9punkt - Die Debattenrundschau
Niemand bleibt ewig jung
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.06.2025. In der Jüdischen Allgemeinen streiten Hamed Abdel-Samad und Henryk Broder über den Gazakrieg, den Abdel-Samad als "Genozid" bezeichnet. Bürokratieabbau sollte auch ein linkes Bedürfnis sein, meint Ilija Trojanow in der taz. In der FAZ verteidigt Christian Drosten einen harten Realitätsbegriff. Der russische Journalist Andrei Kolesnikow (NZZ) fühlt im Kreml - Marx zitierend - die Toten auf dem Gehirne der Lebenden lasten. "Die Ära PiS endet nicht, sie geht immer weiter", klagen die Ideenhistorikerin Karolina Wigura und der Autor Jarosław Kuisz bei Zeit Online.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
04.06.2025
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Politik
In der Jüdischen Allgemeinen diskutieren Hamed Abdel-Samad und Henryk Broder - immer noch mit viel Sympathie füreinander - über den Gazakrieg. Abdel-Samad hatte die israelische Kriegsführung kürzlich als Genozid bezeichnet und verteidigt das hier: "Nun, was in Gaza stattfindet, ist aus meiner Sicht ein kultureller Völkermord. Ich unterstelle Israel nicht die Absicht, alle Palästinenser in Gaza töten zu wollen. Nein, das ist nicht das Ziel. Aber ich unterstelle, dass Israel versucht, Gaza unbewohnbar für die Palästinenser zu machen, damit sie verdrängt werden. Entweder Richtung Sinai, Teile Richtung Syrien und Teile in Richtung Jordanien oder Libyen. Israelische Politiker haben kein Hehl daraus gemacht. Die Pläne dafür gab es bereits vor dem 7. Oktober. Die Hamas lieferte Israel lediglich die Ausrede. Wenn Israel die gesamte Infrastruktur zerstört und fast 90 Prozent aller Häuser und Wohneinheiten entweder vollständig zerstört oder unbewohnbar macht, dann spricht das für mich eine klare Sprache. Dann heißt es: ethnische Säuberung. Das ist auch nicht viel besser!"
Abdel-Samad fordert Friedensverhandlungen, was Broder wiederum sehr skeptisch sieht: "Wenn du von der brutalen Herrschaft in Gaza sprichst, die von der EU, von den Vereinten Nationen, von Schweden, von Norwegen, von Deutschland mit Milliardenbeträgen unterstützt wurde: Von dem Geld hätte man jeden Palästinenser rehabilitieren können. Jedem ein Haus und ein Auto geben und ein wunderbares, riesiges Fernsehgerät von Samsung! Da ist Geld versunken in Massen - unglaublich! Nicht der eigene Staat der Palästinenser, zu dem sie derzeit nicht imstande sind, müsste die Priorität sein, sondern das Ende der Besatzung in Gaza. Und das kann nur eintreten, wenn arabische Staaten die Verantwortung übernehmen: politisch, wirtschaftlich und militärisch. Ägypten muss die Grenze nach Ägypten aufmachen und Gaza übernehmen. Eine Rückkehr zum Status quo ante wie vor dem 7. Oktober kann es nicht geben. Die Israelis mögen ein wenig meschugge sein, aber nicht so, dass sie einen Fehler zweimal machen."
Abdel-Samad fordert Friedensverhandlungen, was Broder wiederum sehr skeptisch sieht: "Wenn du von der brutalen Herrschaft in Gaza sprichst, die von der EU, von den Vereinten Nationen, von Schweden, von Norwegen, von Deutschland mit Milliardenbeträgen unterstützt wurde: Von dem Geld hätte man jeden Palästinenser rehabilitieren können. Jedem ein Haus und ein Auto geben und ein wunderbares, riesiges Fernsehgerät von Samsung! Da ist Geld versunken in Massen - unglaublich! Nicht der eigene Staat der Palästinenser, zu dem sie derzeit nicht imstande sind, müsste die Priorität sein, sondern das Ende der Besatzung in Gaza. Und das kann nur eintreten, wenn arabische Staaten die Verantwortung übernehmen: politisch, wirtschaftlich und militärisch. Ägypten muss die Grenze nach Ägypten aufmachen und Gaza übernehmen. Eine Rückkehr zum Status quo ante wie vor dem 7. Oktober kann es nicht geben. Die Israelis mögen ein wenig meschugge sein, aber nicht so, dass sie einen Fehler zweimal machen."
