9punkt - Die Debattenrundschau

Panzer im Feierabendstau

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.07.2016. Kann man von den Türmen der Minarette zur Erhaltung der Demokratie aufrufen, als ginge es um Heiligen Krieg?, fragt Nedim Gürsel in der NZZ. Das Reden über "Krieg" hilft auch in Frankreich nicht, meint Tahar ben Jelloun in der FAZ: Nur Bildung könne das Problem lösen. In Britannien zerfetzt sich unterdessen die Linke: "Labour stinkt nach Tod", schreibt Nick Cohen im Guardian. Und laut taz formieren sich nun auch linke Eurogegner. Die russische Autorin Alina Wituchnowskaja legt in der NZZ einen glänzenden Essay über Russland als großes schwarzes Loch vor. Die Reaktion auf den Mord an der pakistanischen Feministin Qandeel Baloch sagt auch einiges über deutsche Medien.

Ideen

Russland ist ein großes schwarzes Loch, ohne politische Ideen, ohne Sprache, ohne Subjekte, schreibt die russische Dichterin Alina Wituchnowskaja in einem eindrucksvollen Essay in der NZZ: "In der UdSSR bildete sich eine kulturelle Matrix heraus, die sich in dichotomischer Ausprägung manifestierte, totalitär und dissidentisch, russophob und russophil, sowjetisch und neosowjetisch. In ihrem Kern aber war diese Matrix ausnahmslos imperial. Aus dem Kampf der Gegensätze ergab sich ein Ganzes. Der Sowjetmensch verfügte nicht über jene weitgespannte Wahrnehmung, die einem durchschnittlichen Europäer eigen ist. Indem er jedes Wort buchstäblich auffasste, mutierte er zu einem Schizophrenen, der das Imperium verinnerlicht hatte."
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Europa

Schwerpunkt Türkei:

"Mein Weg als Schriftsteller, ja mein ganzes Leben ist vom Rhythmus der Staatsstreiche zäsiert", erzählt der türkische Autor Nedim Gürsel in der NZZ. Er ist zwar froh, dass dieser neue Putsch niedergeschlagen wurde, doch leider von den falschen Leuten. "Wären die Bürger nicht dem Ruf des Präsidenten gefolgt und auf die Straße geströmt, dann wäre der Coup möglicherweise nicht gescheitert. Aber diese Bürger waren großmehrheitlich Parteigänger der AKP, die nun nach Rache rufen. Über ihren Protestversammlungen erschallt das 'Allah ist groß!', und bereits werden Forderungen nach der Wiedereinführung der Todesstrafe laut, manche wollen die Putschführer am Galgen sehen. ... Wenn ein Aufruf zur Verteidigung der Regierung erging, dann ist das legitim, weil diese demokratisch gewählt ist; aber der Ruf erschallte von den Türmen der Minarette, als ginge es um einen heiligen Krieg."

Irgendwas finden die Türken an diesem Putsch merkwürdig, schreibt taz-Korrespondent Jürgen Gottschlich, der mit Bürgern Istanbuls gesprochen hat: "Welcher Putsch beginnt denn Freitagabend um 22 Uhr, wenn die Panzer im Feierabendstau stecken bleiben? Warum sind fast alle TV-Kanäle auf Sendung und interviewen ein Regierungsmitglied nach dem anderen?"

Offenbar putschte eine Minderheit in der Armee, die einer Säuberung zuvorkommen wollte, sagt Türkei-Experte Günter Seufert im Gespräch mit Barbara Oertel ebenfalls in der taz. "Die Putschisten hatten wohl gehofft, dass eine signifikante Mehrheit in der Armee sich ihnen anschließen würde. Eine sehr gewagte Spekulation, da es für das Militär gerade ganz gut läuft. Es hatte etwa lange vor dem Juni 2015 ein härteres Vorgehen gegen die PKK gefordert, der heutige Kurs der Regierung ist also im Sinne des Militärs."

Die FAZ bringt ein ganzes Dossier von Autorentexten zur Türkei. Olga Grjasnowa, die gerade "in der deutschen Kulturakademie in dem sehr ruhigen Viertel Tarabya" in Istanbul weilt, schreibt: "Wir haben sofort auf den Kriegsmodus umgestellt: diszipliniert, ruhig und möglichst akkurat. Wenn Strom und Wasser nicht abgestellt sind, ist es ein gutes Zeichen, denke ich und überschlage den Inhalt unseres Kühlschranks." Nun ja, zumindest die Lage in diesem Kühlschrank dürfte sich entspannt haben. Ganz kurz ein Statement von Orhan Pamuk: "Ich bin erleichtert darüber, dass sich die Oppositionsparteien dem Putsch sofort kritisch entgegen gestellt haben."

Außerdem: Für Matthew Karnitschnig in politico.eu ist der Putsch "Erdogans Reichstagsbrand".

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Nizza und der IS:


Gegen den suizidal-hysterischen Charakter des dschihadistischen Islams reicht Reden von "Krieg" nicht aus, schreibt Tahar Ben Jelloun in der FAZ: "Frankreich muss aus seiner sorglosen Bequemlichkeit erwachen. Es muss Widerstand leisten und die Wachsamkeit verdoppeln. Der Kampf kann nur durch Bildung und Alltagspädagogik geführt werden. Er muss langfristig angelegt sein. Erst einmal wird man mehr Mittel für Sicherheitsdienste und Aufklärung bereitstellen, und das ganze Volk wird Solidarität beweisen müssen."

