9punkt - Die Debattenrundschau
Lust am Denken
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.07.2025. Einen regime change im Iran können derzeit nur die Iraner bewerkstelligen, meint in der FAZ der Politikwissenschaftler Michael Zürn. Schlechte Nachrichten für alle, die Bluetooth-Kopfhörer benutzen: Sie können abgehört und sogar in Mikrofone verwandelt werden, berichtet Zeit online. Angesichts der Toten bei der Verteilung von Hilfsgütern fragt die NZZ: Was ist Israels langfristige Strategie für Gaza? In der taz plädiert Georg Seeßlen für weniger Rechthaberei beim Debattieren.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
02.07.2025
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Politik
Gibt es Aussichten auf einen Regimewechsel im Iran? Und kann man ihn von außen erzwingen? In Deutschland und Japan beispielsweise hat das nach dem Zweiten Weltkrieg geklappt. In Afghanistan und Irak funktionierte es weniger gut. Der Politikwissenschaftler Michael Zürn prüft in der FAZ die Kriterien, und kommt zu dem Ergebnis: Ein von außen erzwungener Sturz der Mullahs würde derzeit die Lage im Iran nicht verbessern. "Die gesellschaftliche Fragmentierung könnte sich nach Wegfall des repressiven Staates verschärfen; die religiös geprägten Institutionen sind schwer umbaubar; und ein regime change als Nebeneffekt militärischer Eskalation würde die demokratischen Kräfte schwächen. Vor allem aber mangelt es den potentiellen Intervenierenden derzeit an Bereitschaft und Ressourcen, sich langfristig zu engagieren. In einer Welt voller Krisen muss man Prioritäten setzen. Wenn im Iran - aus eigener Kraft - ein Regimewechsel gelingt, dann sollten liberale Demokratien bereit sein, die zivilgesellschaftlichen Kräfte mit aller Kraft zu unterstützen, all in zu gehen. Das wäre nicht nur legitim, sondern auch aussichtsreich."
Heute berichtet die SZ auf ihrer Seite 3, wie kürzlich auch die taz, über die Toten und Verletzten, die es immer wieder bei den von Israel kontrollierten Verteilung von Hilfsgütern an den GHF-Verteilstellen in Gaza gibt. Der Vorwurf: Die israelischen Soldaten würden Hilfesuchende erschießen. Sogar von einem Schießbefehl ist die Rede. "Mehr als 130 Hilfsorganisationen wie Save the Children und Oxfam veröffentlichten am Dienstag einen Aufruf, der die sofortige Schließung der GHF fordert. 'Heute stehen die Palästinenser im Gazastreifen vor einer unmöglichen Wahl: Sie müssen verhungern oder riskieren, erschossen zu werden, während sie verzweifelt versuchen, Lebensmittel zu finden, um ihre Familien zu ernähren', heißt es in der Erklärung. Die israelische Armee feuere 'regelmäßig' auf Zivilisten, die nur Hilfe suchen."
Der Militärblogger Joey Hoffmann alias U.M. geht in einem langen Post auf seinem Steady-Blog den Vorwürfen nach: "Zu glauben, die Israelis erschießen gezielt Hilfesuchende, hungernde Palästinenser vor den Ausgabezentren, ist völlig absurd. Denn das würde bedeuten, dass Israel eine humanitäre Organisation unterstützt oder sogar initiiert, um Hilfslieferungen zu verteilen, um dann auf die Menschen zu schießen", hält er fest. Israel unterstützt die Hilfsorganisation GHF vor allem, um die eng mit der Hamas verknüpfte Unrwa auszubooten, so U.M.: "Das Ziel der GHF ist also, Lebensmittel an der Hamas vorbei zu verteilen. Außerhalb der üblichen Verteilung durch die Machthaber im Gazastreifen. Und damit außerhalb der UN. Der israelische Botschafter bei der UN hat unlängst öffentlich gemacht, dass alle Organisationen, die auch nur Interesse daran gezeigt haben mit der GHF zusammenzuarbeiten, aus der Datenbank der UN ausgeschlossen wurden. Spätestens das muss die Frage aufwerfen, ob die UN eher ein Interesse daran hat, Menschen zu helfen, oder ihren Status Quo zu bewahren."
