Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.04.2026. Die Hälfte hungert, zwei Drittel sind auf Nothilfe angewiesen: Der Sudan ist Schauplatz des schlimmsten Konflikts der Gegenwart und gibt immer mal wieder Anlass zu Konferenzen, die laut taz nur etwas Ritualisiertes haben. Alice Schwarzer wundert sich auf emma.de doch sehr über die Queerbeauftrage der Bundesregierung, die Schwarzer mal eben in einem offiziellen Post "dem rechten Spektrum" zuordnet. Die Gefahr eines Weltkriegs ist heute größer als zu Zeiten des Kalten Kriegs, warnt der Historiker Odd Arne Westad in der FR. Ist die liberale Demokratie noch zu retten, fragt die taz einige Protagonisten des Diskurses. Nein, antworten die meisten.
Demnächst findet mal wieder eine internationale Sudan-Konferenz statt, diesmal in Berlin. Es ist laut Dominic Johnson in der taz nicht die erste ihrer Art: "Es hat mittlerweile etwas Ritualisiertes, die Kriegsparteien sind nicht geladen, eine Abschlusserklärung wird nicht erwartet - sie könnte ohnehin nichts ändern." Es handelt sich schlicht um den schlimmsten aktuellen Konflikt der Welt: "Der Krieg hat Sudan weitgehend zerstört. 45 Millionen Menschen lebten dort vor dem Krieg. Ein Drittel davon wurde seit dem 15. April 2023 in die Flucht getrieben, die Hälfte hungert, zwei Drittel sind auf Nothilfe angewiesen. Da diese weder ausreichend finanziert ist noch den Großteil der Bedürftigen erreicht, verschlechtern sich die Lebensbedingungen der noch im Land lebenden Sudanesen von Jahr zu Jahr."
Netanjahu ist mit dem Krieg gegen den Iran auf ganzer Linie gescheitert, findet Franca Wittenbrink in der FAZ. Irgendwie scheint es sich beim Iran und seinen Proxies um eine neunköpfige Schlange zu handeln: "Zweifellos hat Israel dem Regime in Teheran schwer zugesetzt. Doch in Iran wiederholt sich, was auch an anderen Schauplätzen wie dem Gazastreifen zu Netanjahus größten Problemen gehört: Militärisch kann die Armee beachtliche Erfolge verzeichnen. Doch der Regierungschef vermag sie nicht in einen strategischen Sieg zu verwandeln."
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Gefahr eines Weltkriegs ist heute höher als zu Zeiten des Kalten Krieges, sagt der Historiker Odd Arne Westad, Autor eines gerade erscheinenden Buchs zum Thema, im täglichen Gespräch mit Michael Hesse von der FR. "Das heißt nicht, dass es damals keine realen Gefahren gegeben hätte - die gab es. Aber sie ließen sich mit etwas Klugheit auf eine Weise handhaben, die einen offenen Konflikt vermeiden konnte. Heute ist das sehr viel schwieriger. Es ist schwerer geworden, Kompromisse zu finden oder überhaupt Zeit zu gewinnen, wie das im Kalten Krieg noch möglich war. Deshalb würde ich sagen: Ja, das ist die gefährlichste Zeit, die ich bisher erlebt habe, gerade weil sich so schwer voraussehen lässt, was die nächsten Schritte der Großmächte sein werden."
Die Bundesregierung hält sich die "Zivilgesellschaft" in zwei Formen, subventioniert in Gestalt des Programms "Demokratie leben", oder angestellt in Gestalt der "Beauftragten" für diese oder jene relevanten Fragen. Von der "Beauftragten der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt" Sophie Koch hatte man noch nicht viel gehört, bis sie in ihrer offiziellen Eigenschaft diesen Post auf Instagram veröffentlichte:
Der Post erschien am 31. März, dem "Internationalen Tag der Trans*Sichtbarkeit". Sophie Koch ergänzt den Post mit dem Statement: "Wenn Einzelne aus dem rechten Spektrum das Selbstbestimmungsgesetz angreifen, dann erwarte ich von der Politik Ruhe und Besonnenheit statt Schnappatmung."
Auf emma.deerscheint eine Reaktion von Alice Schwarzers Redaktion. Sie sei einiges an Angriffen gewohnt, aber dass eine Repräsentantin der Bundesregierung sie und J.K. Rowling in einem offiziellen Post mit Trump gleichsetzt und als "Rechte" markiert, habe selbst sie erstaunt. Am 7. April, heißt es da, habe Schwarzer die zuständige Ministerin Karin Prien aufgefordert, dass dieser Post von Instagram entfernt wird. Das Ministerium reagierte überraschend. Die stellvertretende Pressesprecherin Anja Pfeffermann riet Schwarzer in einer Mail an ihr Büro, sich mit Koch zu unterhalten und übersandte Kochs E-Mail-Adresse. "Frau Pfeffermann richtete diesen Brief nicht etwa an Alice Schwarzer, sondern an deren Büroleiterin Margitta Hösel. Ein erstaunlicher Vorgang, denn Margitta Hösel hatte weder ihr, noch dem Ministerium geschrieben. Warum also die Antwort auf die Beschwerde von Alice Schwarzer an Ministerin Prien von Frau Pfeffermann an Margitta Hösel? Es ist zu befürchten, dass die Ministerin bis heute weder Kenntnis hat von dem Brief von Alice Schwarzer an sie - noch von dem, was ihre Untergebenen so treiben."
