9punkt - Die Debattenrundschau
Behauptungen und Indizien
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.02.2026. Im Iran haben die geistlichen Führer wohl mehr als 30.000 Menschen umgebracht - Die SZ kommt auf die Massaker zurück und auf die Verzweiflung, die jetzt in der iranischen Bevölkerung herrschen muss. Nützt die Veröffentlichung der Epstein-Files vor allem Donald Trump, fragt ebenfalls die SZ. Der noch in Moskau lebende Autor Andrei Kolesnikow schildert in der NZZ den wohl trübsten Winter in der Stadt seit langem. Die FAZ meint: Ein Social-Media-Verbot für Jugendliche reicht nicht aus - der Staat sei aufgefordert, "sein Wächteramt auch gegenüber Volljährigen auszuüben ".
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
05.02.2026
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Politik
Endlich erinnern sich die Zeitungen wieder an den Iran! Auf der Seite 3 der SZ schreibt Raphael Geiger über die Proteste, bei denen Tausende Demonstranten ermordet wurden. "Die Welt drückte den Iranerinnen und Iranern die Daumen. War geschockt von den Bildern und den Videos, den wenigen, die nach außen drangen, geschockt von der Gewalt, von der Zahl der Toten. Fünfzehn Todesopfer am 4. Januar. Wohl mehr als 30.000 am Morgen des 9. Januar. Genauer weiß es bis heute niemand. Drückt heute noch jemand die Daumen?" Geiger schreibt außerdem über seine Chats mit einem jungen Iraner, der ihm während der Proteste immer mal wieder schreibt, erst hoffnungsfroh, dann resigniert. "'Wenn Menschen', schreibt er, 'wieder und wieder versuchen, Freiheit zu erlangen und keine Besserung sehen, im Gegenteil, wenn die Dinge immer schlimmer werden, dann fangen sie an zu glauben, sie seien machtlos. Dass sie nichts tun können, um etwas zu verändern.' Er glaube, dass die Iranerinnen und Iraner erst später, mit Abstand, erkennen werden, welches Trauma ihnen von diesen Januartagen geblieben ist. Und von all den Jahren in der Islamischen Republik."
Auf die Epstein-Files wurde sehnsüchtig gewartet, um damit endlich Donald Trump bloßzustellen und im besten Fall aus dem Amt zu jagen, schreibt Gustav Seibt in der SZ. Stattdessen scheinen jetzt alle anderen - Clinton, Gates, Mandelson - unter Druck zu geraten. "And the winner is? Einmal mehr Donald Trump. Hieß es nicht wochenlang, Trump fürchte nichts so sehr wie die Freigabe dieser Akten? Muss er sich sorgen wegen des Epstein-Daten-Katarakts? Bisher offenbar nicht. Was müsste denn herauskommen, um diesem Mann, der sich schon vor seiner ersten Wahl rühmte, wo er Frauen überall hinfassen darf, jetzt noch ernsthaft zu schaden? Diesseits von Kinderpornografie fällt einem wenig ein. Vorerst sind Tausende, mit denen Epstein und Maxwell Kontakt hatten, mit im Sumpf. Für Außenstehende, fürs allgemeine Publikum, bewahrheitet sich der im populistischen Verdacht längst ausformulierte Vorwurf, dass die 'Eliten' insgesamt verkommen, korrupt, kriminell sind. Die lange Ära Trump kommt hier zu einer Art Abschluss, in einem moralischen Desensibilisierungsprozess, in dem alles wurscht wird."
Zu den Prominenten, mit denen Epstein regelmäßig einen herzlichen E-Mail-Austausch pflegte, gehörte auch Noam Chomsky. Ramon Antonio Vargas berichtet im Guardian: Die jetzt bekannt gewordenen Mailwechsel "untergruben frühere Behauptungen Chomskys, dass er in erster Linie finanzielle Geschäfte mit Epstein tätigte... Sie fügten auch den Dokumenten, die die Demokraten im US-Repräsentantenhaus im November veröffentlicht hatten, wichtige Aspekte hinzu. Diese enthielten teilweise Kommentare, die Chomsky zugeschrieben wurden und in denen er es als 'eine äußerst wertvolle Erfahrung' bezeichnete, 'regelmäßigen Kontakt' zu Epstein gepflegt zu haben."
