Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.08.2025. Die zukünftige Welt wird von den Imperien China, Russland und USA dominiert werden, prophezeit der Historiker Herfried Münkler in der FAS - die Europäer müssen sehen, wo sie bleiben. Der "Freerider China" wird den alten Hegemon USA voraussichtlich überholen, hält der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel in der SZ fest. Russland hat sich immer schon als eigene Zivilisation, in Abgrenzung zum Westen verstanden, erklärt der russische Autor Andrey Gurkov in der FR. In der FAS fragt die Schriftstellerin Anne Rabe, wie es die Politik eigentlich geschafft hat, moralische Werte als "links" zu framen.
Die Bundesregierung hat beschlossen, Rüstungsexporte nach Israel einzuschränken, meldet unter anderem SpOn und zitiert das Statement des Bundeskanzlers: "Die Hamas dürfe, so Merz, in der Zukunft keine Rolle mehr in Gaza spielen. Allerdings sei durch das angekündigte 'noch härtere militärische Vorgehen der israelischen Armee' immer weniger ersichtlich, wie dies möglich sei. 'Die Bundesregierung bleibt zutiefst besorgt über das fortdauernde Leid der Zivilbevölkerung im Gazastreifen. Mit der geplanten Offensive trägt die israelische Regierung noch stärker als bisher Verantwortung für deren Versorgung.'" Welche Waffen vom Export-Stopp genau betroffen sind, ist nicht ganz klar, in der Presseerklärung heißt es, man werde "bis auf Weiteres keine Ausfuhren von Rüstungsgütern" genehmigen, "die im Gazastreifen zum Einsatz kommen können".
Die Zukunft wird von drei "imperialen Akteuren" geprägt sein, prophezeit der Historiker Herfried Münkler in der FAS: China, Russland und den USA. "Die Europäer, die bis jetzt auf eine Staatenordnung setzen, müssen sehen, wie sie sich in dieser Ordnung positionieren." Und wie sie Russlands imperialen Ambitionen entgegentreten: "Was die Diagnostiker des definitiven Endes der Imperien offenbar unterschätzt haben, war die Wirkung der Ressentiments und der Reminiszenz. Sie gingen davon aus, dass das 21. Jahrhundert eines der rationalen Nutzenmaximierer sein werde, der Homines oeconomici, die in den Kategorien von Kosten und Ertrag und nicht von Opfer und Hingabe denken. Man nahm an, dass die Vorstellung vom Äquivalententausch den Opfergedanken konsumiert habe. Das war ein fataler Irrtum, der dem neoliberalen Zeitgeist geschuldet war. Man sollte deswegen nicht glauben, dass mit dem politischen oder physischen Verschwinden Putins das imperiale Projekt Russlands beendet sein wird."
Von der Rückkehr der "Anarchie der Staatenwelt" spricht hingegen der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel in der SZ, befragt von Johan Schloemann: "Der alte Hegemon, der versucht, seine Position zu behaupten, und der voraussichtlich künftige neue Hegemon, der die Position übernehmen will, stehen vor unterschiedlichen Dilemmata. Das eine ist das hegemoniale, das andere ist das Dilemma des Freeriders." China sei "der klassische Freerider: Sein Aufstieg wurde dadurch begünstigt, dass es die internationalen öffentlichen Güter nutzt, die die USA als bisherige Ordnungsmacht kostenlos zur Verfügung stellen, etwa durch ihre Flotten die Durchsetzung des Prinzips Freiheit der Meere und die Sicherheit der Handelswege. Das Freerider-Dilemma besteht darin: Wenn der alte Hegemon diese Aufgaben nicht mehr übernimmt, dann muss ich es selber machen. Dann habe ich aber auch die Kosten zu tragen, was meinen weiteren Aufstieg bremst. Wenn ich mich aber nicht einbringen will, muss ich darunter leiden, dass diese Güter von anderer Seite nicht mehr zur Verfügung gestellt werden. Wegen dieser Dilemmata kehrt jetzt für eine unabsehbare Zeit die Anarchie der Staatenwelt zurück."
