Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Zwiespältige Apparate der Erkenntnis

30.01.2024. FAZ und VAN begeistern sich für Nikolai Rimski-Korsakows bitterböse Russland-Oper "Der goldene Hahn" in Berlin, die auch heute noch das Zeug hat, die Eliten zu erzürnen. Der deutschsprachige Filmnachwuchs zeigt wieder mehr Lust am Experiment, nimmt die taz als Erkenntnis vom Filmfestival Max Ophüls Preis mit. In der Musik von Myra Melford beobachtet sie das Licht beim Singen. In den Romanen von Sayaka Murata entdeckt sich Japans junge Generation als stille Nonkonformisten wieder, notiert die NZZ.

Hintergrund wird Vordergrund

29.01.2024. Die taz fiebert mit Katie Mitchells Inszenierung "Written on Skin" bei einer Liebesgeschichte mit furchtbarem Ausgang mit. Gianluca Valleros Kreuzberger Indiekomödie "The Woddafucka Thing" hat, was üppig mit Fördermitteln ausgestattete Filme oft missen lassen, jubelt sie außerdem: spontanen Witz und eine angenehme Lust am Verpeilten. Die FAZ bewundert in neuen Aufnahmen Bruckners existenzielle Zerrissenheit und Gesamt-Architektonik. Jungle World und Tagesspiegel lustwandeln mit dem Dokumentarfilm "Die Ausstattung der Welt" durch den Fundus der Filmrequisiten, die hier die eigentlichen Stars sind.

Regie über Himmel und Horizont

27.01.2024. Die FAZ durchstreift mit Alexander Sokurows Animationsfilm "Märchen" ein geisterhaftes Schattenreich, in dem Hitler, Stalin und Mussolini auf ihre Erlösung durch Christus warten. Die NZZ beklagt Annie Ernauxs Neigung, jeden offenen Briefen zu unterschreiben, der bei Drei nicht auf den Bäumen ist. Die Welt sieht auf Jeff Walls Fotos in der Fondation Beyerler Unsichtbares sichtbar werden. Die taz ist beeindruckt von der "trotzigen Gefasstheit" der Kunstszene Taiwans. Und die FAS erfährt bei Kim Armstrongs lebendig-farbigem Klavierspiel was menschliches Musizieren ausmacht.

Diskursiv inhalierter Ernst

26.01.2024. Die FAZ braucht gute Ohren und starke Nerven in Claudia Bossards Münchner Adaption von Thomas Manns "Zauberberg". Außerdem bewundert sie die neuen Synagogen in Dessau und Potsdam. SZ und Nachtkritik lassen sich von Stefan Kaegi daran erinnern, Taiwan nicht zu vergessen. Artechock schöpft beim Filmfestival Max Ophüls dank Bastian Gascho wieder Hoffnung für den deutschen Film. taz und Tagesspiegel fürchten mit dem Ende von pitchfork um die Zukunft des Musikjournalismus. Die Zeitungen trauern um den Künstler Carl Andre.

Nur bedingt kultiviert

25.01.2024. Uneins sind sich die Kritiker über Kilian Riedhofs filmisches Porträt der jüdischen Kollaborateurin Stella Goldschlag: Zu kitschig, winkt die FAZ ab, der Tagesspiegel sieht sich hingegen mit der Frage konfrontiert: Was hättest du getan? Auch Milo Raus Genfer Inszenierung "Justice" über ein Tanker-Unglück im Kongo teilt die Kritik in zwei Lager: Eine "visuelle Pornographie der Grässlichkeit", sieht die FAZ, die "Gelüste verwöhnter Kulinariker" werden vollauf befriedigt, meint der Standard. Der Guardian gruselt sich in London derweil vor Hauskatzen, die Teepartys feiern. Und die SZ denkt über die Zukunft von Beton nach.

Ich habe den Verhältnissen gekündigt

24.01.2024. Die Oscarnominierungen sind raus - nominiert sind neben Barbenheimer unter anderem Sandra Hüller sowie Filme von İlker Çatak und Wim Wenders. Die FR kann sich gut vorstellen, dass Hüller am Ende gewinnt. Die NZZ amüsiert sich in Basel mit Ariane Kochs "Kranken Hunden". Die FAZ begutachtet wulstige Stirnpartien französischer Politiker in der Daumier-Ausstellung im Frankfurter Städel. Uwe Eric Laufenburg verlässt das Staatstheater Wiesbaden, meldet die FR. Außerdem trauern die Feuilletons um die Lyrikerin Elke Erb, den Filmregisseur Norman Jewison und den Popproduzenten Frank Farian.

Modegötter und eine leibhaftige Königin

23.01.2024. Die Doppelspitze der Berlinale hat ihren letzten Festivaljahrgang vorgestellt - und der kann sich sehen lassen, findet der Filmdienst. Der Tagesspiegel schaut zurück auf die "glücklose Amtszeit" der Berlinale-Leitung. Die Welt feiert mit Herbert Fritschs Inszenierung von "Das Portal" in Stuttgart den gehobenen Trash. Schade, dass die Disneyserie über Modedesigner Cristóbal Balenciaga so erdenschwer geraten ist, findet der Tagesanzeiger: Seine Kleider schwebten doch!

Sofa-Savanne und Weg-Champagner

22.01.2024. Die Nachtkritik sieht bei Claudia Bauers Adaption von Luis Buñuels "Der Würgeengel" in Frankfurt die Moralfassade der Gesellschaft bröckeln. Die Jungle World ist begeistert, wie Wes Anderson mit seinen neuen Kurzfilmen den Erzähler Roald Dahl vor sich selbst rettet. Die FAZ berichtet von Marienikonen in russischen Schützengräben. Und die FAS stapft mit der Musik von Maximilian Hecker durch verschneite Großstadtnächte.

Intellektuelles Labyrinth der Hipness-Ebenen

20.01.2024. Die FAZ überlegt, ob ohne White Cube die Kunst wieder etwas rumpeliger, individueller würde. Die SZ durchleidet Luk Percevals Adaption von Hans Falladas Roman "Wolf unter Wölfen" am Hamburger Thalia-Theater, die nachtkritik erfreut sich dagegen an den weißen Billardkugeln von Bühnenbildnerin Annette Kurz. Die begeisterte taz entdeckt die 1966 bei einem Verkehrsunfall mit 23 Jahren gestorbene Autorin Diane Oliver. Zeit online trauert um das Musikmagazin Pitchfork, die SZ um Frank Z, den Sänger der Punkband "Abwärts".

Kirchentag auf Rum-Cola

19.01.2024. Die Inszenierung der Correctiv-Recherche am Berliner Ensemble beherrscht die Feuilletons: taz und Tagesspiegel halten die Fahne des politischen Theaters hoch, die Welt befürchtet, dass die AfD von diesem "Akt des Kulturkampfs" profitiert, die SZ entdeckt die Komik der rechten Runde. Das neue Green Day-Album spaltet: Die Zeit schwelgt im High-School-Lebensgefühl, für den Standard ist die Band zu Normies geworden. Der Tagesspiegel erforscht die Geschichte des Stilllebens in der Dresdner Gemäldegalerie. Die FAZ lauscht dem Dialog der Eremiten Michail Pletnjow und Martha Argerich.