Ideen
Ilija Trojanow begrüßt in der taz die Forderung nach einem Bürokratieabbau von Herzen. Er hatte nach dem Tod seines Vaters einige sehr unschöne Begegnungen mit deutschen Beamten, bis der Mann beerdigt werden durfte. Gleiches galt für seine Heirat, erzählt er und kann nicht begreifen, warum Bürokratieabbau nur ein Projekt der Konservativen ist: "Wie kann es sein, dass wir vergessen haben, wie zentral die Idee der Freiheit für alles Progressive war, darunter auch Freiheit von administrativer Gängelung. Höchste Zeit, daran zu erinnern, dass staatliche Apparate sich an ihren stets wachsenden Aufgaben mästen und von sich aus nie eine Schlankheitskur in Angriff nehmen werden. Würde Google Maps neben Karte und Satellitenaufnahme auch bürokratische Stricke abbilden, wir würden erkennen, wie sehr wir als Individuen und Firmen gefesselt sind. So wie Gulliver bei den Liliputanern - selbst ein Riese wird von unzähligen Kleingeistern zu Boden gebracht."
In der FAZ besteht der Virologe Christian Drosten darauf, dass es so etwas wie Fakten gibt, die eine Realität bilden, die man sich eben nicht nach Wunsch zusammenbasteln oder durch Meinung ersetzen kann. "Gemeint ist die Gewissheit, dass 'richtig' und 'falsch' nicht nur unterscheidbar sind, sondern sich auch unweigerlich herausstellen werden", schreibt Drosten in einem Text, den er ursprünglich als Rede zum hundertjährigen Bestehen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gehalten hat, "die Erfahrung, dass man Irrtümer nicht nur für sich selbst erkennen muss, sondern, im Fall des Irrtums, eine Kurskorrektur, mit allen Konsequenzen, besser gleich als später einleitet. Die für Wissenschaftler typische Bereitschaft zur Selbstkorrektur entsteht nicht, weil sie irgendwie unsicher sind oder besonders offen durch die Welt gehen, sondern aus Berufserfahrung; weil sie gelernt haben, dass es angesichts von Naturphänomenen nichts nutzt, ein Narrativ zu setzen oder ein anderes zu bekämpfen." Dieser Prozess "des Für und Wider, der Irrtümer und Korrekturen" kann auch der demokratischen Gesellschaft sehr nützlich sein, meint er.
Außerdem: In der FAZ schreibt Joseph Hanimann zum Tod des französischen Historikers Pierre Nora. Und Hans-Christof Kraus schreibt den Nachruf auf den Germanisten Albrecht Schöne.
In der FAZ besteht der Virologe Christian Drosten darauf, dass es so etwas wie Fakten gibt, die eine Realität bilden, die man sich eben nicht nach Wunsch zusammenbasteln oder durch Meinung ersetzen kann. "Gemeint ist die Gewissheit, dass 'richtig' und 'falsch' nicht nur unterscheidbar sind, sondern sich auch unweigerlich herausstellen werden", schreibt Drosten in einem Text, den er ursprünglich als Rede zum hundertjährigen Bestehen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gehalten hat, "die Erfahrung, dass man Irrtümer nicht nur für sich selbst erkennen muss, sondern, im Fall des Irrtums, eine Kurskorrektur, mit allen Konsequenzen, besser gleich als später einleitet. Die für Wissenschaftler typische Bereitschaft zur Selbstkorrektur entsteht nicht, weil sie irgendwie unsicher sind oder besonders offen durch die Welt gehen, sondern aus Berufserfahrung; weil sie gelernt haben, dass es angesichts von Naturphänomenen nichts nutzt, ein Narrativ zu setzen oder ein anderes zu bekämpfen." Dieser Prozess "des Für und Wider, der Irrtümer und Korrekturen" kann auch der demokratischen Gesellschaft sehr nützlich sein, meint er.