Durch den Krieg mit Israel ist Iran nicht mehr so stark wie zuvor, erklärt der Terrorismus-Experte Matthew Levitt im wochentaz-Interview mit Marc Tawadrous. Immer noch plant das Regime allerdings zahlreiche Anschläge im Westen, die von Stellvertretern ausgeführt werden: "Teheran agiert dort, wo es Auslandsgemeinden gibt, die logistische Unterstützung leisten können. Deutschland ist in den vergangenen Jahren konsequent gegen mehrere Akteure und Einrichtungen mit Verbindungen zu Iran oder zur Hisbollah vorgegangen. Das hat Teherans Arbeit hier erschwert." Teheran versuche, "Anschläge im Ausland mit einer sogenannten angemessenen Bestreitbarkeit zu verüben. Trotzdem ist natürlich klar, dass Iran selbst dahinter steckt. Diese Botschaft soll ankommen. Das Regime will lediglich das Risiko minimieren, dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Deshalb bedient es sich meist terroristischer oder krimineller Stellvertreter, die die Drecksarbeit erledigen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der russische Autor Andrey Gurkov, der ein Buch über das Verhältnis von Russland und dem Westen geschrieben hat, erklärt im FR-Interview, warum die Russen sich als eigene "Zivilisation" - in Abgrenzung zum Westen - verstehen: "In Russland wird der Begriff anders verstanden, nämlich im Sinne von Samuel Huntingtons Theorie vom 'Clash of Civilizations'. Huntington schrieb in den 1990er Jahren, dass die Welt sich in einige große Zivilisationsräume aufteilen werde - und dass die Bruchlinien zwischen ihnen die Konfliktherde der Zukunft seien. Die Westeuropäer konnten mit dieser These wenig anfangen. In Russland dagegen wurde sie mit Begeisterung aufgenommen - und adaptiert. Russische Ideologen haben Huntingtons These umgedeutet: Russland sei eine eigene, selbstständige Zivilisation - mit eigenen Werten, eigenen Regeln und einem eigenen historischen Auftrag. Und weil Russland keine westliche Zivilisation sei, dürfe es sich auch nicht den Regeln des Westens unterwerfen."
Das System Lukaschenko erodiert, hält die belarussische Journalistin Kseniya Lutskina in der taz fest. Die belarussischen Bürger haben mit ihren Protesten den Stein für einen Systemwechsel ins Rollen gebracht, so Lutskina, auch wenn dieser nicht sofort kommen wird: "Das Beste für das Land und selbst für Lukaschenkos Umfeld wäre eine friedliche Machtübergabe. Das lehnt er, wen wundert es, ab. Eine ebenso wünschenswerte, aber äußerst unwahrscheinliche Option: eine Verschwörung der Eliten. Lukaschenko hat den Apparat buchstäblich von jeglichem freien Denken 'gesäubert', alle haben Angst. Und sie haben allen Grund dazu, ab 2020 wurden Repressionen und totale Kontrolle zum Alltag. Diese Angst hält das System zusammen - aber sie könnte es auch zerstören. Angst zerfrisst wie Rost das Staatssystem von innen. Dieser Prozess hat bereits begonnen, langsam, aber jeden Tag ein wenig schneller. Auch Lukaschenkos Tod wird das Problem in Belarus nicht lösen. Dieses liegt wie immer in Russland, das Belarus' Souveränität von jeher bedroht."
