9punkt - Die Debattenrundschau

King of Kotelett

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.11.2025. Bei der Debatte um die Benin-Bronzen handelt es sich keineswegs nur um einen Innernigerianischen Streit, bei dem die hiesige Öffentlichkeit gleichgültig abwinken sollte, meint Nikolaus Bernau im Tagesspiegel. Der Neubau der Hamburgischen Staatsoper, ein Geschenk des Steuerflüchtlings Klaus-Michael Kühne, wird die Stadt Hamburg so roundabout 700 Millionen Euro kosten, meint die FAZ. Nicht Jason Stanley war das Problem, sondern die deutsche Printpresse, meint die Jüdische Allgemeine. Und laut Historikerin Dagmar Herzog in der FR handeln Rechtspopulisten nach der Devise "Du darfst". 
Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.11.2025 finden Sie hier

Europa

Rechtspopulismus ist immer auch der Angriff der Gegenwart auf die Vergangenheit. Nicht nur Donald Trump will durch seine Geschichtspolitik ein Land gleichschalten, Wladimir Putin machte es vor. Und nun schafft Ministerpräsident Robert Fico in der Slowakei den Feiertag des 17. November ab, als die - damals noch - Tschechoslowaken in der "zarten Revolution" ihr Regime davonjagten. Aber die Slowaken wehren sich, erzählt Niklas Zimmermann in der FAZ. "Und es handelt sich dabei nicht nur um zivilgesellschaftliche Initiativen, die der Fico-Regierung ohnehin kritisch gegenüberstehen. Die Komenius-Universität in Bratislava als wichtigste Hochschule des Landes kündigte schon im Juni an, ihren Studenten am 17. November freizugeben. Das löste eine Lawine aus. Nach und nach schlossen sich die anderen relevanten Hochschulen im Land an. Und auch viele Schulen geben ihren Schülern entweder frei oder erinnern mit Dokumentarfilmen oder schwarzen Bändern an die damaligen Ereignisse."

Die Linkspartei will die Politikerin Elif Eralp nächstes Jahr zur Regierenden Bürgermeisterin von Berlin machen. Erik Peter berichtet in der taz vom Parteitag, wo man in Bezug auf Israel und Gaza offenbar nach Kompromissformeln suchte, um kompatibel zu bleiben: "Mehrheitlich beschlossen wird ein vierseitiger Antrag, der wortreich das palästinensische Leid und antimuslimischen Rassismus beschreibt, aber auch jüdisches Leid und Antisemitismus in den Blick nimmt. Erwähnt wird, dass der Krieg in Gaza 'nach Einschätzung international anerkannter Völkerrechtler:innen sowie Menschenrechtsorganisationen' ein 'Genozid' sei, gleichwohl sei dies vom internationalen Gerichtshof 'nicht abschließend entschieden'. Kritisiert wird, dass die palästinensische Gemeinde in Berlin 'unter Generalverdacht gestellt' werde, ebenso wie der gestiegene Antisemitismus seit der 'Zäsur' des 7. Oktober."

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"Links" ist eine positive Selbstzuschreibung, "rechts" ist eine negative Fremdzuschreibung - zumindest in Deutschland. Jannis Koltermann fragt in der FAZ mit dem Historiker Peter Hoeres, der ein Buch über diese Unterscheidung geschrieben hat, und dessen Kollegen Andreas Rödder, ob die CDU vielleicht gut beraten wäre, den Begriff "rechts" positiv zu wenden und sich offensiv als Partei der "rechten Mitte" zu verkaufen. Dafür gibt es gute Gründe, findet Koltermann, fürchtet aber, dass diese Überlegungen zu spät kommen: "Doch würde eine solche begriffliche Aneignung, so logisch sie auch wäre, derzeit wirklich als ein Ausdruck von Selbstbewusstsein verstanden werden? Oder hat die Union den besten Zeitpunkt dafür vielleicht schon verpasst? 2022, als Merz CDU-Vorsitzender wurde, oder auch noch im Frühjahr 2024, als die CDU ein neues Grundsatzprogramm verabschiedete, hätte sie die programmatische Erneuerung aus freien Stücken mit einer Neudefinition verbinden und aus der 'Mitte' die 'rechte Mitte' machen können. Nun aber, da sie in den Umfragen erstmals von der AfD überflügelt wird, würde ein solcher Schritt zwangsläufig als Annäherung an jene offen rechte, tatsächlich wohl rechtsextreme Partei verstanden werden."

