9punkt - Die Debattenrundschau
Rot hat eben sehr viele Schattierungen.
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.12.2025. Angst vor Russland bewog die EU, erstmals gemeinsame Schulden aufzunehmen - eine Blamage, so die SZ. Putin trumpft inzwischen laut FAZ auf: Was schert ihn Trumps Friedensplan - er will eine gleichgeschaltete Regierung in Kiew. Die Ukrainer bereiten inzwischen Borschtsch fürs Fest vor, erzählt Jurko Prochasko in der FAS, wissen aber nicht, ob sie ihn noch essen können. Der neue Antisemitismus hat es geschafft, die ganze Welt zu einem Ort zu machen, an dem Juden unerwünscht sind, schreibt Eva Illouz in der SZ.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
20.12.2025
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Europa
Nach tagelangen Verhandlungen hat es die EU nicht hinbekommen, die eingefrorenen russischen Milliarden für die Ukraine einzusetzen - die Idee, die auch von Friedrich Merz verfochten wurde, scheiterte am Widerspruch Belgiens, Frankreichs und Italiens. Stattdessen macht man jetzt gemeinsame Schulden, um der Ukraine 90 Milliarden Euro zu leihen. Für SZ-Kommentator Hubert Wetzel ist das eine Blamage: "Was sieht der russische Diktator Putin, der die Europäer vor ein paar Tagen als 'Ferkel' beschimpft hat, wenn er sich das Gipfeltreffen anschaut? Was sieht der amerikanische Präsident Donald Trump, der seine europäischen Kolleginnen und Kollegen jüngst als 'Schwächlinge' titulierte? Sie sehen eine EU, die Angst hat vor Putins Zorn und Rache. Die ernsthaft fürchtet, dass ein Kriegsverbrecher, der sein Nachbarland überfallen hat und seit vier Jahren mit Kamikazedrohnen quält, sie beschuldigen könnte, das völkerrechtliche Prinzip der Staatensouveränität zu verletzen."
Die Angst vor Russland benennt auch Berthold Kohler in seinem FAZ-Leitartikel zu dem Thema: "Der Ministerpräsident des gerne 'klein' genannten Belgiens, der dem Kanzler des großen Deutschlands hartnäckig und erfolgreich die Stirn bot, berichtete öffentlich darüber, dass der Kreml seinem Land, aber auch ihm ganz persönlich mit Rache 'bis in alle Ewigkeit' gedroht habe. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Putin zu diesem aus seiner Sicht probaten Mittel greift."
FAZ-Korrespondent Friedrich Schmidt macht zugleich darauf aufmerksam, dass Putin in seinen jüngsten Äußerungen im russischen Fernsehen auf seinen Forderungen beharrte, die er vor dem mit Trump ausgeheckten "Friedensplan" aufgestellt hatte und die über diesen "Friedensplan" noch hinausgehen: "Donald Trumps 28-Punkte-Plan sieht eine Räumung allein der Donbass-Gebiete von Donezk und Luhansk vor und eine faktische Teilung der südlichen Gebiete von Cherson und Saporischschja. Im Juni 2024 hatte Putin auch gefordert, die Ukraine müsse einen 'neutralen, blockfreien, nuklearwaffenfreien Status' erhalten und 'demilitarisiert und entnazifiziert' werden. Das läuft der Idee einer nach einem hypothetischen Waffenstillstand schlagkräftigen ukrainischen Armee zuwider und macht die Forderung nach einem kremlfreundlichen Regime in Kiew, für das der Ruf nach 'Entnazifizierung' steht, zum Verhandlungsgegenstand."
In der FAS erklärt der Essayist und Psychoanalytiker Jurko Prochasko, wie man in bestimmten Teilen der Ukraine zu Weihnachten sauren Borschtsch macht - und kann sich der Düsternis der Lage nicht entziehen: "Der Borschtsch kann sich als langlebiger erweisen als die Menschen, die ihn genießen sollten. Und wenn die Roten Beten auch lange im Voraus eingelegt sind, heißt es noch lange nicht, dass es dann wirklich möglich sein wird, daraus den Weihnachtsborschtsch richtig zu machen. Rot hat eben sehr viele Schattierungen."
