9punkt - Die Debattenrundschau
Irgendeine hegemoniale Geschichte
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.03.2026. Modschtaba Khamenei ist also zum neuen Führer der Islamischen Republik Iran ernannt worden - Gutes ist von ihm nicht zu erwarten, ist sich etwa die FAZ sicher. Von den Russen in Russland ist keine Opposition zu erwarten, fürchtet die NZZ. Ebendort versucht Katajun Amirpur zu erklären, warum so viele im Iran einst auf Khomeini setzten. Irland hat sich nach dem 7. Oktober als einer der europäischen Hotspots des israelbezogenen Antisemitismus entpuppt - ein Essay auf Twitter erzählt, wie es dazu kam. Die Debatte um die Buchhandlungspreise geht weiter.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
10.03.2026
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Politik
Modschtaba Khamenei ist also zum neuen Führer der Islamischen Republik Iran ernannt worden. Bei dem Schlag gegen seinen Vater kamen auch seine Frau, seine Mutter und einer seiner Söhne um, berichtet Friederike Böge in der FAZ. Er gilt als Hardliner, soll über Mittelsmänner im Ausland ein riesiges Vermögen angehäuft haben. "Über sein politisches Programm ist aber bisher nichts bekannt. Er hat noch nie ein Interview gegeben und sich bisher auch in keiner Rede oder Schrift programmatisch geäußert... Ihm wird die gewaltsame Niederschlagung der Proteste von 2009 angelastet. Damals hieß es, er habe die Basidsch-Milizen angeführt, die gegen die Demonstranten vorgingen. Die Opposition warf ihm außerdem vor, die Präsidentenwahl von 2009 zugunsten des Amtsinhabers Mahmud Ahmadineschad gefälscht zu haben." Auch die Publizistin Gilda Sahebi verbindet in einem weiteren FAZ-Artikel keine Hoffnungen mit der neuen Führung des Iran und fürchtet, dass der Druck auf die Bevölkerung nun noch erhöht wird.
Seid gnädig mit euren Eltern und Großeltern, die sich 1979 auf Ruhollah Khomeini eingelassen haben, ruft die 1971 geborene Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur, Tochter eines früheren Schah-Funktionärs, ihren iranischen Studenten in der NZZ zu. "Natürlich kann man die Eltern fragen, warum sich die Fraktion der National-Religiösen überhaupt auf Khomeini eingelassen hat. Denn bekannt ist tatsächlich, dass gerade Bazargan", der damalige Regierungschef, der aus Protest gegenüber Khomeinis autoritärer Ideen zurücktrat, "schon früh Zweifel an Khomeini kamen. Von ihm wird kolportiert, er habe ihn als 'Schah mit Turban' bezeichnet. Und dennoch: Die meisten Menschen haben es sich wohl schlicht nicht vorstellen können, dass Khomeini so gewieft ist und es derart gut versteht, die Massen um den Finger zu wickeln. Auch das wissen wir von Zeitzeugen. Und von mutigen Oppositionellen, die für ihren Widerstand mit dem Tod bezahlt haben. So Parvaneh Eskandari und ihr Mann, Dariush Forouhar. Zwei der besten Demokraten, die Iran je hatte."
Friedrich Merz hätte bei seinem Treffen letzte Woche gegenüber Donald Trump selbstbewusster und nicht wie ein "Adlatus" auftreten sollen, konstatiert der Historiker Bernd Greiner im Interview mit der FR. "Europa verzichtet darauf, eine eigene Stimme zu erheben. (...) Der Einzige, der derzeit zumindest in Ansätzen widerspricht, ist Pedro Sánchez. Er nennt die Dinge beim Namen, spricht von einer Verletzung des Völkerrechts und sagt zugleich: Unsere Militärbasen stehen für solche Operationen nicht zur Verfügung. Eine ähnliche Haltung hätten auch Deutschland oder Frankreich einnehmen können. Stattdessen klammert man sich an die Illusion, man könne mäßigend auf Trump einwirken." Mit ein bisschen mehr Mut von deutscher Seite könnte Khamenei noch am Leben sein!