Falls es das Ziel war, mit den neuen Verteilungssystem die Hamas zu schwächen, der Israel immer wieder vorgeworfen hatte, Hilfsgüter der Uno abzugreifen und zu verkaufen, ist dieses Ziel gescheitert, meint Jonas Roth in der NZZ. Er fragt sich überhaupt, was die Israelis in Gaza noch erreichen wollen: "Da es in den Verteilzentren nach wie vor keine Registrierungen gibt, können dort auch Hamas-Mitglieder ungehindert so viele Lebensmittelpakete mitnehmen, wie sie tragen können. ... Das Hilfsgüterchaos zeigt, dass Israel auch 21 Monate nach Kriegsbeginn eine langfristige Strategie fehlt. Die Regierung Netanyahu hat sich nie ernsthaft darum bemüht, eine Alternative zur Hamas-Herrschaft aufzubauen. Doch daran führt kein Weg vorbei, sofern Israel nicht als Besetzungsmacht im Gazastreifen enden und einen ewigen Krieg gegen militante Palästinenser führen will."
Heute berichtet die SZ auf ihrer Seite 3, wie kürzlich auch die taz, über die Toten und Verletzten, die es immer wieder bei den von Israel kontrollierten Verteilung von Hilfsgütern an den GHF-Verteilstellen in Gaza gibt. Der Vorwurf: Die israelischen Soldaten würden Hilfesuchende erschießen. Sogar von einem Schießbefehl ist die Rede. "Mehr als 130 Hilfsorganisationen wie Save the Children und Oxfam veröffentlichten am Dienstag einen Aufruf, der die sofortige Schließung der GHF fordert. 'Heute stehen die Palästinenser im Gazastreifen vor einer unmöglichen Wahl: Sie müssen verhungern oder riskieren, erschossen zu werden, während sie verzweifelt versuchen, Lebensmittel zu finden, um ihre Familien zu ernähren', heißt es in der Erklärung. Die israelische Armee feuere 'regelmäßig' auf Zivilisten, die nur Hilfe suchen."
Der Militärblogger Joey Hoffmann alias U.M. geht in einem langen Post auf seinem Steady-Blog den Vorwürfen nach: "Zu glauben, die Israelis erschießen gezielt Hilfesuchende, hungernde Palästinenser vor den Ausgabezentren, ist völlig absurd. Denn das würde bedeuten, dass Israel eine humanitäre Organisation unterstützt oder sogar initiiert, um Hilfslieferungen zu verteilen, um dann auf die Menschen zu schießen", hält er fest. Israel unterstützt die Hilfsorganisation GHF vor allem, um die eng mit der Hamas verknüpfte Unrwa auszubooten, so U.M.: "Das Ziel der GHF ist also, Lebensmittel an der Hamas vorbei zu verteilen. Außerhalb der üblichen Verteilung durch die Machthaber im Gazastreifen. Und damit außerhalb der UN. Der israelische Botschafter bei der UN hat unlängst öffentlich gemacht, dass alle Organisationen, die auch nur Interesse daran gezeigt haben mit der GHF zusammenzuarbeiten, aus der Datenbank der UN ausgeschlossen wurden. Spätestens das muss die Frage aufwerfen, ob die UN eher ein Interesse daran hat, Menschen zu helfen, oder ihren Status Quo zu bewahren."
Falls es das Ziel war, mit den neuen Verteilungssystem die Hamas zu schwächen, der Israel immer wieder vorgeworfen hatte, Hilfsgüter der Uno abzugreifen und zu verkaufen, ist dieses Ziel gescheitert, meint Jonas Roth in der NZZ. Er fragt sich überhaupt, was die Israelis in Gaza noch erreichen wollen: "Da es in den Verteilzentren nach wie vor keine Registrierungen gibt, können dort auch Hamas-Mitglieder ungehindert so viele Lebensmittelpakete mitnehmen, wie sie tragen können. ... Das Hilfsgüterchaos zeigt, dass Israel auch 21 Monate nach Kriegsbeginn eine langfristige Strategie fehlt. Die Regierung Netanyahu hat sich nie ernsthaft darum bemüht, eine Alternative zur Hamas-Herrschaft aufzubauen. Doch daran führt kein Weg vorbei, sofern Israel nicht als Besetzungsmacht im Gazastreifen enden und einen ewigen Krieg gegen militante Palästinenser führen will."