Melanie Mühl schildert in der FAZ, wie Rechtsextreme in Thüringen versuchen, ihre Ideologie an Schulen zum Mainstream zu machen, indem sie vor Schulen herumlungern und gezielt Schüler ansprechen. So schildert es Romy Arnold von der "Mobilen Beratung in Thüringen für Demokratie - gegen Rechtsextremismus". (MOBIT) Manche Schulen schafften es sich zu wehren. "Es gebe aber auch Fälle, da stünden von der Schulleitung im Stich gelassene Lehrer einem Klassenkollektiv gegenüber, bei dem sie es aus Furcht vor verbalen Angriffen nicht einmal mehr wagten, die Wörter Vielfalt und Demokratie in den Mund zu nehmen. 'Die Lehrer hören von der Leitung, sie sollen neutral sein. Und plötzlich heißt es, für Demokratie zu sein, sei schon nicht mehr neutral. Hier hat eine massive Diskursverschiebung stattgefunden.' So verstanden wird Neutralität zum Argument für Nichthandeln. Sie verschiebt das Kräfteverhältnis zugunsten der Rechtsradikalen."
Die Angst vor Russland benennt auch Berthold Kohler in seinem FAZ-Leitartikel zu dem Thema: "Der Ministerpräsident des gerne 'klein' genannten Belgiens, der dem Kanzler des großen Deutschlands hartnäckig und erfolgreich die Stirn bot, berichtete öffentlich darüber, dass der Kreml seinem Land, aber auch ihm ganz persönlich mit Rache 'bis in alle Ewigkeit' gedroht habe. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Putin zu diesem aus seiner Sicht probaten Mittel greift."
FAZ-Korrespondent Friedrich Schmidt macht zugleich darauf aufmerksam, dass Putin in seinen jüngsten Äußerungen im russischen Fernsehen auf seinen Forderungen beharrte, die er vor dem mit Trump ausgeheckten "Friedensplan" aufgestellt hatte und die über diesen "Friedensplan" noch hinausgehen: "Donald Trumps 28-Punkte-Plan sieht eine Räumung allein der Donbass-Gebiete von Donezk und Luhansk vor und eine faktische Teilung der südlichen Gebiete von Cherson und Saporischschja. Im Juni 2024 hatte Putin auch gefordert, die Ukraine müsse einen 'neutralen, blockfreien, nuklearwaffenfreien Status' erhalten und 'demilitarisiert und entnazifiziert' werden. Das läuft der Idee einer nach einem hypothetischen Waffenstillstand schlagkräftigen ukrainischen Armee zuwider und macht die Forderung nach einem kremlfreundlichen Regime in Kiew, für das der Ruf nach 'Entnazifizierung' steht, zum Verhandlungsgegenstand."
In der FAS erklärt der Essayist und Psychoanalytiker Jurko Prochasko, wie man in bestimmten Teilen der Ukraine zu Weihnachten sauren Borschtsch macht - und kann sich der Düsternis der Lage nicht entziehen: "Der Borschtsch kann sich als langlebiger erweisen als die Menschen, die ihn genießen sollten. Und wenn die Roten Beten auch lange im Voraus eingelegt sind, heißt es noch lange nicht, dass es dann wirklich möglich sein wird, daraus den Weihnachtsborschtsch richtig zu machen. Rot hat eben sehr viele Schattierungen."
Melanie Mühl schildert in der FAZ, wie Rechtsextreme in Thüringen versuchen, ihre Ideologie an Schulen zum Mainstream zu machen, indem sie vor Schulen herumlungern und gezielt Schüler ansprechen. So schildert es Romy Arnold von der "Mobilen Beratung in Thüringen für Demokratie - gegen Rechtsextremismus". (MOBIT) Manche Schulen schafften es sich zu wehren. "Es gebe aber auch Fälle, da stünden von der Schulleitung im Stich gelassene Lehrer einem Klassenkollektiv gegenüber, bei dem sie es aus Furcht vor verbalen Angriffen nicht einmal mehr wagten, die Wörter Vielfalt und Demokratie in den Mund zu nehmen. 'Die Lehrer hören von der Leitung, sie sollen neutral sein. Und plötzlich heißt es, für Demokratie zu sein, sei schon nicht mehr neutral. Hier hat eine massive Diskursverschiebung stattgefunden.' So verstanden wird Neutralität zum Argument für Nichthandeln. Sie verschiebt das Kräfteverhältnis zugunsten der Rechtsradikalen."