Donald Trump hatte angekündigt, Mitgliedern der Revolutionsgarde eine Amnestie zu gewähren, sollten sie zur Opposition überlaufen. Europa sollte diese Person in dem Fall trotzdem vor Gericht bringen, beharrt der Jurist und Leiter des "European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR)" Wolfgang Kaleck im SZ-Interview mit Ronen Steinke. "Man wird den Schergen des iranischen Regimes langfristig nicht eine Amnestie geben können. Weil die Opfer es nicht akzeptieren können. Das lehrt die historische Erfahrung. Da sind Wunden, die sind so tief, es wird ohnehin auf den Tisch kommen, und rechtsstaatliche Verfahren sind dann die richtige Form. Man kann keine demokratische Gesellschaft formen, wenn noch Leichen im Keller liegen. Die fangen an zu stinken."
Außerdem zum Thema: Im Interview mit der FR weist der Politologe Pierre-Jean Rigoulet-Roze auf die Gefahren für den Iran hin, sollten jetzt noch kurdische und andere regionale Milizen in die Kampfhandlungen einbezogen werden. "Der iranische Vielvölkerstaat könnte explodieren." Emran Feroz warnt auf Zeit Online davor, dass vor dem Hintergrund des Iran-Kriegs der im letzten Jahr ausgebrochene Krieg zwischen Afghanistan und Pakistan eskalieren und die Region weiter destabilisieren könnte.
In Amerika wird über KI im Kriegseinsatz gestritten. Anthropic mit seinem Programm "Claude" setzte zwei Grenzen, erzählt Piotr Heller im Feuilletonaufmacher der FAZ: "Neben der Massenüberwachung im Inland war das die Steuerung vollautonomer Waffen." Die amerikanische Regierung schmiss Anthropic raus und setzt nun OpenAI ein: "Das bleib nicht ohne Folgen. Am Wochenende schmiss Caitlin Kalinowski, die Leiterin der Abteilung für Robotik bei Open AI, hin. 'Tödliche Autonomie ohne menschliche Autorisierung ist eine Grenze, die mehr Überlegung verdient hätte, als sie bekommen hat', schrieb sie. Prägnanter formulierten es Demonstranten, die vor dem Hauptquartier des Unternehmens auf den Boden schrieben: 'No Killer Robots'."
Seid gnädig mit euren Eltern und Großeltern, die sich 1979 auf Ruhollah Khomeini eingelassen haben, ruft die 1971 geborene Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur, Tochter eines früheren Schah-Funktionärs, ihren iranischen Studenten in der NZZ zu. "Natürlich kann man die Eltern fragen, warum sich die Fraktion der National-Religiösen überhaupt auf Khomeini eingelassen hat. Denn bekannt ist tatsächlich, dass gerade Bazargan", der damalige Regierungschef, der aus Protest gegenüber Khomeinis autoritärer Ideen zurücktrat, "schon früh Zweifel an Khomeini kamen. Von ihm wird kolportiert, er habe ihn als 'Schah mit Turban' bezeichnet. Und dennoch: Die meisten Menschen haben es sich wohl schlicht nicht vorstellen können, dass Khomeini so gewieft ist und es derart gut versteht, die Massen um den Finger zu wickeln. Auch das wissen wir von Zeitzeugen. Und von mutigen Oppositionellen, die für ihren Widerstand mit dem Tod bezahlt haben. So Parvaneh Eskandari und ihr Mann, Dariush Forouhar. Zwei der besten Demokraten, die Iran je hatte."
Friedrich Merz hätte bei seinem Treffen letzte Woche gegenüber Donald Trump selbstbewusster und nicht wie ein "Adlatus" auftreten sollen, konstatiert der Historiker Bernd Greiner im Interview mit der FR. "Europa verzichtet darauf, eine eigene Stimme zu erheben. (...) Der Einzige, der derzeit zumindest in Ansätzen widerspricht, ist Pedro Sánchez. Er nennt die Dinge beim Namen, spricht von einer Verletzung des Völkerrechts und sagt zugleich: Unsere Militärbasen stehen für solche Operationen nicht zur Verfügung. Eine ähnliche Haltung hätten auch Deutschland oder Frankreich einnehmen können. Stattdessen klammert man sich an die Illusion, man könne mäßigend auf Trump einwirken." Mit ein bisschen mehr Mut von deutscher Seite könnte Khamenei noch am Leben sein!
