9punkt - Die Debattenrundschau

Neues Zeitalter der Finsternis

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.11.2016. Heute gibt's nicht viel anderes als die Panik vor der Wahl in den USA. Hillary Clinton ist sehr wohl eine erfahrene und qualifizierte Kandidatin, meint die taz, aber wird sie Amerika von der Propagandamaschine Trumps befreien können? Melodramatisch wird Andrew Sullivan im NYmag, der Trump einen Faschisten nennt, und Clinton fast noch mehr zu verachten scheint.  In seltsamem Kontrast steht eine eigentlich positive Botschaft der Obama-Präsidentschaft, die Louis Begley in der FAZ benennt.

Politik

Der amerikanische Wahlkampf geht zu Ende. Recht düster klingt Barbara Junge in der taz, selbst für den Fall, dass sich Hillary Clinton durchsetzt: "Sollte Hillary Clinton die Wahl gewinnen, und noch ist das die wahrscheinlichere Option, wäre sie die erste Chefin im Weißen Haus und erste Oberkommandierende der US-Streitkräfte. Sie ist erfahren und qualifiziert wie keiner ihrer Konkurrenten, die mächtigste Nation der Welt zu führen. Aber der Wahlkampf hat die politische Herausforderung transzendiert. Der Aufgabe, Millionen Menschen wieder aus der Umarmung einer nationalistisch-antidemokratischen Propagandamaschine zu befreien, ist Clinton nicht gewachsen."

Jonathan Freedland sieht im Guardian ein "neues Zeitalter der Finsternis" heraufziehen und schildert die Sorge aus britischer Sicht: "Dank Brexit verfangen die üblichen Versicherungen der Experten und Meinungsumfragen nicht mehr. Im Juni behaupteten das Smart Money genauso wie die Wettbüros, dass uns Remain sicher sei. Gebrannt durch diese Erfahrung kann nichts uns in Sicherheit wiegen, mit Ausnahme des richtigen Wahlergebnisses."

Immerhin: noch nie haben sich so viele Amerikaner als Wähler registrieren lassen, meldet Peter Winkler in der NZZ.

Ganz und gar melodramatisch klingt's mal wieder beim einstigen Alphablogger Andrew Sullivan, der in seiner Position beim New York Magazine zu einer Art kulturkonservativer Oberprediger wird.  Schon in einem Artikel im April (unser Resümee), auf den er mit prophetischer Geste verweist, hatte er gefragt, wie die Eliten Trump hätten zulassen können. Nun schreibt er: "Man sagt, wir dürften den Begriff Faschist nicht benutzen, um all dies zu beschreiben. Ich finde nur keine passende Alternative." Fast noch böser schreibt er allerdings über Hillary Clinton:  "Die unnützen Demokraten entschieden sich in einem Moment der Angst und Mutlosigkeit, eine ihrer mittelmäßigsten, kompromittiertesten Establishment-Figuren aufzustellen. Sie wussten sehr wohl, dass Hillary Clinton unfähig ist, Vertrauen einzuflößen oder irgendjemand zu überzeugen, der nicht schon in ihrer Ecke steht, und dass ihre Selbstüberschätzung, ihre Privilegien und ihre Geldgier sie in jene Skandale trieb, die der Schurke in massiven Lügen ausbeutete."

Wie die Medien selbst - inklusive der wohlmeinenden - zur Demontage Hillary Clintons beitrugen, beschreibt  Matthew Yglesias bei Vox.com: "Die großen Fernsehnetworks haben der E-Mail-Affäre Hillary Clintons mehr Zeit gewidmet als allen politischen Aussagen ihrer Kampagne insgesamt. Dies ist misslich, denn Emailgate ist wie so viele Pseudoskandale um Clinton zuvor, schlicht Bullshit. Der reale Skandal ist, dass eine Geschichte von allenfalls mittelmäßiger Bedeutung die US-Wahlen dominieren konnte."

Für den amerikanischen Autor Jonathan Franzen ist der Aufstieg Trumps nur den sozialen Medien zu verdanken, erklärt er im Interview mit der Literarischen Welt: "Das Phänomen Trump ist undenkbar ohne das Internet und die sozialen Medien. Das Internet hat eine Welt geschaffen, in der es möglich ist, in seiner eigenen virtuellen Realität zu leben, mit ihrem eigenen inwendig konsistenten Gerüst von 'Fakten', ohne sich je mit der altmodischen Realität auseinandersetzen zu müssen. Intelligente, gut informierte Menschen machen die Lügen, die Trump fortwährend erzählt, krank, aber für seine Unterstützer sind seine Lügen nicht einmal Lügen: Sie stimmen vollkommen mit der Onlinerealität, in der sie leben, überein. Und Twitter verstärkt das, weil Nuancierung und Komplexität auf Twitter unmöglich sind." Hm, macht die britische Boulevardpresse beim Brexit nicht gerade vor, wie exzellent Printprodukte lügen können?

In seltsamem Kontrast steht eine eigentlich positive Botschaft der Obama-Präsidentschaft, die Louis Begley in der FAZ noch einmal benennt: "Ein schwarzer Präsident, eine Regierung, die unter seiner Führung ohne Skandale blieb, die Anmut und Würde von Obamas Familie - die Zustimmungsrate für Michelle Obama liegt um die achtzig Prozent, und nur acht Prozent sind gegen sie, der Präsident selbst erreicht immer noch weit mehr als fünfzig Prozent: Das sind unbestreitbar gute Gründe für aufstrebende Afroamerikaner, optimistisch zu sein."
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Überwachung

Die einstige Whistleblowerin Chelsea Manning hat ein weiteres mal versucht, sich umzubringen, berichtet Charlie Savage in der New York Times. Als Bradley Manning hatte sie als Soldat der amerikanischen Armee Hunderte Dokumente geleakt. Sie hat psychische Probleme. Aber einer der Gründe für ihre Depression könnte auch darin liegen, "dass ihr Urteil mit 35 Jahren Gefängnis das längste ist, das je für den Verrat von Regierungsgeheimnissen ausgeprochen wurde."
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Gesellschaft

Tja, was ist schlimmer, Jugendliche nervtötend zu finden oder sie zu "verstehen"? Beat Grossrieder plädiert in der NZZ für Gelassenheit und verspricht: "Eine Reihe von Studien, die sich des Objekts der Senioren annehmen, zeigen auf, dass mit dem Austritt aus dem Erwerbsleben die Einstellungen wieder lockerer, sprich: jugendlicher werden..." Ebenfalls in der NZZ beschreibt Hoo Nam Seelmann den Niedergang der Room-Salons in Südkorea, wo sich Männer von knapp bekleideten Hostessen Whiskey servieren lassen.
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Stichwörter: Südkorea

Internet

Google hat sich auf den Deal mit der Gema eingelassen, um das lästige Problem vom tisch zu haben, meint Jens-Christian Rabe in dueddeutsche.de. Eigentlich gehe es bei Youtube heute nicht mehr um Musik: "Es sind die Filme der Video-Blogger, in denen Videospiele kommentiert, Freunde reingelegt und Kosmetik- und Mode-Tipps gegeben werden, in denen neue Technik getestet, von 30 Meter hohen Klippen gesprungen, Comedy gemacht, professionell getanzt, das eigenen Leben erzählt oder die Weltlage analysiert wird. Nicht selten mit einem neuen Video an jeden Tag. In Deutschland haben die Youtube-Kanäle bekannter Blogger wie Florian Mundt alias LeFloid, Julien Bam oder Erik Range alias Gronkh längst drei bis vier Millionen Abonnenten."
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Stichwörter: Gema, Youtube