Vor fünfzig Jahren starb der spanische Diktator Francisco Franco. Die Historikerin Birgit Aschmann beleuchtet auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ den komplizierten Prozess der "Transicion" der lange vor Francos Tod eingesetzt hatte, aber wegen der beachtlichen Beliebtheit des Diktators und der bleibenden Gewalttätigkeit des Regimes viel Zeit in Anspruch nahm. Aschmann weist auch auf die Rolle der SPD hin, die wichtig war, um nach 1975 dem charismatischen Sozialdemokraten Felipe Gonzalez ins Amt zu helfen: "Lange hatte die SPD einen konzilianten Kurs gegenüber Franco verfolgt. Sie setzte auch bei dessen Diktatur auf das Prinzip 'Wandel durch Annäherung'. Doch spätestens ab der Nelkenrevolution in Portugal 1974 intensivierte die SPD die Suche nach linken Politikern, die auf der iberischen Halbinsel einen demokratischen Aufbruch ohne Kommunismus durchsetzen könnten. Schließlich hatte die sozialliberale Bundesregierung aus geopolitischen und innerdeutschen Gründen größtes Interesse, ein Abdriften Spaniens ins kommunistische Lager zu verhindern."
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Kulturpolitik

Am Sonntag hatte Laura Helena Wurth in der FAS noch erklärt, es gehe den Westen nichts an, was mit den als Raubgut zurückgegebenen Benin-Bronzen in Nigeria geschieht - auch wenn sie im Palast des Oba versteckt werden, statt öffentlich in dem extra dafür gebauten neuen Kunstmuseum ausgestellt zu werden (unser Resümee). Das sieht Nikolaus Bernau im Tagesspiegel heute ganz anders: Bei dem Konflikt "handelt es sich keineswegs nur um inner-nigerianische Debatten, sondern um die Bedeutung des säkularen, liberalen Staats versus religiös legitimierte Machtansprüche traditioneller Eliten, um den Zentralstaat versus Regionalmacht. Dabei geht es nicht nur um Objekte und die Frage der Bedeutung von Schönheit, sondern um jene 'westlichen' Werte wie Selbstkritik, für die auch viele Nigerianer kämpfen. Europa und seine Institutionen sollten sie angesichts der Kolonialgeschichte nicht allein lassen mit dem Affront der Oba-Anhänger. Bisher aber schweigt man in deutschen Museen und dem Humboldtforum, wohl aus Angst, der 'Einmischung' geziehen zu werden."

Die Hamburger werden nicht wie angekündigt höchstens 147,5 Millionen Euro, sondern mindestens 700 Millionen in die geplante neue Oper des Unternehmers Klaus-Michael Kühne stecken müssen, warnte schon am Samstag in der FAZ Matthias Alexander. Dafür wird der Hamburger Senat auf seinen Anteil am Sondervermögen zurückgreifen müssen, ist er überzeugt: "In den nächsten zehn Jahren fließen aus dem 500-Milliarden-Topf immerhin 2,66 Milliarden Euro direkt nach Hamburg. Ein erklecklicher Teil dieser Summe ist übrigens schon verplant. Mitte Oktober hat die Stadt angekündigt, 595 Millionen Euro zu zahlen, um annähernd die Hälfte des Elbtowers zu übernehmen", der wegen der Pleite von René Benko nur halb fertig wurde. Zu den Gläubigern gehört - Überraschung! - Milliardär Kühne. "Wird der Turm gerettet, profitieren auch die Gläubiger, zumindest ein wenig. Kühne, ganz offenkundig aus der Ferne regierender King of Kotelett in Hamburg, hatte mehrfach in der ihm eigenen fordernden Tonart den Einstieg der Stadt angemahnt. Tschentscher hatte das zunächst im Ton heiliger Entrüstung zurückgewiesen, nur um ein paar Monate später sein mehrfach bekräftigtes Versprechen zu brechen, wonach kein öffentliches Geld in die Ruine fließen werde."
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Politik

