Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Immer mit einer Prise Geheimnis

10.02.2024. Alle trauern um insolvente Verlage, aber niemand um die Autoren, schreibt Roswitha Quadflieg in der FAZ. Too little, too late: Dass die Berlinale Vertreter der AfD nun wieder ausgeladen haben, nehmen die Filmkritiker nur noch skeptisch zur Kenntnis. Die Welt vermisst derweil die großen Filme im Programm des Festivals: Selbst Scorsese muss die Berlinale mit einem Ehrenbär an die Spree locken. Die taz sieht in Melek Celals Bildern in Istanbul die "Epochenumbrüche der Türkei" widergespiegelt. Und die Musikkritiker trauern um Seiji Ozawa, das Energiebündel unter den Weltklasse-Dirigenten.

Zwischen Wohlstandsaufhellern und Elendsbetäubern

09.02.2024. Nachdem die Berlinale Vertreter der AFD wieder ausgeladen hat, fragen SZ und Tagesspiegel, wie künftig mit der Partei umgegangen werden soll. Am Zürcher Schauspielhaus lernt die NZZ dank Trajal Harrell tänzerischen Gemeinschaftssinn kennen. Wie Museumsmitarbeiter Willy Kurth wichtige Kunstwerke der Moderne gerettet hat, lernt die Berliner Zeitung im Berliner Kupferstichkabinett. Van denkt sich in die kompositorisch-musikalische Wut von Olena Ilnytska auf Russland ein. Die FAZ bewundert die avantgardistische spanische Architektur.

Nicht-Verstehen zulassen

08.02.2024. Die Filmkritiker applaudieren Andrew Haigh, der sie in "All of Us Strangers" erleben lässt, wie sich ein Coming-out in den Achtzigern anfühlte. Der Tagesspiegel fragt sich, warum Politiker überhaupt Berlinale-Freikarten von Steuergeldern erhalten müssen. In Kuba wurde Tania Bruguera wegen ihrer öffentlichen Hannah-Arendt-Lesung vor zehn Jahren inhaftiert - nun liest sie im Hamburger Bahnhof und warnt vor kubanischen Verhältnissen in Deutschland, berichtet die Berliner Zeitung. Die FAZ wüsste von Hermann Parzinger gerne, weshalb der SPK-Präsident Bilder aus der Sammlung Marx zurückgibt und es verschweigt. Und in der Zeit hat Fabian Hinrichs die Nase voll von Funktionärskultur.

Innere Allgegenwart

07.02.2024. Die taz lernt im Berliner Ensemble, dass die Gehirne von Müttern weniger geachtet werden als ihre Brüste. In Andrew Haighs queerem Zeitreisefilm "All of Us Strangers" muss die Power of Love einiges aushalten, meint die FAZ. Außerdem trauert sie um die Fotografin Helga Paris, in deren Bildern die Enttäuschung über die gebrochenen Versprechen der DDR mitklingt. Der Guardian empfiehlt mit Tomatensoße um sich werfenden Klimaaktivisten einen Strategiewechsel. Die SZ erinnert an die goldenen Jahre des Ethiojazz.

Der sagenhafte Siegeszug von Frauen

06.02.2024. Die Filmbranche protestiert gegen AfD-Politiker bei der Eröffnungsgala der Berlinale, die Feuilletons diskutieren: Der Tagesspiegel gibt sich kämpferisch, die SZ kann derweil keinen Skandal entdecken und die FR rät der Branche, lieber das große Ganze im Blick zu haben. Die Musikkritiker sind völlig umgehauen von den Grammy Awards. Das ND ist hin und weg von Alois Zimmermanns Zwölfton-Oper "Die Soldaten" in Hamburg, die als unaufführbar galt. Die NZZ lässt sich von Yves Netzhammers visuellen Metamorphosen verführen. Und in der SZ erklärt die Schriftstellerin Rie Qudan, warum KI niemals hohe Literatur ersetzen kann, obwohl sie selbst auf ChatGPT zählt.

Mischmasch der Uneigentlichkeit

05.02.2024. Oksana Lyniv hat das Konzert des Kyiv Symphony Orchestras bei den Wiener Festwochen abgesagt, weil sie im Programm nicht neben Teodor Currentzis stehen will, berichtet der Tagesspiegel. Historischer Triumph für Taylor Swift bei den Grammys: Die Frauen haben endgültig den Pop übernommen, schreibt die SZ. Artechock schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: Wie kann die Berlinale so naiv mit dem Skandal um die Einladung von AfD-Politikern umgehen? Die FAZ kommt mit Peter Eötvös' neuer Oper "Valuschka" in Regensburg in den Genuss eines der besten Libretti der zeitgenössischen Oper. Und die Welt preist das Auswendiglernen der literarischen Klassiker.

Offenbarung in Plauen

03.02.2024. Nachtkritik lernt von Daniil Charms, wie man am Theater Empörung durch befreiendes Lachen ersetzen kann. Zeit online erklärt, warum der Tantiemenstreit zwischen Universal und TikTok gesellschaftspolitische Folgen in der ganzen Welt haben kann. In der FAZ protestiert Titanic-Mitbegründer Bernd Eilert gegen die Zumutung eines gezähmten Humors. Die taz ist traurig, dass sich kaum jemand über das Kinosterben aufregt. Auf Zeit Online schildert die Science-Science-Fiction-Schriftstellerin Aiki Mira, wie der kranke reale Körper dem utopischen schreibenden Grenzen setzt. Kommt nach poplinks jetzt poprechts, fragt sich die Zeitschrift Testcard.

Hoffnung klingt richtig gut

02.02.2024. Die Berlinale schlägt Alarm: Die iranischen Filmemacher Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha dürfen nicht mehr ausreisen. Die FR lässt sich von Aïda Muluneh erklären, wie man ihre Bilder auf äthiopische - und das heißt hier: politische - Art betrachtet. In der SZ erklärt die Sopranistin Asmik Gregorian, warum sie auf der Bühne nie versucht, eine Turandot oder Salome zu sein. Mit dem Niedergang von Pitchfork zeigt sich auch die handfeste Krise des Kulturjournalismus, der dem Effizienzdiktat geopfert werden soll, schreibt 54books.

Erstaunliche Flashbacks

01.02.2024. Die FAZ schlendert durch die Säle des Genfer Musée de beaux arts, die der belgische Konzeptkünstler Wim Delvoye in die schönste Unordnung gebracht hat. In der Türkei diskutiert die Kulturszene nach einem Gerichtsurteil über die Autorin Elif Shafak, ob diese säkular und links genug ist, berichtet die taz. nachtkritik, taz und SZ empfangen an der Schaubühne "Postkarten aus dem Osten". Im Interview mit der Zeit erklärt die polnische Regisseurin Agnieszka Holland über ihr Flüchtlingsdrama "Green Border": Es geht um die Zerbrechlichkeit Europas.

Person, die nur rückwärtsgeht

31.01.2024. Boykottaufrufe allerorten: Zeit Online ärgert sich darüber, dass reihenweise Musiker auf die antisemitischen Narrative von "Strike Germany" hereinfallen. Auch die Forderung, Israel vom Eurovision Song Contest auszuschließen, sorgt für Ärger. Wer auf der Suche nach einem Schutzengel ist, sollte das neue Album von Tractus hören, so die Welt. Die FR blickt begeistert auf Maria Lassnigs rabiat verbeulte Figuren. Im Wiener Theater am Werk werden Ionescos "Stühle" mit Witz und Grazie zu Rollstühlen umfunktioniert, freut sich der Standard.