zwanzig Prozent Rabatt und bietet das Buch für 29 Franken 30 an. Damit liegt Payot noch immer etwa dreißig Prozent über dem Verkaufspreis in Frankreich, wo das Buch für 21 Euro zu haben ist. Das treibt die Kunden geradezu in die Arme von Amazon. Die Deutschschweizer Buchhändler mögen leiden, die Kollegen in der Romandie gehen durch die Hölle."

Weitere Artikel: Gil Yaron berichtet in der Welt von der internationalen Buchmesse in Jerusalem. Hannes Hintermeier schreibt in der FAZ einen ausführlichen Aufmacher zum Streit zwischen Literaturhaus Frankfurt und der Stadt (mehr dazu in der Welt von gestern). In der NZZ stellt Aldo Keel Tore Rems bisher nur auf Norwegisch veröffentlichtes Buch über Knut Hamsuns Treffen mit Hitler 1943 vor. Und Andrea Kucera schreibt zum Tod der Schweizer Autorin Anne Cuneo.

Besprochen werden Gerhard Falkners Lyrikband "Ignatien" (taz), Frank Schulz" "Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen" (taz), Richard McGuires Comic "Hier" (Tagesspiegel), Alfred Hayes" Roman "In Love" (NZZ), Rüdiger Eschs Buch "Electri-City" (NZZ), Michael Wildenhains "Das Lächeln der Alligatoren" (Berliner Zeitung), T.C. Boyles "Hart auf Hart" (FAZ) und die Ausstellung "Schlachthof 5 - Dresdens Zerstörung in literarischen Zeugnissen" im Militärhistorischen Museum in Dresden (NZZ).
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Film



Auf der Berlinale hat Welt-Rezensentin Barbara Möller jede Sekunde mitgelitten in Oliver Hirschbiegels Wettbewerbsbeitrag "Elser": "Das Großartige an seinem Film ist, dass man am Ende tatsächlich begreift, warum sich der Schreiner Georg Elser aus Hermaringen bei Heidenheim 1939 auf den Weg machte, Adolf Hitler zu liquidieren. Fünf Jahre vor von Stauffenberg, Tresckow, Quirnheim oder von Haeften. Eben nicht, weil "man" nicht warten konnte, bis es zu spät war, wie Friebel/Elser gegen Ende etwas didaktisch monologisiert, sondern weil er sah, wie seine Heimat langsam aber sicher vor die Hunde ging."

Endspurt bei der Berlinale. Die Kritiker wenden sich vermehrt den Sektionen abseits des Wettbewerbs zu. Im Panorama etwa hat sich Diedrich Diederichsen (taz) drei Dokumentarfilme über Filmemacher angesehen, wobei ihn insbesondere Christian Braad Thomsens Film über Rainer Werner Fassbinder ziemlich umgehauen hat: Dieser sei "eine superdurchdachte, thesenreiche Künstlerbio, die zugleich humorvoll mit dem Bild-Text-Verhältnis arbeitet und, statt sich in Fakten zu verlieren, freigiebig mit weitreichenden, doch dichten Gedanken zu Fassbinder aufwartet". Barbara Wurm unterhält sich in der taz mit Alexey German jr., dessen "Under Electric Clouds" (unsere Kritik) im Wettbewerb läuft. Peter Uehling (Berliner Zeitung) hat sich die gestrigen Wettbewerbsfilme angesehen. Im Blog der FAZ gibt Bert Rebhandl letzte Tipps fürs Forum.

Aus dem Wettbewerb besprochen werden weiterhin Radu Judes "Aferim!" (Tagesspiegel, FR, Perlentaucher), Malgorzata Szumowskas "Body" (FAZ, Perlentaucher) und Peter Greenaways "Eisenstein in Guanajuato" (Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Perlentaucher, Welt). Alle weiteren heutigen taz-Texte zum Festival hier. Cargo schickt weiter munter SMS vom Festival. Stets einen schnellen Klick wert ist der mehrfach täglich aktualisierte Kritikerspiegel von critic.de. Vom Festival berichten online außerdem u.a. Filmgazette, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, FAZ, SZ, Das Filter und kino-zeit.de. Und der Perlentaucher ist selbstverständlich ebenfalls vor Ort.

Weiteres aus dem regulären Kinobetrieb: Für die SZ plaudert Tobias Kniebe mit Isabelle Huppert, deren neuer (in der FAZ besprochene) Film "Sehnsucht nach Paris" gestern angelaufen ist. Besprochen werden Sam Taylor-Johnsons Verfilmung des Romans "Fifty Shades of Grey" (taz, Tagesspiegel, FAZ, FR) und Paul Thomas Andersons Pynchon-Verfilmung "Inherent Vice" (FR, FAZ).
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Bühne


"Endstation Sehnsucht". Regie: Kay Voges. Foto: Birgit Hupfeld

Martin Eich porträtiert im Freitag den Dortmunder Theaterintendanten Kay Voges, der derzeit in Frankfurt mit einer Inszenierung von "Endstation Sehnsucht" Aufsehen erregt. Bekannt ist Voges vor allem für seine multimedialen Installationen auf der Bühne: "Kino? Theater? Kinater! ... Wo andere verengen, weitet er, vergrößert den Rezeptions- und Resonanzkörper im Zuschauer, macht Angebote. Die Diktatur des Regisseurs wird abgelöst durch den Pluralismus der Perspektiven."

Außerdem: Tobias Krone freut sich in der SZ über das beherzte Theaterhaus Jena, in dem Provokation und Aktivismus für ein lebendiges Programm in der Stadt sorgen: "Seit mehr als zwanzig Jahren fordern hier minimale Ensembles mit minimalen Mitteln eine 100000-Einwohner-Stadt maximal heraus."
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Kunst

Besprochen werden der Bildband "Robert Frank in America" (FAZ) und Yadegar Asisis in Dresden aufgestelltes Riesenpanorama über die Bombardierung Dresdens ("ein Wimmelbild des Wahnsinns", schreibt Cornelius Pollmer in der SZ).

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Stichwörter: Robert Frank

Musik

In der NZZ stellt Knut Henkel eine CD des Musikprojekts Africa Express vor, die Terry Rileys Komposition "In C" neu mit eingespielt hat: ""In C" gilt als eine Hymne der Minimal Music, wurde am 4. November 1964 vom heute fast 80-jährigen Terry Riley live vorgestellt und brach mit akademischen Kompositionstechniken. Riley, beeinflusst von indischer und afrikanischer Trance-Musik, setzt wiederkehrende Motive, Improvisation und den Zufall nebeneinander. Direkte Folge ist, dass "In C" zwischen einigen Minuten und einigen Stunden dauern und von einigen wenigen bis mehreren Dutzend Musikern interpretiert werden kann. Ideal für ein offenes Band-Projekt wie Africa Express." Das Ergebnis kann man hier hören:



Weiteres: Felix Mescoli erinnert in der Welt an die Geburt des Heavy Metal vor 45 Jahren mit dem ersten Album von Black Sabbath.

Besprochen werden ein Konzert des Tonhalle Orchesters unter Ton Koopmann und dem Cellisten Steven Isserlis mit Bach, Haydn, Mozart in Zürich (NZZ), das Debütalbum "Tomorrow Is My Turn" von Rhiannon Giddens (NZZ), das Berliner Konzert von Haftbefehl (taz) und ein Konzert von Nigel Kennedy (Tagesspiegel).
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