Der irakisch-deutsche Autor Najem Wali fühlt sich durch den Sieg Zohran Mamdanis in New York an Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" erinnert. In der FAZ schrieb er schon am Samstag: "New York, die Stadt der Freiheit, des Kapitalismus und der Kunst, wählt einen Muslim afrikanischer Abstammung mit einer arabischen Ehefrau zum Bürgermeister. Eine symbolträchtige Szene, die vordergründig einen Sieg für Vielfalt und Offenheit verkündet, im Kern aber eine tiefer liegende Veränderung in allen Gesellschaften widerspiegelt, die von der Welle des Extremismus erfasst wurden."
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Gesellschaft

Die Debatte über den angeblichen oder tatsächlichen Eklat, den der Philosoph Jason Stanley am 9. November in der Frankfurter Westend-Synagoge auslöste (unsere Resümees), geht weiter. Für Eugen El im Spiegel ist hier das in Sicherheit aufgewachsene amerikanische Judentum mit dem traumatisierten Judentum aus Europa zusammengestoßen. Die von Stanley im Geiste Masha Gessens gezogene Analogie zwischen Warschauer Ghetto und Gazastreifen verteidigt El als eine Art Wahrheit, die man hiesigen Juden nicht zumuten sollte: "Was Jason Stanley am 9. November 2025 missachtet hat: Für die meisten Juden im heutigen Deutschland ist die Gemeinde - und erst recht die Synagoge - ein Safe Space innerhalb einer potenziell feindseligen, unterschwellig alte Antisemitismen pflegenden und neue Formen des Judenhasses adaptierenden Mehrheitsgesellschaft. In einem solchen Safe Space gibt es Grenzen des Sagbaren."

Daniel Neumann sieht den eigentlichen Skandal in der Jüdischen Allgemeinen dagegen im "Umgang der deutschen Printpresse mit diesem Thema. Die Art und Weise, wie ohne wirklich zu wissen, was eigentlich geschehen war, darüber berichtet wurde. Und wie schnell und geschmeidig eine der größten, streitbarsten und liberalsten Jüdischen Gemeinden in Deutschland als Musterbeispiel herangezogen wurde, um den Juden etwas anhängen zu können."

Falls jemand Lust hat, Kokain zu konsumieren, sollte er zunächst mal Kati Schneiders FAZ-Interview mit John Cook lesen, der das Podcast "Sucht & Süchtig" betreibt und aus eigener Erfahrung sprechen kann: "Ich habe Kokain nasal konsumiert, und in den letzten Jahren des Konsums lief es dann direkt den Rachen herunter. Da meine Nasenscheidewand kaputt ist, hatte ich immer das Gefühl, es läuft direkt in die Bronchien und die Lunge. Ich habe mich dann über die Bettkante gehängt, geröchelt und versucht, irgendwie nicht zu ersticken."

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Im Interview mit der FR erklärt die Historikerin Dagmar Herzog, was mit dem Titel ihres Essaybands "Der neue faschistische Körper" genau gemeint ist: Die Botschaft der alten und neuen Rechtsextremen laute: "Enthemmung - du darfst." Dazu gehört für sie auch eine "erotisch aufgeladene Bildsprache, die rassistische Botschaften transportiert  - eine Mischung aus Blickfang und Gehässigkeit. Davon gibt es verschiedene Formen, und die AfD hat hier bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. In der Anfangszeit, um 2017 herum, dominierte ein vermeintlich humorvoller, spielerisch erotisierter Ton: Plakate mit schönen Frauen am Strand und Sprüchen wie 'Burkas? Wir steh'n auf Bikinis' und 'Unser Land, unsere Regeln'. Und dann darf man sich an den knackigen Hintern der jungen Damen erfreuen. Implizit rassistisch, aber verpackt in eine vermeintlich witzige, flirtende Bildsprache." Dass die Linken mit ihrer Identitätspolitik Fehler gemacht haben sollen, die den Aufstieg der AfD zumindest begünstigt haben, weist sie weit von sich.
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