Digitalisierung
Schlechte Nachrichten für alle, die Bluetooth-Kopfhörer benutzen: Ein fehlerhafter Chip des taiwanesischen Unternehmens Airoha erlaubt es Angreifern von außen, Nutzer durch ihre eigenen Kopfhörer abzuhören - und KI-Assistenten wie Siri oder Gemini zu steuern. "Aktuell sind wohl Millionen Kopfhörer abhörbar", berichtet auf Zeit online Eva Wolfangel. "In einer Demonstration, von der der Zeit eine Aufzeichnung vorliegt, konnte einer der IT-Sicherheitsforscher gar das Smartphone seines Kollegen fernsteuern und über Siri eine Kündigung an dessen Chef schicken. ... Möglich ist das, weil Sprachassistenten wie Siri schon heute Zugriff auf recht viele Funktionen haben. Angreifer können durch die Schwachstelle - je nach Einstellung auf dem iPhone - unter anderem das Telefonbuch sowie Notizen aus der Notiz-App auslesen und Textnachrichten abfangen. Die zunehmende Präsenz von KI-Assistenten macht solche Angriffe noch effizienter, weil die Systeme auf immer mehr Programme zugreifen können. In vielen Fällen ist auch das Mikrofon des Kopfhörers zugänglich und kann zur Wanze umfunktioniert werden. Ein Angreifer könnte also direkt mithören, was in der Umgebung gesprochen wird - beispielsweise wenn eine Nutzerin einen Kopfhörer lediglich bei sich trägt, aber gerade nicht benutzt."
Medien
In der taz berichtet Anne Fromm noch einmal über die Entscheidung der Zeit, Maxim Billers jüngste Kolumne zu "depublizieren". In der FAZ finden Saba-Nur Cheema und Meron Mendel den ganzen Vorgang problematisch, zumal die Zeit ihre Entscheidung nicht öffentlich diskutiert hat: "Sobald ein Text erschienen ist, ist seine Löschung meist die schlechtere Lösung. Sie erweckt den Anschein, der Text sei nun aus der Welt - was nicht der Fall ist -, und vermeidet so die inhaltliche Auseinandersetzung. Zurück bleibt die moralisierende Zurechtweisung des Autors durch die Redaktion. Wer dem Text zuvor zustimmte, wird dies auch weiterhin tun - vielleicht sogar noch entschiedener, nun aber mit dem Gefühl, bevormundet worden zu sein. Depublikation ist damit nicht mehr als ein symbolischer Akt - einer, der die Trennlinie zwischen Journalismus und Aktivismus weiter aufweicht."
Die Berliner Zeitung brachte neulich ein komplett unkritisches Interview mit einem Wirtschaftsmagnaten aus Aserbaidschan, Mir Jamal Paschajew, der das Investitionsklima in Berlin lobte. Es stellt sich in einer Recherche Stefan Niggemeiers und Sascha Düerkops für die Übermedien heraus, dass der Mann der Präsidentenfamilie der "Erbdiktatur" sehr nahe steht. Die beiden gehen dem Verhältnis der als russophil bekannten Berliner Zeitung zur Diktatur nach: Die Frage stelle sich, "wieso die Berliner Zeitung Paschajew überhaupt ein ausführliches Interviews einräumt. Interessiert es den durchschnittlichen Leser wirklich, ob der Vermögensverwalter einer Diktatur Deutschland für einen freundlichen Investitionsstandort hält? Vielmehr scheint es, als interessiere sich vor allem die Berliner Zeitung zunehmend für die ölreiche Diktatur am Kaspischen Meer." Vielleicht ist dies ein Element, um die guten Beziehungen zwischen der Zeitung und dem Regime zu erklären: Im Sommer 2024 "flog der Inhaber der Zeitung selbst nach Aserbaidschan. Verleger Holger Friedrich reiste nach Baku und in die Region Bergkarabach, in der seit der aserbaidschanischen Großoffensive 2023 keine Armenier mehr leben. Sie ist militärisches Sperrgebiet und kann nur mit Genehmigung besucht werden. Friedrich nahm am 'Shusha Global Media Forum' teil, das von der aserbaidschanischen Präsidialverwaltung organisiert wurde. Thema des Forums: 'Aufdeckung falscher Informationen: Bekämpfung von Desinformation'."
Die Berliner Zeitung brachte neulich ein komplett unkritisches Interview mit einem Wirtschaftsmagnaten aus Aserbaidschan, Mir Jamal Paschajew, der das Investitionsklima in Berlin lobte. Es stellt sich in einer Recherche Stefan Niggemeiers und Sascha Düerkops für die Übermedien heraus, dass der Mann der Präsidentenfamilie der "Erbdiktatur" sehr nahe steht. Die beiden gehen dem Verhältnis der als russophil bekannten Berliner Zeitung zur Diktatur nach: Die Frage stelle sich, "wieso die Berliner Zeitung Paschajew überhaupt ein ausführliches Interviews einräumt. Interessiert es den durchschnittlichen Leser wirklich, ob der Vermögensverwalter einer Diktatur Deutschland für einen freundlichen Investitionsstandort hält? Vielmehr scheint es, als interessiere sich vor allem die Berliner Zeitung zunehmend für die ölreiche Diktatur am Kaspischen Meer." Vielleicht ist dies ein Element, um die guten Beziehungen zwischen der Zeitung und dem Regime zu erklären: Im Sommer 2024 "flog der Inhaber der Zeitung selbst nach Aserbaidschan. Verleger Holger Friedrich reiste nach Baku und in die Region Bergkarabach, in der seit der aserbaidschanischen Großoffensive 2023 keine Armenier mehr leben. Sie ist militärisches Sperrgebiet und kann nur mit Genehmigung besucht werden. Friedrich nahm am 'Shusha Global Media Forum' teil, das von der aserbaidschanischen Präsidialverwaltung organisiert wurde. Thema des Forums: 'Aufdeckung falscher Informationen: Bekämpfung von Desinformation'."