"Israel gibt zu, dass in Gaza 70.000 Palästinenser getötet wurden", berichteten die deutschen Medien neulich. Aber Israel gibt gar nichts zu, korrigiert Philipp Peyman Engel in der Jüdischen Allgemeinen. Es handelt sich nur um einen weiteren Fall von Verzerrung, wie sie die deutschen Medien seit dem 7. Oktober mit Vorliebe betreiben (siehe dazu Daniel Rotsteins Perlentaucher-Artikel). Denn die Bestätigung dieser Zahl, die der offiziellen Hamas-Zahl entspricht, kam aus einer anonymen Quelle, die israelische Armee selbst bestreitet. Und selbst wenn die Zahl stimmt, so Engel, müsste sie dann nicht mal analysiert werden? Wieviele dieser 70.000 Toten sind Hamas-Kämpfer, und übrigens habe die Hamas auch die 10.000 Menschen eingerechnet, die seit dem 7. Oktober im Gazastreifen eines natürlichen Todes gestorben sind. "All das nicht zu berücksichtigen: Ist das Unkenntnis, Schludrigkeit, Schwarmdummheit, politische Einseitigkeit? Das können nur die betreffenden Kollegen beantworten. Fest steht: So macht man Stimmung gegen Israel. Es möge sich niemand wundern, dass angesichts dessen 73 Prozent der Deutschen der Aussage zustimmen, Israel habe in Gaza einen Genozid begangen. Auch möge sich niemand darüber wundern, dass die Antisemitismusfallzahlen auch hierzulande geradezu explodieren."
Auf die Epstein-Files wurde sehnsüchtig gewartet, um damit endlich Donald Trump bloßzustellen und im besten Fall aus dem Amt zu jagen, schreibt Gustav Seibt in der SZ. Stattdessen scheinen jetzt alle anderen - Clinton, Gates, Mandelson - unter Druck zu geraten. "And the winner is? Einmal mehr Donald Trump. Hieß es nicht wochenlang, Trump fürchte nichts so sehr wie die Freigabe dieser Akten? Muss er sich sorgen wegen des Epstein-Daten-Katarakts? Bisher offenbar nicht. Was müsste denn herauskommen, um diesem Mann, der sich schon vor seiner ersten Wahl rühmte, wo er Frauen überall hinfassen darf, jetzt noch ernsthaft zu schaden? Diesseits von Kinderpornografie fällt einem wenig ein. Vorerst sind Tausende, mit denen Epstein und Maxwell Kontakt hatten, mit im Sumpf. Für Außenstehende, fürs allgemeine Publikum, bewahrheitet sich der im populistischen Verdacht längst ausformulierte Vorwurf, dass die 'Eliten' insgesamt verkommen, korrupt, kriminell sind. Die lange Ära Trump kommt hier zu einer Art Abschluss, in einem moralischen Desensibilisierungsprozess, in dem alles wurscht wird."
Zu den Prominenten, mit denen Epstein regelmäßig einen herzlichen E-Mail-Austausch pflegte, gehörte auch Noam Chomsky. Ramon Antonio Vargas berichtet im Guardian: Die jetzt bekannt gewordenen Mailwechsel "untergruben frühere Behauptungen Chomskys, dass er in erster Linie finanzielle Geschäfte mit Epstein tätigte... Sie fügten auch den Dokumenten, die die Demokraten im US-Repräsentantenhaus im November veröffentlicht hatten, wichtige Aspekte hinzu. Diese enthielten teilweise Kommentare, die Chomsky zugeschrieben wurden und in denen er es als 'eine äußerst wertvolle Erfahrung' bezeichnete, 'regelmäßigen Kontakt' zu Epstein gepflegt zu haben."
"Israel gibt zu, dass in Gaza 70.000 Palästinenser getötet wurden", berichteten die deutschen Medien neulich. Aber Israel gibt gar nichts zu, korrigiert Philipp Peyman Engel in der Jüdischen Allgemeinen. Es handelt sich nur um einen weiteren Fall von Verzerrung, wie sie die deutschen Medien seit dem 7. Oktober mit Vorliebe betreiben (siehe dazu Daniel Rotsteins Perlentaucher-Artikel). Denn die Bestätigung dieser Zahl, die der offiziellen Hamas-Zahl entspricht, kam aus einer anonymen Quelle, die israelische Armee selbst bestreitet. Und selbst wenn die Zahl stimmt, so Engel, müsste sie dann nicht mal analysiert werden? Wieviele dieser 70.000 Toten sind Hamas-Kämpfer, und übrigens habe die Hamas auch die 10.000 Menschen eingerechnet, die seit dem 7. Oktober im Gazastreifen eines natürlichen Todes gestorben sind. "All das nicht zu berücksichtigen: Ist das Unkenntnis, Schludrigkeit, Schwarmdummheit, politische Einseitigkeit? Das können nur die betreffenden Kollegen beantworten. Fest steht: So macht man Stimmung gegen Israel. Es möge sich niemand wundern, dass angesichts dessen 73 Prozent der Deutschen der Aussage zustimmen, Israel habe in Gaza einen Genozid begangen. Auch möge sich niemand darüber wundern, dass die Antisemitismusfallzahlen auch hierzulande geradezu explodieren."
