9punkt - Die Debattenrundschau

Eine seltsame Entwicklung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.09.2015. Im Tagesspiegel wendet sich Charlie-Hebdo-Chefredakteur Gérard Biard gegen die Vokabel "Respekt", die oft nur Furcht bedeute. In der Welt enttäuscht Salman Rushdie all jene, die behaupten, die Rushdie-Affäre sei etwas ganz anderes gewesen als der Streit um Karikaturen. The Verge erklärt, wer im Clinch der Internetgiganten Google, Apple und Facebook wirklich draufzugehen droht: die unabhängigen Medien.

Europa

Regina Mönch begibt sich für die FAZ ins Havelland, wo die größte Flüchtlingsunterkunft von Brandenburg entstehen soll. Es wird richtig idyllisch: "Der Bahnhof der Regionalbahn, die man in der Stille der Nacht rattern hört, wurde vor zwanzig Jahren geschlossen und später abgerissen. In der nächsten Siedlung, wo auch das kleine Rathaus der Großgemeinde steht, gibt es immerhin zwei Supermärkte, die einzigen für alle. Vom geplanten Containerdorf, dessen Insassen sich einst selbst versorgen sollen, sind sie ein paar Landstraßenkilometer entfernt."

In der SZ denkt Thomas Steinfeld über "Deutschlands Rolle als moralische Großmacht" nach und stellt fest: "Die Begriffe der wirtschaftlichen und der moralischen Großmacht sind nicht wirklich alternative Konzepte. Sie gehen mit Leichtigkeit ineinander über."
Archiv: Europa

Internet

"It is going to be a bloodbath of independent media", schreibt Nilay Patel bei The Verge und erklärt, wie Google, Apple und Facebook in einem Kampf der Giganten das Netz unter sich aufteilen, während unabhängige Medien im Netz kaum mehr überleben können. Grund dafür sind die Adblocker, die Apple etwa von vornherein in seine Mobil-Browser einbaut, um Google zu schaden (aber auch all jenen Medien, die ein bisschen was von der Google-Werbung abbekommen): "Was passiert einer kleinen Firma, wenn du ihr 75 bis 85 Prozent ihrer Einnahememöglichkeiten im Namen der Nutzererfahrung wegnimmst? Wer wird all jenen Inhalt machen, den wir so lieben?"
Archiv: Internet

Medien

Gérard Biard, Chefredakteur von Charlie Hebdo, war gestern in Berlin und hat Joachim Huber und Christiane Peitz vom Tagesspiegel ein Interview gegeben: "Unsere Karikaturen mokieren sich nicht über den Glauben, sondern über dessen Missbrauch zu politischen Zwecken. Salman Rushdie sagte einmal, was wir im Westen Respekt nennen, ist in Wahrheit oft Furcht. Wir haben Angst vor den Drohungen derjenigen, die ihre totalitären Ideologien mittels Religion installieren wollen, und verschließen die Augen vor der Gefährdung der Demokratie."

Viele wohlmeinende Menschen sagen ja, die Rushdie-Affäre sei etwas ganz anderes gewesen als der Streit um die Mohammed-Karikaturen oder um Charlie Hebdo. Rushdie selbst sieht das in der Welt anders: "Nach dem Erscheinen meines Romans "Die Satanischen Verse" und all dem, was daraufhin folgte, musste ich mir ähnliche Vorwürfe anhören, wie sie heute Charlie Hebdo gegenüber geäußert wurden. "Rushdie wusste doch genau, was er machte", hieß es da oft, "er hat vorsätzlich provoziert." Oder: "Er hat es nur gemacht, um berühmt und reich zu werden." Der Großteil dieser Vorwürfe kam damals von Leuten, die politisch rechts standen. Heute sind es die Linken, die den Satirikern von Charlie Hebdo fast die gleichen Vorwürfe machen. Ich finde, das ist eine seltsame Entwicklung."

Ausgerechnet die Hürriyet, "das unbestrittene Leitmedium der säkularen Hälfte der türkischen Gesellschaft", wird in der Türkei immer schärfer angegrifffen, berichtet Jürgen Gottschlich in der taz: " Für Hürriyet ist die Kampagne gegen sie ein Schock. In den 60 Jahren, in denen die Zeitung erscheint, hat sie sich immer als staatstragendes Medium begriffen, dem nichts ferner liegt, als radikale Oppositionelle oder gar "Terroristen" zu unterstützen."
Anzeige
Archiv: Medien

Gesellschaft

Guillaume Gendron und Fabien Benoit schreiben in Libération über libertäres Denken in den USA, das in seinem Freiheitsradikalismus für europäische Hirne exotisch wirkt und zitiert als Leitsatz des Libertarismus einen Ausspruch des kanadischen Politikers Tim Moen: "Ich möchte, dass schwule Ehepaare ihre Marijuana-Pflanzen mit ihrem Gewehr verteidigen dürfen."

Eins will Welt-Redakteur Jan Küveler in einem Brief an die Fachschaftsinitiative Gender Studies (FSI) der Humboldt-Uni über den Fall R. mal klarstellen: "Als weiße Trans*-Person verlangte R. von der WoC spezifische Auskünfte über die Race- und Gender-Positionierungen innerhalb der Interventionsgruppe. Denn schließlich sei der weiße Raum, in dem interveniert wurde, ein Schutzraum für Trans*-Personen. Somit müsse, als Legitimation, ein_e Trans*Inter*GnC (Gender non Conforming) PoC oder Schwarze_r in die Intervention involviert sein."
Archiv: Gesellschaft