Ideen
In der taz geht Georg Seeßlen die Rechthaberei in vielen Debatten auf die Nerven - auch die eigene. "Viel wichtiger als das Rechthaben in der Hoffnung auf richtiges Denken ist daher die Anregung. Wenn man nicht recht haben will, setzt man vielleicht Gedanken und Dialoge in Bewegung, macht Denken und Sprechen transparent, lädt zu demokratischer Teilhabe ein. Der Rechthaber ist ein Kommunikationstyrann, aber eben auch ein Ausbeuter. Er verkauft den Menschen ihre Angst vor der Freiheit. Er nimmt, schlimmer noch, den Menschen die Lust am Denken."
Frieden schaffen mit immer weniger Waffen? Daraus wird nichts, meint in der NZZ Herfried Münkler, wenn niemand die militärische Macht hat, dieses Ziel durchzusetzen, so paradox das klingt. Siehe Iran: "Die Europäer verfügten über keine Zwangsinstrumente, mit denen sie das iranische Regime zu Verhandlungen motivieren konnten, und also wurden sie hingehalten und konnten nichts bewegen. Israel und die USA verfügen hingegen über diese Instrumente und setzten sie entschlossen ein. In einer machtbasierten Ordnung sind überlegen geführte Luftangriffe eine Alternative zum bloßen Angebot von Verhandlungen, zumindest auf dem Weg zu deren Erzwingung. Das war ein machtpolitisches Lehrstück, das den Europäern vor Augen führte, wie man dem Kämpfen ein Ende setzen und Verhandlungen erzwingen kann."
Weiteres: Angesichts der Tatsache, dass immer weniger Menschen Bücher lesen, wirbt der Arzt Dietmar Hansch in der NZZ für den Erhalt der Lesekultur: "Für die Bildung ist Lesen also unabdingbar, die zentralen Bildungsinhalte sollte man sich auf analogem Wege aneignen."
Frieden schaffen mit immer weniger Waffen? Daraus wird nichts, meint in der NZZ Herfried Münkler, wenn niemand die militärische Macht hat, dieses Ziel durchzusetzen, so paradox das klingt. Siehe Iran: "Die Europäer verfügten über keine Zwangsinstrumente, mit denen sie das iranische Regime zu Verhandlungen motivieren konnten, und also wurden sie hingehalten und konnten nichts bewegen. Israel und die USA verfügen hingegen über diese Instrumente und setzten sie entschlossen ein. In einer machtbasierten Ordnung sind überlegen geführte Luftangriffe eine Alternative zum bloßen Angebot von Verhandlungen, zumindest auf dem Weg zu deren Erzwingung. Das war ein machtpolitisches Lehrstück, das den Europäern vor Augen führte, wie man dem Kämpfen ein Ende setzen und Verhandlungen erzwingen kann."
Weiteres: Angesichts der Tatsache, dass immer weniger Menschen Bücher lesen, wirbt der Arzt Dietmar Hansch in der NZZ für den Erhalt der Lesekultur: "Für die Bildung ist Lesen also unabdingbar, die zentralen Bildungsinhalte sollte man sich auf analogem Wege aneignen."
Gesellschaft

Gendern "ist zur Sprache der Macht geworden", meint Matthias Heine im NZZ-Interview zu seinem Buch "Der große Sprachumbau". Von unten komme da gar nichts: "Der gegenwärtige Sprachumbau geht von kleinen Interessengruppen aus, welche die Gesellschaft über die Sprache formen wollen. Es ist ein internationales Phänomen: Nach dem Fall der Mauer und mit dem Bedeutungsverlust der Arbeiterklasse hat sich ein Teil der Linken neu erfunden, als Internationale der Diskriminierten. Sie war damit sehr erfolgreich, weil dieses Diskriminiertsein nicht objektiv messbar ist. Selbst ein Milliardärssohn, der sich als Frau fühlt, kann sich als Opfer inszenieren, wenn man ihn mit den falschen Pronomen anspricht."
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