Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.09.2025. "Eine ausgesprochen miserable Bilanz" hat die Nato bei der Abwehr russischer Drohnen, die in polnisches Territorium eindrangen, vorzuweisen, meint Herfried Münkler in Zeit online. Die taz fragt nach der größten rechtsextremen Demo in der britischen Geschichte, wie es die Diskursgegner der Rechtsextremen mit der Meinungsfreiheit halten. Die Türkei befindet sich auf dem Weg in die Diktatur, fürchtet Bülent Mumay in der NZZ.
Am Wochenende fand in London lauttaz-Korrespondent Daniel Zylbersztajn-Lewandowski "die größte rechtsextreme Massendemonstration der britischen Geschichte" statt, "sogar größer als die berüchtigten Aufmärsche der 'British Union of Fascists' in den 1930er Jahren". Zylbersztajn-Lewandowski schätzt die Teilnehmerzahl auf 100 bis 150.000. Dominic Johnson verzichtet im Kommentar dazu auf die auch in der taz übliche "antifaschistische" Rhetorik und macht auf eine Koinzidenz aufmerksam: "I am Charlie" riefen Demonstranten in Anspielung auf den ermordeten MAGA-Influencer Charlie Kirk aber auch auf den Slogan "Je suis Charlie" in Paris vor zehn Jahren. Darüber sollten die Diskursgegner der weltweit immer stärkeren Rechtsextremen nachdenken, meint Johnson: "'Ich bin Charlie' darf keine Parole der extremen Rechten werden. Die Gegenkräfte zum weltweiten Rechtsruck müssen sich fragen, ob sie auch heute noch für Charlie Hebdo eintreten würden, für den Salman Rushdie der 'Satanischen Verse', für die Verächter sprachlicher und spiritueller Autorität weltweit."
Das Eindringen russischer Drohnen in polnisches Gebiet ist "ein sicherheitspolitisch alarmierender Vorgang", betont Herfried Münkler bei Zeit Online. Er macht drei mögliche Gründe für die Operation aus. Ein Versehen, also einen "Irrflug" der Drohnen hält er für unwahrscheinlich. Stattdessen könnte es sich um einen "Test" der Abwehrfähigkeiten der Nato handeln: "Sollte es um einen Test der Nato-Reaktion und ihrer Fähigkeiten gegangen sein, so ist festzuhalten, dass von den mindestens 19 nach Polen eingedrungenen Drohnen nur drei oder vier abgeschossen worden sind. Andere gingen wegen fehlender Energie für die Antriebssysteme zu Boden. Der Abschuss der Drohnen erfolgte durch Kampfflugzeuge und nicht durch eine wie auch immer geartete Boden-Luft-Abwehr. Das ist eine ausgesprochen miserable Bilanz, weil dann - erstens - im Falle eines bewaffneten Angriffs mehr als drei Viertel der angreifenden Drohnen durchgekommen wären und weil - zweitens - die gegen sie eingesetzten Luft-Luft-Raketen sehr viel teurer sind als die Billigdrohnen, die Russland losgeschickt hat."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die FAZ-Redakteure Reinhard Bingener und Markus Wehner haben vor zwei Jahren mit der "Moskau-Connection" eines der wichtigsten Bücher zum Verständnis der deutschen Russland-Pathologie vorgelegt - im wesentlichen eine Recherche über die politisch-wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen der SPD und Putin. Nun legen sie ihr neues Buch vor, "Der stille Krieg - Wie Autokraten Deutschland angreifen". Die FAZ gewährt ihnen einige großzügige Vorabdrucke. Auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite wird ein Kapitel über die Tschetschenen in Deutschland präsentiert - die zum Teil wahre U-Boote Putins und seines Satrapen Kadyrow zu sein scheinen: "Zahl der Tschetschenen in Deutschland wird auf gut 50.000 geschätzt. Zwar sind die Tschetschenen in Deutschland, die kriminellen Kreisen zugerechnet werden, in der Minderheit. Schätzungen reichen allerdings von 5.000 bis zu 14.000 Personen aus dem Nordkaukasus, die in Deutschland mit der organisierten Kriminalität zu tun haben. Sie zeigen, wie sehr die Kriminalität diese Einwanderungsethnie prägt. Tschetschenen machen zudem einen beträchtlichen Anteil an islamistischen Gefährdern in Berlin und Brandenburg aus."
Die Türkei befindet sich auf dem Weg vom Autoritarismus in die offene Diktatur, schreibt Bülent Mumay in der NZZ. Dieser begann spätestens mit der Annullierung des CHP-Parteitags vor zwei Jahren: "Die moderne Republik Türkei, die 1923 von Atatürk gegründet wurde, ging 1946 zu einem Mehrparteiensystem über. Seitdem wurden keine Parteitage oder Wahlergebnisse von Gerichten für ungültig erklärt, selbst in Zeiten von Militärputschen nicht. Der Wille der Wähler oder Delegierten wurde nie durch gerichtliche Entscheidungen außer Kraft gesetzt. Mit der Annullierung des CHP-Parteitags hat Erdogan die Mehrparteiendemokratie in der Türkei faktisch außer Kraft gesetzt. Es reichte nicht aus, die Wähler unter Druck zu setzen und die Kandidaten einzuschüchtern - nun muss die Opposition institutionell beseitigt werden. Erdogan, der das Land seit 23 Jahren regiert, kann es sich nicht leisten, den Palast zu verlassen. Er weiß nur zu gut, dass eine Veränderung der politischen Landschaft in der Türkei nicht einfach nur eine Machtübergabe wäre - er und seine Verbündeten hätten auch persönlich mit Konsequenzen zu rechnen."
