9punkt - Die Debattenrundschau
Im Krieg
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.05.2025. Packt die Badehose ein: "Vielleicht ist es der letzte Sommer in Frieden", warnt der Militärhistoriker Sönke Neitzel in der taz, und wenn Putin angreifen würde, könnte er den 9.000 Nato-Soldaten in Estland mal eben eine Truppe von 100.000 Mann entgegenstellen. In der Zeit fragt sich die Harvard-Professorin Sheila Jasanoff, was die Universitäten selbst dazu beitrugen, sich so angreifbar zu machen. Im Perlentaucher denkt Pascal Bruckner über die Pathologie der algerisch-französischen Beziehungen nach. In der Welt beobachtet Michael Wolffsohn, wie sich der Genozidvorwurf gegen Israel durchsetzt, auch wenn er falsch ist.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
30.05.2025
finden Sie hier
Europa
"Vielleicht ist es der letzte Sommer in Frieden", sagt der bekannte Militärhistoriker Sönke Neitzel, in einem taz-Gespräch, das Daniel Schulz und Ambros Waibel mit ihm zum Thema Wehrpflicht führen. Auf die entgeisterte Nachfrage warnt er, es sei durchaus denkbar, "dass Putin schon sehr bald eine ihm günstig erscheinende Gelegenheit ausnutzt. Was passiert, wenn die Merz-Koalition nicht durchhält? Was ist, wenn wir eine schwierige innenpolitische Situation in Frankreich haben? Putin wird immer pragmatisch und opportunistisch unsere Schwäche ausnutzen und dabei auch militärische Mittel einsetzen. Er hat den Rubikon überschritten und wir kriegen ihn nicht wieder hinter diese Linie zurück. Wir sollten auch nicht den Fehler begehen zu glauben, dass Putin dieses oder jenes schon nicht tun wird, weil uns das als irrational erscheint. Nach so einer Logik hätte Hitler nie Krieg führen dürfen." Und noch ein paar Zahlen, um einem möglichen Überlegenheitsgefühl vorzubauen: "Putin hat rund 700.000 Soldaten in der Ukraine stehen. Wenn der 100.000 Mann rauszieht, und woanders hinschickt, was dann? Wen haben wir denn in Estland? Es gibt ein Bataillon Nato-Truppen von 1.000 Mann. Und wie groß ist die estnische Armee? Knapp 8.000 Mann."
Ideen
Die Trump-Regierung versucht "jenseits aller politischen Regeln" die Universitäten zu gängeln, erklärt die 81-jährige Sheila Jasanoff, Professorin für Science and Technology Studies an der Harvard Kennedy School, im Interview mit der Zeit. Dass sich dagegen bislang so wenig Protest regt, auch in den Reihen der Republikaner, haben sich die Universitäten aber auch selbst zuzuschreiben, meint sie. "Die liberale Erzählung und ihr Verhältnis zur Wahrheit sind unglaubwürdig geworden. Der Liberalismus in Amerika gründet auf der Überzeugung, dass Fakten von der Wissenschaft objektiv definiert werden können und dass, sobald alle Menschen Zugang zu denselben Fakten haben, Rationalität und Eigeninteresse sie dazu bringen werden, das zu tun, was im Interesse aller ist. Aber wenn Menschen eine Reihe an Behauptungen über die Welt glauben sollen, aus denen politische Handlungen abgeleitet werden, müssen sie im Einklang mit der Realität stehen, die die Menschen erleben. Sie müssen überzeugen. Das war zunehmend nicht mehr der Fall." Problematisch findet sie auch den Glauben, "dass die Wissenschaft eine einheitliche, objektive und wertneutrale Unternehmung ist. Und dass man ihre Ergebnisse ohne Bedenken und Vermittlungsversuche umsetzen kann. Als wäre die Wissenschaft das Orakel von Delphi, dessen Weisungen man treu ausführen müsste. Dabei ist sie nie ganz neutral. Bereits in der Forschungsfrage verbirgt sich immer schon eine Weltanschauung."
Medien
Matthias Alexander liest fürs Feuilleton der FAZ drei neue Bücher über Friedrich Merz, alle von Journalisten geschrieben, alle irgendwie recht informativ. Aber sehr tief gebohrt wird nicht, etwa wenn es um Netzwerke geht, in denen sich Merz bewegt. Etwas fehlt der deutschen Publizistik da, findet Alexander: "Amerikanische Autoren wie Walter Isaacson, der scharfsinnige und unbestechliche Biograph von Steve Jobs und Elon Musk, hätten an dieser Stelle nicht haltgemacht. David Remnick, Chefredakteur des New Yorker und Barack-Obama-Biograf, hätte Merz' Werdegang stärker in die Gesellschaftsgeschichte des Landes eingebettet."