Bagdad, Istanbul, Nizza: Seit 28. Juni hat der Islamische Staat mit Terrorattacken über 500 Menschen umgebracht. "Die militante Gruppe hat ihre Territorialverluste anerkannt", schreibt Roy Gutman in politico.eu, "und sie versteht ihre Attacken gegen Zivilisten als Antwort auf ihre Feinde, die ihnen ihr Land wegnehmen, so Experten, die die Kommunikation der Gruppe verfolgen. 'Ihr, die internationale Gemeinschaft, wollt nicht, dass wir ein Staat werden und uns auf unser Land fokussieren. Dann werden wir zu einer klandestinen, terroristisch arbeitenden Gruppe', so die Statements, sagt der Islamwissenschaftler Mathieu Guidère. 'Was sie sagen, ist: Je mehr ihr uns schlagt, desto mehr werden wir zu Al Qaida.'"

Der Politologe Jean-Pierre Filiu erklärt in seinem Blog in Le Monde, warum er den Begriff der "Radikalisierung" ablehnt: "Das einzige, was an Mohamed Lahouaiej Bouhlel muslimisch war, ist sein Vorname. Er hat nicht eine der kanonischen Vorschriften des Islams befolgt, weder das Gebet, noch das Fasten, noch die Wohltätigkeit, noch die Pilgerreisen. Sein Alkoholkonsum scheint problematisch gewesen zu sein. Der Mörder aus Nizza hat sich also nicht innerhalb des Islams radikalisiert, er ist zu der dschihadisitschen Sekte Islamischer Staat konvertiert. Konvertiert wie Hunderte anderer Französinnen und Franzosen, die sich von Daech ihr kulturelles Gepäck haben abnehmen lassen und an dessen Stelle das Credo der Sekte annahmen."

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Brexit und Europa:

Es formieren sich linke Euro-Gegner, die verschiedene Aufrufe zum Ausstieg aus dem Euro formuliert haben, dazu gehören der Autor Tariq Ali und der linke Europaskeptiker Wolfgang Streeck. Martin Reeh von der taz spricht mit dem Ökonomen Andreas Nölke, der zu den Unterzeichnern gehört: "Wenn nicht wir auf der Linken Pläne für einen solidarischen Ausstieg aus dem Euro entwickeln, werden die Rechtspopulisten immer stärker werden, weil die Pro­ble­me des Euro so offensichtlich sind. Wir drehen den Rechtspopulisten tendenziell den Saft ab."

Eines muss man den britischen Journalisten lassen - polemisieren können sie. Nick Cohen rechnet heute mit seinem Ex-Guardian-Kollegen Seumas Milne ab, der Jeremy Corbyns engster Berater ist: "Er sagt, er kämpft für die Arbeiterklasse und Entrechteten, dabei sichert er gerade die Kontinuität einer Rechtsregierung ab, die die Interessen seiner eigenen oberen Mittelklasse verteidigen wird. Er sagt, er sei ein Sozialist, aber er beugt die Knie und zieht den Hut vor Putins kapitalistischer Kreptokratie. Er sagt, er habe Prinzipien, aber was an Milne und den 'Aufständigen' unter Corbyn auffällt, ist ihre Leere. Wofür steht die Linke heute? Was will sie? Sie wird ihnen ausführlich erzählen, wogegen sie ist, aber wofür ist sie?" Cohens Überschrift: "Labour stinkt nach Tod - Lernen Sie die Mörder kennen."

Der Politologe Alexander Thumfahrt versucht in der SZ mithilfe von Umfragen dem stärkeren Zuspruch für die AfD in Ostdeutschland auf die Spur zu kommen. An sich gebe es xenophobe Einstellungen in ganz Deutschland: "Was sich aber unterscheidet, ist, dass diese Haltungen in Ostdeutschland (im wahrsten Wortsinne) offener demonstriert und massiver ausgedrückt werden. Sie gehen auf die Straße - in Dresden, Halle, Rostock und Erfurt - und zeigen ihr nationalistisches und rassistisches Gesicht ohne Zaudern."
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Gesellschaft

In Pakistan wurde Qandeel Baloch ermordet, eine junge Frau, die auf Facebook die patriarchale Gesellschaft herausforderte und mit Fotos provozierte. Von ihrem Bruder Waseem erwürgt, berichtet Willi Germund in der FR: "'Ich schäme mich für nichts', erklärte Waseem nach seiner Festnahme vor Dutzenden von Kameras, 'wir sind respektierte Leute der Baloch-Kaste. Ihre Videos in den sozialen Medien durften nicht toleriert werden. Also habe ich beschlossen, sie umzubringen.'" Wer im Internet ein bisschen nachliest, wird feststellen, dass Baloch eine Feministin war, die ihren Körper nicht als unrein akzeptieren wollte. Die deutschen Medien sahen das anders: "Pakistan: Facebook-Starlet Qandeel Baloch von Bruder ermordet", heißt es in der FAZ, "Nach Mord an Pakistans Popsternchen: Bruder von Qandeel Baloch festgenommen", titelt der Stern, "Pakistans It-Girl Qandeel Baloch von eigenem Bruder getötet?" ruft der Express. Das nennt man dann wohl wirklich einen Ehrenmord.
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