Außerdem: In der FAZ schreibt Joseph Hanimann zum Tod des französischen Historikers Pierre Nora. Und Hans-Christof Kraus schreibt den Nachruf auf den Germanisten Albrecht Schöne.
Geschichte
Für die NZZ nimmt uns Andrei Kolesnikow mit auf einen Rundgang durch den Kreml und zeichnet dabei dessen Geschichte als symbolisches und tatsächliches Zentrum der russischen Macht nach: "Einst, zu liberalen Zeiten, am Ende der Präsidentschaft von Dmitri Medwedew, kamen Vorschläge auf, Teile der Regierung an Moskaus Peripherie zu verlegen. Manche Planer schlugen sogar vor, den Kreml vollständig in ein Museum umzuwandeln. Ziel war es, Russlands Demokratisierung auch auf struktureller und baulicher Ebene Geltung zu verschaffen. Auch gab es eine Debatte darüber, den im Tode ewig bloßgestellten Lenin aus dem Mausoleum zu entfernen und ihn neben seiner Mutter zu beerdigen. Diese Pläne wurden niemals verwirklicht. Im Jahr 2012 kehrte Putin nach einem vierjährigen Interregnum in den Kreml zurück. Seitdem ist der Kreml erneut zum Symbol undurchschaubarer byzantinischer Macht geworden, umrahmt von italienischen mittelalterlichen Türmen und an seinen Mauern umringt von den Gräbern toter Tyrannen. Und so lastet, wie einst Marx schrieb, 'die Tradition aller toten Geschlechter wie ein Alb auf dem Gehirne der Lebenden'. Was für das Russland von heute heißt: Der Blick auf die Zukunft ist verstellt, und Geschichte wird gerne rückgängig macht."
Kulturmarkt
Christiane Knödler greift in der SZ eine Debatte auf, die der Autor und Illustrator Michael Mantel angestoßen hat: Dieser hatte bemerkt, dass sich bei Amazon, aber auch in den Online-Shops von großen Buchhandlungen viele Kinderbücher fanden, die offensichtlich KI-generiert waren - die Inhalte ähnelten sich, waren ziemlich flach, die Autorennamen ließen sich nicht zurückverfolgen. Mit bestimmten Techniken kann man die Bücher weit oben auf Bestsellerlisten erscheinen lassen, so Knödler, wo sie dann scheinbar gleichrangig neben Klassikern stehen. Grund zur Panik sei das aber nicht: "Der Umgang mit KI in der Literatur ist eine Herausforderung. Im besten Fall führt sie zur Rückbesinnung auf Qualität. Dann stärkt sie die Rolle der Experten, die Qualität erkennen und vermitteln, die der Bibliothekare, Buchhändlerinnen, Kritiker und Kritikerinnen. Und sie stärkt die Rolle der Verlage. Schließlich nehmen die für sich in Anspruch, Gatekeeper zu sein, Wertvolles von Schlechtem zu trennen."
Europa

"Die Politik muss vor allem die jungen Wähler über Inhalte und Themen abholen - immer wieder neu, bei jeder Wahl und auch dann, wenn gerade keine Abstimmung ansteht", kommentiert Marie Gundlach in der SZ. Denn die reagieren schneller auf "politische Produktenttäuschung". In Polen "waren die Jungen 2023 noch mitverantwortlich für den Sieg von Tusks Koalition, weniger als 15 Prozent der 18- bis 29-Jährigen wählten damals die PiS-Partei. Nach zwei Jahren, in denen Tusk nicht wirklich liefern konnte, sieht es anders aus. Sich bei den Erstwählern mehr Mühe zu geben, lohnt sich noch aus einem zweiten Grund: Niemand bleibt ewig jung."