Politik
Pascal Bruckner denkt im Kontext der andauernden Haft für Boualem Sansal im Perlentaucher über die ganz eigene Pathologie der französisch-algerischen Beziehung nach - und er blickt auch zurück in die fünfziger Jahre, als gerade die französische Linke sich in Bezug auf Algerien nicht immer ruhmvoll verhielt: "Die Linke, insbesondere die Sozialistische Partei, befindet sich ... in einer unangenehmen Lage gegenüber dem ehemaligen französischen Departement Algerien: Schwer zu vergessen, dass einer ihrer Helden, François Mitterrand, ein Befürworter von Französisch-Algerien und ein großer Guillotineur algerischer Patrioten war: Als Justizminister in der Regierung von René Coty von Februar 1956 bis Mai 1957 genehmigte er die Hinrichtung von 45 Rebellen, darunter des Franzosen Fernand Yveton, der eine Gasfabrik in der Nähe von Algier in die Luft gesprengt hatte, ohne dass jemand zu Schaden gekommen war. ... Insgesamt verhielten sich die Sozialisten und Kommunisten in Bezug auf Algerien eher lau und wollten sich nicht als Ausverkäufer des Kolonialreichs erweisen. Das erklärt vielleicht ihr heutiges verlegenes Schweigen gegenüber der sowjetisch-islamistischen Macht, die in Algier vorherrscht und die herzlichsten Beziehungen zu Wladimir Putin unterhält."
Israel begeht einen Völkermord "wie die Nazi-Deutschen" - so wird es in den Geschichtsbüchern stehen, auch wenn es kontrafaktisch ist. Aber das will niemand hören, stellt Michael Wolffsohn in der Welt fest und rückt die Fakten gerade: "Es besteht weder Absicht, die Palästinenser als Volk zu ermorden, noch haben die jüdischen Nazi-Opfer die Nazis, wie die Hamas Israel, zuvor angegriffen. Sie konnten sich auch nicht, wie die Palästinenser im Gaza-Streifen und im Westjordanland wehren, und sie wurden industriell liquidiert, also nicht im Kampf. Fakt ist: Nazi-Deutschland verübte Völkermord, Israel befindet sich mit Hamas im Krieg, den Hamas, wie Hitler-Deutschland, begonnen - und verloren hat. Die Weltgeschichte lehrt: Wer Kriege beginnt, riskiert den Massentod der eigenen Soldaten und Zivilisten. Wer ihn zudem verliert, zahlt diesen Preis an Menschen und Material sowie meistens auch mit dem Verlust von Teilen des eigenen Territoriums. Erinnert man sich in Deutschland nicht mehr daran? Und erinnert man sich in Deutschland nicht mehr daran, dass der Befreiung des eigenen völkermordenden Volkes von den Völkermördern an der deutschen Staatsspitze das Besiegt-Werden voranging, das also die Deutschen besiegt- befreit wurden? Was auf Deutschland zutraf, soll für Palästina unmöglich sein?"
Der Genozidvorwurf gegen Israel ist längst auch in Deutschland in Mode, konstatiert auch Ruhrbaron Stefan Laurin, und Politiker überbieten sich in der Kritik an der israelischen Regierung: Aber jenseits aller Kritik wird viel zu selten gesehen, "dass es von der deutschen Geschichte vollkommen unabhängige Gründe gibt, an der Seite Israels zu stehen", findet Laurin. Israel führe "wie die Ukraine einen Krieg gegen Feinde der westlichen Gemeinschaft. ... Es braucht keine Geschichte, um in diesem Krieg an der Seite Israels zu stehen - das Eigeninteresse reicht dazu vollkommen aus. Hinter dem Konflikt steht der Iran, dessen Proxy die von Israel schwer geschlagene Hisbollah ist und zu deren engsten Verbündeten die Hamas gehört. Seit Jahrzehnten verübt der Iran Anschläge in Deutschland und betreibt Spionage. Er entführt und ermordetet deutsche Staatsbürger. Der Iran ist einer der größten Unterstützer Russlands - eines Landes, in dem Politiker davon träumen, Berlin mit Raketen anzugreifen und das längst auch die NATO bedroht. Alles, was das Mullah-Regime schwächt und seine Mittel bindet, liegt im deutschen Interesse."