Europa
In Frankreich wurden die Büroräume von X durchsucht, nachdem der Musk-eigene Chatbot Grok dadurch auffiel, dass er Bilder von Personen auf der Plattform einfach so in pornografische Inhalte verwandeln konnte, konstatiert Philipp Bovermann in der SZ. Musk meldete auf X, einem "politischen Angriff" ausgesetzt zu sein. "Nacktes Fleisch, einmal durch den KI-Fleischwolf gedreht und an fremde Gesichter gepappt, ist geradezu ein Symbol für eine Vision des Internets, die sich aus Aussagen von Musk und denen anderer sogenannter Tech-Visionären zusammensetzen lässt. (...) Diese Vision für die Zukunft lässt sich auf X schon heute besichtigen. Politiker in Unterhosen sind da nun zu sehen, Enthüllungsporno mit eingeschränktem Opferschutz, ein Berg von Behauptungen und Indizien, die jeder, der mag, zu seinem ganz persönlichen Verschwörungsgebilde zusammenbinden kann. Morde, tödliche Unfälle, Bilder von Anschlägen. Fotos von Frauen, ganz oder teilweise per KI erstellt. Die vollständige Entblößung. Nur nicht für Elon Musk selbst. Wer ihm zu nahe kommt, den lässt er mit einem Privatgeheimdienst verfolgen."
Endlich wieder ein richtiger Winter in Moskau - was eigentlich ein Grund zur Freude wäre, sorgt in Moskau nach der ersten Freude für ein eher trauriges Bild, so der noch in Moskau lebende Autor Andrei Kolesnikow in der NZZ. Wo früher Eisbahnen waren, sind heute verfallene Arenen, um die sich keiner kümmert. Hockeyschläger sind zu einem teuren Luxusgut geworden, andere Freizeitbeschäftigungen werden von den Behörden untersagt. "Eine neue vergängliche Attraktion in Moskau ist die 'Miusskaja-Düne': ein gigantischer Haufen aus geräumtem Schnee, der in einem der zentralen Bezirke der Hauptstadt aufgeschüttet wurde. Junge Leute bauten dort Rutschbahnen und organisierten Partys, doch sogleich markierte die Polizei Präsenz, weil sie befürchtete, dass der Spaß in Protest ausarten könnte. Sie zerstreute die Menge, und schleunigst wurde der Schneehügel abgetragen. Es ist leichter, Dinge zu verbieten, als Natur- und anderer Gewalten Herr zu werden - so tickt halt unsere Regierung."
Endlich wieder ein richtiger Winter in Moskau - was eigentlich ein Grund zur Freude wäre, sorgt in Moskau nach der ersten Freude für ein eher trauriges Bild, so der noch in Moskau lebende Autor Andrei Kolesnikow in der NZZ. Wo früher Eisbahnen waren, sind heute verfallene Arenen, um die sich keiner kümmert. Hockeyschläger sind zu einem teuren Luxusgut geworden, andere Freizeitbeschäftigungen werden von den Behörden untersagt. "Eine neue vergängliche Attraktion in Moskau ist die 'Miusskaja-Düne': ein gigantischer Haufen aus geräumtem Schnee, der in einem der zentralen Bezirke der Hauptstadt aufgeschüttet wurde. Junge Leute bauten dort Rutschbahnen und organisierten Partys, doch sogleich markierte die Polizei Präsenz, weil sie befürchtete, dass der Spaß in Protest ausarten könnte. Sie zerstreute die Menge, und schleunigst wurde der Schneehügel abgetragen. Es ist leichter, Dinge zu verbieten, als Natur- und anderer Gewalten Herr zu werden - so tickt halt unsere Regierung."
Gesellschaft
Harry Nutt bekennt in einem kleinen taz-Essay, dass er angesichts von Disrupteuren wie Elon Musk die Coolness und Lässigkeit vermisst, die einst von Figuren wie Franz Beckenbauer oder Muhammed Ali ausgingen: Coolness behaupte "keine Unverwundbarkeit, sondern kokettiert mit Verletzlichkeit. Das Spiel mit der Schwäche tendiert nicht zum Aufgeben und den Verzicht aufs Gelingen. Vielmehr bereitet es Finten zum Gegenschlag vor, Lösungen aus der Erfahrung der Schwäche."
