Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Schön grob körperlich und schroff

22.02.2024. Die FAZ erschaudert, wenn in Oksana Karpovychs Film "Intercepted" russische Soldaten unverhohlen ihre moralische Entfesselung offenbaren. Außerdem staunt sie, wie viele Russen in Michael Lockshins Neuverfilmung von Bulgakows "Der Meister und Margarita" stürmen, den der Kreml aufgrund antistalinistischer Tendenzen attackiert. Die NZZ erkennt dank KI erste Schriftzeichen auf 2000 Jahre alten, zu Klumpen verbackenen Papyrusrollen. Und die Zeit kniet kritiklos nieder vor dem größten Park der Welt, den sich Mohammed bin Salman von einem 85-jährigen Dortmunder Architekten entwerfen lässt.

Keine Schnörkel

21.02.2024. Auf der Berlinale spürt Zeit online mit Tilman Singers Horrorfilm "Cuckoo" den Dämon in sich. Die NZZ setzt sich den bösen Blicken der DDR-Kunst aus, die im Schaulager in Beeskow lagert. Die FAZ swingt in Graz mit Anton Foersters slowenischer Nationaloper "Die Nachtigall von Gorenjska". Die taz lässt sich von Brittany Howard Klangschalen aus Quarz reichen.

Wahrheit in der Welt der Wünsche

20.02.2024. Es ist Halbzeit bei der Berlinale: Die Feuilletons klammern sich an Martin Scorsese, der den Ehrenbären erhält, wie an einen Fels in der Brandung. Die Welt weist daraufhin, dass der Regisseur dem Kino auch abseits der eigenen Filme einen enormen Verdienst erwiesen hat. Die taz blickt in einer Ausstellung im KW Institute for Contemporary Art in die düsteren Fratzen des Technozäns. In den Büchern der "New Adult"-Erfolgsschriftstellerin Sarah Sprinz fallen oft Haarsträhnen sexy ins Gesicht - aber ist das so schlimm, fragt die Zeit.

Eine kopfüber abgestürzte Marilyn Monroe

19.02.2024. Frank Castorfs Inszenierung von Thomas Bernhards Skandal-Stück "Heldenplatz" in Wien scheidet die Geister: Die Nachtkritik taucht ab in ein "wildes, erratisches Universum", die FAZ weiß nicht, was das alles soll, die taz freut sich über das brillante Ensemble. Auf der Berlinale ist die Welt froh, dass Andreas Dresens "In Liebe, Eure Hilde" keine platte Moralpredigt geworden ist. Die FAZ feiert die Schauspieler in Matthias Glasners "Sterben".

Eine Auster aus fernen Galaxien

17.02.2024. Hat die Berlinale mit Maryam Moghaddams und Behtash Sanaeehas "My Favourite Cake" über eine siebzigjährige Iranerin, die einen Mann sucht, schon den ersten Bärenfavoriten? Die Welt möchte jedenfalls weinen vor Glück. Die FAZ setzt eher auf Abel Ferraras 'Turn in the Wound' über den Horror des Ukraine-Kriegs. Die FAS kleidet sich in Paris in Quallen aus Seide von Iris van Herpen. Die Welt hofft, dass mit "berlin modern" die Ära der Megabauten endlich ein Ende nimmt.

Keine Grimassen, reine Verzückung

16.02.2024. Die Berlinale ist in vollem Gange: Die politischen Querelen haben FAZ, NZZ und Tagesspiegel noch nicht vergessen, die SZ freut sich über Cilian Murphy im Eröffnungsfilm. Der Perlentaucher bemängelt ein einfallsloses Retrospektive-Programm, das der taz hingegen gut gefällt. Die SZ lässt sich mit William Forsythe vom postmodernen Ballett verzauben. Die FR sieht das Frankfurter IG-Farben-Haus mit Laura J. Padgett mal aus einer anderen Perspektive. Zu einem möglichen Comeback der Monogamie in der Literatur macht sich die Welt Gedanken. Zeit Online lässt sich gerne von den sanften Klängen Helado Negros wecken. Die Feuilletons trauern um Johanna von Koczian.

Mit klaren Grenzen und offenem Visier

15.02.2024. Heute beginnt die Berlinale, aber durch das Lavieren des Festivals steht mit der AfD der Sieger bereits fest, meint Deniz Yücel in der Welt. Die FR hofft noch, dass die Skandale in diesem Jahr mal von der Leinwand ausgehen. In der Londoner Tate Modern erhält Yoko Ono endlich ihre verdiente Würdigung, auch wenn offen bleibt, ob ihr Werk nun poetisch oder banal ist, konstatieren SZ und Standard. In der NZZ ärgert sich der Historiker Michael Wolffsohn über subtilen Antisemitismus in Robert Carsens Inszenierung der "Jüdin von Toledo". Und die Jungle World lauscht dem "dröhnenden Stillstellen der Zeit" in den Tiefen der Drone Music.

Freudloses Büßergewand

14.02.2024. Die Störaktion im Hamburger Bahnhof sorgt weiter für Ärger, nicht zuletzt aufgrund eines irritierenden Instagram-Posts der Künstlerin Tania Bruguera. Diese verteidigt die Aktivisten und stilisiert sich selbst als Opfer, kritisiert die Welt. Die SZ weist auf den bemerkenswert autoritären Gestus der Störer hin. Claudia Roth stellt derweil den finalen Entwurf für die Reform der Filmförderung vor - und die Feuilletons sind mehrheitlich zufrieden, die SZ spricht sogar von einem großen Wurf. Außerdem: Der Künstler Flatz präsentiert seinen 71-jährigen Körper furchtlos den Smartphones, staunt die FAZ. Und die SZ freut sich über Sexgeflüster und Keiferei in Falk Richters "Bad Kingdom"-Inszenierung an der Schaubühne.

Menschen, die nur sich selbst hören wollen

13.02.2024. Die Feuilletons blicken auf die Störaktion bei der Lesung der kubanischen Künstlerin Tania Bruguera im Hamburger Bahnhof: Zeit Online war dabei und fragt, warum man die Störenfriede nicht rausgeworfen hat. Was soll die die Bezeichnung "pro-palästinensisch", fragt die Welt, das war ganz klar Antisemitismus. Die Berliner Zeitung fürchtet Ähnliches für die Berlinale. Nachtkritik horcht mit René Polleschs "Ja, nichts ist ok" in Berlin am Herz der kranken Gesellschaft. Die SZ hängt an Dua Lipas Lippen, auch wenn sie über Literatur spricht.

Präludien lautester Friedfertigkeit

12.02.2024.  Die FAS schaut auf Carlo Chatrians glücklose Berlinale-Jahre, denen wohl auch keine goldene Zukunft für das Festival folgen wird. Die FAZ lauscht hingerissen flauschigen Streichern in Robert Carsens Inszenierung der Oper "Die Jüdin von Toledo" in Dresden - die israelkritischen Elemente hätte sie allerdings nicht gebraucht. Die NZZ schüttelt den Kopf über "Mattscheiben"- Fassaden.  Die FAS hat viel Freude an der Serie "The New Look" über Dior: schauspielerisch hochgradig besetzt und ästhetisch ein Genuss! Und: Beyoncé spielt jetzt Country.