Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Im Rachen eines Löwen

11.06.2024. In der NZZ erzählt der ukrainische Dichter Andri Ljubka, wie viele Ukrainer versuchen dem drakonischen Mobilisierungsgesetz zu entgehen: Sie verlassen ihre Wohnungen nicht mehr. In Lugano vollführt die NZZ halsbrecherische Kunststücke im Miniatur-Zirkus von Alexander Calder. Die SZ stellt im Kunstmuseum Wolfsburg fest, wie prächtig ein Haus floriert, wenn es Volkswagen im Rücken hat. Die FR macht sich mit Juezhi Tang, dem Preisträger des Internationalen Wettbewerbs für Choreografie, zur Schnecke. Und Van ist froh, dass sich Dirigent Vladimir Jurowski nicht für die Elefantenblechchöre in Bruckners Siebter schämt.

Himmelsstürmerische Träumereien

10.06.2024. Der nachtkritik wird von Ingo Kerkhof am Staatstheater Wiesbaden ein traumhaftes Spektakel geboten: Luigi Pirandellos "Die Riesen vom Berge" ist ein wahres "Zauberkunststück", jubelt sie. Der Freitag durchlebt bei einer bislang ungespielten Variane von Arnold Schönbergs Violinkonzert op. 36 an der UdK Berlin alle denkbaren Emotionen. Die taz erfährt in einer Ausstellung in der "Draiflessen Collection" Räume, die unter die Haut gehen. Die SZ lässt sich von einer KI ihre Wunschserie zusammenstellen.

Im Gewande alter Hochkunst

08.06.2024. Einen so expliziten Warhol hat man selten gesehen, jubeln die Kritiker nach ihrem Besuch in der Neuen Nationalgalerie: Der Welt treibt manches Exponat die Schamesröte ins Gesicht, die FAZ fragt, ob wir nun anders auf Warhol blicken. Der Standard lernt im Wiener Mumok, wie sehr Werke von Frantz Fanon und James Baldwin in der Kunst des Globalen Südens nachwirken. Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan ist auch aufgrund westlicher Ignoranz der Nationalgarde beigetreten, glaubt die FR. Die NZZ bewundert den Kometen, den der südkoreanische Architekt Minsuk Cho vor der Serpentine Gallery geschaffen hat.

Das unerschöpfliche Berennen aller Borniertheitswände

07.06.2024. Weiter geht es bei der Documenta mit halbgaren Selbstverpflichtungen, berichtet die FR. Die Band Laibach denkt in der Welt darüber nach, wie Europa besser scheitern kann. Unisono wird von den Zeitungen der bevorstehende Verkauf der Suhrkamp-Villa in Frankfurt bedauert, einst geistiges Zentrum der Bundesrepublik. Was passiert, wenn Steuerfahnder in das Leben der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek eindringen, schaut sich der Standard in der Wiener Volksbühne an.

Wieso gerieren diese Menschen sich so enthemmt?

06.06.2024. In der Zeit hält Rem Koolhaas nichts vom "europäischen Zeigefinger" gegenüber autoritären Regimen: Wir müssen undemokratische Religionen und Regime akzeptieren, fordert er. Der diesjährige Preis der Nationalgalerie geht erstmals an alle vier Nominierten. Die Berliner Zeitung preist vor allem das Werk von Dan Lie: Eine Liebesgeschichte zwischen Pilzen, Bakterien und Insekten. Der Tagesspiegel badet in Dahlem in den Plüsch-Bunkern von Andreas Mühe. Die SZ zertrümmert in Köln Kafkas Käfer mit Axt und Golfschläger. Und der Perlentaucher fährt in Ali Ahmadzadehs "Critical Zone" im Taxi durch Teheran bei Nacht.

Meine Herde, Deine Gier

05.06.2024. Auch in den Hamburger Deichtorhallen meint Kunstfreiheit vor allem Hauptsache gegen Israel, ärgert sich die FAZ. Die SZ lernt im British Museum Aufregendes über das Liebesleben Michelangelos. Der Tagesanzeiger erlebt die nackte Existenzangst in der Kevin-Costner-Serie "Yellowstone". Die FAZ wohnt in Hamburg dem Befreiungsschlag von Kent Nagano als Operndirigent bei. Die SZ bejubelt indes die noble Leidenschaft des Bratschisten Timothy Ridout.

Ein Wirbeln und Taumeln zum Tod

04.06.2024. Die Kritiker begeben sich mit der Mussorgsky-Oper "Chowanschtschina" in Berlin auf Zeitreise in die politischen Wirren Russlands im 17. Jahrhundert: Putin taucht in Claus Guths Inszenierung zwar nicht auf, ist aber immer da, weiß der Tagesspiegel. FAZ und Standard hören bei den Wiener Festwochen erschüttert das "Kaddish Requiem 'Babyn Jar'" vom Kyiv Symphony Orchestra unter dem Taktstock von Oksana Lyniv. Die SZ fordert klimaresiliente Städte.

Dahin, wo alles herkommt

03.06.2024. Die Feuilletons verabschieden sich vom Schriftsteller John Burnside: Die FAZ ist bewegt von der "berührenden Zartheit und verstörenden Intensität" seines Werks. Die NZZ taucht ab in die Abgründe seines Schaffens. Die FAZ geht außerdem im Franz-Marc-Museum auf Seelenwanderung. Die SZ fühlt den Schmerz der Welt in Isabel Ostermanns Inszenierung von "Searching for Zenobia" bei der Musiktheaterbiennale in München.

Macht der Humanität

01.06.2024. Die Feuilletons quillen über mit Artikeln zum hundertsten Todestag von Franz Kafka, dem weltlichen Heiligen und Schutzpatron des unterdrückten Angestellten, wie die SZ schreibt. Die Literarische Welt erinnert, wie schwer man sich mit Kafka im Ostblock tat, überhaupt musste Kafkas heutiger Status erst errungen werden, weiß die taz: Er galt als zu dekadent. Im Freitag erklärt Roberto Saviano, weshalb er nicht zur italienischen Delegation auf der Frankfurter Buchmesse gehören wird. Die Theaterkritiker applaudieren, wenn Florentina Holzinger in Schwerin einen nackten Damenchor mit phallischem Baguette die Kirche zertrümmern lässt. Und die Welt schaut sich in Tansania David Walshs bizarre Privatsammlung an. 

Schluss mit den Vertraulichkeiten

31.05.2024. In den Deichtorhallen bahnt sich ein Eklat an, schreibt der Tagesspiegel: eine indigene Künstlergruppe garniert ihren Beitrag zur Ausstellung "Survival in the 21st Century" mit einem antisemitischen Manifest, der Direktor setzt auf "Dialog". Wie man im Bombenhagel noch klassische Konzerte veranstalten kann, lernt die SZ vom Charkiwer Dirigenten Vitali Alekseenok. Die Shortlist für den Internationalen Literaturpreis ist da, nach der großen Jury-Kontroverse ist die SZ zufrieden mit der Auswahl. Die Zeitungen trauern um den Dokumentarfilmer Thomas Heise.