Donald Trump hatte angekündigt, Mitgliedern der Revolutionsgarde eine Amnestie zu gewähren, sollten sie zur Opposition überlaufen. Europa sollte diese Person in dem Fall trotzdem vor Gericht bringen, beharrt der Jurist und Leiter des "European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR)" Wolfgang Kaleck im SZ-Interview mit Ronen Steinke. "Man wird den Schergen des iranischen Regimes langfristig nicht eine Amnestie geben können. Weil die Opfer es nicht akzeptieren können. Das lehrt die historische Erfahrung. Da sind Wunden, die sind so tief, es wird ohnehin auf den Tisch kommen, und rechtsstaatliche Verfahren sind dann die richtige Form. Man kann keine demokratische Gesellschaft formen, wenn noch Leichen im Keller liegen. Die fangen an zu stinken."
Außerdem zum Thema: Im Interview mit der FR weist der Politologe Pierre-Jean Rigoulet-Roze auf die Gefahren für den Iran hin, sollten jetzt noch kurdische und andere regionale Milizen in die Kampfhandlungen einbezogen werden. "Der iranische Vielvölkerstaat könnte explodieren." Emran Feroz warnt auf Zeit Online davor, dass vor dem Hintergrund des Iran-Kriegs der im letzten Jahr ausgebrochene Krieg zwischen Afghanistan und Pakistan eskalieren und die Region weiter destabilisieren könnte.
In Amerika wird über KI im Kriegseinsatz gestritten. Anthropic mit seinem Programm "Claude" setzte zwei Grenzen, erzählt Piotr Heller im Feuilletonaufmacher der FAZ: "Neben der Massenüberwachung im Inland war das die Steuerung vollautonomer Waffen." Die amerikanische Regierung schmiss Anthropic raus und setzt nun OpenAI ein: "Das bleib nicht ohne Folgen. Am Wochenende schmiss Caitlin Kalinowski, die Leiterin der Abteilung für Robotik bei Open AI, hin. 'Tödliche Autonomie ohne menschliche Autorisierung ist eine Grenze, die mehr Überlegung verdient hätte, als sie bekommen hat', schrieb sie. Prägnanter formulierten es Demonstranten, die vor dem Hauptquartier des Unternehmens auf den Boden schrieben: 'No Killer Robots'."
Europa
Irland hat sich nach dem 7. Oktober als einer der europäischen Hotspots des israelbezogenen Antisemitismus entpuppt - historisch erklärt sich das unter anderem aus einer Identifikation der irischen Nationalisten mit den Palästinensern und einer Gleichsetzung der Israelis mit den kolonialistischen Briten, erklärt der Autor Maurice Black in einem Essay auf Twitter. Der antiisraelische Wahn führte in den letzten Jahren dazu, dass selbst ein nach dem lokalen Juden Chaim Herzog benannter Park in Dublin umbenannt werden sollte - erst die internationale Indignation bewog Politiker zurückzuruden. In Irland leben gerade mal 2.500 Juden, "eine Gemeinschaft, die so klein ist, dass sie in den Volkszählungsdaten kaum auffällt. Und doch wurde das gesamte Gewicht des politischen Apparats einer Nation, seines Dáil (Parlaments), seines staatlichen Rundfunks, seiner Sportverbände und seiner Stadträte in einer Kampagne mobilisiert, die, unabhängig von ihren erklärten Absichten, das jüdische Leben in Irland mit jedem Monat einsamer, prekärer und ängstlicher macht." Der Katholizismus spielt eine Rolle, so Black: Eine im Dezember 2024 veröffentlichte "Studie ergab, dass antisemitische Einstellungen unter irischen Christen ein Niveau erreicht hatten, das Forscher als 'mittelalterlich' bezeichneten, wobei religiöse Narrative eine 'massive Rolle' bei der antijüdischen Stimmung spielten und Katholiken Israel weit weniger unterstützten als Protestanten."