Peter Laudenbach hat sich für die SZ eine Kundgebung von Sahra Wagenknechts Verein "Weltinfrieden" in Berlin angetan. Da ging einiges durcheinander, meint er, zum Publikum gehörten sowohl pro-palästinensische Demonstranten als auch Menschen aus dem Milieu der rechtsextremen Zeitschrift Compact. Rechts oder links, Krieg oder Frieden - alles egal, zum Beispiel im Redebeitrag von Roger Waters: "In seinem Redebeitrag fackelt Waters mit dunkel raunender Stimme nicht lange, er weiß, wer an allem schuld ist: 'Das unaussprechbare Verbrechen heißt Zionismus.' (...) Auch die Demonstranten mit den Russlandfahnen kommen bei Waters auf ihre Kosten, wenn er vom 'Maidan-Putsch 2014' faselt. Mit der Behauptung, die Regierung in Kiew bestehe aus 'Jüngern' des Faschisten Banderas, ist sich Waters nicht zu schade, sehr plumpe Kreml-Propaganda nachzubeten. Weil das noch nicht genug an Obszönität, Zynismus und Anmaßung ist, behauptet er in einer pathetischen Kitschhymne anschließend, die von den Nazis ermordeten Anne Frank und Sophie Scholl seien 'my sisters'. Das Publikum lauscht ergriffen."
In der Welt spricht sich Ahmad Mansour für eine Wehrpflicht aus. Damit die Menschen wieder ein Vertrauen in Politik und Gesellschaft entwickeln, brauche es aber auch "eine zivile Verteidigungsarchitektur: schnelle, klare Krisenkommunikation, Medienkompetenz als Pflichtstoff für alle Schüler, Räume für offene Debatten - und eine Gesellschaft, die gelernt hat, kritisch zu denken und zu hinterfragen, bevor sie teilt. Ohne allgemeine Dienstpflicht wird das Wir-Bewusstsein nicht stark. Die Armee ist die zweite Brücke zwischen Staat und Gesellschaft, neben der Schule. Wer ein Jahr dient - in Bundeswehr, Pflege, Feuerwehr oder Katastrophenschutz -, lernt Verantwortung, Disziplin, Solidarität. Das stärkste 'Wir' entsteht, wenn man gemeinsam etwas bewältigt. Dienstpflicht ist kein Rückfall, sondern ein Upgrade des Gesellschaftsvertrags."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Das Thema ist nicht neu, aber eine Studie der Historikerin Anne Sudrow hat eine Menge neuer Aspekte zutage gefördert, berichtet Andreas Speit in der taz: Die Anthroposophie und besonders auch deren prominente Firma Weleda standen den Nazis um einiges näher als sie selber je zugaben: "In ihrer Studie mit über 800 Seiten erhärtet Sudrow zudem die Kritik an der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Im Sommer 1933 beschlossen biodynamische Verbände die Eingliederung in den NS-Staat. Erhard Bartsch, ein prominenter Anthroposoph, gründete den 'Reichsverband für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise in Landwirtschaft und Gartenbau', der das 'Führerprinzip' einführte und jüdische Menschen ausschloss. In einer Rede würdigte Bartsch, der in Brandenburg 1928 einen bis heute bestehenden Demeterhof gründete, Adolf Hitler: 'Deutscher Geist und deutsches Schwert werden dem kulturschaffenden Bauern die Zukunft sichern. Heil dem Führer.'" Übrigens gab es in der taz schon 1983 die "taz-Weleda-Kontroverse", merkt Speit an: Der Historiker und ehemalige tazler Götz Aly hatte KZ-Versuche der Firma nachgewiesen. Auch der Spiegelberichtete letzte Woche über Sudrows Studie.
Die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz wird vielfach mit der Industriellen Revolution verglichen. Aber auch die verlief nicht ohne Schattenseiten, erinnert Alexander Wulfers auf der "Digitalwirtschaft"-Seite der FAZ. Er unternimmt einen historischen Ausflug um zu ermessen, welches die Kosten der KI-Revolution sein werden. Die Industrielle Revolution brachte den Arbeitern zunächst Arbeitslosigkeit und Elend - und sie führte zu den ersten Aufständen gegen "Big Tech", den Weberaufständen. "In Nottingham taten sich ab dem Jahr 1811 Textilarbeiter zusammen, um gegen die Automatisierung ihres Gewerbes gewaltsam zu protestieren. Die Aufrührer, die sich nach ihrem fiktiven Anführer Ned Ludd als Ludditen bezeichneten, zogen sich schwarze Masken über, marschierten zur nahegelegenen Textilfabrik und zerschlugen 60 Spinnrahmen. Weitere Attacken folgten in den nächsten Tagen. Nacht für Nacht fielen weitere Fabriken den Ludditen zum Opfer. Innerhalb weniger Monate verbreitete sich die Bewegung im ganzen Land. Zwei Jahre nach ihrem Beginn, im Jahr 1813, schlug die Regierung den Aufstand gewaltsam nieder."
Weiteres: In der NZZzeichnet der Historiker Ronald D. Gerste die Geschichte der politischen Attentate in den USA nach.
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