Medien
Der prominente Journalist Robin Alexander verlässt den Springer-Verlag, berichten Thore Rausch und Moritz Baumstieger in der SZ. Er ist nicht der erste, und es scheinen weitere zu folgen. Hintergrund ist der Umbau der Welt zu einem "politischen Kampfblättchen" (weil es nur noch 16 Seiten hat) gegen die Brandmauer: "Seit Axel Cäsar Springer haben die Zeiten sich geändert und mit ihnen der Zeitgeist. In den USA regiert wieder Donald Trump, auch dank der Unterstützung von Tech-Größen wie Peter Thiel und Elon Musk, deren Nähe Springer-CEO Mathias Döpfner inzwischen wichtiger zu sein scheint als der demokratische Konsens in der ollen Bundesrepublik." Rausch und Baumstieger notieren auch, dass der Verleger Holger Friedrich, dessen Berliner Zeitung heute wie von Russland gesteuert wirkt, neulich bei der Welt seine Ansichten verbreiten durfte.
Gesellschaft
Die innersyrischen Konflikte zwischen der sunnitischen, nicht selten islamistisch beeinflussten Bevölkerungsmehrheit und Minderheiten wie Alawiten und Drusen setzen sich auch in Deutschland fort, schreibt in der taz der Autor Yahya Alaous, der selbst drusischer Abstammung ist. "Viele Drusen berichten online von einer spürbaren Verschlechterung des gesellschaftlichen Klimas in Berlin. Einige haben mir auch persönlich davon erzählt. Die Beziehungen zu sunnitischen Landsleuten seien seit den Verbrechen von Suweida angespannt. Zahlreiche sunnitische Familien haben den Kontakt zu drusischen Familien abgebrochen - eine Folge gezielter medialer Hetzkampagnen der neuen islamistischen Regierung, die von ihren Anhängern bereitwillig übernommen werden. Eine Freundin von mir wurde gebeten, einen syrischen Laden in Berlin zu verlassen, nur weil sie Drusin ist: Sie erzählte mir, ein Angestellter in einem Lebensmittelgeschäfts in der Altstadt von Spandau habe sie aufgefordert, den Laden zu verlassen, nachdem er ihren drusischen Akzent erkannt habe."
Ideen


Auch Richard C. Schneider, einst Israel-Korrespondent der ARD (Zeiten, in die man sich in der Tann-Ära zurücksehnt), denkt in der NZZ über den neuen Antisemitismus nach, der nach dem 7. Oktober seine lange versteckte Fratze zeigt, und über die Frage, wie darauf zu reagieren sei. "Jüdische Intellektuelle sehen sich heute mit einer paradoxen Rolle konfrontiert: Sie sollen sich selbstverständlich in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen - und gleichzeitig müssen sie beobachten, wie Teile dieses Diskurses ihre Sicherheit infrage stellen. Wie aber soll man damit umgehen? Wie navigiert man zwischen dem universalistischen Anspruch der Aufklärung und dem partikularen Realismus der Geschichte?"
Zwar gab es an deutschen Kulturinstitionen lange vor dem 7. Oktober das "Weltoffen"-Papier, in denen die Leiter der vornehmsten Kulturinstitute in Deutschland forderten, dass es möglich sein müsse, Israelboykott-Positionen an ihren Häusern zu vertreten. Aber Marcus Funck vom Berliner "Zentrum für Antisemitismusforschung" kommt in einem Papier, das er für eine Bundestagsanhörung schrieb und das vom "Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender" auf Twitter verbreitet wurde, zu dem Ergebnis: "Aus unseren Gesprächen mit vielen Kultureinrichtungen des Bundes und Berlins haben wir nicht den Eindruck gewonnen, dass antisemitische Einstellungen hier ein verbreitetes Problem darstellen. Dagegen war der Wille des jeweiligen Führungspersonals, gegen Antisemitismus und Rassismus vorzugehen, sehr ausgeprägt. Was jedoch unserem Eindruck nach vorhanden ist eine sehr kritische Haltung gegenüber Israels Vorgehen während des Gaza-Krieges oder davor."
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