Von den Russen in Russland ist keine Opposition zu erwarten, sie versuchen sich gerade eher dem Regime anzupassen und nicht aufzufallen, schreibt Inna Hartwich in der NZZ. "'Prisposobilis' lautet das russische Zauberwort. 'Wir haben uns angepasst.' Die Menschen in Russland passen sich an vermeintlich alles an, die höheren Preise, das lange Warten auf Ersatzteile für Autos, daran, dass Angst und Unsicherheit ihre ständigen Begleiter sind. Kein Körper hält das lange durch. Ein mögliches Ausweichen für viele: die Gleichgültigkeit. Und die sinnentleerte Floskel: 'Wsjo budet choroscho', alles wird gut. Was dieses 'gut' ist? 'Gut' eben. Punkt. (...) Niemand will auffallen, weil Auffallen Probleme mit sich bringt. 'Hauptsache, ich werde in Ruhe gelassen': Nach dieser Formel haben auch vor dem Krieg viele im Land gelebt. Doch der Staat lässt sie nicht in Ruhe. Er fordert Unterstützung, fordert Beteiligung und macht so die meisten zu Mittätern. Auch wenn sie stumm auf das Drumherum schauen und meinen, mit allem nichts zu tun zu haben."
Von den Russen in Russland ist keine Opposition zu erwarten, sie versuchen sich gerade eher dem Regime anzupassen und nicht aufzufallen, schreibt Inna Hartwich in der NZZ. "'Prisposobilis' lautet das russische Zauberwort. 'Wir haben uns angepasst.' Die Menschen in Russland passen sich an vermeintlich alles an, die höheren Preise, das lange Warten auf Ersatzteile für Autos, daran, dass Angst und Unsicherheit ihre ständigen Begleiter sind. Kein Körper hält das lange durch. Ein mögliches Ausweichen für viele: die Gleichgültigkeit. Und die sinnentleerte Floskel: 'Wsjo budet choroscho', alles wird gut. Was dieses 'gut' ist? 'Gut' eben. Punkt. (...) Niemand will auffallen, weil Auffallen Probleme mit sich bringt. 'Hauptsache, ich werde in Ruhe gelassen': Nach dieser Formel haben auch vor dem Krieg viele im Land gelebt. Doch der Staat lässt sie nicht in Ruhe. Er fordert Unterstützung, fordert Beteiligung und macht so die meisten zu Mittätern. Auch wenn sie stumm auf das Drumherum schauen und meinen, mit allem nichts zu tun zu haben."
Kulturpolitik
Die Debatte um die Buchhandlungspreise geht weiter. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte bekanntlich drei Buchhandlungen von einer Liste von 118 gestrichen, weil angeblich der Verfassungsschutz unbekannte Informationen über sie hat. Andreas Platthaus unterhält sich für die FAZ mit dem bekanntesten Kulturpolitiker der SPD, Carsten Brosda, der Weimer guten Willen unterstellt: "Er meint, die Demokratie zu verteidigen, doch hat dabei übersehen, dass man die Demokratie am besten verteidigt, wenn man ihr die intellektuelle Freiheit belässt und nicht kulturelle und künstlerische Programme auf irgendeine vermeintlich die demokratische Mitte stärkende hegemoniale Geschichte hin domestiziert." Platthaus setzt hinzu: "Dass die aktuelle Buchhandlungspreis-Jury angesichts ihrer Brüskierung noch nicht zurückgetreten ist, wundert Brosda." Am 19. März sollen die Preise bei der Leipziger Buchmesse vergeben werden. Das verspricht spannend zu werden, freut sich Platthaus.
Die Buchhandlungspreise sind so weit gestreut, dass sie als kaschierte Subvention gelten können, meint im Perlentaucher der ehemalige Rowohlt-Manager Peter Mathews, und eigentlich war der "Verlags- und Sortimentsbuchhandel bisher immer stolz darauf, dass er im Gegensatz zu Museen, Theatern und vor allem der Filmwirtschaft ein Teil der Kreativwirtschaft ist, der wie die Musik- und Gamesproduktion oder die Werbewirtschaft ohne staatliche Förderung auskommt".
Die Buchhandlungspreise sind so weit gestreut, dass sie als kaschierte Subvention gelten können, meint im Perlentaucher der ehemalige Rowohlt-Manager Peter Mathews, und eigentlich war der "Verlags- und Sortimentsbuchhandel bisher immer stolz darauf, dass er im Gegensatz zu Museen, Theatern und vor allem der Filmwirtschaft ein Teil der Kreativwirtschaft ist, der wie die Musik- und Gamesproduktion oder die Werbewirtschaft ohne staatliche Förderung auskommt".
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