Religion
In der Welt diagnostiziert der Theologe Rolf Schieder der Gesellschaft eine "Theophobie", also geradezu eine Angst, im öffentlichen Raum über Gott zu sprechen. Doch so entstehe "ein gravierendes Problem: Wenn eine Gesellschaft über Gott öffentlich nur noch schweigt, dann entsteht ein Vakuum, in das religiöse Vorstellungen und Fundamentalismen eindringen, die das Licht der Vernunft scheuen. Religiöser Terror, der durch öffentlichen Diskurs nicht entschärft wird, ist eine reale Bedrohung. Selbst Agnostikern und Atheisten kann das nicht gleichgültig sein. Die Kirchen könnten der viel beklagten 'Säkularisierung' rasch ein Ende bereiten. Sie müssten sich einfach daran machen, der herrschenden Theophobie mit Parrhesia entgegenzutreten. Ihr wäre dadurch abzuhelfen, dass die Kirchen nicht nur bei rituellen Anlässen Gott anrufen, sondern freimütig zum öffentlichen Gespräch über Gott anregen und dort die Vernunft des Gottesgedankens erweisen."
Medien
Es ist interessant, dass die "Tagesschau" und die BBC mit Meldungen über ein angebliches Massaker der israelischen Armee gegen Zivilisten in Gaza in der Nähe eines Verteilzentrums für Hilfsgüter unterschiedlich umgehen. Die BBC hat die Meldung zuerst gebracht und dann immerhin korrigiert: Die Aufnahmen, die angeblich das Massaker zeigen, wurden woanders und zu einem anderen Zeitpunkt gemacht und zeigen kein Massaker. Bei der "Tagesschau" heißt es hingegen einfach: "Israel dementiert Schüsse auf Zivilisten an Hilfszentrum. Eine vorläufige Untersuchung habe ergeben, dass das Militär 'nicht auf Zivilisten geschossen hat, während diese sich in der Nähe oder innerhalb des Verteilungszentrums für humanitäre Hilfe aufhielten, und dass die Berichte entsprechend falsch sind', hieß es. Auch die Gaza Humanitarian Foundation (GHF), die über die Zentren Mahlzeiten verteilt, hatte davor die Berichte dementiert." Direkt darunter wird dann in gewohnter "Ausgewogenheit" die Version der Hamas ausgebreitet: "Das Hamas-Medienbüro hatte von einem israelischen Angriff in einer Pufferzone in Rafah im Süden des Gazastreifens berichtet, wo die Stiftung Hilfsgüter verteilt habe. Vertreter des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums erklärten, das Militär habe in der Nacht zum Sonntag das Feuer auf Zivilisten eröffnet, die auf dem Weg zu Lebensmittelausgaben gewesen seien. Mindestens 31 Menschen seien getötet und mehr als 170 verletzt worden."BBC yesterday: Israel did horrific things
- Aviva Klompas (@AvivaKlompas) June 2, 2025
BBC today: Seems we got one wrong. Oops. haha. Our bad. pic.twitter.com/6Yb8QCZpWd
Und übrigens: ZDF-"Heute!" meldete gestern: "Im Gaza-Streifen nahe Raffa sollen israelische Soldaten nach palästinensischen Angaben wieder Menschen in der Nähe eines Verteilzentrums für Hilfsgüter erschossen haben haben." Mit Betonung auf "wieder". (Minute 10.) Auch bei der "Tagesschau" hieß es gestern wieder: "Erneut Berichte über Schüsse bei Hilfszentrum", als hätte sich nicht zumindest beim ersten Bericht nicht gezeigt, dass er nicht stimmte! Dass die BBC immerhin nachgewiesen hat, dass die Aufnahmen vom angeblichen ersten Massaker falsch waren, wird ebenfalls nicht erwähnt. Es heißt nur: "Auch diese Berichte sind nicht unabhängig zu prüfen. Gleiches gilt für Aufnahmen, die im Internet kursieren und die Leichen von angeblich getöteten Zivilisten zeigen sollen."
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