Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.11.2023. Die Zeitungen fragen sich, wie es nach dem Rücktritt der Findungskommission für die documenta weitergehen soll: Ohne radikale Neuerfindung wird das ihr Ende sein, meint Zeit Online. Die FAZ gratuliert dem in Deutschland immer noch viel zu unbekannten Comickünstler Alan Moore zum Geburtstag. Eine Entdeckung hätte auch Camille Laurens hierzulande längst verdient, meint die FAZ. Die Nachtkritik sieht die Geschichte einer Heilung mit Emel Aydogdus Inszenierung von "Wir wissen, was wir könnten und fallen synchron" in Bonn.
17.11.2023. Alles auf null bei der Documenta: Die Findungskommission ist zurückgetreten, melden die Zeitungen. Zu spät, das Kind ist in den Brunnen gefallen und das Renommee dahin, befindet die SZ, der FAZ reicht es jetzt: Sie fordert klare kulturpolitische Positionierung. Die FR lässt sich von der Dresden Frankfurt Dance Company in "À la carte" umschwärmen. Spotify wird endgültig zum "verkehrten Robin Hood", stellt der Tagesspiegel wütend fest: Auf Kosten kleiner Künstler sollen die großen jetzt noch reicher gemacht werden.
16.11.2023. Der Filmfestivalbetrieb steckt mitten in einer Nahostdebatte: Es ist das eigene Publikum, das sich jetzt gegen die Kurzfilmtage Oberhausen richtet, bemerkt die FAZ. Artechock fragt sich, wo die Solidarität anderer Filmfestivals mit Oberhausen bleibt. Der Kulturbetrieb sei ziemlich antisemitisch geworden, stellt die Schriftstellerin Dana von Suffrin im taz-Gespräch fest, will sich ihren Humor als Waffe dagegen aber erhalten. Die taz ist berührt von einem fragilen und kriegsmüden Prinz von Homburg in Jette Steckels Inszenierung an der Schaubühne. Die Zeit fordert mehr Erotik in der Architektur.
15.11.2023. Wie es mit der documenta nach den jüngsten BDS-Enthüllungen weitergehen soll, weiß nicht einmal deren Geschäftsführer Andreas Hoffmann im Interview mit der Welt. In der FR fragt sich Meron Mendel, warum die Verantwortlichen nicht einmal zu einfachen Google-Suchen in der Lage sind. In Berlin wird währenddessen eine Ausstellung zu muslimischen Leben abgesagt - weil ein "Gegenpol" zum jüdischen Leben fehlt, wie die SZ berichtet. Der Disney-Fünfteiler "Deutsches Haus" über die Auschwitz-Prozesse erstickt in keimfreier Routine, schimpft ZeitOnline. Der Schweizer Komponist Charles Uzor widmet dem Polizeigewaltopfer George Floyd eine Komposition voller unerträglicher Stille, weiß die NZZ.
14.11.2023. Die Hamas gehört der menschlichen Zivilisation nicht an, schreibt Elfriede Jelinek auf ihrer Homepage. Die Welt meditiert in der Ausstellung "Menschheitsdämmerung" über eine mögliche Apokalypse. Ebendort sieht der Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen Lars Henrik Gass in den Angriffen nach seiner Solidaritätsbekundung mit Israel einen Stellvertreterkrieg um die Meinungshoheit im Kulturbetrieb. Die israelischen Betreiber einer Plattform für Online-DJing werden gemobbt, weil sie kein Podium für "From the River to the Sea"-Propaganda bieten wollen, meldet die taz.
13.11.2023. Michail Schischkin will in der SZ die russische Literatur aus ihrem Biedermeier-Schlaf rütteln: Es braucht endlich einen Sühnetext für den Krieg in der Ukraine! Die NZZ beobachtet derweil, dass weite Teile der Kultur einen Tanz wie auf auf Eierschalen aufführen, um bloß keinen Fehler zu machen. Die Filmszene streitet über ihr Verhältnis zu Israel und Palästina, schreiben die Ruhrbarone. Die taz sucht mit Zino Weys Dialog-Stück "Wie im Fieber" Antworten bei Georg Büchner. Außerdem blickt sie auf die gar nicht trostlose sowjetische Moderne in Usbekistan.
11.11.2023. Die Berliner Zeitung erlebt vor den Bildern des Schweizer Künstlers Stefan Guggisberg, wie ihr Sehnerv zu delirieren beginnt. Die Welt fragt, warum schon wieder niemand verantwortlich ist für den nächsten Antisemitismusskandal der Documenta. Die FAZ zieht den Hut vor dem Designer Bruno Sacco, der dem Mercedes einen höflichen Gesichtsausdruck verpasste. Artechock veröffentlicht einen Offenen Brief von 300 Filmschaffenden aus Deutschland, die sich mit Israel solidarisieren. In der SZ packt den Schriftsteller Renatus Deckert das leise Grauen, wie aktuell Victor Klemperers Tagebücher heute wieder sind.
10.11.2023. Der Schauspieler-Streik in Hollywood ist vorüber, der Standard freut sich, FAZ und NZZ machen sich weiter Sorgen um die Filmindustrie. Die FAZ lässt sich mit der Ausstellung zu verbotenen Büchern im Münchner Literaturhaus an die Bedeutung der Meinungsfreiheit erinnern. Wie die Documenta beim nächsten Mal antisemitismusfrei stattfinden soll, fragt sich die SZ: Schon wieder sitzt ein BDS-Sympathisant im Kuratorium. Die Alte Nationalgalerie hat einen Raubkunstfall. Aber die Stiftung Preußischer Kulturbeseitz will nicht darüber kommunizieren, ärgert sich die FAZ. Die Welt fragt: Ist Cat Power der bessere Bob Dylan?
09.11.2023. Die SZ taucht mit dem Stück "Mitläufer" in die dunkle Vergangenheit der Bayerischen Staatsschauspiele ab. Zur Eröffnung der "Buch Wien" gestattet die Schriftstellerin A.L Kennedy dem Standard einen Einblick in die prekäre Lebenswelt britischer Autoren. Die FR betritt andächtig die Empathieräume des britischen Künstlers John Akomfrah. Die Veranstaltungen des Lausitz-Festivals sind wie Ufos, erfährt VAN.
08.11.2023. Die FAS feiert Lila Avilés' Film "Totém", der nicht weniger als die ganze mexikanische Geschichte in einem Familienfest spiegelt. Jean-Baptiste Andrea erhält in diesem Jahr für seinen Roman "Veiller sur elle" den Prix Goncourt. Die SZ steht ein wenig ratlos vor dieser Entscheidung. Die FAZ bejubelt die wundersamen Barfuß-Balancen einer Merce-Cunningham-Inszenierung am Theater Hagen. Breite Straßen und viel Grün: Das immerhin hat Berlin dem Stararchitekten Norman Foster laut Tagesspiegel zu bieten. Und der Standard steht in einer Ausstellung im Jüdischen Museum in Wien vor Putins klobigen Panzern.