Dass Jeffrey Epstein Jude war, wurde in den sozialen Medien wenig überraschend zum Anlass vielfältiger Verschwörungstheorien. Michael Wolffsohnbetont in der NZZ aber die Universalität von Epsteins schlechten Eigenschaften: "Epsteins Netzwerk - sollte man nicht eher von einer 'Epstein-Bande' sprechen? - war interkonfessionell. Zynisch gesagt: Es war fast so etwas wie eine der wenigen weltweit funktionierenden christlich-jüdisch-muslimischen Bruderschaften. Klipp und klar: Der Wolf im Menschen ist das eigentliche Thema der Causa Epstein. Der Wolf im Menschen oder im Manne? Ist also nur der Mann ein trieb- und machtgesteuertes Wesen? Ein Blick auf die Epsteiner lässt das vermuten. Doch diese Vermutung unterstellt, dass Frauen nicht auch trieb- oder macht- oder mammongesteuert sein können. Ob ebenso, weniger oder mehr, wäre ein anderes Thema." In der FAS schreibt Helene Röhnsch über die Verschwörungstheorien um Epstein und die Frage, ob diese die QAnon-Sekten nun noch stärker beflügeln.
Es hat keinen Sinn mehr, die Plattformen regulieren zu wollen, meint der ehemalige Faktenchecker, heutige FC-St.-Pauli-Sprecher und Rechtsextremismusexperte Patrick Gensing in der taz, es kommt drauf an, sie wegzukriegen: "Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb nicht in Detailkorrekturen einzelner Plattformpraktiken, sondern im Bruch mit ihrer monopolartigen Stellung über weite Teile politischer Kommunikation. Es geht um die Rückgewinnung öffentlicher Räume, in denen Sichtbarkeit nicht gekauft, Fakten nicht beliebig relativiert werden und demokratische Aushandlung nicht algorithmisch verzerrt wird." Wie genau das geschehen soll - vielleicht im Rahmen eines Sieges von St. Pauli über Bayern München? - erwähnt der Autor leider nicht.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Robert Philpot porträtiert für die Times of Israel den berühmten jüdisch-britischen Historiker Simon Schama, Autor einer Geschichte des Judentums, deren dritter Band demnächst erscheint. Schama spricht alles in allem noch recht milde über das Klima in Britannien, würdigt den König, der sich nach antisemitischen Attacken zum Schirmherr jüdischer Wohlfahrtsorganisationen erklärte. Dennoch hat sich die Stimmung gegenüber früheren Jahren verändert: "Schama äußert sich vernichtend sowohl über die extreme Linke als auch über die extreme Rechte. Er prangert die von der progressiven Linken propagierte 'ideologische Selektionsrampe' zwischen 'guten Juden' und 'schlechten Juden'' an. Man wird gedrängt, eine Art formelle Verurteilung und Ablehnung des Existenzrechts Israels auszusprechen. Dann erst ist man in der Welt der Progressiven willkommen. Schama findet, dass diese Haltung stark an die Behandlung jüdischer 'Conversos' während der spanischen Inquisition erinnert. 'Es reichte nicht aus, seinen Glauben aufzugeben', sagt er. 'Man muss tatsächlich zeigen, dass man bereit ist, als guter Christ den Märtyrertod zu sterben...'"
Ist die liberale Demokratie noch zu retten, fragt die taz einige Protagonisten des öffentlichen Diskurses. Während die Regierungsberaterin Naika Foroutan "als Linke" immerhin konzediert, dass es widersinnig wäre, "das liberale Erbe politischer Grundrechte preiszugeben", antwortet der 76-jährige, aber angeblich noch in Columbia lehrende Frankfurter Theoretiker Axel Honneth schlicht mit "Nein": "Um das zu erkennen, braucht man sich nur anzusehen, wie erstaunlich leicht das Trump-Regime in den USA täglich liberaldemokratische Prinzipien umgeht und Bürgerrechte verletzt... Solche Vorgänge sind bemerkenswert radikal, aber selbst die Mainstreammedien und der Kongress normalisieren sie, anstatt 'Faschismus' zu schreien." Befragt werden außerdem die Politologin Wendy Brown ("Ja"), der pensionierte Philosoph Christoph Menke ("Nein"), die Philosophin Rahel Jaeggi ("Nein"), die Soziologin Carolin Amlinger ("Vielleicht"), der Postkolonialist Dipesh Chakrabarty ("Vielleicht"), die Queer-Theoretikerin Isabell Lorey ("Nein"), die Gendertheoretikierin Verónica Gago ("Nein").
Am Ostermontag brachte die "Tagesschau" einen Beitrag aus Teheran, der bei Twitter auf viel Misstrauen und Widerspruch stieß. Das ARD-Team befragte eine Frau, die kein Kopftuch trug und sogar offen, ohne Kopftuch, mit ihrem Hund an der Leine im Park Spazieren ging. Da sie sich besorgt über die amerikanisch-israelischen Angriffe zeigte, wurde vermutet, dass sie regimenah sei. Auf tagesschau.dewehrt sich Natalie Amiri, ehemalige Iran-Korrepondentin der ARD, gegen die Vorwürfe: "Man möchte in einem ungezügelten Moment rausschreien: was sind denn das für Fragen, willkürliche Verdächtigungen und: eine völlige Ahnungslosigkeit über die Bedingungen vor Ort? Plötzlich werden Argumente wie 'Das blaue ARD-Mikro ist nicht im Bild zu sehen' herangezogen, um zu belegen, das Material sei nicht mal von ARD-Mitarbeitern gedreht. Wie oft drehen wir mittlerweile schnell und unauffällig mit dem Handy, je nachdem, wie es die Situation erfordert."