Israel begeht einen Völkermord "wie die Nazi-Deutschen" - so wird es in den Geschichtsbüchern stehen, auch wenn es kontrafaktisch ist. Aber das will niemand hören, stellt Michael Wolffsohn in der Welt fest und rückt die Fakten gerade: "Es besteht weder Absicht, die Palästinenser als Volk zu ermorden, noch haben die jüdischen Nazi-Opfer die Nazis, wie die Hamas Israel, zuvor angegriffen. Sie konnten sich auch nicht, wie die Palästinenser im Gaza-Streifen und im Westjordanland wehren, und sie wurden industriell liquidiert, also nicht im Kampf. Fakt ist: Nazi-Deutschland verübte Völkermord, Israel befindet sich mit Hamas im Krieg, den Hamas, wie Hitler-Deutschland, begonnen - und verloren hat. Die Weltgeschichte lehrt: Wer Kriege beginnt, riskiert den Massentod der eigenen Soldaten und Zivilisten. Wer ihn zudem verliert, zahlt diesen Preis an Menschen und Material sowie meistens auch mit dem Verlust von Teilen des eigenen Territoriums. Erinnert man sich in Deutschland nicht mehr daran? Und erinnert man sich in Deutschland nicht mehr daran, dass der Befreiung des eigenen völkermordenden Volkes von den Völkermördern an der deutschen Staatsspitze das Besiegt-Werden voranging, das also die Deutschen besiegt- befreit wurden? Was auf Deutschland zutraf, soll für Palästina unmöglich sein?"
Der Genozidvorwurf gegen Israel ist längst auch in Deutschland in Mode, konstatiert auch Ruhrbaron Stefan Laurin, und Politiker überbieten sich in der Kritik an der israelischen Regierung: Aber jenseits aller Kritik wird viel zu selten gesehen, "dass es von der deutschen Geschichte vollkommen unabhängige Gründe gibt, an der Seite Israels zu stehen", findet Laurin. Israel führe "wie die Ukraine einen Krieg gegen Feinde der westlichen Gemeinschaft. ... Es braucht keine Geschichte, um in diesem Krieg an der Seite Israels zu stehen - das Eigeninteresse reicht dazu vollkommen aus. Hinter dem Konflikt steht der Iran, dessen Proxy die von Israel schwer geschlagene Hisbollah ist und zu deren engsten Verbündeten die Hamas gehört. Seit Jahrzehnten verübt der Iran Anschläge in Deutschland und betreibt Spionage. Er entführt und ermordetet deutsche Staatsbürger. Der Iran ist einer der größten Unterstützer Russlands - eines Landes, in dem Politiker davon träumen, Berlin mit Raketen anzugreifen und das längst auch die NATO bedroht. Alles, was das Mullah-Regime schwächt und seine Mittel bindet, liegt im deutschen Interesse."
Gesellschaft
Sich für die jesidische Sache einzusetzen, ist nicht immer einfach, sagt die bekannte Aktivistin Düzen Tekkal im Gespräch mit Ninve Ermagan von der FAZ, auch wegen Vorurteilen unter Migranten. Nur eins ist noch schwieriger: "Immer dann, wenn ich offen über Antisemitismus spreche - genau dann werde ich am meisten angefeindet. Gegen Antisemitismus zu kämpfen, ist heute nichts mehr für schwache Nerven. Ich verstehe es, wenn Menschen sich für Gaza einsetzen wollen. Was in Gaza gerade stattfindet, ist unmenschlich. Aber ich verstehe bis heute nicht, warum ich angegriffen werde, obwohl ich es immer wieder benenne. Da waren die Hetzer sehr erfolgreich."
Manchmal ist es auch interessant, den Wirtschaftsteil der FAZ zu lesen. Der Bund will für die Bahn richtig Geld in die Hand nehmen, heißt es ja. Eine Studie, über die Patrick Welter berichtet, zeigt jetzt, wo es versiegt: "2018 etwa erneuerte oder reparierte die Bahn 247 Kilometer Oberleitung und gab dafür 203 Millionen Euro aus. Im vergangenen Jahr waren es 248 Kilometer für 519 Millionen Euro. Von der Bahn erneuerte Oberleitungen sind demnach seit 2018 um rund 150 Prozent teurer geworden."
Manchmal ist es auch interessant, den Wirtschaftsteil der FAZ zu lesen. Der Bund will für die Bahn richtig Geld in die Hand nehmen, heißt es ja. Eine Studie, über die Patrick Welter berichtet, zeigt jetzt, wo es versiegt: "2018 etwa erneuerte oder reparierte die Bahn 247 Kilometer Oberleitung und gab dafür 203 Millionen Euro aus. Im vergangenen Jahr waren es 248 Kilometer für 519 Millionen Euro. Von der Bahn erneuerte Oberleitungen sind demnach seit 2018 um rund 150 Prozent teurer geworden."
Kommentieren