Medien
Die traditionellen Medien verbringen einen Großteil ihrer Zeit damit, vor den sozialen Medien zu warnen. Oliver Weber fragt sich in einem nicht als Satire gekennzeichneten FAZ-Feuilletonaufmacher, ob ein Verbot sozialer Medien für Heranwachsende, wie es neuerdings in Australien und bald wohl auch in Spanien gilt, wirklich ausreicht. "Das von Instagram, Tiktok und Co. verkörperte Problem wäre mit einem Verbot für Kinder und Jugendliche ... keineswegs gelöst - zu weitreichend sind inzwischen seine Auswüchse." Angesichts zunehmender Vereinsamung unter jungen Erwachsenen sieht Weber den "Staat aufgefordert, sein Wächteramt auch gegenüber Volljährigen auszuüben. Er müsste sich von seiner liberalen Prämisse, jeder wisse schon, was er wolle, verabschieden und stattdessen ein starkes Gemeinwohlkonzept vertreten. Er dürfte nicht davor zurückschrecken, offen auszusprechen, was ein gutes Leben ausmacht - und was nicht. Allein dies bedeutete einen Bruch mit den großen Liberalisierungstendenzen der vergangenen Jahrzehnte und die Rückkehr zu einem älteren, klassischeren Begriff von Politik, der den guten Staat nicht nur metaphorisch der tugendhaften Seele zuordnet." Bliebe ein klitzekleines Problem: "Ein Verbot auch für Erwachsene verstieße höchstwahrscheinlich gegen die verfassungsmäßig garantierte Handlungsfreiheit." Aber gibt es nicht auch Staaten, die dies Problem bereits im Griff haben?
Der Schlagersänger Gil Ofarim war vor einigen Jahren ins Gespräch gekommen, weil er gegen ihn gerichtete Antisemitismusvorwürfe erfunden hatte. Der Gerichtsprozess ist längst gelaufen. Ofarim gehört nun zu den C-Promis des "Dschungelcamp". Und wird, so berichtet Martin Krauss in der taz, von dem an der Show-Beteiligten Showmaster Stefan Raab antisemitisch verspottet: "Am 27. Januar, nebenbei gesagt: dem Holocaustgedenktag, stellte Raab den Dschungelkandidaten Gil Ofarim vor, Sohn des israelischen Sängers Abi Ofarim. Dieser Gil, berichtete eine gequält-witzige Off-Stimme, trage in sich ein 'Betrüger-Gen', das habe er von seinem extra für diesen Gag erfundenen 'Onkel Samuel' geerbt. Dazu passend wurde Ofarims Musik mit Bildern tanzender ultraorthodoxer Juden unterlegt." Mehr in der Jüdischen Allgemeinen.
Die Washington Post hat viele Abonnenten verloren - das dürfte an Jeff Bezos' Maga-Wende liegen, vermutet Michael Hanfeld ebenfalls in der FAZ. Bezos reagiert, indem er mehrere Hundert Stellen streicht. "Die Sport- und die Literaturredaktion sollen demnach fast komplett schließen, der Reporter-Podcast wird eingestellt, das Metro-Desk, das für die lokale Berichterstattung aus Washington, Maryland und Virginia zuständig ist, wird umstrukturiert, bei den Auslandsbüros gibt es massive Kürzungen."
Der Schlagersänger Gil Ofarim war vor einigen Jahren ins Gespräch gekommen, weil er gegen ihn gerichtete Antisemitismusvorwürfe erfunden hatte. Der Gerichtsprozess ist längst gelaufen. Ofarim gehört nun zu den C-Promis des "Dschungelcamp". Und wird, so berichtet Martin Krauss in der taz, von dem an der Show-Beteiligten Showmaster Stefan Raab antisemitisch verspottet: "Am 27. Januar, nebenbei gesagt: dem Holocaustgedenktag, stellte Raab den Dschungelkandidaten Gil Ofarim vor, Sohn des israelischen Sängers Abi Ofarim. Dieser Gil, berichtete eine gequält-witzige Off-Stimme, trage in sich ein 'Betrüger-Gen', das habe er von seinem extra für diesen Gag erfundenen 'Onkel Samuel' geerbt. Dazu passend wurde Ofarims Musik mit Bildern tanzender ultraorthodoxer Juden unterlegt." Mehr in der Jüdischen Allgemeinen.
Die Washington Post hat viele Abonnenten verloren - das dürfte an Jeff Bezos' Maga-Wende liegen, vermutet Michael Hanfeld ebenfalls in der FAZ. Bezos reagiert, indem er mehrere Hundert Stellen streicht. "Die Sport- und die Literaturredaktion sollen demnach fast komplett schließen, der Reporter-Podcast wird eingestellt, das Metro-Desk, das für die lokale Berichterstattung aus Washington, Maryland und Virginia zuständig ist, wird umstrukturiert, bei den Auslandsbüros gibt es massive Kürzungen."
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