"Wohin gehst du, Madrid?", fragt in der NZZ die Schriftstellerin, Lektorin und Übersetzerin Michi Strausfeld: "Armut und Arbeitslosigkeit grassieren an der Peripherie, der Bauboom hat das gesamte kommunale Terrain nahezu ausgeschöpft - wie und wohin weiterwachsen." Auch die Migration aus Lateinamerika stellt die Metropole zunehmend vor Probleme, die die Politik nur zögerlich angeht: "Es kommen arme und überaus reiche Lateinamerikaner - letztere meist aus Mexiko oder Venezuela, aber auch aus Kolumbien oder Argentinien. Sie kaufen die teuersten Wohnungen in den Nobelvierteln wie Salamanca, Retiro oder La Moraleja. Verständlicherweise sorgt das für Ärger, denn bezahlbare Wohnungen sind ein weißer Rabe. Der Immobilienmarkt boomt, und es kursieren astronomische Summen. Ein kleines Zimmer kostet mindestens 600 Euro, aber was tun, wenn man studiert oder nur 1000 Euro verdient, wie die vielen jungen Menschen, die deshalb auch 'mileuristas' heißen? Die armen Migranten wohnen in den Vorstädten, in Vallecas oder San Cristóbal, und die Fahrt zur Arbeit kann eine Stunde oder zwei Stunden dauern. Soziale Spannungen sind unvermeidlich, und nicht alle Latinos sind gern gesehen, weil sie Dumpinglöhne akzeptieren (müssen)."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die SchriftstellerinAnne Rabe hat ein neues Buch "Gegen die Verachtung der Moral" geschrieben. Darin kritisiert sie, wie sie im FAS-Interview mit Tobias Rüther erläutert, wie die heutige Gesellschaft Moral "als Ursache für den Aufstieg des Autoritären markiert". "Was ist denn die Gemeinschaft, in der wir leben wollen? In meinem Kapitel über die Flüchtlingspolitik geht es zum Beispiel um die Kosten. Es wird eben gerade nicht diskutiert, was es kosten würde, unseren Kontinent abzuschotten. Kosten werden immer nur den Befürwortern von Integration und Offenheit vorgehalten. Es ist gerade nicht naiv, danach zu fragen. Es war nie einfach, die Rechte von Schwächeren durchzusetzen. Aber genau das hat uns in der Geschichte gestärkt. Ich verstehe nicht, warum die Union den Kampf um Menschenrechte, die ja die Grundfesten unserer Republik ausmachen, ernsthaft als links framen konnte. Eine selbst verschuldete Misere, aus der sie im Moment überhaupt nicht mehr herauskommt." Ein weiteres Interview mit Rabe führt Robert Ide im Tagesspiegel.
Tim Kanning widmet sich in einer FAZ-Reportage den Überlebenden der Atombombe auf Nagasaki, den sogenannten Hibakusha: "In der ersten Zeit nach der Katastrophe sahen sich die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki viel Diskriminierung ausgesetzt. Viele von ihnen waren durch Brandwunden entstellt. Die radioaktive Strahlung führte zu Krankheiten, bei denen niemand wusste, welche Folgen sie hätten und ob sie vielleicht ansteckend waren." 80 Jahre später "wird die Zahl derer, die noch aus eigener Erinnerung von ihr erzählen können, immer kleiner. Die Hibakusha haben für Japan eine ähnliche Bedeutung wie die Holocaustüberlebenden für Deutschland. Sie sind der lebende Beweis für die dunkelsten Stunden ihres Heimatlandes. Sie erzählen davon, weil sie verhindern wollen, dass sich ihre Katastrophen noch einmal wiederholen."
In der FR zeichnet Peter Rutkowski den Kriegsverlauf nach, der in den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki seinen grausamen Höhepunkt fand. Was können wir aus der Geschichte lernen? "Deutlich wird: Jenseits von suizidal aggressiver Konfrontationslust wie während der Kubakrise 1962, die wohlgemerkt zwei Weltkriegsveteranen (Kennedy und Chruschtschow) diplomatisch beilegten, war die Welt bislang nie an einem solchen Punkt, wo die gegenseitige nukleare Auslöschung als eine realistische politische Option gesehen wurde. Selbst Putins Russland, das kontinuierlich mit zumindest taktischen (also 'begrenzten') Atomschlägen droht, tut eben nur dieses: große Töne spucken, die eigentlich die eigene Kleinheit entlarven. Heißt das, dass es keine Gefahr eines nuklearen Holocaust gibt? Leider heißt es das nicht. Der Welt fehlen heute die Veteranen an den Hebeln der Macht, die um die unmenschlichen Verheerungen eines Krieges wissen und deshalb erahnen können, was ein Einsatz nuklearer Waffen mit der vieltausendfachen Sprengkraft der Bomben von Hiroshima und Nagasaki bedeuten würde."
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